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Full text of "Gesammelte Werke"

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SCHNITZLER. 



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GESAMMELTE 
WER.KE 

THEATER. - STÜCKE 



BAND 



5. Fl 5 CHER^VEf^LAa Si 

B E R. L I N \\ 

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N/5 . 

ßol.3. 



GESAMMELTE WERKE 
VON ARTHUR SCHNITZLER 

UV 

in zwei Abteilungen 



Erste Abteilung: 
Die erzählenden Schriften in drei Bänden 

Zweite Abteilung: 
Die Theaterstücke in vier Bänden 



19 15 
S. FISCHER VERLAG • BERLI 



DIE THEATERSTÜCKE 
VON ARTHUR SCHNITZLER 

Dritter Band 




S. FISCHER 



19 15 
VERLAG 



BERLIN 



Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen und Vereinen gegen- 
über Manuskript. Das Recht der Aufführung ist nur von 
S. Fischer, Verlag, Berlin fF, Bülowstr. go zu erwerben. 
Copyright S. Fischer, Verlag, Berlin. 



INHALT 

Der einsame Weg (igo^) .... 9 

Zwischenspiel (igo4) 105 

Marionetten: 

1. Der Puppenspieler figo2) . . . igo 

2. Der tapfere Cassian (igojj . . 2II 

3. Zum großen Wurstel (igo4) . . 231 
Der Ruf (Us Lebens (igo^j .... 26g 



DER EINSAME WEG 

Schauspiel in fiinf Akten 



PERSONEN 

PROFESSOR WEG RAT, Direktor der Akademie der bilden- 
den Künste 
GABRIELE, seine Frau 

FELIX \ 

JOHANNA 1 '^'"'" ^""^'' 

JULIAN FICHTNER 

STEPHAN VON SALA 

IRENE HERMS 

DOKTOR FRANZ REUMANN, Arzt 

DIENER bei Ficbtner 
DIENER bei Sala 
STUBENMÄDCHEN bei H'egrat 

Wien — Gegenwart 



ERSTER AKT 



Das kleinr Gärtchen am Hause des Professor Wegrat. Es ist beinahe 
gänzlich von Häusern umschlossen^ so daß jeder freie Ausblick fehlt. 
Rechts im Garten das kleine einstöckige Haus mit gedeckter Holz- 
veranda, von der drei Holzstufen herabführen. Auftritt sowohl von 
der Veranda aus als auch rechts und links vom Hause. Ungefähr 
in der Mitte der Bühne ein grüner Gartentiscb mit passenden Sesseln, 
ein bequemerer Fauteuil^ links an einem Baum eine kleine Eisenbank. 



Erste Szene 

JOHANNA spaziert im Garten atif und ab. FELIX tritt auf in 
Ulanenuniform, 

JOHANN J sich umwendend. Felix! 

FELIX. Ja, ich bin's. 

JOHANNA. Grüß' dich Gott. — Wie ist denn das 
möglich, daß du schon wieder Urlaub bekommen hast ? 

FELIX. Es ist nicht auf lang, — Nun wie geht's 
der Mama ? 

JOHANNA. In den letzten Tagen ganz leidlich. 

FELIX. Meinst du, sie würde erschrecken, wenn 
ich so unerwartet vor sie hinträte ? 

JOHANNA. Nein. Aber warte doch lieber ein biß- 
chen, letzt schlummert sie. Ich komme eben aus 
ihrem Zimmer. — Wie lang bleibst du denn bei uns, 
Felix ? 

FELIX. Morgen Abend geht's wieder fort. 

JOHANNA mU dem Blick ins Weite. Fort . . . 

FELIX. Es klingt nur so großartig. Gar so weit ist 
man ja doch nicht, in keiner Beziehung. 

JOHANNA. Du hast es ja so sehr gewünscht . . . 
Auf seine Uniform deutend: Nun hast du's erreicht. Bist 
du nicht zufrieden ? 

FELIX. Jedenfalls ist es das Vernünftigste von allem, 
was ich bisher angefangen habe. Denn nun spüre ich 
wenigstens, daß ich unter gewissen Umständen etwas 
leisten könnte. 



II 



JOHANNA. Ich glaube, du würdest es in jedem 
Beruf zu etwas bringen. 

FELIX. Ich zweifle doch, daß ich als Advokat oder 
als Techniker meinen Weg gemacht hätte. Und im 
Ganzen fühle ich mich jetzt bedeutend wohler als je- 
mals zuvor. Es scheint mir nur manchmal, als wenn 
ich nicht zur rechten Zeit geboren wäre. Vielleicht 
hätt' ich auf die Welt kommen sollen, als es noch nicht 
so viel Ordnung gab, als man allerlei wagen konnte, was 
man heute nicht mehr wagen darf. 

JOHANNA. Ach, du bist doch frei, kannst dich 
rühren. 

FELIX. Doch nur innerhalb gewisser Grenzen. 

JOHANNA. Weiter wie diese werden sie jedenfalls 
sein. 

FELIX um sieb bhckrrJ, lächelnd. Es ist doch kein 
Gefängnis . . . Der Garten ist wirklich hübsch gewor- 
den. Wie armselig sah's da aus, als wir Kinder waren. 
— Was ist denn das? Ein Pfirsichspalier! Das macht 
sich sehr gut. 

JOHANNA. Eine Idee von Doktor Reumann. 

FELIX. Das hätt' ich mir denken können. 

JOHANNA. Wieso? 

FELIX. Solche Nützhchkeitseinfälle trau' ich in un- 
serer Familie niemandem so recht zu. Wie steht's denn 
übrigens mit seinen Aussichten? . . . für die Professur 
in Graz mein' ich natürlich. 

JOHANNA. Darüber ist mir nichts Näheres be- 
kannt. Sich abwendend. 

FELIX. Die Mutter hält sich wohl in diesen schönen 
Tagen viel im Freien auf ? 

JOHANNA. Ja. 

FELIX. Liest du ihr noch manchmal vor ? Ver- 
suchst du, sie ein wenig zu zerstreuen ? aufzuheitern ? 

JOHANNA. Als wenn das so leicht wäre. 

FELIX. Man muß sich eben zusammennehmen, 
Johanna. 

JOHANNA. Du hast gut reden, Felix. 



12 



FELIX. Wie meinst du das ? 

JOHANNA vor sieb bin. Ich weiß niclit, ob du mich 
verstehen wirst. 

FELIX lächelnd. Warum sollt' ich dich mit einem 
Male nicht verstehen können ? 

JOHANNA ihn ruhig ansehend. Ich habe sie nicht 
mehr so lieb, seit sie krank ist. 

FELIX befremdet. Wie ? 

JOHANNA. Nein, es ist unmöglich, daß du es ganz 
verstehen kannst. Immer weiter rückt sie von uns ab . . . 
Es ist, wie wenn jeden Tag neue Schleier über sie herab- 
sänken. 

FELIX. Und was sollte das zu bedeuten haben ? 

JOHANNA sieht ihn ruhig an. 

FELIX. Du glaubst . . . ? 

JOHANNA. Ich täusche mich nicht in diesen 
Dingen, das weißt du, Felix. 

FELIX. Ich weiß es ? . . . 

JOHANNA. Als die kleine Lilli von Sala sterben 
mußte, hab' ich es gewußt, — bevor die andern ahnten, 
daß sie krank würde. 

FELIX. Du hattest es geträumt — und warst ein 
Kind. 

JOHANNA. Ich hatte es nicht geträumt. Ich hab' 
es gewußt. Herb. Ich kann das nicht erklären. 

FELIX tu:ch einer Pause. Und der Vater — ist er 
gefaßt ? 

JOHANNA. Gefaßt ? . . . Denkst du denn, er sieht 
auch die Schleier sinken ? 

FELIX nach einem leichten Kopj schütteln. Es sind Ein- 
bildungen, Johanna, — gewiß. — Aber nun will ich 
doch . . . Wendet sich dem Hause zu. Der Vater ist nOch 
nicht zu Hause ? 

JOHANNA. Nein. Er kommt jetzt gewöhnhch 
recht spät. Er hat sehr viel in der Akademie zu 
tun. 

FELIX. Ich werde sie womöglich nicht aufwecken; 
ich ":eb' schon acht. Über die Veranda hinab. 



13 



Zweite Szene 

JOHANNA eine JVcile allein, hat sieb auf einen Gartensessel ge- 
setzt^ die Hände itber den Knien ineinander verschlungen. SALA 
tritt ein. Er ist 45 Jahre alt, sieht aber etwas jünoer aus. Schlank, 
beinahe mager, glatt rasiert. Dunkelblondes, rechts gescheiteltes, 
nicht zu kurzes Haar, das an den Schläfen zu ergrauen beginnt. 
Seine Züge sind scharf und energisch, die Augen grau und klar. 

SALA. Guten Abend, Fräulein Johanna. 

JOHANNA. Guten Abend, Herr von Sala. 

SALA. Man sagt mir, Ihre Frau Mama schlummere 
ein wenig; so habe ich mir erlaubt, indessen in den 
Garten zu treten. 

JOHANNA. Felii ist eben angekommen. 

SALA. So ? Haben sie ihm schon wieder einen 
Urlaub gegeben ? Zu meiner Zeit waren sie bei dem 
Regiment viel strenger. Allerdings lagen wir damals 
an der Grenze, in Galizien irgendwo. 

JOHANNA. Das vergess' ich immer, daß Sie das 
auch mitgemacht haben. 

SALA. Ja, €3 ist schon lange her. Hat auch nur ein 
paar Jahre gewährt. Aber es war recht schön, wenn 
ich so zurückdenke. 

JOHANNA. Wie das meiste, was Sie erlebt haben. 

SALA. Wie so manches. 

JOHANNA. Wollen Sie sich nicht setzen ? 

SALA. Danke. Setzt sich auf die Lehne eines Garten- 
fauleuils. Darf ich ? Kr nimmt eine Zigarette aus seiner Dose 
und zündet sie nach einem zustimmenden Nicken Johannas an. 

JOHANNA. Wohnen Sie schon in Ihrer Villa, 
Herr von Sala ? 

SALA. Morgen zieh' ich ein. 

JOHANNA. Sie freuen sich wohl sehr darauf? 

SALA. Dazu war' es zu früh. 

JOHANNA. Sind Sie so abergläubisch? 

SALA. Wenn's darauf ankommt — o ja. — Aber es 
ist nicht deshalb. Ich beziehe sie nur vorläufig, nicht 
definitiv. 

JOHANNA. Warum denn? 



H 



SALA. Ich werde auf Reisen gehen — für längere 
Zeit. 

JOHANNA. So ? Sie sind sehr zu beneiden. Das 
möcht' ich auch können, in der Welt herumfahren, 
mich um keinen Menschen kümmern müssen. 

SALA. Noch immer ? 

JOHANNA. Noch immer . . . Wie meinen Sie das ? 

SALA. Nun, ich erinnere mich, daß Ihnen schon als 
ganz kleinem Mädchen diese Wanderpläne durch den 
Sinn gingen. Was wollten Sie nur werden ? . . . Tän- 
zerin, glaub' ich. Nicht wahr ? Eine sehr berühmte 
natürlich. 

JOHANNA. Warum sagen Sie das, als ob es so 
etwas Nichtiges wäre, eine Tänzerin zu sein ? Ohne 
ihn anzusehen. Gerade Sie sollten das nicht, Herr von 
Sala. 

SALA. Warum denn gerade ich nicht ? 

JOHANNA blickt Tukig zu ihm auf. 

SALA. Ich weiß nicht recht, wie Sie das meinen, 
Fräulein Johanna . . . oder sollt' ich doch , . . Einfach. 
Johanna, haben Sie gewußt, daß ich Sie damals sah ? 

JOHANNA. Wann? 

SALA. Im vorigen Jahre, als Sie auf dem Lande 
wohnten, und ich einmal in der Mansarde übernachtete. 
Es war heller Mondschein, und eine Elfe, glaub' ich, 
schwebte auf der Wiese umher. 

JOHANNA nickt lächelnd. 

SALA. Schwebte sie für mich ? 

JOHANNA. Ich hab' Sie wohl gesehen, wie Sie 
hinter dem Vorhang standen. 

SALA nach einer kleinen Pause. So werden Sie VOr 
andern Menschen wahrscheinlich doch nie tanzen. 

JOHANNA. Warum ? . . . Ich hab' wohl schon. 
Und Sie haben mir auch damals zugesehen. Es ist 
freihch lange her. — Es war auf einer griechischen Insel. 
Viele Männer standen im Kreise um mich her — Sie 
waren unter ihnen — und ich war eine Sklavin aus 
Lydien. 



15 



SALA. Eine gefangene Prinzessin. 

JOHANNA ernst. Glauben Sie nicht an solche 
Dinge ? 

SALA. Wenn Sie es wünschen — gewiß. 

JOHANNA ernst bleibend. Sie sollten alles glauben, 
woran die andern nicht glauben können. 

SALA. Wenn die Stunde dazu kommt, tu ich's wohl. 

JOHANNA. Sehen Sie, — ich für meinen Teil kann 
mir alles andere eher vorstellen als dies, daß ich nun 
zum ersten Male auf der Welt sein sollte. Und es gibt 
Augenblicke, in denen ich mich ganz deutlich an allerlei 
erinnere. 

SALA. Und solch ein Augenblick war damals ? 

JOHANNA. Ja, vor einem Jahre, als ich in einer 
mondhellen Sommernacht über eine Wiese tanzte. Es 
war gewiß nicht das erstemal, Herr von Sala. Nach 
einer kleinen Pause, plötzlich in anderm Tone. Wohin reisen 
Sie eigentlich ? 

SALA den Ton aufnehmend. Nach Baktrien, Fräulein 
Johanna. 

JOHANNA. Wohin? 

SALA. Nach Baktrien. Das ist ein sehr merkwür- 
diges Land, und das Merkwürdigste ist, daß es gar 
nicht mehr existiert. Ich schließe mich nämlich einer 
Gesellschaft an, die im November dahin abgeht. Sie 
haben vielleicht in der Zeitung davon gelesen. 

JOHANNA. Nein. 

SALA. Es handelt sich um Ausgrabungen an der 
Stätte, wo vermutlich das alte Ekbatana stand — vor 
etwa sechstausend Jaliren. Das liegt noch vor Ihrer 
lydischen Zeit, wie Sie sehen. 

JOHANNA. Wann sind Sie denn auf diese Idee 
gekommen ? 

SALA. Erst vor wenigen Tagen. Gesprächsweise 
sozusagen. Graf Ronsky, der Leiter der Sache, hat mir 
so große Lust dazu gemacht. Es gehörte nicht viel 
dazu; er kam einer alten Sehnsucht von mir entgegen. 
Lebhafter. Denken Sie nur, Fräulein Johanna: Mit 

i6 



eigenen Augen sehen, wie solch eine begrabene Stadt 
allnGählich aus der Erde hervortaucht, Haus um Haus, 
Stein um Stein, Jahrhundert um Jahrhundert. Nein, 
es war mir nicht bestimmt, dahinzugehen, eh' mir 
dieser Wunsch erfüllt wird. 

JOHANNA. Warum reden Sie denn vom Sterben ? 

SALA. Gibt es einen anständigen Menschen, der 
in irgend einer guten Stunde in tiefster Seele an etwas 
anderes denkt ? 

JOHANNA. Ihnen ist wohl nie ein Wunsch un- 
erfüllt geblieben. 

SALA. Keiner . . . ? 

JOHANNA. Ich weiß, daß Sie auch viel Trauriges 
erlebt haben. Aber manchmal glaub' ich, Sie haben 
auch das ersehnt. 

SALA. Ersehnt . . . ? Genossen, wenn es kam, da 
mögen Sie wohl recht haben. 

JOHANNA. Wie gut versteh' ich das! Ein Dasein 
ohne Schmerzen wäre wohl so armselig wie ein Dasein 
ohne Glück. Pause. Wie lang ist's her ? 

SALA. Was meinen Sie ? 

JOHANNA leise. Daß Frau von Sala gestorben ist. 

SALA. Das ist sieben Jahre her, beinahe auf den 
Tag. 

JOHANNA. Und Lilli ... im selben Jahre ? 

SALA. Ja, LilH starb im Monat drauf. Denken 
Sie noch manchmal an Lilli, Fräulein Johanna ? 

JOHANNA. Recht oft, Herr von Sala. Ich habe 
seither keine Freundin gehabt. Vor sich hin. Zu ihr 
müßte man jetzt auch ,, Fräulein" sagen. Sie war sehr 
schön. Sie hatte so dunkles blauschillerndes Haar wie 
Ihre Frau und so klare Augen wie Sie, Herr von Sala. 
Vor sich bin. „Nun gingt ihr beide, gingt ihr Hand in 
Hand, die dunkle Straße in ein lichtes Land . . ." 

SALA. Was Sie für ein Gedächtnis haben, Johanna. 

JOHANNA. Sieben Jahre ist das vorbei . . . wie 
sonderbar. 

SALA. Warum sonderbar "r 

Theaterstücke. III, 2. 17 



JOHANNA. Sie bauen sich ein Haus und graben 
versunkene Städte aus und schreiben seltsame Verse, 

— und Menschen, die Ihnen so viel gewesen sind, liegen 
schon seit sieben Jahren unter der Erde und verwesen, 

— und Sie sind beinahe noch jung. Wie unbegreiflich 
ist das alles! 

SALA. Du, der da weiterlebt, laß ab zu weinen, 
sagt Omar Nameh, geboren zu Bagdad im Jahre 412 
der mohammedanischen Zeitrechnung als Sohn eines 
Kesselflickers. Übrigens kenn' ich einen, der dreiund- 
achtzig Jahre alt ist; er hat zwei Frauen begraben, 
sieben Kinder, von den Enkeln ganz zu geschweigen, 
und spielt Klavier in einem schäbigen Praterwirtshaus, 
während sich auf der Bühne Künstler und Künstlerin- 
nen produzieren in Trikots und fliegenden Röckchen. 
Und neulich, als die armselige Produktion zu Ende war 
und man die Laternen auslöschte, spielte er rätsel- 
hafterweise auf dem gräulichen Klimperkasten unbe- 
irrt weiter. Und da haben wir ihn eingeladen, Ronsky 
und ich, sich zu uns zu setzen, und haben mit ihm zu 
plaudern angefangen. Und nun erzählte er uns, daß 
das letzte Stück, das er da oben gespielt hatte, seine 
eigene Komposition war. Wir machten ihm natürlich 
unsere Komplimente. Und da leuchteten seine Augen, 
und mit seiner zittrigen Stimme fragte er uns: „Glau- 
ben Sie, meine Herren, wird mein Werk Erfolg haben ?" 
Dreiundachtzig Jahre ist er alt und seine Karriere endet 
in einem kleinen Praterwirtshaus und sein Publikum 
sind Kindermädchen und Feldwebel, und seine Sehn- 
sucht ist, — daß die ihm Beifall klatschen! 



Dritte Szene 

JOHANNA, SALA, DOKTOR REUMANN. 

DOKTOR REUMANN. Guten Abend, Fräulein 
Johanna. Guten Abend, Herr von Sala. Reicht beiden 
die Hände. Wie befinden Sie sich ? 



18 



SALA. Vorzüglich. Man ist Ihnen doch nicht ver- 
fallen, wenn man einmal die Ehre gehabt hat, Sie 
um Rat zu fragen! 

DOKTOR REUMANN. Daran hatt' ich selbst 
schon vergessen. Aber es gibt Leute, die sich derglei- 
chen einbilden. — Mama ruht wohl ein wenig, Fräu- 
lein Johanna ? 

yOHANNA mar durch das kurze Gespräch zwischen dem Arzt 
und Sala betroffen und betrachtete Sala aufmerksam. Sie wird 
wohl schon wach sein. Felix ist bei ihr. 

DOKTOR REUMANN. Fehx . . . ? Man hat doch 
nicht etwa um ihn telegraphiert ? 

JOHANNA. Nein, soviel ich weiß. Wer hätte 
denn . . . ? 

DOKTOR REUMANN. Ich dachte nur Ihr Papa 
ist manchmal so ängsthch. 

JOHANNA. Da kommen sie. 

Vierte Szene 

JOHANNA, SALA, DOKTOR REUMANN, FRAU WEGRAT 
und FELIX von der Veranda her. 

FRAU WEGRAT. Grüß' Sie Gott, lieber Herr Dok- 
tor. Was sagen Sie zu der Überraschung? 

Freundliches Iländedriicken zwischen den Herren. 

FRAU WEGRAT. Guten Abend, Herr von Sala. 

SALA. Ich freue mich, gnädige Frau, Sie so wohl 
zu sehen. 

FRAU WEGRAT. Ja, es geht mir ein wenig 
besser. Wenn nur die traurige Jahreszeit nicht so 
nahe wäre. 

SALA. Aber gnädige Frau, jetzt kommen ja erst 
die allerschönsten Tage. Wenn die Wälder rot und 
gelb schimmern, der goldene Dunst über den Hügeln 
liegt und der Himmel so fern und blaß ist, als schauerte 
ihn vor seiner eigenen Unendlichkeit — ! 

FRAU WEGRAT. Das möchte man wohl noch 
einmal sehen. 



19 



DOKTOR REU MANN vorwurfsvoll Gnädige Frau — 

FRAU WEGRAT. Verzeihen Sie, es kommen 
einem manchmal solche Gedanken. Heiterer. Wenn ich 
nur wenigstens wüßte, wie lange mir mein guter 
Doktor noch erhalten bleibt. 

DOKTOR REUMANN. In dieser Hinsicht kann 
ich Sie beruhigen, gnädige Frau: Ich bleibe in Wien. 

FRAU WEGRAT. Wie? Ist die Sache schon ent- 
schieden ? 

DOKTOR REUMANN. Ja. 

FELIX. Ist also richtig ein anderer nach Graz be- 
rufen worden ? 

DOKTOR REUMANN. Das nicht. Aber der an- 
dere, dem die Stelle so gut wie sicher war, hat sich auf 
einer Bergtour den Hals gebrochen. 

FELIX. Da wären doch jetzt Ihre Chancen die 
allerbesten ? Wer außer Ihnen käme denn noch in 
Betracht ? 

DOKTOR REUMANN. Meine Chancen wären 
jetzt gewiß nicht übel. Aber ich habe es vorgezogen, 
zu verzichten. 

FRAU WEGRAT. Wie? 

DOKTOR REUMANN. Ich nehme eine Berufung 
nicht an. 

FRAU WEGRAT. Sind Sie so abergläubisch? 

FELIX. Sind Sie so stolz? 

DOKTOR REUMANN. Keines von beiden. Aber 
der Gedanke, irgend einen Vorteil dem Malheur eines 
andern zu verdanken, wäre mir außerordentlich pein- 
lich. Meine halbe Existenz wäre mir vergällt. Siesehen, 
das ist weder Aberglaube noch Stolz, es ist ganz ge- 
meine, kleinliche Eitelkeit. 

SALA. Das ist raffiniert, Herr Doktor. 

FRAU WEGRAT. Ich höre aus alldem nur, daß 
Sie bleiben. Ja, so niedrig beginnt man zu denken, 
wenn man krank ist. 

DOKTOR REUMANN absichtlich abschweifend. Nun, 
Felix, wie behagt's Ihnen denn in Ihrer Garnison? 



20 



FELIX. Sehr gut. 

FRAU WEGRAT. Bist du also ganz zufrieden, 
mein Kind ? 

FELIX. Ich bin euch sehr dankbar. Dir besonders, 
Mama. 

FRAU WEGRAT. Warum mir besonders? Die 
letzte Entscheidung stand ja doch beim Vater. 

DOKTOR REUMANN. Ihm wäre es natürlich 
lieber gewesen, wenn Sie einen friedlicheren Beruf er- 
wählt hätten. 

SALA. Es gibt ja heutzutage gar keinen, der fried- 
licher wäre. 

FELIX. Da haben Sie recht, Herr von Sala. — 
Übrigens hab' ich Ihnen Grüße vom Oberstleutnant 
Schrotting zu überbringen. 

SALA. Danke sehr. Denkt denn der noch an mich i 

FELIX. Nicht er allein. Wir werden ja häufig an 
Sie erinnert; — bei jeder Mahlzeit. Ihr Porträt hängt 
ja unter manchen andern von gewesenen Offizieren 
unseres Regiments im Kasino. 



Fünfte Szene 

JOHANNA, SALA, DOKTOR REUMANN, FELIX, FRAU 
WEGRAT. — PROFESSOR f FEGRAT tntt auf. 

WEGRAT. Guten Abend. — Wie, Fehx, du bist 
wieder da? Das ist aber eine Überraschung! 

FELIX. Guten Abend, Papa. Ich habe mir auf zwei 
Tage Urlaub genommen. 

WEGRAT. Urlaub... Urlaub? Ist's wirklich 
einer? Oder ist's nicht etwa wieder so ein kleiner 
Geniestreich? 

FELIX leicht^ nicht verletzt. Ich pflege doch nicht die 
Unwahrheit zu reden, Vater. 

WEGRAT auch scherzend. Ich wollte dich nicht be- 
leidigen, Felix. Auch wenn du fahnenflüchtig geworden 
wärst, die Sehnsucht nach der Mutter dürfte als ge- 
nügende Entschuldigung gelten. 



21 



FRAU WEGRA7. Die Sehnsucht nach den Eltern ! 

WEGRA1. Natürlich — nach uns allen. Aber da 
du jetzt etwas leidend bist, bist du die Hauptperson. 
— Nun, wie geht's, Gabriele ? Besser, nicht wahr ? 
Leise, beinahe schüchtern. Meine Liebe . . . Streichelt ihr Stirn 
und Haare. Liebe . . . Die Luft ist so lind. 

SALA. Es ist ein wundervoller Herbst. 

DOKTOR REUMANN. Sie kommen jetzt erst aus 
der Akademie, Herr Professor? 

WEGRAT. Ja. Ich bin ja jetzt auch Direktor, 
da gibt's eine ganze Menge zu tun — und nicht immer 
Amüsantes und Dankbares. Aber wie man behauptet, 
bin ich dazu geschaffen. Es wird wohl so sein. Lächelnd. 
Wie irgendwer einmal über mich sagte: Kunstbe- 
amter. 

SALA. Seien Sie nur nicht ungerecht gegen sich, 
Herr Professor. 

FRAU WEGRAT. WahrscheinHch bist du auch 
wieder den ganzen langen Weg zu Fuß gegangen ? 

WEGRAT. Ich habe sogar einen kleinen Umweg 
gemacht — über die Türkenschanze. Ich liebe diesen 
Weg so sehr. An Abenden wie heute liegt die ganze 
Stadt unten wie in silbernen Hauch gebadet. — Übri- 
gens hab' ich dir Grüße zu bringen, Gabriele. Ich bin 
Irene Herms begegnet. 

FRAU WEGRAT. Sie ist in Wien ? 

WEGRAT. Vorübergehend. Sie will dich dieser 
Tage besuchen. 

SALA. Ist sie noch in Hamburg engagiert ? 

WEGRAT. Nein. Sie hat die Bühne verlassen, 
wie sie mir erzählt, und lobt bei ihrer verheirateten 
Schwester auf dem Land. 

JOHANNA. Ich habe sie einmal in einem Stück 
von Ihnen spielen sehen, Herr von Sala. 

SALA. Da müssen Sie aber noch ein ganz kleines 
Mädchen gewesen sein. 

JOHANNA. Sie gab eine spanische Prinzessin. 

SALA. Leider. Prinzessinnen waren ihre Sache 



22 



wahrhaftig nicht. Sie hat ihr Lebtag keine Verse 
sprechen können. 

DOKTOR REU MANN. Und daran denken Sie 
heute noch, Herr von Sala, daß irgend eine Dame 
irgend einmal Ihre Verse schlecht gesprochen hat ? 

SALA. Warum soUt' ich nicht, Ueber Doktor ? Wenn 
Sie im Mittelpunkt der Erde wohnten, wüßten Sie, 
daß alle Dinge gleich schwer sind. Und schwebten Sie 
im Mittelpunkt der Welt, dann ahnten Sie, daß alle 
Dinge gleich wichtig sind. 

FRAU WEGRAT. Wie sieht sie denn aus? 

WEGRAT. Sie ist noch immer recht hübsch. 

SALA. Ob sie noch Ähnlichkeit mit ihrem Bild be- 
wahrt hat, das im Museum hängt ? 

FELIX. Was ist das für ein Bild ? 

JOHANNA. Es hängt ein Bild von ihr im Museum ? 

SALA. Sie kennen es gewiß. „Schauspielerin" ist 
es im Katalog benannt, schlechtweg ,, Schauspielerin". 
Ein junges Weib in einem Harlekinskostüm, darüber 
eine griechische Toga geworfen, ihr zu Füßen ein Ge- 
wirr von Masken. Ganz allein, den starren Blick auf 
den Zuschauerraum gerichtet, steht sie auf einer leeren, 
halb dunkeln Bühne, zwischen Kulissen, die nicht zu- 
einander passen. Ein Stück Zimmerwand, ein Stück 
Wald, ein Stück Burgverließ . . . 

FELIX. Und der Hintergrund stellt eine Landschaft 
im Süden vor, mit Palmen und Platanen . . . ? 

SALA. Ja. Die halb aufgerollt ist, so daß man weiter 
rückwärts einen Haufen von Möbeln, Stufen, Bechern, 
Kronen im hellen Tageslicht schimmern sieht. 

FELIX. Das ist ja das Bild von Julian Fichtner? 

SALA. Freihch. 

FELIX. Ich wußte gar nicht, daß die Frauengestalt 
Irene Herms darstellen sollte. 

WEGRAT. Das sind nun mehr als fünfundzwanzig 
Jahre, daß er das Bild gemalt hat. Es machte gewal- 
tiges Aufsehen damals. Es war sein erster großer Er- 
folg. Und heute gibt es vielleicht eine ganze Mengt' 



23 



von Leuten, die seinen Namen nicht mehr kennen. — 
Übrigens hab' ich Irene Herms nach ihm gefragt. Aber 
seltsam, auch die „ewige Freundin" weiß nicht, wo 
in der Welt er sich herumtreibt. 

FELIX. Ich hab' ihn erst vor wenigen Tagen ge- 
sprochen. 

WEGRAT. Wie?! Du hast Julian Fichtner ge- 
sehen? Er war' in Salzburg?... Wann denn? 

FELIX. Es sind erst drei oder vier Tage her. Er 
hat mich aufgesucht, und wir haben einen Abend mit- 
einander verbracht. 

FRAU JVEGRA7 wirft einen Blick auf Doktor Reumann. 

WEGRAT. Wie geht's ihm denn ? Was hat er 
dir denn erzählt ? 

FELIX. Ein wenig grau ist er geworden, aber sonst 
schien er mir kaum verändert. 

WEGRAT. Wie lang mag er jetzt von Wien fort 
sem ? Zwei Jahre, nicht wahr ? 

FRAU WEGRAT. Etwas drüber. 

FELIX. Er hat große Reisen gemacht. 

SALA. Ja, gelegentlich erhielt ich eine Karte von 
ihm. 

WEGRAT. Wir auch. Aber ich dachte, daß Sie 
mit ihm in regelmäßiger Korrespondenz stünden. 

SALA. Regelmäßig? Nein. 

JOHANNA. Ist er nicht Ihr Freund? 

SALA. Freunde hab' ich im allgemeinen nicht. Und 
wenn ich sie habe, verleugne ich sie. 

JOHANNA. Aber früher sind Sie doch so intim mit 
ihm gewesen. 

SALA. Er doch eigentlich mehr mit mir als ich mit 
ihm. 

FELIX. Wie meinen Sie das, Herr von Sala ? 

JOHANNA. Ich versteh' das sehr gut. Es geht 
Ihnen wohl mit den meisten Menschen so. 

SALA. Ähnlich zum mindesten. 

JOHANNA. Man merkt das auch an den Sachen« 
die Sie schreiben. 



H 



SALA. Hoff ich. Sonst könnte sie auch wer an- 
derer schreiben. 

WEGRAT. Sagte er denn nicht, wann er wieder 
nach Wien kommt ? 

FELIX. Ich glaube bald. Aber sehr bestimmt hat 
er sich nicht ausgedrückt. 

JOHANNA. Ich möchte Herrn Fichtner gern wie- 
dersehen. Ich habe solche Menschen gern. 

WEGRAT. Was nennst du „solche Menschen"? 

JOHANNA. Die immer von weit herkommen. 

WEGRAT. Aber als du ihn kanntest, Johanna, 
kam er doch meistens ganz aus der Nähe ... er lebte 
ja hier. 

JOHANNA. Das ist ja ganz gleichgültig, ob er hier 
lebte oder anderswo. — Auch wenn er täglich kam, 
mir war immer, als kam' er von sehr weit. 

WEG RAT. Nun ja . . . 

FELIX. Das hab' ich auch manchmal empfunden. 

JVEGRAT. Ist es nicht seltsam, wie er durch die 
Welt jagt, in den letzten Jahren wenigstens ? 

SALA. Steckt diese Unruhe nicht seit jeher in ihm ? 
Sie waren ja schon auf der Akademie mit ihm zusammen. 

WEGRAT. Ja. Und damals mußte man ihn ge- 
kannt haben, um ihn wirkhch zu kennen. Als junger 
Mensch hatte er etwas Faszinierendes, Blendendes. Nie 
hab' ich jemanden gekannt, auf den das Wort „viel- 
versprechend" so zutraf wie auf ihn. 

SALA. Nun, er hat doch mancherlei gehalten. 

WEGRAT. Aber was hätte er alles erreichen kön- 
nen! . . . 

DOKTOR REUMANN. Ich glaube, was man hätte 
erreichen können, das erreicht man auch. 

WEGRAT. Nicht immer. Julian war gewiß zu 
Höherem bestimmt. Was ihm gefehlt hat, war die 
Fähigkeit, sich zu sammeln, der innere Friede. Er 
konnte sich nirgends dauernd heimisch fühlen; und 
das Unglück war, daß er sich auch in seinen Arbeiten 
sozusagen nur vorübergehend aufhielt. 



25 



FELIX. Er hat mir ein paar Skizzen gezeigt, die 
er in der letzten Zeit gemacht hat. 

WEGRAT. Schön? 

FELIX. Für mich lag etwas Ergreifendes in ihnen. 

FRAUJVEGRAT. Warum ergreifend ? Was sind's 
denn für Bilder? 

FELIX. Landschaften. Sogar meistens ganz heitere 
Gegenden. 

JOHANNA. Ich habe einmal im Traum eine Früh- 
lingslandschaft gesehen, ganz sonnig und mild, und doch 
hab' ich über sie weinen müssen. 

SALA. Ja, die Traurigkeit steckt in den Dingen oft 
viel tiefer verborgen, als man ahnt. 

WEGRAT. Also er arbeitet wieder ? Da kann man 
sich ja vielleicht was besonderes erwarten. 

SALA. Bei jemandem, der einmal ein Künstler war, 
ist man nie vor Überraschungen sicher. 

WEGRAT. Ja, so ist es, Herr von Sala. Das ist 
eben der große Unterschied. Bei einem Beamten kann 
man in dieser Hinsicht ganz ruhig sein. Mit heiterer 
Selbstironie. Der malt jedes Jahr sein braves Bild für die 
Ausstellung und kann beim besten Willen nicht anders. 

DOKTOR REUMANN. Es ist noch sehr die Frage, 
wer die Welt und die Kunst weiter bringt: Beamte 
wie Sie, Herr Professor, oder , . . die sogenannten Genies. 

WEGRAT. O, es fällt mir gar nicht ein, den Be- 
scheidenen zu spielen. Aber was die Genies anbelangt, 
von denen wollen wir lieber nicht reden. Das ist eine 
Welt für sich und außerhalb der Diskussion — wie die 
Elemente. 

DOKTOR REUMANN. Da bin ich allerdings 
durchaus anderer Ansicht. 

WEGRAT. Man kann doch nur von den Leuten 
sprechen, für die es überhaupt Grenzen gibt. Und da 
find' ich nun freilich: Wer seine Grenzen besser kennt, 
das ist der bessere Mann. Und in dieser Hinsicht hab' 
ich gewiß allen Grund, mich hochzuschätzen. — Ist 
dir denn nicht kühl, Gabriele f 



26 



FRAU WEGRJT. Nein. 

WEGRA7. Nimm doch das Tuch fester um und 
laß uns ein wenig Bewegung machen, so weit das hier 
möghch ist. 

FRAU WEGRAT. O ja, gern. — Bitte, kommen 
Sie, Doktor, nehmen Sie meinen Arm. Sie haben sich 
um Ihre Patientin noch gar nicht gekümmert. 

DOKTOR REUMANN. Ich stehe zur Verfügung. 

Die andern geben voraus^ fobanna mit ihrem Bruder, der Professor 
mit Sala; Doktor Reumann und Frau Wegtrat scheinen sieb anzu- 
schließen, bis Frau Wegrat plötzlich stehen bleibt. 



Sechste Szene 

FRAU WEGRAT, DOKTOR REUMANN. 

FRAU WEGRAT. Haben Sie bemerkt, wie seine 
Augen leuchteten, — Felix' Augen, als man von ihm 
sprach ? Es war eigentümlich. 

DOKTOR REUMANN. Menschen von der Art 
dieses Herrn Fichtner haben gewiß für jüngere Leute 
etwas Interessantes. Es webt wie ein Duft von Aben- 
teuern um sie. 

FRAU WEG RAT den Kopf schüttelnd. Und er hat 
ihn besucht ... Er ist offenbar nach Salzburg nur ge- 
fahren, um ihn wiederzusehen. Er fängt wohl an, sich 
ziemlich verlassen zu fühlen. 

DOKTOR REUMANN. Warum sollte man einen 
jungen Freund nicht besuchen, wenn man zufällig 
seinen Aufenthaltsort berührt ? Daran find' ich nichts 
Merkwürdiges. 

FRAU WEGRAT. Vielleicht haben Sie recht. 
Vielleicht hätt' ich die Sache früher geradeso aufgefaßt. 
Aber jetzt, im Angesicht . . . Nein, Doktor, ich will 
nicht pathetisch werden. 

DOKTOR REUMANN. Gegen das Pathos hab' ich 
nichts, nur gegen den Unsinn. 

FRAU WEG RAT lächelnd. Ich danke Ihnen. — 



27 



Immerhin, ich habe Anlaß, über allerlei nachzudenken. 
Das ist weiter nicht schwer zu nehmen, lieber Freund. 
Sie wissen ja, ich habe Ihnen alles nur erzählt, um mit 
einem klugen und guten Menschen über Vergangenes 
reden zu können ; nicht etwa, um von einer Schuld los- 
gesprochen zu werden. 

DOKTOR REUMANN. Glückhch machen ist bes- 
ser als schuldlos sein. Und da Ihnen das beschieden 
war, haben Sie selbstverständlich alles gutgemacht . . . 
wenn Sie ein Wort von so phantastischer Albernheit 
gestatten. 

FRJU wegrat: . Daß ich Sie so reden höre! 

DOKTOR REUMANN. Hab' ich nicht recht? 

FRAU JVEGRAT. Als wenn ich nicht ganz gut 
fühlte, daß gerade Ihnen wir alle. Betrogene und Be- 
trüger, gleich verächtlich sein müssen. 

DOKTOR REUMANN. Gerade mir? . . . Was Sie, 
gnädige Frau, Verachtung nennen, — wenn ich über- 
haupt etwas davon verspürte — wäre ja doch nichts 
anderes als maskierter Neid. Oder denken Sie, daß es 
mir an dem guten Willen fehlte, mein Leben so zu 
führen, wie ich es die meisten andern führen sehe? 
Ich habe nur nicht das Talent dazu. Wenn ich auf- 
richtig sein soll, gnädige Frau — die Sehnsucht, die 
am tiefsten in mir steckt, ist die: ein Schurke zu sein, 
ein Kerl, der heuchelt, verführt, hohnlacht, über Lei- 
chen schreitet. Aber ich bin durch Mängel meines 
Temperaments dazu verurteilt, ein anständiger Mensch 
zu sein — und, was vielleicht noch schmerzlicher ist, 
von allen Leuten zu hören, daß ich es bin. 

FRAU WEGRAT bat ihm lächelnd zugehört. Ob Sie 
uns auch den wahren Grund erzählt haben, der Sie 
in Wien festhält . . . ? 

DOKTOR REUMANN. Gewiß. Ich habe wahr- 
haftig keinen andern. Ich habe nicht das Recht, einen 
andern zu haben. Reden wir doch nicht weiter davon. 

FRAU WEGRAT. Sind wir nicht so gute Freunde, 
daß ich ruhig über alles mit Ihnen sprechen kann ? 

28 



Ich weiß ja, was Sie meinen. Aber ich glaube, es stände 
in Ihrer Macht, gewisse Ilkisionen und Träume aus 
einer Mädchenseele davonzuscheuchen. Für mich wäre 
es eine rechte Beruhigung, wenn ich Sie hier zurück- 
lassen dürfte, unter diesen Menschen, die mir alle so nahe 
sind und die doch alle voneinander nichts wissen, kaum 
ihre Beziehungen zu einander kennen und dazu bestimmt 
scheinen, auseinander zu flattern, weiß Gott, wohin. 

DOKTOR REUMANN. Wir wollen von diesen 
Dingen reden, wenn es an der Zeit ist, gnädige Frau. 

FRAU WEGRAT. Ich bereue ja nichts. Ich 
glaube, ich habe nie etwas bereut. Aber ich fühle, 
daß irgend etwas nicht in Ordnung ist. Vielleicht ist 
es nur der seltsame Glanz in den Augen von Felix 
gewesen, der diese Unruhe über mich gebracht hat. 
Aber ist es nicht sonderbar, — unheimlich beinahe, zu 
denken, daß ein Mensch wie er mit offenen Sinnen in 
der Welt umhergehen und nie erfahren soll, wem er 
das Licht der Welt verdankt ? 

DOKTOR REUMANN. Wir wollen keine allge- 
meinen Sätze aufstellen, gnädige Frau. Damit sind die 
geradesten Dinge so sehr ins Zittern und Schwanken 
zu bringen, daß es auch die klarsten Augen zu schwin- 
deln anfängt. Aber ich für meinen Teil finde: Eine 
Lüge, die sich so stark erwiesen hat, daß sie den Frieden 
eines Hauses tragen kann, ist mindestens so verehrungs- 
würdig als eine Wahrheit, die nichts anderes vermöchte, 
als das Bild der Vergangenheit zu zerstören, das Ge- 
fühl der Gegenwart zu trüben und die Betrachtung der 
Zukunft zu verwirren. Er gebt weiter mit ihr. 



Siebente Szene 

JOHANNA und SALA. 

JOHANNA. So kommt man immer auf dieselben 

Stellen. Ihr Garten ist wohl größer, Herr von Sala ? 

SALA. Mein Garten ist der Wald selbst, — für 



29 



Leute, die ihre Phantasie nicht durch ein dünnes Gitter 
behindern lassen. 

JOHANNA. Ihre Villa ist schön geworden. 

SA LA. Kennen Sie sie denn ? 

JOHANNA. Neulich hab' ich sie wiedergesehen, 
zum ersten Male wieder seit drei Jahren. 

SALA. Vor drei Jahren war ja noch nicht einmal 
der Grundstein gelegt. 

JOHANNA. Für mich ist sie schon damals dage- 
standen. 

SALA. Wie geheimnisvoll . . . 

JOHANNA. Gar nicht. Erinnern Sie sich nur. Wir 
haben einmal einen Ausflug nach Dornbach gemacht, 
die Eltern, Felix und ich. Da haben wir Sie und Herrn 
Fichtner begegnet, und das war gerade an der Stelle, 
wo Ihr Haus gebaut werden sollte. Und nun sieht 
alles geradeso aus, wie Sie es damals geschildert haben. 

SALA. Wie kommen Sie denn in diese Gegend ? 

JOHANNA. Ich gehe jetzt oft allein spazieren, 
seit Mama krank ist . . , 

SALA. Und wann sind Sie denn an meinem Haus 
vorübergekommen ? 

JOHANNA. Das ist nicht lange her . . . Heute. 

SALA. Heute? 

JOHANNA. |a. Ich bin ringsherum gegangen. 

SALA. So ? Ringsherum ? . . . Haben Sie auch die 
kleine Tür gesehen, die direkt in den Wald hinausführt ? 

JOHANNA. Ja. — Aber von dort aus ist das Haus 
beinahe unsiclitbar. Das Laub ist ganz dicht. — Wo 
mögen denn die römischen Kaiserbüsten sein ? 

SALA. Die stehen auf Säulen am Eingang einer 
Allee. Gleich daneben ist eine kleine Marmorbank, 
und vor der Marmorbank ist ein kleiner Teich angelegt, 

JOHANNA nickt. Wie Sie uns damals erzählten . . . 

Und das Wasser schimmert grünlichgrau . . . und des 

Morgens fallen die Schatten der Buchen drüber hin. — 

Ich weiß. Sie blickt zu ihm auf und lächelt. Beide gehen weiter. 

Vorhang. 



30 



ZWEITER AKT 

Bei Julian Fichtner. Behagliches, recht vornehmes Zimmer in einiger 
Unordnung. Große Bücherschränke. Auf zwei Stühlen liegen Bücher 
geschichtet.^ auf einem andern eine geöffnete Reisetasche. — Julian 
vor dem Schreibtisch.^ nimmt Papiere aus den Laden^ einige zerreißt 
er und wirft sie in den Papierkorb. 

Erste Szene 

JULIAN und DIENER. Dann SALA, 
DER DIENER meldet. Herr von Sala. Ah. 

SALA tritt ein. — Salas Gewohnheit, im Gespräch auf und ah 
zu gehen, tritt während dieser Szene sehr hervor. Gelegentlich setzt 
er sich für einen Augenblick, manchmal nur auf eine Lehne. Zuweilen 
bleibt er bei Julian stehen Jegt ihm die Hand auf die Schulter, während 
er spricht. Zwei- bis dreimal während der Szene berührt er mit der 
Hand seine linke Brustseite, als empfände er dort ein Unbehagen; 
nicht auffällig. 

JULIAN. Ich freue mich sehr. Händedruck. 

SALA. Also heute früh sind Sie gekommen ? 

JULIAN. Ja. 

SALA. Und bleiben — ? 

JULIAN. Das ist noch unbestimmt. Ich bin in 
einiger Unordnung, wie Sie sehen. Es wird hier wohl 
überhaupt keine rechte Ordnung werden. Ich will 
diese Wohnung aufgeben. 

SALA. Schade; ich war sie so gewohnt. Wohin 
wollen Sie denn ziehen ? 

JULIAN. Es ist mögHch, daß ich vorläufig gar kein 
festes Quartier nehme und so herumwandere wie in 
den letzten Jahren. Ich habe sogar die Idee, meine 
Sachen verauktionieren zu lassen. 

SALA. Das ist mir kein sympathischer Gedanke. 

JULIAN. Ja, sympathisch ist mir der Gedanke 
eigentlich auch nicht. Aber es kommt auch die mate- 
rielle Seite der Frage ein wenig in Betracht. Ich habe 
zuviel gebraucht in diesen letzten Jahren, das muß 
sich irgendwie wieder ausgleichen. Später rieht' ich 



31 



mich wohl wieder neu ein. Irgend einmal kommt man 
doch wieder zur Ruhe und zur Arbeit. — Nun, wie 
geht's Ihnen denn ? Was machen unsere Freunde und 
Bekannten ? 

SA LA. Haben Sie denn noch niemanden gesehen? 

JULIAN. Niemanden. Ich hab' auch nur Ihnen 
geschrieben, daß ich da bin. 

SALA. Also Sie waren noch nicht bei Wegrats ? 

JULIAN. Nein. Ich zögere sogar hinzugehen. 

SALA. Wie ? . . . 

JULIAN. Man sollte eigentlich in gewissen Jahren 
die Orte gar nicht mehr betreten, in denen man jüngere 
Tage verbracht hat. Man findet die Dinge und Men- 
schen selten so wieder, wie man sie verlassen. Nicht 
wahr ? — Frau Gabriele soll sich ja im Laufe ihrer 
Krankheit recht sehr verändert haben. Felix sprach 
mir wenigstens davon. Ich möchte es am liebsten ver- 
meiden, sie wiederzusehen. Das müssen Sie doch ver- 
stehen, Sala. 

SALA etwas befremdet. Natürlich versteh' ich das. 
Wie lang haben Sie denn keine Nachricht aus Wien 
gehabt ? 

JULIAN. Ich bin meinen Briefen immer voraiis- 
gereist. Seit vierzehn Tagen hat mich keiner eingeholt. 
Betreten. Was gibt's denn ? 

SALA. Frau Gabriele ist vor etwa acht Tagen ge- 
storben. 

JULIAN. Oh! Er ist sehr bewc^t^ geht im Zimmer hin und 
her, dann setzt er sieb nieder und sagt nach einer Pause: Man 
mußte wohl darauf gefaßt sein, und doch . . . 

SALA. Sie starb einen sanften Tod, — wie die an- 
dern Leute ja immer so bestimmt wissen. Immerhin, 
sie ist eines Abends ruhig entschlummert und nicht 
wieder erwacht. 

JULIAN sehr leise. Arme Gabriele! — Haben Sie 
sie in der letzten Zeit gesehen ? 

SALA. Ja. Ich kam beinahe täglich hin. 

JULIAN. So? 



SALA. Johanna hat mich darum gebeten. Sie hat 
sich nämlich geradezu gefürchtet, mit ihrer Mutter 
allein zu sein. 

JULIAN. Gefürchtet? 

SALA. Sie hatte eine Art Grauen vor der kranken 
Frau. Jetzt ist sie eher ruhiger. 

JULIAN. Seltsames Geschöpf ... — Und unser 
Freund, der Professor, wie trägt er den Verlust ? Gott- 
ergeben, nicht wahr ? 

SALA. Lieber Julian, der Mann hat einen Beruf. 
Ich glaube, wir können das gar nicht fassen, dir wir 
von Gnaden des Augenblicks Götter — und zuweilen 
etwas weniger als Menschen sind. 

JULIAN. Felix ist natürlich noch hier? 

SALA. Ich sprach ihn erst vor einer Stunde, und 
teilte ihm mit, daß Sie da wären. Er hat sich sehr ge- 
treut, daß Sie ihn in Salzburg besucht haben. 

JULIAN. Das schien mir so. Und es hat mir sehr 
woiil getan. Ich trage mich übrigens mit der Idee, 
in Salzburg Aufenthalt zu nehmen. 

SALA. Für immer ? 

JULIAN. Für einige Zeit. Auch um Felix' willen. 
Sein frisches Wesen berührt mich so angenehm, macht 
mich geradezu selbst jünger. War' er mein Sohn nicht, 
ich würd' ihn vielleicht beneiden — und nicht um seine 
Jugend allein. Lächelnd. So bleibt mir nichts anderes 
übrig, als ihn zu lieben. Es hat wahrhaftig etwas Be- 
schämendes für mich, daß ich es sozusagen inkognito 
tun muß. 

SALA. Kommen alle diese Empfindungen nicht 
ein wenig spät ? 

JULIAN. Sie existieren wohl schon länger, als ich 
selbst weiß. Und dann, Sie wissen ja, ich sah den 
Jungen zum ersten Male, als er schon zehn oder elf 
Jahre alt war und erfuhr erst damals, daß er mein 
Sohn sei. 

SALA. Das muß ein seltsames Wiedersehen ge- 
wesen sein zwischen Ihnen und Frau Gabriele, zehn 

Theatexstücke. III, 3, 33 



Jahre, nachdem Sie den schnöden Verrat begangen — 
wie unsere Ahnen gesagt hätten. 

JULIAN. Es war nicht einmal so seltsam. Es fügte 
sich ungezwungen. Kurz nachdem ich aus Paris zurück- 
gekehrt war, begegnete ich Wegrat zufällig auf der 
Straße. Wir hatten ja gelegentlich von einander ge- 
hört und traten einander als alte Freunde entgegen. 
Es gibt Menschen, die zu derlei Schicksalen geboren 
sind . . . Und was Gabriele anbelangt — — 

SALA. Die hat Ihnen natürlich verziehen. 

JULIAN. Verziehen ? . . . Es war mehr und weni- 
ger. Nur einmal sprachen wir von der Vergangenheit 
— sie ohne Vorwurf, ich ohne Reue; als wäre jene Ge- 
schichte andern begegnet. Und dann nie wieder. Ich 
hätte glauben können, jene Zeit wäre durch ein Wunder 
aus ihrem Gedächtnis verschwunden. Und eigentlich 
bestand für mich zwischen dieser stillen Frau und dem 
Wesen, das ich einmal geliebt hatte, gar kein wirklicher 
Zusammenhang. Und den Jungen — das wissen Sie 
ja — hatt' ich anfangs gewiß nicht lieber, als ich irgend 
ein anderes hübsches und begabtes Kind lieb gehabt 
hätte. — Nun ja, vor zehn Jahren sah es in meinem 
Leben anders aus als heute. Damals hielt ich noch so 
vieles fest, was mir seither entglitten ist. Erst im Laufe 
der folgenden Jahre zog es mich immer stärker in das 
?Iaus, bis ich begann, mich dort heimisch zu fühlen. 

SALA. Daß ich damals den Zusammenhang zu ver- 
stehen anfing, haben Sie mir hoffentlich nicht übel 
genommen. 

JULIAN. Immerhin, Sie fanden mich nicht sehr 
vernünftig . . . 

SALA. Warum ? Ich finde ja auch, daß das Familien- 
leben an sich etwas sehr hübsches ist. Aber es sollte 
sich doch wenigstens in der eigenen abspielen. 

JULIAN. Sie wissen ja, daß ich mich selbst des 
Widersinnigen in diesen Beziehungen manchmal ge- 
radezu schämte. Das war sogar mit einer der Gründe, 
der mich davontrieb. Natürlich kam damals noch man- 



34 



ches andere dazu, was mich verstimmte. Insbesondere, 
daß ich mit meinen Arbeiten kein rechtes Glück hatte. 

SALA. Sie hatten doch schon lange vorher nichts 
mehr ausgestellt. 

JULIAN. Ich meine es auch nicht äußerlich. V.s 
wollte eben keine gute Stimmung mehr kommen, und 
ich hoffte, das Reisen würde mir auch diesmal helfen, 
wie schon oft in früherer Zeit. 

SALA. Und wie ist es Ihnen denn nun ergangen ? 
Man hat ja so selten von Ihnen gehört! Sie hätten 
mir wirklich öfter und ausführlicher schreiben können. 
Sie wissen ja, daß Sie mir viel lieber sind als die meisten 
andern Menschen. Wir bringen einander die Stich- 
worte so geschickt — finden Sie nicht ? Es gibt pathe- 
tische Leute, die solche Beziehungen Freundschaft nen- 
nen. Übrigens ist es nicht unmöglich, daß wir uns im 
vorigen Jahrhundert „du" gesagt, am Ende gar, daß 
Sie sich an meinem Busen ausgeweint hätten. Sie haben 
mir manchmal gefehlt in diesen zwei Jahren, — wahr- 
haftig! Wie oft hab' ich auf einsamen Spaziergängen 
an unsere schönen Plauderstunden im Dornbacher Park 
gedacht, wo wir zitierend „die tiefst' und höchsten 
Dinge dieser Welt" bis auf weiteres zu erledigen pfleg- 
ten. — Nun Julian, woher kommen Sie denn eigentlich ? 

JULIAN. Aus Tirol. Diesen Sommer hab' ich 
große Fußwanderungen unternommen. Bin sogar Berg- 
steiger geworden auf meine alten Tage. Eine Woche 
hab' ich auf einer Alm verlebt ... Ja, ich habe allerlei 
getrieben. Was man so versucht, wenn man allein is:. 

SALA. Sie waren wirklich allein? 

JULIAN. Ja. 

SALA. Die ganzen letzten Jahre ? 

JULIAN. Wenn ich von einigen lächerlichen Untei 
brechungen absehe — ja. 

SALA. Nun, dem hätte sich doch abhelfen lasser.. 

JULIAN. Ich v/eiß. Aber mit dem, was mir i-; 
dieser Art noch zu Gebote steht, ist mir nicht gedient 
Ich bin sehr verwöhnt gewesen, Sala. Mein Leben is' 

3' 35 



bis zu einer gewissen Epoche wie in einem Rausch 
von Zärtlichkeit und Leidenschaft, ja von Macht dahin- 
geflossen. Und damit geht es zu Ende. Ach Sala, was 
für erbärmliche Lügen habe ich mir in den letzten 
Jahren erschleichen, erbetteln, erkaufen müssen! Es 
ekelt mich, wenn ich zurückdenke, und wenn ich nach 
vorwärts schaue, graut mir. Und ich frage mich: Soll 
wirklich von aller Glut, mit der ich die Welt umfaßt 
habe, nichts übrig bleiben als eine Art törichter Grimm, 
daß es vorbei sein, — daß ich, ich menschlichen Ge- 
setzen so gut unterworfen sein muß als ein anderer ? 

SALA. Warum diese Erbitterung, Julian ? Es gibt 
doch noch mancherlei auf Erden, selbst wenn uns et- 
liche Vergnügungen und Genüsse früherer Zeit ab- 
geschmackt oder unwürdig erscheinen. Und gerade 
Sie sollten das nicht empfinden, Julian? 

JULIAN . Winden Sie dem Schauspieler seine Rolle 
aus der Hand und fragen Sie ihn, ob ihm die schönen 
Kulissen Spaß machen, zwischen denen er stehen blieb. 

SALA. Aber Sie haben doch auf Ihren Fahrten 
wieder zu arbeiten angefangen ? 

JULIAN . So gut wie niclits. 

SALA. Felix erzählte, daß Sie aus Ihrem Koffer 
ein paar Skizzen hervorgeholt und ihm gezeigt hätten? 

JULIAN. Er sprach davon? 

SALA. Und alles mögliche Gute. 

JULIAN. Wahrhaftig? 

SALA. Und da Sie ihm die Sachen zeigten, werden 
Sie wohl selbst etwas davon gehalten haben. 

JULIAN. Es war nicht deshalb, daß ich sie ihn 
sehen ließ. Auj und ab. Ich will es Ihnen gestehen — 
auf die Gefahr hin, daß Sie mich für einen vollkom- 
menen Narren halten. 

SALA. Auf ein bißchen mehr oder weniger kommt 
es nicht an. Reden Sie nur. 

JULIAN. Ich wünschte, daß er wenigstens den 
Glauben an mich nicht verliert. Begreifen Sie das? 
Er steht mir nun einmal näher als die andern. Ich 



36 



weiß es ja; — für alle, ja auch für Sie bin ich ein Her- 
untergekommener, einer, der fertig ist, einer, dessen 
ganzes Talent seine Jugend war. Es liegt mir nicht 
besonders viel daran. Aber für Felix will ich der sein, 
der ich einmal war — und der ich auch noch bin. 
Wenn er einmal erfährt, daß ich sein Vater bin, soll 
er stolz darauf sein. 

SALA. Wenn er es erfährt . . . ? 

JULIAN. Ich habe nicht die Absicht, es ihm für 
alle Zukunft geheim zu halten. Jetzt, da seine Mutter 
tot ist, weniger als je. Als ich ihn das letzte Mal sprach, 
wurde es mir ganz klar, daß man nicht nur das Recht, 
daß man beinahe die Pflicht hat, ihm die Wahrheit 
zu sagen. Er hat den Sinn für das Wesentliche. Er 
wird alles verstehen. Und ich würde einen Menschen 
haben, der zu mir gehört, der es weiß, daß er zu mir 
gehört, und für den weiter auf der Welt zu sein, es 
sich der Mühe lohnt. Ich würde in seiner Nähe leben, 
würde viel mit ihm zusammen sein. Ich würde meine 
Existenz sozusagen wieder auf eine feste Basis gestellt 
haben, nicht so in der Luft schweben wie jetzt. Und 
ich könnte wieder arbeiten, — wie früher einmal — 
wie als junger Mensch. Arbeiten werd' ich, ja — und 
ihr sollt euch alle geirrt haben — alle! 

SALA. Aber wem fällt es denn ein, an Ihnen zu 
zweifeln ? Hätten Sie uns doch nur neulich reden ge- 
hört, Julian. Jedermann erwartet von Ihnen, daß Sie sich 
früher oder später — vollkommen wiederfinden werden. 

JULIAN . Ach genug von mir, genug von mir. Ver- 
zeihen Sie. Reden wir doch endhch von Ihnen. Sie 
bewohnen wohl schon Ihr neues Haus ? 

SALA. Ja. 

JULIAN. Und was haben Sie für die nächste Zeit vor ? 

SALA. Ich gedenke mit dem Grafen Ronsky nach 
Asien zu gehen. 

JULIAN. Mit Ronsky? Sie schHeßen sich dieser 
Expedition an, von der man so viel liest ? 

SALA. Ja. Solch ein Unternehmen reizt mich schon 



37 



seit langem. Kennen Sie vielleicht den Bericht von 
Robton über die baktrischen und medischen Ausgra- 
bungen vom Jahr 92 ? 

JULIAN. Nein. 

SALA. Der ist geradezu erschütternd. Denken Sie, 
unter dem Schutt und Staub vermutet man eine 
Riesenstadt, etwa von der Ausdehnung des heutigen 
London. Damals sind sie in einen Palast hinunterge- 
stiegen und haben die wundervollsten Malereien ge- 
funden. In einigen Gemächern waren sie vollkommen 
erholten. Und Stufen haben sie ausgeschaufelt; aus 
einem Marmor, der sonst nirgends gefunden wurde. 
Vielleicht stammt er von einer Insel, die seither ins 
Meer versunken ist. Dreihundertzwölf Stufen, glän- 
zend wie Opale, die in eine unbekannte Tiefe hinab- 
führen . . . Unbekannt, denn bei der dreihundert- 
zwölften Stufe haben sie aufgehört, zu graben — weiß 
Gott, warum! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie 
micl\ diese Stufen intriguieren. 

JULIAN. Man hörte doch immer, daß diese Rol- 
stonsche Expedition zugrunde gegangen wäre ? 

SALA. Es war nicht gar so schlimm. Von den vies- 
undzwanzig Europäern sind nach drei Jahren immer- 
hin acht zurückgekehrt, und ein halbes Dutzend ver- 
loren sie schon auf der Hinreise. Man kommt durch 
arge Fiebergegenden. Dann gab es damals auch einen 
Überfall durch die Kurden, bei dem einige drauf gingen. 
Aber wir werden viel besser ausgerüstet sein. Über- 
dies treffen wir an der Grenze mit einer russischen 
Abtrilung zusammen, die unter militärischer Bedeckung 
reist. Auch hier gedenkt man übrigens der Sache einen 
poliiijch-militärischen Anstrich zu geben. Und was das 
Fieber anbelangt, — vor dem hab' ich keine Angst . . . 
das kann mir nichts anhaben. In den Thermen des 
Caracalla — es ist Ihnen doch bekannt, wie versumpft 
dort der Boden ist — hab' ich als ganz junger Mensch 
eine Reihe der gefährlichsten Sommernächte verbracht 
und bin gesund geblieben. 

38 



JULIAN. Das beweist doch nichts. 

SALA. Immerhin einiges. Ich traf dort mit einer 
Römerin zusammen, deren Haus ganz nahe der Ap- 
pischen Straße stand; die bekam das Fieber und starb 
sogar daran . . . Nun freihch, ich bin nicht mehr so 
jung wie damals, aber ich fühle mich soweit ganz frisch. 

JULIAN der sich schon früher eine Zigarette angezündet hat^ 
Zigaretten anbietend. Rauchen Sie nicht ? 

SALA. Danke. Ich sollte eigentlich nicht. Erst 
gestern hat es mir der Doktor Reumann verboten . . . 
Nichts besonderes — das Herz ist ein bißchen unruhig. 
Na, die eine wird wohl weiter nicht schaden. 



Zweite Szene 

JULIAN, SALA und DIENER. Dann IRENE HERMS. 

DIENER. Fräulein Herms fragt, ob der gnädige 
Herr zu sprechen sei. 

JULIAN. Gewiß. Ich lasse bitten. 
DIENER ab. 

IRENE HERMS tritt ein. Sie ist etwa 43 Jahre alt, siebt 
aber jünger aus. Sie ist einfach und geschmackvoll gekleidet. Ihre 
Bewegungen sind lebendig, zuweilen von einer beinahe jugendlichen 
Hastigkeit. Ihr Haar ist dunkelblond und reich^ die Augen heiter, 
manchmal gütig und leicht zu Tränen geneigt. Sie tritt lächelnd 
ein, nickt SALA freundlich zu und reicht JULIAN, der ihr ent- 
gegenging, mit einetn beinahe glücklichen Gesichtsausdruck die Hand. 
Guten Abend. Na ? Sie hat die Gewohnheit, dieses „Na" im 
fragend herzlichen Ton auszusprechen. Hab' ich also doch 
recht getan, mich noch ein paar Tage zu gedulden! 
Da hab' ich ihn ja wieder. Zu Sala. Wissen Sie, wie 
lang wir uns nicht gesehen haben ? 

JULIAN. Über drei Jahre. 

IRENE nickt nur. Jetzt erst läßt sie ihre Hand aus der seinen. 
Das ist in unserm ganzen Leben noch nicht vorgekom- 
men. Dein letzter Brief ist auch schon zwei Monate 
alt. Ich sage „Brief", um mich nicht zu blamieren: 



39 



es war aber nur eine Ansichtskarte. Wo bist du nur 
überall herumgeflogen ? 

JULIAN. Setz' dich doch. Das wirst du alles er- 
fahren. Willst du nicht den Hut ablegen ? Du bleibst 
doch ein bißchen? 

IRENE. Selbstverständlich. — Nein, wie du aus- 
siehst ! Zu Sala. Schön — nicht wahr ? Ich hab's 
immer gewußt: Der graue Bart wird ihm sehr interes- 
sant stehen. 

SALA. Jetzt werden Sie lauter angenehme Dinge 
^u hören bekommen. Ich muß mich nun leider ent- 
fernen. 

IRENE. HoffentUch vertreib' ich Sie nicht f 

SALA. Was fällt Ihnen ein, Fräulein Herms! 

IRENE. Sie gehen wohl zu Wegrats ? — Was sagst 
du zu dem Unglück, Julian? Es ist furchtbar! Zu Sala. 
Bitte, grüßen Sie dort. 

SALA. Ich gehe jetzt nicht hin, ich gehe nach Hause. 

IRENE. Nach Hause ? Das sagen Sie so einfach ? 
Sie sollen ja jetzt ein Schloß bewohnen. 

SALA. Nein, nichts weniger. Es ist ein bescheidenes 
Landhaus. Es wäre mir ein besonderes Vergnügen, 
Fräulein Herms, wenn Sie sich einmal persönlich davon 
überzeugen wollten, ^lein Garten ist wirklich schön. 

IRENE. Haben Sie auch Obstbäume und Gemüse- 
pflanzen ? 

SALA. In dieser Hinsicht kann ich nur mit einem 
verirrten Kolilkopf und mit einem wilden Birnbaum 
dienen. 

IRENE. Nun, wenn es meine Zeit noch erlaubt, 
so komm' ich wirklich einmal und schau' mir Ihre 
Villa an. 

JULIAN. WiUst du so bald wieder fort? 

IRENE. Ja natürlich. Ich muß wieder nach Hause. 
Erst heut früh hab' ich einen Brief von meinem kleinen 
Neffen — er sehnt sich nach mir. Ein Fratz von fünf 
Jahren und sehnt sich auch schon. Was sagen Sie dazu : 

SALA. Sie sehnen sich wohl auch schon zurück? 



40 



IRENE. Es ist nicht das. Aber ich fang' an, mich 
zu sehr an Wien zu gewöhnen. Wenn ich hier in den 
Straßen umherspaziere, da gibt es Erinnerungen auf 
Schritt und Tritt. — Denk' dir, wo ich gestern war, 
JuHan. In der Wohnung, wo ich als Kind gelebt habe. 
Das war gar nicht so einfach, es wohnen jetzt fremde 
Leute drin. Ich bin aber doch in den Zimmern gewesen. 

SALA liehetisKürdig ironisch. Wie haben Sie denn das 
angestellt, Fräulein Herms ? 

IRENE. Ich hab' mich unter einem Vorwand ein- 
geschlichen. Ich hab' getan, als meint' ich, es wäre da 
ein Kabinett zu vermieten — für eine alleinstehende 
ältere Dame. Aber schließlich hab' ich so zu weinen 
angefangen, daß mich die Leute w^ahrscheinlich für 
närrisch gehalten haben. Und da hab' ich ihnen ge- 
sagt, warum ich eigentlich heraufgekommen bin. Ein 
Postbeamter wohnt jetzt drin, mit seiner Frau und zwei 
Kindern. Das eine war ein so Heber Kerl; es hat mit 
einer Eisenbahn gespielt, mit einer Lokomotive zum 
Aufziehen, und die ist mir immer über den Fuß ge- 
rannt . . . Aber das wird Sie wahrscheinlich nicht sehr 
interessieren, Herr von Sala. 

SALA. Daß Sie sich gerade unterbrechen, Fräulein 
Herms, wenn es am spannendsten wird! Ich hätte so 
gern noch weiter zugehört. Aber nun muß ich leider 
wirklich gehen. Grüß' Sie Gott, Julian. — Also, Fräu- 
lein Herms, ich rechne auf die Ehre Ihres Besuches. 
Gebt ab. 

Dritte Szene 

JULIAN und IRENE. 

IRENE. Gott sei Dank! 

JULIAN lächelnd. Ist er dir noch immer so un- 
sympathisch ? 

IRENE. Unsympathisch ? . . . Ich hasse ihn ! Es ist 
ja nur deine unglaubliche Seelengüte, daß du ihn in 
deiner Nähe duldest. Du hast keinen ärgern Feind. 



41 



JULIAN. Wie kommst du nur auf diese Idee? 

IRENE. Das spürt man doch ... so was muß man 
doch spüren. 

JULIAN. Ich glaube immer, du bist noch heute 
nicht ganz objektiv gegen ihn. 

IRENE. Warum denn? 

JULIAN. Du trägst ihm nach, daß du vor zehn 
Jahren in seinem Stück keinen Erfolg gehabt hast. 

IRENE. Das sind leider schon zwölf Jahre. Und 
meine Schuld war es nicht. Denn was seine sogenann- 
ten Dichtungen anbelangt, so halt' ich sie für Blödsinn. 
Und bekanntlich steh' ich mit dieser Ansicht nicht ver- 
einzelt da. Aber du kennst ihn ja nicht. Um diesen 
Herrn in seiner ganzen Größe würdigen zu können, 
hat man ihn auf den Proben genießen müssen. Ko- 
pierend. Mein Fräulein, es sind Verse — Verse, mein 
Fräulein . . . Das muß man von ihm gehört haben, 
um zu wissen, was für eine maßlose Arroganz in ihm 
steckt . . . Übrigens weiß jeder Mensch, daß er seine 
Frau umgebracht hat. 

JULIAN belustigt. Aber Kind, wie kommst du auf 
solche Ungeheuerlichkeiten! 

IRENE. Man stirbt nicht mit fünfundzwanzig 
Jahren so ganz von selbst. 

JULIAN. Irene, das sagst du hoffentlich nicht zu 
andern Leuten. 

IRENE. Ist ja nicht notwendig. Das weiß doch 
jeder außer dir. Und ich für meinen Teil habe gar 
keinen Grund, Herrn von Sala zu schonen, der dich 
seit zwanzig Jahren mit seinem Hohn verfolgt. 

JULIAN. Aber besuchen wirst du ihn doch? 

IRENE. NatürHch. Ich interessiere mich sehr für 
schöne Villen. Und seine soll entzückend sein. Wenn 
man nur Leute besuchen wollte . . . 

JULIAN. Die niemanden umgebracht haben — 

IRENE. Wir tun ihm wirklich zu viel Ehre an, 
wenn wir so lange über ihn reden. Schluß. — Na, 
JuHan? Wie geht's dir denn? Warum hast du mir 



42 



denn gar so selten geschrieben? Hast du am End' 
nicht dürfen ? 

JULIAN. Dürfen ? . . . 

IRENE. Ich meine, ob man dir's verboten hat. 

JULIAN. Ach so. — Mir verbietet niemand was'. 

IRENE. Wirklich? Du lebst so ganz für dich? 

JULIAN. Ja. 

IRENE. Das freut mich. Ich kann mir nicht helfen, 
das freut mich, Julian. Obzwar es ja ein Unsinn ist. 
Heut oder morgen fängt doch wieder was Neues an. 

JULIAN. Die Zeiten sind vorbei. 

IRENE. Wenn's nur wahr wäre. — Kann man einen 
Tee haben ? 

JULIAN. Gewiß. Hier ist der Samowar. 

IRENE. Wo denn ? — Ach ja, hier! Und der Tee ? 

. . . Ich weiß ja. Öffnet einen Schrank, nimmt die notwendigen 
Sachen heraus. Im Laufe der nächsten Minuten bereitet sie den Tee. 

JULIAN. Du bleibst wirklich nur mehr ein paar 
Tage hier ? 

IRENE. Ja, natürlich. Meine Bestellungen sind ge- 
macht. Das kannst du dir ja denken, auf dem Gut 
bei meiner Schwester braucht man wahrhaftig keine 
Toiletten. 

JULIAN. So erzähl' doch. Wie behagt's dir denn 
dort ? 

IRENE. Herrlich! Ah, nur endlich vom Theater 
nichts mehr wissen, das ist schon eine Seligkeit. 

JULIAN. Du kehrst ja doch einmal wieder dahin 
zurück. 

IRENE. Da irrst du dich aber gewaltig. Warum 
sollt' ich denn? Bedenke doch, daß ich jetzt am Ziel 
meiner Wünsche angelangt bin: Frische Luft, einen 
Wald in der Nähe; über Wiesen oder Äcker spazieren 
reiten, in der Früh' im Schlafrock in einem großen 
Park sitzen, wo keiner hinein darf. Überhaupt: Keine 
Leut', keinen Direktor, kein Publikum, keine KoUegen, 
keine Verfasser — obwohl sie nicht alle so arrogant 
sind wie dein angebeteter Sala. — Na also, und das 



43 



alles hab' ich erreicht. Ich leb' auf dem Land, ich hab' 
ein Gut, ein kleines Schlösserl kann man schon sagen, 
einen Park hab' ich und ein Pferd, und Schlafrock', so 
viel ich will. Es gehört zwar alles nicht mir — außer 
den Schlafröcken natürHch — , aber das bleibt sich ja 
gleich. Dabei leb' ich bei den besten Menschen, die 
es überhaupt auf der Welt gibt ; denn mein Schwager ist 
womögHch ein noch prächtigerer Kerl als die Lori selbst. 

JULIAN. Hat der nicht früher dir den Hof ge- 
macht ? 

IRENE. Aber wie! Er wollte mich um jeden Preis 
heiraten. Selbstverständlich! — Vorher sind sie ja alle 
in mich verliebt . . . gewesen — gewesen, mein' ich. 
Aber die Gescheitern sind meistens zur Lori über- 
gegangen. Das hat mich immer ein bißchen mißtrau- 
isch gegen dich gemacht, daß du nie in die Lori ver- 
liebt warst. Um was die besser ist als ich — na, das 
weißt du doch, darüber ist nichts zu reden. Was ich 
der schuldig bin I . . . Wenn die Lori nicht gewesen 
wäre — ! — Also bei denen leb' ich jetzt seit einem 
halben Jahr. 

JULIAN. Es ist nur die Frage, wie lang du's aus- 
halten wirst. 

IRENE. Wie lange — ? — Ja aber Julian, ich frage 
dich: Was soll mich veranlassen, aus einem solchen 
Paradies in den Sumpf zurückkehren, wo ich leiser 
fünfundzwanzig Jahre meines Lebens verbracht habe? 
Was hab' ich denn überhaupt noch beim Tlieater zu 
suchen? Die bejahrten Fächer liegen mir nicht. Ich 
habe weder Neigung zur Heldenmutter noch zur spit- 
zigen Dame, noch zur komischen Alten. Ich gedenke 
als Schloßfräulein zu sterben, als alte Jungfer sozu- 
sagen, und wenn alles gut geht, erscheine ich den Ur- 
enkeln meiner Schwester in hundert Jahren als weiße 
Dame. Mit einem Wort: Ich hab' das schönste Leben 
vor mir. — Was lachst denn ? 

JULIAN. Es freut mich, dich so lustig, — so jung 
wiederzusehen. 



44 



IRENE. Das ist die Landluft, Julian. Das solltest 
du auch einmal auf längere Zeit versuchen. Herrlich! 
Ich hab' ja überhaupt meinen Beruf verfehlt: Der liebe 
Gott hat mich sicherHch zu einer Kuhdirn' oder zu 
einer Sennerin erschaffen wollen. Oder vielleicht zu 
einem Hirtenknaben. Ich hab' ja in Hosenrollen immer 
so gut ausgeschaut. — So. Darf ich dir auch gleich 
einschenken ? Sie gießt thm Tee ein. Hast du nichts dazu ? 

JULIAN. In der Tasche werden wohl noch ein 
paar Kakes sein. Er entnimmt der Reisetasche ein kleines Päckchen. 

IRENE. Danke. Famos. 

JULIAN. Das ist übrigens eine ziemlich neue 
Schwärmerei von dir. 

IRENE. Die Kakes — ? 

JULIAN. Nein. Die Natur. 

IRENE. Wie kannst du das sagen ? Ich habe die 
Natur immer unendlich geliebt. Denkst du nicht mehr 
an unsere Ausflüge von dazumal ? Erinnerst du dich 
nicht, vde wir einmal an einem heißen Sommernach- 
mittag im Wald eingeschlafen sind ? Und denkst du 
nimmer an das Muttergottesbild oben auf dem Hügel, 
wo uns das Gewitter überrascht hat? . . . Ach Gott! 
Kein leerer Wahn, die Natur. Und gar später, wie die 
böse Zeit für mich gekommen ist, wie ich mich deinet- 
wegen hab' umbringen wollen, ich Kamel ... da war 
die Natur ganz einfach meine Rettung. Wirklich, 
Julian. Ich könnt' dir die Stelle noch zeigen, wo ich 
mich ins Gras geworfen und geweint hab'. Zehn Mi- 
nuten vom Bahnhof, durch eine Akazienallee muß man 
gehen und dann weiter am Bach. Ja, ins Gras hab' 
ich mich geworfen und geweint und geheult. Es war 
nämlich ein Tag, wo du mich wieder einmal von deiner 
Türe davongejagt hast. Na, und wie ich eine halbe 
Stunde auf dem Gras gelegen war und mich recht aus- 
geweint hab', bin ich halt wieder aufgestanden — und 
bin auf der Wiese herumgelaufen. Wie ein kleiner 
Fratz, ganz allein für mich. Ich hab' mir die Augen 
ausgewischt, und es war mir eigentlich wieder ganz 



45 



gut. Pause. Freilich, am nächsten Morgen bin ich 
wieder vor deiner Tür gewesen und hab' dich ange- 
jammert, und die Geschichte hat von vorn angefangen. 
Es wird dunkler. 

JULIAN. Daß du noch immer daran denkst. 

IRENE. Du doch auch. Na, und wer ist schließhcli 
der Dumme von uns zweien gewesen f Wer ? Frag' 
dich nur aufs Gewissen. Wer? . . . Bist du mit einer 
glückUcher gewesen als mit mir ? Hat eine so an dir 
gehangen wie ich ? Hat dich je eine andere so gern 
gehabt ? . . . Gewiß nicht. Die dumme Geschichte, 
die mir dann im Engagement draußen passiert ist, 
meiner Seel', du hättest sie mir wirklich verzeihen 
können. Es ist wahrhaftig nicht so viel dran, wie ihr 
Männer immer draus macht — nämlich wenn's uns 
passiert. Sie trinken Tee. 

JULIAN. Soll ich Licht machen? 

IRENE. Es ist ganz gemütlich in der Dämmerung. 

JULIAN. „Nicht viel dran", sagst du. Du magst 
ja recht haben. Aber wenn's einen trifft, wird man 
eben doch ziemlich rasend. Und wenn wir uns auch 
versöhnt hätten — es wäre doch nicht mehr das Rechte 
geworden. Es ist schon besser so. Wie's einmal ver- 
wunden war, sind wir ja die besten Freunde geworden 
und sind's geblieben. Das ist doch auch was sehr Schönes. 

IRENE. Ja. Heut bin ich auch ganz zufrieden. 
Aber damals — ! O Gott, was war das für eine Zeit! 
Du weißt ja doch nichts davon. Nachher hab' ich dich 
erst so recht geliebt, — nachher, als ich dich durch 
meinen Leichtsinn verloren hatte. Ja, da hat sich erst 
sozusagen die wahre Treue in mir entwickelt. Denn 
was ich später erlebt habe . . . Aber es ist nicht zu 
verlangen, daß ein Mann so was versteht. 

JULIAN. Ich versteh's ganz gut, Irene. Du kannst 
mir's glauben. 

IRENE. Im übrigen will ich dir was sagen, Julian; 
es war doch nur die gerechte Strafe für uns beide. 

JULIAN. Für uns beide? 

46 



IRENE. Ja. Darauf bin ich schon lang gekommen. 
Die gerechte Strafe. 

JULIAN. Für uns beide? 

IRENE. Ja. Für dich auch. 

JULIAN. Ja, wie meinst du das ? 

IRENE. Wir haben's nicht anders verdient. 

JULIAN. Wir ? . . . Wieso denn ? 

IRENE ernst. Du bist ja so gescheit, Julian. Was 
glaubst du: War' das damals geschehen — meinst du, 
ich hätt' so was anstellen können, wenn wir — ein 
Kind , . . wenn wir — das Kind gehabt hätten ? Frag' 
dich doch aufs Gewissen, Julian — glaubst du's ? Ich 
nicht, und du auch nicht. Alles war' anders gekommen. 
Alles. Wir wären zusammen geblieben, wir hätten 
noch ein paar Kinder gekriegt, wir hätten uns ge- 
heiratet, wir möchten zusammen leben. Ich war' nicht 
em altes Schloßfräulein und du wärst nicht — 

JULIAN. Ein alter Junggesell. 

IRENE. Na, wenn du's selber sagst. Und die Haupt- 
sache: Wir hätten ein Kind. Ich hätt' ein Kind. Pause. 

JULIAN ist im Zimmer auf- und abgegangen. Was soll 
das alles, Irene ? Warum sprichst du wieder von allen 
diesen vergessenen — 

IRENE. Vergessenen ? 

JULIAN. — Vergangenen Dingen ? 

IRENE. Vergangen sind sie freilich. Aber draußen 
auf dem Land hat man viel Zeit. Alles mögliche geht 
einem durch den Kopf. Und gar, wenn man andere 
Kinder sieht — die Lori hat nämlich zwei Buben — , 
fällt einem so manches ein. Neulich war's beinahe wie 
eine Vision. 

JULIAN. Was denn? 

IRENE. Ich bin übers Feld gegangen gegen Abend. 
Das tu' ich manchmal, ganz allein. Weit und breit 
war niemand. Unten das Dorf ist auch ganz still da- 
gelegen. Und ich spazier' so weiter, immer weiter gegen 
den Vv'ald zu. Und plötzlich war ich nicht mehr allein. 
Du warst da. Und zwischen uns beiden das Kind. Das 



47 



haben wir so an der Hand geführt — unser kleines 
Kind. Argerlich, um nicht zu weinen. Es ist ja ZU dumm. 
Ich weiß doch, das Kind war' jetzt ein Bengel von 
dreiundzwanzig Jahren, war' vielleicht ein Lump oder 
ein schlechtes Mädel. Oder war' vielleicht schon tot. 
Oder es war' irgendwo draußen in der Welt und wir 
hätten gar nichts mehr von ihm ... ja, ja. — Aber 
einmal hätten wir es doch gehabt, einmal wär's doch 
ein kleines Kind gewesen und hätt' uns gern gehabt. 
Und . . . Sie kann nicht weiter. Stille. 

JULIAN weich. Irene, rede dich doch nicht in 
solche Dinge hinein. 

IRENE. Das ist kein Hineinreden. 

JULIAN. Gräm' dich nicht. Nimm's doch, wie 
es ist. Du hast anderes erlebt, vielleicht besseres. Dein 
Leben war reicher, als ein Mutterleben hätte sein kön- 
nen . . . Du warst eine Künstlerin. 

IRENE vor sich hin. Ich pfeif drauf. 

JULIAN. Eine große, eine berühmte — das will doch 
was heißen. Du hast auch noch mancherlei anderes, 
sehr schönes erlebt — nach mir. Ich weiß es ja. 

IRENE. Was hab' ich davon ? Was will das alles 
bedeuten? Eine Frau, die kein Kind hat, ist gar nie 
eine Frau gewesen. Aber eine, die einmal eins hätte 
haben können — haben müssen, und die — Blick. 

nicht Mutter geworden ist, das ist eine ... ah! 

Aber das kann ja kein Mann verstehen! Das kann ja 
keiner verstehen! Der beste von euch ist in diesen 
Dingen noch immer eine Art von Schuft. Weiß denn 
einer von euch, wie viele von ihm in der Welt herum- 
laufen? Ich weiß wenigstens, daß ich keins gehabt 
hab'. Weißt du's überhaupt? 

JULIAN. Und wenn ich es selbst wüßte — 

IRENE. Wieso ? Hast du wirklich eins ? — So red' 
doch. Julian, du kannst mir's schon sagen. Wo lebt's 
denn ? Wie alt ist es denn ? Ein Bub' ? Ein Mädel ? 

JULIAN. Frag' doch nicht . . . Lind wenn ich ein 
Kind hätte, es würde ja doch nicht mir gehören. 

+8 



IRENE. Er hat ein Kind! Er hat ein Kind! Pause. 
Warum laßt du's denn so in der Welt herumlaufen ? 

JULIAN. Du hast's ja selbst gesagt: — Der beste 
beste von uns ist in diesen Dingen auch noch eine Art 
von Schuft. Und ich bin nicht einmal der beste. 

IRENE. Warum holst du dir's denn nicht ? 

JULIAN. Was geht's mich denn überhaupt an ? 
Was dürft' es mich angehen ? Genug . . . Pause. — 
Willst du noch eine Tasse Tee ? 

IRENE. Danke, danke. Nicht mehr. PjMi«. Es dämmert. 
Er hat ein Kind, und ich hab's nicht gewußt! 

Lange Pause. 



Vierte Szene 

JULIAN, IRENE und DIENER. Dann FELIX. 

DER DIENER tritt ein. 

JULIAN. Was gibt's? 

DIENER. Herr Leutnant Wegrat fragt, ob der 
gnädige Herr zu Hause sind. 

JULIAN. Gewiß. Ich lasse bitten. 

DIENER hat das Licht eingeschaltet und geht ab. 

IRENE. Der junge Wegrat ? — Ich dachte, er 
sei schon wieder fort. — Der arme Junge, er war wie 
vernichtet. 

JULIAN. Das denk' ich mir. 

IRENE. Du hast ihn in Salzburg besucht ? 

JULIAN. Ja. Im August war ich ein paar Tage dort. 

FELIX in Zivilkleidung tritt ein. Guten Abend. — Guten 
Abend, Fräulein Herms. 

IRENE. Guten Abend, Herr Leutnant. 

JULIAN. Mein lieber Felix . . . ich wollte zu euch 
kommen — noch heute abend. Es ist sehr freundlich 
von dir, daß du dich herbemühst. 

FELIX. Übermorgen muß ich schon fort, und so 
wüßt' ich gar nicht, ob ich überhaupt noch Gelegen- 
heit finden würde, Sie zu sehen. 

'Itieateistücke. III, 4 AQ 



JULIAN. Möchtest du nicht ablegen ? — Ich hatte 
keine Ahnung, denk' dir. Erst Sala teilte es mir mit 

— vor kaum einer Stunde, 
IRENE betrachtet beide. 

FELIX. Das ahnten wir nicht, als wir im Sommer 
miteinander im Mirabellgarten spazieren gingen. 

JULIAN. Es ist sehr rasch gekommen ? 

FELIX. Ja. Und ich konnte nicht bei ihr sein . . . 
Am späten Abend bin ich abgereist, und in der Nacht 
darauf ist sie gestorben. 

IRENE. Vielmehr: sie ist am nächsten Morgen nicht 
mehr erwacht. 

FELIX. Ihnen, Fräulein Herms, haben wir viel zu 
danken. 

IRENE. Aber! 

FELIX. Meine Mutter hat sich immer so sehr ge- 
freut, wenn Sie bei ihr waren, mit ihr geplaudert oder 
ihr Klavier vorgespielt haben. 

IRENE. O, mein Klavierspiel — ! 
Eine Uhr schlägt. 

IRENE. Schon so spät!? Da muß ich ja gehen. 

JULIAN. Warum eilen Sie, Fräulein Herms ? 

IRENE. Ich fahre in die Oper. Die paar Tage, die 
ich noch hier bin, will ich doch ausnützen. 

FELIX. Sehen wir Sie noch bei uns, Fräulein Herms? 

IRENE. Gewiß. — Sie reisen ja schon früher fort 
als ich. 

FELIX. Ja. Mein Urlaub geht zu Ende . . . 

IRENE wie beiläufig. Wie lang sind Sie denn jetzt 
eigentlich schon Offizier, Felix ? 

FELIX. Das bin ich schon vor drei Jahren geworden, 

— aber erst im Jahr drauf hab' ich mich aktivieren las- 
sen. Ein bißchen spät. 

IRENE. Spät ? Warum ? — Wie alt sind Sie denn, 
Fehx? 

FELIX. Dreiundzwanzig Jahre. 

IRENE. So. Pause. — Aber wie ich Sie vor vier 
Jahren als FreiwiUigen gesehen habe, hab' ich mir gleich 



SO 



gedacht, Sie werden beim Militär bleiben. — Erinnern 
Sie sich, Julian ? Ich hab' es Ihnen damals gesagt. 

JULIAN. Ja — 

FELIX. Das war wohl im Sommer, wie Sie uns das 
letzte Mal besucht haben. 

IRENE. Ich glaube . . . 

FELIX. Seither ist viel anders geworden. 

IRENE. Wahrhaftig! Das waren noch ein paar 
heitre Tage. — Nicht wahr, Julian ? Wir haben uns 
ja auch seither nicht mehr gesehen, seit diesen schönen 
Sommerabenden in dem Garten bei Wegrats. 

JULIAN nicht. 

IRENE bat Felix und Julian noch einigcv.al betrachtet. — 

Kleine Pause. Jetzt ist's aber wirklich höchste Zeit, daß 
ich gehe. — Adieu. Grüßen Sie zu Hause, Herr Leut- 
nant. — Adieu, Julian. Sie geht, von Julian zur Tür begleitet. 



Fünfte Szene 

FELIX und JULIAN. 

FELIX. Hat sich hier nicht einiges verändert ? 

JULIAN. Nicht, daß ich wüßte. Wie sollte dir das 
übrigens auffallen; du warst doch nur zwei- oder drei- 
mal hier. 

FELIX. Ja. Aber das letzte Mal in einem recht 
wichtigen Moment meines Lebens. Ich kam, Sie um 
Rat fragen. 

JULIAN. Nun hat sich ja alles nach deinem Wunsch 
gefügt. Und auch dein Vater hat sich dreingefunden. 

FELIX. Ja, er hat sich dreingefunden. Es wäre 
ihm wohl lieber gewesen, wenn ich bei der Technik 
geblieben wäre; aber nun sieht er ja, daß man auch in 
Uniform ein ganz vernünftiges Leben führen kann — 
ohne Schulden, ohne Duelle. Ach, es ist beinahe allzu 
behagUch. Aber erwarten kann unsereiner immerhin 
mehr als mancher andere; das ist auch etwas. 

JULIAN. Und wie geht's denn zu Hause? 



51 



FELIX. Xn Hause . . . Wahrhaftig, das Wort hat 
beinahe seinen Sinn verloren. 

JULIAN. Hat dein Vater schon wieder seine Ar- 
beiten aufgenommen ? 

FELIX. Natürhch. Zwei Tage nachher saß er wie- 
der in seinem AteHer. Es ist bewunderungswürdig. 
Aber ich versteh' es nicht gan?, . . . Stör' ich Sie nicht, 
Herr Fichtner ? Sie wollten Papiere in Ordnung 
bringen ? 

JULIAN. Ach, das eilt nicht. Die Ordnung ist 
rasch gemacht. Das meiste wird verbrannt 

FELIX. Wie? 

JULIAN. Es ist doch am vernünftigsten, Dinge, 
die man kaum mehr ansehen würde, zu vernichten. 

FELIX. Macht Sie das nicht ein bißchen traurig, 
so mit Ihrer Vergangenheit aufzuräumen ? 

JULIAN. Traurig ? . . . Dazu ist es doch ein zu 
natürlicher Vorgang. 

FELIX. Das kann ich nicht finden. Sehen Sie: 
Einen Brief oder ein Bild oder sonst etwas der Art 
gleich verbrennen, nachdem man's bekommen hat, das 
scheint mir selbstverständlich. Aber etwas, das über- 
haupt wert war, aus einem lebendigen Glück oder aus 
einem lebendigen Schmerz Erinnerung zu werden, das 
sollte eigentlich diese Bedeutung nie wieder verlieren 
können. Und nun gar in einem Leben wie das Ihrige, 
das so reich und so bewegt war. Haben Sie nicht selbst 
zuweilen eine gewisse . . . Ehrfurcht vor Ihrer Ver- 
gangenheit ? 

JULIAN. Wie kommst du auf solche Gedanken — 
du, der du so jung bist ? 

FELIX. Es geht mir eben durch den Sinn. 

JULIAN. Du hast vielleicht nicht unrecht. Aber 
es kommt noch etwas dazu, das mich veranlaßt, auf- 
zuräumen. Ich bin im Begriff, sozusagen heimatlos zu 
werden. 

FELIX. Wie? 

JULIAN. Ich gebe diese Wohnung auf und weiß 



5* 



noch nicht recht, wie es weiter werder^ soll. Da ist 
es mir lieber, mit den Dingen ein reinliches Ende zu 
machen, als sie in einer Kiste begraben und in einem 
Keller vermodern zu lassen. 

FELIX. Es muß Ihnen doch um mancherlei leid tun. 

JULIAN. Ich wüßte kaum 

FELIX. Und Sie haben gewiß auch manche Erin- 
nerungszeichen, die nicht für Sie allein etwas bedeuten. 
Entwürfe aller Art, die Sie gewiß zum Teil aufbewahrt 
haben. 

JULIAN. Denkst du an die Kleinigkeiten, die ich 
dir in Salzburg gezeigt habe ? 

FELIX. Auch an die denk' ich natürlich. 

JULIAN . Die sind noch eingepackt. Willst du sie 
haben ? 

FELIX. Gern. Ich werde Ihnen sehr dankbar sein. 
Sie haben einen ganz eigenen Reiz auf mich ausgeübt. 
Pause. Aber ich habe noch eine andere Bitte an Sie. 
Eine sehr große. Wenn Sie mir erlauben . . . 

JULIAN. Rede doch. 

FELIX. In Ihrem Besitze dürfte sich noch ein Por- 
trät meiner Mutter aus ihrer Mädchenzeit befinden. 
Ein kleines Bild in Aquarellfarben, das Sie selbst gemalt 
haben. 

JULIAN. Ja, ein solches Bild hab' ich gemalt. 

FELIX. Und Sie haben es noch ? 

JULIAN. Ich denke wohl, daß es sich finden wird. 

FELIX. Das möcht' ich gerne sehen. 

JULIAN. An dieses Bild erinnerte sich deine Mut- 
ter ... ? 

FELIX. Ja. Sie sprach mir davon am letzten Abend, 
an dem ich sie sah, am Abend vor ihrem Ende. Ich 
habe damals freilich nicht geahnt, daß es so nahe war 
. . . und sie wohl auch nicht. Heute erscheint es mir 
allerdings eigentümlich, daß sie gerade an diesem Abend 
so viel von längst verflossenen Tagen sprach. 

JULIAN. Und auch von diesem kleinen Bild ? 

FELIX. Es soll sehr gelungen sein. 



53 



JULIAN wie nachdenkend. Wo mag ich es nur auf- 
bewahrt haben ? Warte . . . Er gebt zu einem Bücherschrank, 
dessen unterer Teil durch eine Tür verschlossen ist. Er öffnet die 
Türe, einige Fächer vcerden sichtbar, in denen Mappen liegen. Ich 
habe es auf dem Land gemalt, in dem kleinen Häus- 
chen, das deine Großeltern bewohnten. 

FELIX. Ich weiß. 

JULIAN. An die alten Leute kannst du dich wohl 
kaum erinnern ? 

FELIX. Ganz dunkel. Es waren sehr einfache Men- 
schen, nicht wahr ? 

JULIAN. Ja. Er hat eine große Mappe aus einem Fach ge- 
nommen. In dieser Mappe wird es wohl sein. Legt sie auf 
den Schreibtisch und öffnet sie. Er setzt sich. 

FELIX steht hinter ihm, blicht über seine Schulter. 

JULIAN. Das hier ist das Häuschen, in dem sie 
wohnten, deine Großeltern und deine Mutter. Blättert 
weiter. Und dies hier, das ist der Ausblick ins Tal vom 
Friedhof aus. 

FELIX. Sommer . . . 

JULIAN. Ja. — Und dies hier, das ist das kleine 
Dorfwirtshaus, in dem ich und dein Vater wohnten . . . 
Und das — — Er betrachtet da: Blatt still. Beide schweigen 
längere Zeit. 

FELIX nimmt das Blatt in die Hand. Wie alt war meine 
Mutter damals? 

JULIAN der sitzen bleibt. Achtzehn Jahre. 

FELIX entfernt sich ein wenig von ihm, lehnt an einem Bücher- 
schrank, wie um das Bild in besserm Licht zu betrachten. Also 
ein Jahr, bevor sie heiratete. 

JULIAN. Es ist im selben Jahr gemalt. Pause. ■ 

FELIX. Wie merkwürdig es mich aus diesen Augen 
auschaut . . . Diese Lippen lächeln, sie reden beinahe 
zu mir . . . 

JULIAN. Was hat dir denn deine Mutter erzählt 
— an diesem letzten Abend f 

FELIX. Nicht viel. Aber mir ist, als wüßt' ich mehr, 
als sie mir erzählt hat. Es ist seltsam zu denken: So 



54 



wie sie mich aus diesem Bilde anblickt, hat sie auch 
Sie betrachtet. Mir scheint, als wenn eine gewisse Be- 
fangenheit in diesem Blick läge. Angst beinahe ... So 
sieht man Menschen an, die aus einer andern Welt 
kommen, nach der man sich sehnt und die man doch 
fürchtet. 

JULIAN. Damals war deine Mutter noch selten 
aus ihrem Dorf herausgekommen. 

FELIX. Sie war wohl anders als die meisten Frauen, 
die Ihnen begegnet sind, nicht wahr ? . . . Warum 
schweigen Sie ? Ich gehöre nicht zu den Menschen, 
die es nicht begreifen — nicht begreifen \vollen, daß 
auch Mütter und Schwestern Frauen sind. Ich kann 
mir wohl denken, daß damals eine Gefahr über ihr 
schwebte . . . und über einem andern. Einjach. Sie 
haben meine Mutter sehr lieb gehabt ? 

JULIAN. Du fragst sonderbar. — Ja, ich habe sie 
lieb gehabt. 

FELIX. Und es waren gewiß sehr glückliche Stun- 
den, als Sie in dem kleinen Garten am grünumrankten 
Zaune saßen, mit dieser Leinwand auf den Knien, und 
Ihnen gegenüber auf der hellen Wiese, mitten unter 
roten und weißen Blumen, stand dieses junge Mädchen, 
den Strohhut in der Hand mit den angstvoll lächelnden 
Augen. 

JULIAN. Von diesen Stunden sprach deine Mutter 
am letzten Abend ? 

FELIX. Ja. — Es ist vielleicht kindisch, aber seit- 
her erscheint es mir wie unmöglich, daß Ihnen irgend 
ein Wesen mehr bedeutet haben sollte als dieses. 

JULIAN immer bezcegter^ aber einjach. Ich will darauf 
nicht antworten. — Am Ende käme ich in die Ver- 
suchung, mich unwillkürlich besser zu machen, als ich 
bin. Du weißt ja, wie ich mein Leben geführt habe, 
daß es keinen so geregelten und einfachen Verlauf ge- 
nommen hat wie das von manchen anderen. Die Gabe, 
dauerndes Glück zu geben oder zu empfangen, lag wohl 
nicht in mir. 



55 



FELIX. Das fühl' ich. Das hab' ich immer gefühlt. 
Manchmal mit einer Art von Bedauern, — von Schmerz 
beinahe. — Aber gerade Menschen wie Sie, die schon 
von Natur bestimmt scheinen, sehr vieles und wechsel- 
volles durchzumachen . . . gerade solche Menschen, 
denk' ich mir, bewahren stille und milde Erinnerungen 
wie diese treuer und dankbarer in ihrem Gedächtnis 
als andere ... an leidenschaftlichere und trübere Er- 
lebnisse. — Hab' ich nicht recht ? 

JULIAN. Es mag wohl so sein. 

FELIX. Nie vorher hatte mir die Mutter von die- 
sem Bild gesprochen. Ist es nich sonderbar ? . . . An 
jenem letzten Abend zum ersten Male. — Wir waren 
ganz allein auf der Veranda, den andern hatt' ich schon 
adieu gesagt . . . Und plötzlich begann sie von diesen 
fernen, fernen Sommertagen zu reden. In ihren Wor- 
ten klang allerlei mit, was sie gewiß nicht ahnte. Ich 
glaube, ihre eigene Jugend, die sie selbst kaum mehr 
verstand, vertraute sich unbewußt der meinen an. Das 
liat mich mehr bewegt, als ich sagen kann. — So gein 
sie mich gehabt hat, nie hatte sie so zu mir gesprochen. 
Und ich glaube, so teuer wie in dieser Stunde ist sie 
mir nie vorher gewesen. — Und als ich endlich fort 
mußte, fühlte ich: sie hatte mir noch manches zu er- 
zählen. — Sie werden es nun verstehen, warum ich 
eine so starke Sehnsucht hatte, dieses Bild zu sehen. 
— Mir ist wirklich, als könnte es weiter zu mir reden, 
wie es meine Mutter selbst getan hätte, — wenn ich 
sie noch einmal hätte fragen dürfen! 

JULIAN. Frag' es nur . . . Frag' es, Fehx. 

FELIX durch die Bewegtheit von Julians Stimme aufmerksam 
gemacht^ siebt von dem Bilde auf zu ihm. 

JULIAN. Ich denke wohl, daß es dir noch manches 
wird sagen können. 

FELIX. Was ist Ihnen ? . . . 

JULIAN. Willst du das Bild behalten? 

FELIX. Wie \ ... 

JULIAN. Nun ja. Nimm es. Ich schenk' es dir 

56 



nicht. Sobald ich ein ständiges Quartier habe, will 
ich es wieder haben. Du sollst es aber sehen dürfen, 
so oft du willst. Hoffenthch fügt es sich, daß es dich 
keinen zu weiten Weg kostet. 

FELIX die Augen auf das Bild gerichtet. Es wird leben- 
diger von Sekunde zu Sekunde . . . Dieser Blick war 
auf Sie gerichtet! . . . Dieser Blick — ? Sollt' ich ihn 
ganz verstehen ? 

JULIAN . Auch Mütter haben ihre Schicksale wie 
andere Frauen. 

FELIX. Ich glaube wirklich, es verschweigt mir 
nichts mehr. 

Legt das Bild bin. — Große Pause. — Er siebt ibn an. 

JULIAN. Nimmst du es nicht mit dir? 

FELIX. Nicht jetzt. Es gehört Ihnen mehr, als 
ich ahnte. 

JULIAN. Und dir . . . 

FELIX. Nein, ich will es doch erst haben, bis sich 
mir dieses Schicksal völlig geoffenbart hat. Er sieht Julian 
fest in die Augen. Ich weiß nicht, wie mir ist; es hat 
sich in Wirklichkeit doch nichts geändert ? Nichts, — 
als daß ich weiß, was ich . . . 

JULIAN. Felix! 

FELIX. Nein, das ahnt' ich nicht. Ihn mit einem langen 
Bltck betrachtend, in dem Zärtlichkeit und eine Art von Neugier 
liegen. Leben Sie wohl. 

JULIAN. Du willst jetzt gehen? 

FELIX. Es verlangt mich sehr, eine Weile allein zu 
sein. — Auf morgen. 

JULIAN. Auf Wiedersehen, Fehx. Morgen bin ich 
in euerm . . . morgen bin ich bei dir, Felix. 

FELIX. Ich erwarte Sie. Er geht. 

JULIA A^ bleibt eine Weile ruhig stehen, dann geht er zum 
Schreibtisch und bleibt^ in den Anblick des Bildes versunken, stehen. 

Vorhang. 



57 



DRITTER AKT 

Zimmer im Hause JVegrat^ an das die Veranda grenzt. Entsprechender 
Ausblick. 

Erste Szene 

JOHANNA allein. Dann SALA. 
JOHANNA sitzt auf einem Sessel, mit verschlungenen Händen. 

SALA tritt ein. Guten Morgen, Johanna. 

JOHANNA steht auf, tritt ihm entgegen, sieht ihn an. 
Kommst du zum letztenmal? 

SALA. Zum letztenmal ? Was fällt dir ein ? Es 
hat sich in unsern Dispositionen nicht das Geringste 
geändert. Heut ist der siebente Oktober, am sechs- 
undzwanzigsten November geht das Schiff von Genua 
ab. 

JOHANNA. Du wirst plötzlich von hier ver- 
schwunden sein. Ich werde bei der Gartentüre stehen, 
und sie wird verschlossen bleiben. 

SALA. Solche Dinge sind doch zwischen uns nicht 
notwendig. 

JOHANNA. Nein, wahrhaftig nicht. Bedenke das. 

Zweite Szeiie 

JOHANNA und SALA. FELIX tritt ein. 

FELIX. Sie sind es, Herr von Sala ? Händedruck. Nun, 
wie weit halten Sie mit Ihren Vorbereitungen? 

SALA. Es braucht keiner besondern. Ich packe 
meine Koffer, lasse die Vorhänge herunter, sperre die 
Türen ab — und dann geht es in rätselhafte Fernen. 
Ich habe übrigens eine Frage an Sie, Felix. Hätten 
Sie einige Lust, mit uns zu kommen ? 

FELIX erstaunt. Ob ich Lust hätte — ? Fragen Sie 
mich das im Ernst, Herr von Sala ? 

SALA. Die Frage ist genau so ernst gemeint, als 
Sie sie nehmen wollen. 



58 



FELIX. Wie soll ich das verstehen ? Ob ich mit 
Ihnen nach Asien gehen will ? Was sollte man denn 
mit mir bei einem Unternehmen dieser Art anfangen f 

SALA. Das liegt doch ziemlich nahe. 

FELIX. Handelt es sich denn nicht um eine Ex- 
pedition von rein wissenschaftlichem Charakter? 

SALA. Als solche ist sie wohl gedacht. Aber es ist 
sehr leicht möglich, daß es allerlei geben wird, wobei 
junge Männer wie Sie sehr gut am Platze sein werden. 

FELIX. Männer wie ich — ? 

SALA. Vor sieben Jahren unter Rolston war man- 
cherlei zu bestehen, was nicht im Reiseprogramm vor- 
gesehen war. Und in der Ebene Karakum am Flusse 
Amu Dar ja gab es eine regelrechte kleine Schlacht. 



Dritte Szene 

JOHANNA^ FELIX, SALA. DOKTOR REUMANN 
ist aufgetreten. 

DOKTOR REUMANN. Für die, die dort Hegen 
geblieben sind, wird sie groß genug gewesen sein, Ihre 
kleine Schlacht. Flüchtige Begrüßung, Händer eichen, ohne daß 
das Gespräch unterbrochen wird. 

SALA. Da mögen Sie wohl recht haben, Herr Doktor. 

FELIX. Erlauben Sie, Herr von Sala, haben Sie nur 
im eigenen Namen gesprochen ? Ist es ein plötzlicher 
Einfall — oder ist es mehr? 

SALA. Ich spreche zwar nicht direkt im' Auftrag 
von irgend jemand, aber nach einer Besprechung, die 
gestern im Ministerium des Äußern stattgefunden hat 
und der ich beigezogen war, halte ich mich für berech- 
tigt, noch einiges hinzuzufügen. — O, es sind keine 
Geheimnisse. Sie haben ja wahrscheinlich gelesen, 
Felix, daß uns ein Herr vom Generalstab, einige 
Genie- und Artillerieoffiziere sozusagen in offiziöser 
Eigenschaft beigegeben werden. Nach den letzten 
Nachrichten aus Asien, die mir allerdings nicht ganz 



59 



zuverlässig erscheinen, da sie über England zu uns ge- 
langt sind, hat man sich entschlossen, sich der weitern 
Mitwirkung von einigen Jüngern Truppenoffizieren zu 
versichern, was vorerst auf dem Weg privater Auffor- 
derung geschehen soll. 

FELIX. Und es bestünde eine Möglichkeit, daß 
ich — ? 

SALA. Gestatten Sie mir, mit dem Grafen Ronsky 
zu reden ? 

FELIX. Sie nannten dem Grafen meinen Namen ? 

SALA. Ich habe die Erlaubnis, die Frage an Sie zu 
richten, ob Sie bereit wären, sich am sechsundzwanzig- 
sten November mit uns in Genua einzuschiffen. 

DOKTOR REUMANN. So bald schon gedenken 
Sie Wien zu verlassen ? 

SALA. Ja. Leicht. Warum sehen Sie mich so an, Herr 
Doktor ? Dieser Blick ist ein wenig unvorsichtig gewesen. 

DOKTOR REUMANN. Inwiefern? 

SALA. Er sagt ungefähr: Abreisen magst du; aber 
ob du zurückkommen wirst, das ist eine recht zweifel- 
hafte Sache. 

DOKTOR REUMANN. Nun hören Sie, Herr von 
Sala, einer solchen Unternehmung gegenüber dürfte 
man auch einen solchen Zweifel laut werden lassen. 
Aber interessiert Sie denn das überhaupt, Herr von 
Sala, ob Sie wiederkommen werden oder nicht ? Sie 
gehören doch nicht zu der Sorte Menschen, die ihre 
Angelegenheiten ordnen wollen ? 

SALA. Ach nein. Umsoweniger, als es in solchen 
Fällen doch immer die Angelegenheiten anderer sind, 
mit denen man sich überflüssigerweise beschäftigt. Und 
wenn es mich interessieren würde, wie es mit mir steht, 
so hätt' ich einen triftigeren Grund. 

JOHANNA. Welchen? 

SALA. Ich wünsche nicht um das Bewußtsein meiner 
letzten Tage betrogen zu werden. 

DOKTOR REU MANN. Das ist ein Wunsch, mit 
dem Sie ziemlich vereinzelt dastehen dürften. 



60 



SALA. Jedenfalls wären Sie verpflichtet, Doktor, 
mir die absolute Wahrheit zu sagen, wenn ich Sie dar- 
um fragen sollte. Ich finde, man hat das Recht, sein 
Dasein vollkommen auszuleben, mit allen Wonnen und 
mit allen Schaudern, die darin verborgen liegen. So 
wie wir wahrscheinlich die Pflicht haben, jede gute Tat 
und jede Schurkerei zu begehen, die innerhalb unserer 
Fähigkeiten liegt . . . Nein, Sie sollen mir meine Todes- 
stunde nicht wegeskamotieren ! Es wäre ein kleinlicher 
Standpunkt, meiner und Ihrer nicht würdig. — Nun 
Felix, am sechsundzwanzigsten November. Es sind 
sieben Wochen bis dahin! Was die Erledigung der For- 
malitäten anbelangt, brauchen Sie sich keinerlei Sorgen 
zu machen. 

FELIX. Innerhalb welcher Frist muß ich mich ent- 
scheiden ? 

SALA. Es ist kein Anlaß, sich zu übereilen. Wann 
läuft Ihr Urlaub ab ? 

FELIX. Morgen abend. 

SALA. Sie werden sich wohl mit Ihrem Vater be- 
sprechen wollen. 

FELIX. Mit meinem Vater — natürhch. — Aber 
jedenfalls bringe ich Ihnen morgen früh die Antwort, 
Herr von Sala. 

SALA. Schön. Ich würde mich sehr freuen. Aber 
immerhin bedenken Sie: Ein Spaziergang ist es nicht. 
Also auf Wiedersehen. Adieu, Fräulein Johanna. Leben 
Sie wohl, Herr Doktor. Er geht ab. 

Kurze Pause. Die Zurückbleibenden in einiger Bezvegung. 

JOHANNA erhebt sich. Ich gehe auf mein Zimmer. 
Adieu, Herr Doktor. Ab. 



Vierte Szene 

FELIX ^ DOKTOR REU MANN. Dann JOHANNA. 

DOKTOR REUMANN. Sie sind entschlossen, 
FeHx ? 



6i 



FELIX. Beinahe. 

DOKTOR REUMANN. Nun werden Sie viel 
Neues kennen lernen. 

FELIX. Unter anderm hoffentlich mich selbst, wozu 
es nun endlich Zeit wäre . . . Zitierend. „In rätselhafte 
Fernen . . ." Wird es nur wahr werden ? Es wäre ge- 
radezu berauschend! 

DOKTOR REUMANN. Und Sie haben sich Be- 
denkzeit ausgebeten ? 

FELIX. Ich weiß kaum, warum. Und doch . . . 
Der Gedanke, daß man Menschen zurückläßt und sie 
vielleicht nicht wiederfindet, — und keineswegs so 
wiederfindet, wie man sie verlassen hat, und daß man 
ihnen vielleicht ein Leid zufügt, dadurch, daß man 
geht ... 

DOKTOR REUMANN. Wenn Sie nichts anderes 
zögern macht, so ist es um jede Stunde der Ungewiß- 
heit schade. Nichts entfernt Sie sicherer von Menschen, 
die Ihnen teuer waren, als das Bewußtsein, durch eine 
Pflicht in ihre Nähe gebannt zu sein. Ergreifen Sie 
nur diese einzige Gelegenheit und reisen Sie nach 
Genua, Kleinasien, Tibet, Baktrien ... Ja, es muß 
schön sein. Meine besten Wünsche begleiten Sie. 
Reicht ihm die Hand. 

FELIX. Ich danke Ihnen. Aber mit diesen Wünschen 
hat es wohl noch Zeit. Wie immer die Sache sich ent- 
scheidet, wir sehen uns vor meiner Abreise noch zu 
öfteren Malen. 

DOKTOR REUMANN. Hoffenthch. Natürlich. 

FELIX sieht ihn fest an. Herr Doktor! — In Ihrem 
Händedruck hab' ich etwas gespürt wie einen ernsten 
Abschied. 

DOKTOR REUMANN lächelnd. Kann man denn 
jemals wissen, ob man einander wiedersieht ? 

FELIX. Herr Doktor . . . hat Herr von Sala Ihren 
Blick richtig gedeutet ? 

DOKTOR REUMANN. Für Sie kommt das kaum 
in Betracht. 



62 



FELIX. Er wird nicht mit uns gehen? 

DOKTOR REU MANN zögemd. Das ist schwer vor- 
herzusagen. 

FELIX. Zu lügen haben Sie nicht gelernt, Herr 
Doktor. 

DOKTOR REUMANN. Wie die Dinge stehen, 
glaube ich, können Sie die Angelegenheit ohne 
weitere Beihilfe zu Ende führen. 

FELIX. Herr von Sala war vor wenigen Tagen bei 
Ihnen ? 

DOKTOR REUMANN. Ja, es ist noch nicht lange 
her. Pause. Nun, daß er leidend ist, das sehen Sie ja 
selbst, nicht wahr? — Also grüß' Sie Gott, Fehx. 

FELIX. Werden Sie der Freund unseres Hauses 
bleiben, wenn ich fort bin ? 

DOKTOR REUMANN. Warum stellen Sie solche 
Fragen an mich, Felix? 

FELIX. Sie wollen nicht wiederkommen! ... Ja, 
warum ? 

DOKTOR REU MANN. Ich versichere Sie . . . 

FELIX. Ich verstehe . . . 

DOKTOR REUMANN verlegen. Was gibt es hier 
zu verstehen ... ? . . . 

FELIX. Lieber Doktor . . . Nun weiß ich . . . 
warum Sie in dieses Haus nicht mehr kommen wollen . . . 
Es hat sich wieder einmal ein anderer den Hals ge- 
brochen . . . Lieber Freund — 

DOKTOR REUMANN. Leben Sie wohl . . . Fehx . . . 

FELIX. Und wenn man Sie zurückrufen sollte . . . 

DOKTOR REU MANN. Man wird es nicht tun . . . 
Wenn man mich braucht, werd' ich immer zu finden 
sein . . . 

JOHANNA tritt ins Zimmer. 

DOKTOR REUMANN. Adieu . . . Adieu Fräulein 
Johanna . . . 

JOHANNA. Sie gehen schon, Herr Doktor? 

DOKTOR REU MANN. Ja . . . Empfehlen Sie 
mich Ihrem Herrn Vater. Adieu . . . Reicht ihr die Hand. 



63 



Fünfte Szene 

JOHANNA, FELIX. 

JOHANNA ruhig. Hat er dir gesagt, daß Sala ver- 
loren ist ? 

FELIX zögert. 

JOHANNA. Ich wüßt' es. Wie Felix reden u-ill, bat 
sie eine seltsam abwehrende Bewegung. Und du gehst — mit 
ihm oder ohne ihn. 

FELIX. Ja. Pause. Es wird jetzt hier recht still 
werden. 

JOHANNA unbeweglich. 

FELIX. Und wie wirst du leben, Johanna ? . . . Ich 
meine, wie werdet ihr beide leben, du und der Vater? 

JOHANNA sieht ihn an, als wundere sie sieb, daß er sie fragt. 

FELIX. Er wird sich einsam fühlen. Er würde es 
sehr dankbar empfinden, denk' ich, wenn du dich ein 
bißchen mehr mit ihm beschäftigtest, vielleicht mit 
ihm in freien Sturrden spazieren gingst. Auch für 
dich — — 

JOHANNA herb. Was hülfe es mir oder ihm ? Was 
soll er mir sein oder ich ihm ? Ich bin nicht dazu ge- 
schaffen, Menschen beizustehen in trüben Tagen. Ich 
kann mir nicht helfen, es ist nun einmal so. Wie eine 
Feindschaft regt es sich in mir gegen Menschen, die 
auf mein Mitleid angewiesen sind. Ich hab' es gefühlt 
die ganze Zeit hindurch, als die Mutter krank war. 

FELIX. Nein, du bist nicht dazu geschaffen . . . 
Wozu nur magst du geschaffen sein ? 

JOHANNA zuckt die Achseln, sitzt wieder mit verschlungenen 
Händen und sieht vor sich hin. 

FELIX. Johanna! Warum redest du denn nicht 
mehr zu mir wie sonst ? Hast du mir nicht vielleicht 
etwas zu sagen ? Erinnere dich doch, wie wir uns früher 
alles erzählt haben. 

JOHANNA. Das ist lange her. Damals waren wir 
Kinder. 

FELIX. Warum kannst du nicht mehr so zu mir 



64 



reden wie damals, Johanna ? Weißt du denn nicht 
mehr, wie gut wir uns einmal verstanden haben ? 
Wie wir uns alle Geheimnisse anvertraut haben! 
Wie gute Kameraden wir gewesen sind! . . . Wie 
wir zusammen in die weite Welt haben ziehen 
wollen ! 

JOHANNA. In die weite Welt . . . O ja. Ich weiß 
es noch. Aber jetzt gibt es keine solchen Märchen- und 
Wunderworte mehr! 

FELIX. Das käme vielleicht nur auf uns an. 

JOHANNA. Nein, jetzt bedeuten die Worte nicht 
dasselbe wie früher. 

FELIX. Wie meinst du das ? 

JOHANNA. In die weite Welt . . . 

FELIX. Was hast du, Johanna? 

JOHANNA. Einmal hab' ich zusammen mit dir 
im Belvedere ein Bild gesehen, an das denk' ich oft: 
Da ist eine Wiese mit Rittern und Damen — und ein 
Wald, ein Weinberg, ein Wirtshaus, und Burschen und 
Mädeln im Tanz, und eine große Stadt mit Kirchen 
und Türmen und Brücken. Und über die Brücke mar- 
schieren Soldaten, und auf dem Fluß gleitet ein Schiff 
dahin. Und weiter draußen ist ein Hügel, und auf dem 
Hügel ein Schloß, und in der Ferne hohe Berge. Und 
über dem Berg stehen Wolken, und über der Wiese 
schwimmen Nebel, und über die Stadt ergießt sich 
Sonnenglanz, und über das Schloß zieht ein Gewitter, 
und auf den Bergen liegt Schnee und Eis. — Und 
wenn einer sagte „die weite Welt", oder wenn ich das 
Wort irgendwo las, so hab' ich immer an das Bild denken 
müssen. Und so ging's mir mit vielen von diesen Wor- 
ten, die so großartig klingen. Gefahr, das war ein 
Tiger mit weitaufgesperrtem Rachen, — Liebe, das 
war ein Page mit blonden Locken, der vor einer Dame 
kniet, — der Tod war ein schöner Jüngling mit schwar- 
zen Flügeln und einem Schwert in der Hand, — und 
Ruhm war Schall von Trompeten, Menschen, die sich 
verneigen, und ein blumenbestreuter Weg. Daraals 

TbeatetEtQcke. III, 5< ÖC 



konnte man freilich über alles reden, Felix. Aber jetzt 
sieht alles anders aus . . . Ruhm und Liebe und Tod 
und die weite Welt. 

FELIX zögernd. Mir wird ein wenig bang um dich, 
Johanna. 

JOHANNA. Warum, Felix? 

FELIX. Johanna! — Ich möchte, daß du unserni 
Vater keinen Kummer bereitest. 

JOHANNA. Steht das bei mir allein? 

FELIX. Ich weiß, wohin deine Träume gehen, Jo- 
hanna, — Was soll das werden ? 

JOHANNA. Muß denn alles etwas werden? — 
Ich denke, Fehx, daß es die Bestimmung mancher 
Menschen sein mag, einander gar nichts anderes zu 
bedeuten als Erinnerung. 

FELIX. Johanna! — Du liast es selbst gesagt, — 
daß du nicht geschaffen bist, Menschen leiden zu 
sehen. 

JOHANNA zuckt leicht zusatKmen. 

FELIX. Leiden . . . und . . . 



Sechste Szene 

FFLIX, JOHANNA. JULIAN tritt ein. 

JULIAN. Guten Tag. Er reicht Felix die Hand. 

JOHANNA ist aufgestanden. Herr Fichtner! Sie reicht 
ihm die Hand. 

JULIAN. Ich hätte dich kaum wiedererkannt, Jo- 
hanna. Du bist ja eine junge Dame geworden. — Euer 
Vater ist noch nicht zu Hause ? 

JOHANNA. Er ist noch gar nicht weggegangen. 
Erst um zwölf hat er auf der Akademie zu tun. 

JULIAN. Er wird wohl im Atelier sein ? 

JOHANNA. Ich will ihn gleich rufen. 

JULIAN steht um sich. 
fFie Johanna toeggeben will, tritt Wegrat ein, mit Hut und Steck. 

66 



Siehente Szene 

FELIX, JOHANNA, JULIANA, WEGRAT. Dann 
ST UBENMÄDCHEN. 

WEGRA7 reicht Julian die Hand. Mein lieber Freund! 
Ich freue mich sehr. 

JULIAN . Erst gestern nach meiner Ankunft habe 
ich es erfahren — durch Sala. Ich brauche dir nicht 
erst zu sagen . . . 

WEGRAT. Ich danke dir für deine Teilnahme. 
Ich danke dir herzlich. — Setz' dich doch, Julian. 

JULIAN. Du wolltest fortgehen? 

JVEGRAT. Es ist nicht so eilig; erst um zwölf 
hab' ich auf der Akademie zu tun. Johanna, möchtest 
du so gut sein, mir für alle Fälle einen Wagen holen 
zu lassen — ? 

JOHANNA ab. 

WEGRAT setzt sieb. 

JULIAN ebenso. 

FELIX steht an den Kamin gelehnt. 

WEGRAT. Nun, du bist ja diesmal recht lange 
fortgeblieben. 

JULIAN. Mehr als zwei Jahre. 

WEGRAT. Wärest du nur um zehn Tage früher 
gekommen, so hättest du sie noch einmal gesehen. 
Es kam so schnell; — wenn auch nicht unerwartet. 

JULIAN. Ich habe gehört. 

WEGRAT. Und nun bleibst du wohl wieder da- 
heim, nicht wahr ? 

JULIAN. Einige Zeit. Wie lange, kann ich freilich 
nicht sagen. 

WEGRAT. Nun ja. Programme zu machen, ist 
deine Sache nie gewesen. 

JULIAN. Ja. Dagegen hab' ich eine gewisse Ab- 
neigung. Pause. 

WEGRAT. Ach Gott, mein lieber Freund — wie 
oft habe ich in der letzten Zeit an dich gedacht! — 

JULIAN. Und ich . . . 

5* 6y 



WEGRAT. Du hast nicht so oft Gelegenheit 
dazu . . . Aber ich . . . wenn ich das Gebäude betrete, 
wo ich jetzt in Amt und Würden schalte, fällt es mir 
natürlich manchmal ein, wie wir als junge Leute neben- 
einander im Modellsaal gesessen sind, mit tausend 
Plänen und Hoffnungen. 

JULIAN. Das sagst du so melancholisch. Es haben 
sich doch manche erfüllt. 

WEGRAT. Manche ... ja . . . Und man möchte 
doch wieder jung sein, selbst um den Preis der gleichen 
Sorgen und Kämpfe . . . 

JULIAN. Und selbst auf die Gefahr hin, allerlei 
Schönes noch einmal durchmachen zu müssen. 

WEGRAT. Wahrhaftig, das trägt sich am aller- 
schwersten, wenn es Erinnerung geworden ist. — Du 
warst wieder in ItaHen ? 

JULIAN. Ja, auch in Italien war ich. 

WEGRAT. Ich bin nun lange nicht mehr dort 
gewesen. Seit wir zusammen mit dem Ränzel auf dem 
Rücken durchs Ampezzaner Tal gewandert sind — 
nach Pieve und bis hinunter nach Venedig. Erinnerst 
du dich noch ? So heU hat die Sonne nicht wieder ge- 
schienen. 

JULIAN. Es sind wohl beinahe dreißig Jahre her. 

WEGRAT. Nein, so lang ist es nicht. Du warst 
ja damals schon ein bekannter Mann. Du hattest ge- 
rade das schöne Bild von Irene Herms gemalt. Es war 
im Jahr, bevor ich heiratete. 

JULIAN. Ja, ja. 

Pause. 

WEGRAT. Erinnerst du dich noch an den Som- 
mermorgen, an dem du mich zum erstenmal in die 
Kirchau begleitet hast ? 

JULIAN. Natürlich. 

WEGRAT. Wie wir auf dem leichten Landwägel- 
chen durch das breite sonnige Tal fuhren ? Und er- 
innerst du dich an das kleine Gärtchen am Hügelhang, 
wo du Gabriele und ihre Eltern kennen lerntest? 



68 



FELIX mit beherrschter Bewegung. Vater, Steht denn 
das Haus noch, in dem die Mutter damals wohnte? 

WEGRA7. Nein, längst nicht mehr. Man hat 
eine Villa hingebaut. Vor fünf oder sechs Jahren waren 
wir nämlich zum letztenmal dort und haben das Grab 
deiner Großeltern besucht. Alles hat sich dort ver- 
ändert, nur der Friedhof nicht ... Zu Julian. Weißt 
du noch, Julian, wie wir einmal an einem schwülen, 
wolkigen Nachmittag auf der niederen Friedhofsmauer 
gesessen sind und ein so merkwürdiges Zukunftsge- 
spräch geführt haben ? 

JULIAN. Der Tag ist mir sehr deuthch im Ge- 
dächtnis. Aber worüber wir sprachen, erinnere ich mich 
nicht mehr. 

WEGRA1. Die Worte sind mir auch entschwun- 
den, aber ich weiß noch, es war ein sonderbares Ge- 
spräch . . . Die Welt tat sich gewissermaßen weiter 
auf als sonst. Und ich spürte eine Art von Neid auf 
dich, wie manchmal zu jener Zeit. In mir erwachte 
ein Gefühl, als könnt' ich auch alles, — wenn ich nur 
wollte. Es gab so viel zu sehen, zu erfahren, — das 
Leben strömte so mächtig hin; man mußte nur etwas 
frecher sein und selbstbewußter und sich hineinwer- 
fen ... Ja, so war mir zu Mute, während du redetest . . . 
Und da kam Gabriele heraufgeschritten, auf dem schma- 
len Weg zwischen den Akazien, vom Dorfe her, den 
Strohhut in der Hand, und nickte mir zu. Und alle 
meine Zukunftsträume schwebten nur mehr um sie, 
und die ganze Welt war wieder wie in einen Rahmen 
gefaßt und war doch groß genug und schön genug . . . 
Wo nimmt das nur mit einem Male wieder seine Farben 
her ? Alles war doch schon so gut wie vergessen, und 
nun, seit sie tot ist, schimmert es wieder so lebendig, 
daß man erschrecken könnte . . . Ah, man sollte lieber 
nicht dran denken. Wozu ? Wozu ? Pause. Ergebt zum Fenster. 

JULIAN in Befangenheit^ die er zu überwinden sucht. Es 
ist klug und mutig von dir, daß du so rasch wieder 
deine Tätigkeit aufgenommen hast. 

69 



WEGRAT. Wenn man sich einmal entschlossen 
hat, weiter zu existieren — ?! Arbeit ist doch das 
einzige, was einem über dieses Gefühl des Alleinseins 
hinweghilft . . . dieses Alleingelassenseins. 

JULIAN. Mir ist, als wenn dich der Schmerz ein 
wenig ungerecht machte gegenüber — manchem, was 
dir geblieben. 

IVEGRAT. Ungerecht — ? Nein, ich will es wirk- 
lich nicht sein. Ihr nehmt es mir doch nicht übel, 
Kinder . . .! Nicht wahr, Felix, du verstehst mich ganz 
gut ? Es gibt so vieles, was die jungen Leute von uns 
fortruft — fortlockt — fortreißt von allem Anbeginn. 
Wir führen ja doch nur einen Kampf um unsere Kinder 
von dem Augenblick an, da sie überhaupt da sind — 
und einen ziemlich aussichtslosen obendrein. Das liegt 
im Laufe der Welt: Sie können uns ja nie gehören. 
Und was die andern Menschen anbelangt . . . auch un- 
sere Freunde sind doch nur Gäste in unserem Leben, 
erheben sich vom Tisch, wenn abgespeist ist, gehen die 
Treppe hinab und haben — wie wir — ihre eigene 
Straße und ihr eigenes Geschäft. Das ist ja auch ganz 
natürlich . . . Was nicht hindert, Julian, daß man sich 
freut — aufrichtig freut, wenn einer den Weg wieder 
zu uns findet. Und gar einer, der einem wirklich sein 
Lebtag sehr wert gewesen. Das kannst du mir glauben, 
Julian. Händedruck. Und nicht wahr, SO lang du in Wien 
bleibst, seh' ich dich wieder öfters bei mir ? Du würdest 
mir einen rechten Gefallen erweisen. 

JULIAN. Gewiß werd' ich kommen. 

STUBENMÄDCHEN tritt ein. Der Wagen ist da, 
Herr Professor. Ab. 

WEGRAT. Ich komme schon. Zu Julian. Du hast 
mir viel zu erzählen. Du warst ja so gut wie ver- 
schollen. Es interessiert mich natürlich zu wissen, was 
du alles gemacht hast — und noch mehr, was du vor- 
hast. Felix sprach uns von einigen sehr interessanten 
Entwürfen, die du ihm gezeigt hast. 

JULIAN. IcJi begleite dich, wenn es dir recht ist. 



70 



WEGRAT. Danke. Aber noch freundlicher wäre 
es von dir, wenn du gleich bei uns bliebst und mit uns 
zu Mittag speisen wolltest. 

JULIAN. Nun... 

WEGRAT. Ich bin rasch fertig; ich habe heute 
nur rein administrative Angelegenheiten zu erledigen 
— ein paar Unterschriften. In Dreiviertelstunden bin 
ich zurück. Indes leisten dir die Kinder Gesellschaft, 

wie so oft in früherer Zeit . . . Kinder! Also du 

bleibst ? Auf Wiedersehen. Ab. 



Achte Szene 

FELIX, JULIAN. 

Lange Pause. 

FELIX. Warum sind Sie nicht mit ihr fortge- 
gangen ? 

JULIAN. Deine Alutter ist ohne Schuld; wenn 
es eine gibt, so trag' ich sie allein. Ich will dir alles 
erzählen. 

FELIX nickt. 

JULIAN. Es war damals verabredet, daß wir zu- 
sammen fort sollten. Alle Vorbereitungen waren ge- 
troffen. Wir wollten im geheimen den Ort verlassen, 
weil deine Mutter vor Auseinandersetzungen und Er- 
klärungen eine begreifliche Scheu hatte. Unsere Ab- 
sicht war, von der Reise aus, nach wenigen Tagen, die 
Sache aufzuklären. Die Stunde unserer gemeinschaft- 
lichen Abreise war schon bestimmt. Der . . . später ihr 
Gatte wurde, war eben auf einige Tage nach Wien 
gereist, um Dokumente zu besorgen; in einer Woche 
sollte die Hochzeit sein. Pause. Unser Plan stand fest. 
Alles war verabredet. Der Wagen war schon bestellt, 
der abseits vom Orte warten soUte. Am Abend hatten 
wir einander Adieu gesagt und waren beide überzeugt, 
daß wir uns am nächsten Morgen wiedersehen würden, 
um uns überhaupt nie wieder zu trennen. — Es kam 



71 



anders. Du darfst nicht daran denken, daß es 

deine Mutter war, du mußt mich anhören, als wäre 
es die Geschichte von fremden Leuten — dann wirst 
du alles verstehen. 

FELIX. Ich höre. 

JULIAN. Im Juni war ich in die Kirchau gekom- 
men, an einem schönen Sommermorgen — mit ihm . . . 
Du weißt es ja. Ich wollte mich nur wenige Tage auf- 
halten. Aber ich blieb. Einigemal nahm ich mir vor, 
zur rechten Zeit wieder abzureisen: Aber ich blieb. 
Und lächelnd mit schicksalshafter Notwendigkeit glit- 
ten wir in Sünde, Glück, Verhängnis, Verrat — und 
Traum. Ja wahrhaftig, davon hatte es am allermeisten. 
Und nach diesem letzten Abschied, der nur für eine 
Nacht gelten sollte; — als ich in das kleine Wirtshaus 
zurückgekehrt war und alles für die Reise in Ordnung 
brachte, kam ich eigentlich das erstemal recht zum 
Bewußtsein der Dinge, die geschehen waren und die 
bevorstanden. Es war wirklich beinah, wie wenn ich 
erwachte. Erst jetzt, in der Stille der Nacht, während 
ich am offenen Fenster stand, wurde es mir klar, daß 
morgen früh eine Stunde kam, die über meine ganze 
Zukunft entscheiden sollte. Und da begann es . . . wie 
leichte Schauer über mich zu fließen. Unten sah ich 
die Straße hinlaufen, auf der ich gekommen war; die 
führte ins Land hinaus, stieg die Hügel hinan, die die 
Aussicht versperrten, und verlor sich ins Weite, ins 
Unbegrenzte — zu tausend unbekannten, unsichtbaren 
Straßen, die alle in diesem Augenblick noch zu meiner 
freien Verfügung standen. Mir war, als läge dort, 
hinter jenen Hügeln meine Zukunft, schimmernd von 
Glanz und Abenteuern, und wartete auf mich . . . aber 
auf mich allein. Das Leben gehörte mir — aber nur 
dieses eine. Und um es ganz zu nehmen und ganz 
zu genießen, um es so zu leben, wie es mir bestimmt war, 
braucht' ich völlige Sorglosigkeit und Freiheit wie bis- 
her. Und ich wunderte mich beinah, daß ich so bereit 
gewesen war, die Unbekümmertheit meiner Jugend, 



72 



die Fülle meines Daseins hinzugeben . . . Und wofür ? 
— Für eine Leidenschaft, die in all ihrer Glut und 
Süßigkeit doch begonnen hatte wie manche andere und 
bestimmt war zu enden wie alle. 

FELIX. Bestimmt war zu enden ?. . . Enden mußte ? 

JULIAN. Ja. Mußte. Im Augenblick, da ich das 
Ende vorhersah, war es gcAvissermaßen schon da. Auf 
etwas warten, das kommen muß, heißt, es tausendmal, 
heißt — es in Wehrlosigkeit und Überdruß und Zorn er- 
leben. Das wüßt' ich tief in dieser Stunde. Und ich 
hatte Angst davor. Dabei fühlt' ich ganz gut, daß ich 
im Begriff war, gegen ein Wesen, das sich mir ver- 
trauensvoll hingegeben, rücksichtslos, verräterisch zu 
handeln. — Aber alles schien mir wünschenswerter — 
nicht nur für mich, auch für sie — als ein langsames, 
klägliches, unwürdiges Vergehen. Und alle meine Be- 
denken gingen unter in der Ungeheuern Sehnsucht, 
mein Leben pflichtenlos, ungebunden weiterzuführen. 
Viel Zeit zu überlegen hatt' ich nicht. Und ich war 
froh darüber. Ich war entschlossen. Ich wartete den 
Morgen nicht ab. Noch eh' die Sterne untergegangen 
waren, bin ich fort. 

FELIX. Entflohen... 

JULIAN. Nenn' es, wie du magst. — Ja, es war 
eine Flucht, so gut und so schlecht, so unbedenklich 
und ... so feig wie irgend eine . . . mit aller Angst des 
Verfolgtwerdens, mit aller Glückseligkeit des Entkom- 
menseins. Ich verhehle dir nichts, Felix. Du bist jung, 
es wäre sogar möglich, daß du es besser begreifst, als 
ich selbst es heute begreife. Es zog mich nicht zurück, 
keine Spur von Reue regte sich. Wie ein Rausch durch- 
strömte mich das Gefühl, frei zu sein. — Schon am 
Ende des ersten Tages war ich weit, — weiter, als auf 
irgend einem Meilenzeiger zu lesen stand. Schon an 
diesem ersten Tag begann das Bild der Frau zu ver- 
blassen, die zu einer schmerzlichen Enttäuschung, viel- 
leicht zu schlimmerem erwacht war, verklang mir die 
Erinnerung ihrer Stimme, war sie ein Schatten gleich 



73 



andern, die weit hinter mir zurück im Vergangenen 
schwebten. 

FELIX. Nein, es ist nicht wahr! So rasch war sie 
nicht vergessen, so reuelos zogen Sie nicht in die Welt. 
Dies soll eine Art von Buße sein. Sie stellen sich anders 
dar, als Sie sind. 

JULIAN. Nicht, um mich zu beschuldigen, und 
nicht, um mich zu verteidigen, sprech' ich zu dir. Ich 
sage dir einfach die Wahrheit. Du sollst sie hören. Es 
war deine Mutter, und ich bin es, der sie verlassen hat. 
Und ich sage dir noch mehr. Gerade an die Zeit, die 
dieser Flucht gefolgt ist, denk' ich zurück wie an die 
hellste und reichste, die ich jemals erlebt habe. Nie- 
mals, nicht früher und nicht später, hab' ich in einem 
8o herrlichen Bewußtsein von Jugend und Unbeschränkt- 
heit geschwelgt, niemals war ich so völlig Herr meiner 
Gaben, meines Lebens . . . nie ein so glücklicher Mensch 
als gerade damals. 

FELIX ruhig. Und wenn sie sich getötet hätte ? 

JULIAN. Ich glaube, ich hätte mich dessen für 
wert gehalten — in dieser Zeit. 

FELIX. Und vielleicht waren sie es damals wirk- 
lich. — Und sie wollte es tun, des bin ich gewiß. Der 
Lüge und Qual wollte sie ein Ende machen, wie es 
hunderttausend Mädchen vor ihr getan. Aber Millio- 
nen tun es nicht, und es sind die klügern. Und sicher 
dachte sie auch daran, dem, der sie zur Gattin nahm, 
die Wahrheit zu gestehen. Aber freilich, es schreitet 
sich leichter durchs Leben, wenn man nicht die Last 
eines Vorwurfs oder gar die einer Verzeihung zu tragen 
hat. 

JULIAN. Und wenn sie gesprochen hätte — ? 

FELIX. O, ich begreife, daß sie es nicht getan hat. 
Sie hätte niemandem damit genützt. So hat sie ge- 
schwiegen. Geschwiegen, als sie von der Trauung heim- 
kam, — geschwiegen, als das Kind geboren wurde, — 
geschwiegen, als der Geliebte das Haus ihres Gatten 
nach zehn Jahren wieder betrat, — geschwiegen bis 



74 



zum letzten Tag . . . Solche Schicksale gibt es aller- 
orten, und man muß nicht einmal . . . verworfen sein, 
um sie zu erleben oder um sie zu verschulden. 

JULIAN. Und es gibt wenige, denen es zusteht, 
zu richten — oder zu verurteilen. 

FELIX. Ich maße es mir nicht an. Es will mir 
nicht einmal ein, daß ich nun Betrüger und Betrogene 
vor mir sehen soll, wo mir bis vor einer Stunde Men- 
schen, die mir wert sind, in so reinen Beziehungen 
zu einander erschienen. Und völlig unmöglich ist es 
mir, mich selbst als einen andern zu empfinden als den, 
für den ich mich bis heute gehalten habe. Es ist eine 
Wahrheit ohne Kraft . . . Ein lebhafter Traum wäre 
zwingender als diese Geschichte aus verflossenenTagen, 
die Sie mir erzählt haben. Es hat sich nichts verän- 
dert . . . nichts. Das Andenken meiner Mutter ist mir 
so heilig als zuvor. Und der Mann, in dessen Haus ich 
geboren und auferzogen bin, der meine Kindheit und 
meine Jugend mit Sorgfalt und Zärtlichkeit umgeben 
hat und der meine Mutter — geliebt hat, gilt mir 
gerade so viel, als er mir bisher gegolten — und bei- 
nahe mehr. 

JULIAN. Und doch, Felix, so kraftlos dir diese 
Wahrheit scheint, — eines weißt du schon in diesem 
Augenblick des Zweifels: Als meinen Sohn hat deine 
Mutter dich geboren . . . 

FELIX. Zu einer Zeit, da sie Sie verfluchte. 

JULIAN. . . . auferzogen als meinen Sohn . . . 

FELIX. In Haß gegen Sie. 

JULIAN. Zuerst. Später in Verzeihung, und end- 
lich — vergiß es nicht — in Freundschaft für mich. 
— Und an jenem letzten Abend, woran hat sie sich 
erinnert ? . . . Wovon mit dir gesprochen ? . . . 
Von jenen Tagen, in denen sie das größte Glück 
erlebte, das einer Frau beschieden sein kann. 

FELIX. Und das tiefste Elend. 

JULIAN. Denkst du, es war Zufall, daß ihr am 
letzten Abend gerade jene Tage wieder durch den Sinn 



75 



gingen ? . . . Glaubst du, sie wußte nicht, daß du zu 
mir kommen und jenes Bild von mir verlangen würdest ? 
. . . Und denkst du, dein Wunsch bedeutete etwas an- 
deres als den letzten Gruß deiner Mutter an mich? — 
Verstehst du es, Felix ? . . . Und in dieser Sekunde — 
wehre dich nicht — steht es vor deinen Augen, — 
das Bild, das du gestern in deiner Hand hieltest; und 
deine Mutter sieht dich an. — Und der gleiche Blick 
ruht auf dir, Felix, der damals auf mir geruht hat, 
an dem glühenden und heiligen Tag, da sie in meine 
Arme sank und dich empfing. — Und was immer dich 
jetzt bewegt, Zweifel und Verwirrung, du weißt nun 
einmal die Wahrheit, deine Mutter selbst hat es ge- 
wollt, und es gibt für dich keine Möghchkeit mehr, zu 
vergessen, daß du mein Sohn bist. 

FELIX. Ihr Sohn ... — Es ist nichts als ein Wort. 
Es klingt ins Leere. — Ich sehe Sie an, ich weiß es, 
aber ich erfass' es nicht. 

JULIAN. Felix! — 

FELIX. Sie sind mir ein Fremder geworden, seit 
ich es weiß. Er wendet sieb ab. 

Vorhang. 



76 



VIERTER AKT 

Garte» im Hause des Herrn von Sala. Links das tveiße ebenerdige 
Haus, mit breiter Terrasse, von der sechs Steinstufen in den Garten 
berabfübren. Von der Terrasse führt eine breite Glastüre in den 
Salon. Im Vordergrund ein kleiner Teicb^ im Halbkreis herum eine 
kleine Baumanlage. Eine Allee läuft von hier aus schief nach recbtt 
bin. Am Beginn dieser Allee, dem Teich nahe, zwei Säulen. Auf 
diesen Säulen die Marmorbüsten von ztoei römischen Kaisern. Eine 
steinerne Bank mit Lehne halbkreisförmig, rechts vom Teich, unter 
Bäumen. Rückwärts schimmert das Gitter durch das dünn gewordene 
Gesträuch. Hinter dem Gitter Wald, rötlich belaubt, mäßig an- 
sUigend. Blaßblauer Herbsthimmel. Stille. — Die Szene einige 
Augenblicke leer. 

Erste Szene 

Von der Terrasse ans treten auf SALA und JOHANNA. Johanna 

schwarz gekleidet, Sala in grauem Anzug, dunklen Überzieher um die 

Schulter geworfen. — Sie gehen langsam die Treppe hinab. 

SALA. Es wird dir ein wenig kühl sein. Er macht 
ein paar Schritte ins Zimmer zurück, nimmt ein Cape, das dort 
bereit lag, legt es Johanna um die Schultern. Sie kommen allmählieb 
in den Garten herab. 

JOHANNA. Weißt du, was ich mir einbilde ? . . . 
Daß dieser Tag heute unser Tag ist — uns gehört, 
uns ganz allein. Wir haben ihn gerufen, und wenn 
wir wollten, könnten wir ihn halten . . . Die andern 
Menschen wohnen heute nur wie zu Gast in der Welt. 
Nicht wahr ? . . . Es kommt wohl daher, daß du ein- 
mal von diesem Tag gesprochen hast. 

SJLA. Von diesem — ? 

JOHANNA. Ja . . . als die Mutter noch lebte . . . 
Und nun ist er wirklich da. Die Blätter sind rot, der 
goldene Dunst liegt über den Wäldern, der Himmel ist 
blaß und fern, — und der Tag ist noch viel schöner 
und trauriger, als ich ihn je hätte ahnen können. Und 
ich erlebe ihn in deinem Garten und spiegle mich in 
deinem Teich. Sie steht dort und blickt hinab. Und doch 
werden wir ihn so wenig halten können, diesen goldenen 



77 



Tag, als das Wasser hier mein Bild behalten wird, 
wenn ich gehe. 

SALA. Sonderbar, in dieser klaren, lauen Luft weht 
doch schon eine Ahnung von Winter und Schnee. 

JOHANNA. Was kümmert's dich? Wenn diese 
Ahnung hier Wahrheit wird, bist du längst in einem 
andern Frühling. 

SA LA. Wie meinst du das ? 

JOHANNA. Nun, dort wo ihr hingeht, gibt's doch 
wohl keinen Winter wie bei uns. 

SALA nachdenklieb. Nein, keinen Winter wie bei uns. 
Pause. Und du ? 

JOHANNA. Ich — ? 

SALA. Ich meine, wenn ich nun fort bin, was wirst 
du tun ? 

JOHANNA. Wenn du fort bist — ? Sie betrachtet 
ihn. Er schaut in die Ferne. Warst du nicht lange fort 
von mir ? Und bist du's nicht am Ende auch in diesem 
Augenblick ? 

SALA. Was sprichst du denn da ? Ich bin bei dir . . . 
Was wirst du tun, Johanna ? 

JOHANNA. Ich habe dir's ja schon gesagt: Fort- 
gehen — wie du. 

SALA schüttelt den Kopf. 

JOHANNA. So bald als möglich. Jetzt hab' ich 
noch den Mut dazu. Wer weiß, was später aus mir 
wird, wenn ich hierbleibe. 

SALA. Solang man jung ist, stehen alle Türen offen, 
und vor jeder Türe fängt die Welt an. 

JOHANNA. Aber erst, wenn man an niemandem 
hängt, ist die Welt weit und der Himmel unendlich. 
Und darum will ich fort. 

SALA. Fort — das sagt sich so leicht. Dazu braucht 
es doch Vorbereitungen aller Art und irgend einen Plan. 
Du sprichst aber dieses Wort aus, als wenn du dir nur 
Flügel anzulegen brauchtest, um in die Ferne zu fliegen. 

JOHANNA. Entschlossen sein — heißt auch Flügel 
haben. 



78 



SALA. Hast du gar keine Angst, Johanna ? 

JOHANNA. Eine Sehnsucht ohne Angst, das wäre 
eine wohlfeile Sehnsucht, der man gar nicht wert wäre. 

SALA. Wohin wird sie dich führen ? 

JOHANNA. Ich werde meinen Weg finden. 

SALA. Man kann sich den Weg wählen, aber nicht 
die Menschen, denen man begegnet. 

JOHANNA. Denkst du, ich weiß nicht, daß es 
mir nicht bestimmt sein kann, nur Schönes zu erleben ? 
Auch Häßliches, auch Gemeines steht mir bevor. 

SALA. Und wie wirst du es tragen ? . . . Wirst du 
es ertragen können ? 

JOHANNA. Ich werde ja nicht immer wahr sein 
wie zu dir. Ich werde lügen, — und ich freu* mich 
darauf. Ich werde nicht immer froh sein und nicht 
immer klug. Ich werde irren und leiden. So muß es 
wohl sein. 

SALA. Du weißt das alles im voraus, und doch . . . 

JOHANNA. Ja. 

SALA. Und warum ? . . . Warum gehst du fort, 
Johanna ? 

JOHANNA. Warum ich fortgehe ? . . . Ich will 
später einmal vor mir selbst erschauern müssen. So 
tief erschauern, wie man es nur kann, wenn einem nichts 
fremd geblieben ist. So wie es dir geschehen muß, 
wenn du auf dein Leben zurückblickst. Nicht wahr ? 

SALA. Manchmal wohl. Aber gerade in solchen 
Augenblicken des Schauerns liegt eigentlich nichts hin- 
ter mir zurück, — alles ist wieder gegenwärtig. Und 
das Gegenwärtige ist vergangen. Er sttzt auf der Bank. 

JOHANNA. Wie meinst du das? 

SALA die Hand vor den Augen, schweigt. 

JOHANNA. Was ist dir ? Wo bist du ? 

Leiser Wind, Blätterrauseben und -fallen. 

SALA. Ich bin ein Kind und reite auf dem Ponny 

übers Feld. Mein Vater ist hinter mir her und ruft. 

Dort am Fenster wartet meine Mutter; sie hat einen 

grauen Seidenshawl ums dunkle Haar und winkt mir 



79 



zn . . . Und ich bin ein junger Leutnant auf Manöver 
und steh' auf einem Hügel und melde meinem Ober- 
sten, daß hinter dem Gehölz die feindlichen Jäger 
lauern, bereit, hervorzubrechen, und unten in der Mit- 
tagssonne seh' ich Bajonette und Knöpfe leuchten . . . 
Und ich liege einsam im treibenden Kahn und schau' in 
die dunkelblaue Sommerluft, und unbegreiflich schöne 
Worte reihen sich mir aneinander, — so schön, wie ich 
sie niemals habe niederschreiben können . . . Und ich 
ruhe auf einer Bank in dem schwülen Park am See von 
Lugano, und Helene sitzt neben mir; sie hat ein Buch 
mit rotem Umschlag in der Hand; drüben unter dem 
Magnoliabaum spielt Lilli mit dem blonden englischen 
Buben, und ich höre, wie sie plaudern und lachen . . . 
Und ich spaziere mit Julian über raschelnden Blättern 
langsam auf und ab, und wir reden über ein Bild, das 
wir gestern gesehen haben. Und ich sehe das Bild: 
Zwei alte Matrosen mit zermürbten Gesichtern; sie 
sitzen auf einem umgewandten Nachen, den trüben 
Blick aufs unendhche Meer hinaus. Und ich fühle ihr 
Elend tiefer, als der Maler, der er gemalt hat, tiefer, 
als sie selber es fühlten, wenn sie lebendig wären . . . 
All das, all das ist da — wenn ich nur die Augen 
schließe, ist mir näher als du, Johanna, wenn ich dich 
nicht sehe und wenn du schweigst. 

JOHANNA bat die Augen mit IVehmut auf ihn gerichtet. 

SALA. Gegenwart . . . was heißt das eigentlich ? 
Stehen wir denn mit dem Augenblick Brust an Brust, 
wie mit einem Freund, den wir umarmen, — oder mit 
einem Feind, der uns bedrängt ? Ist das Wort, das eben 
verklang, nicht schon Erinnerung? Der Ton, mit dem 
eine Melodie begann, nicht Erinnerung, ehe das Lied 
geendet ? Dein Eintritt in diesen Garten nicht Erin- 
nerung, Johanna? Dein Schritt über diese Wiese dort 
nicht gerade so vorbei wie der Schritt von Wesen, die 
längst gestorben sind? 

JOHANNA. Nein, es soll nicht so sein. Es macht 
mich traurig. 



80 



SALA wieder in der Cegenzcart. Warum ? . . . das sollt' 
es nicht Johanna. Gerade in solchen Stunden wissen 
wir, daß wir nichts verloren haben und eigentlich 
nichts verlieren können. 

JOHANNA. Ach, hättest du doch alles vergessen 
und verloren und könnte ich dir alles sein! 

SALA beinah erstaunt. Johanna — 

JOHANNA leidenschaftlich. Ich liebe dich. Pause. 

SALA. In wenig Tagen bin ich fort, Johanna. 
Du weißt es ... du hast es gewußt. 

JOHANNA. Ich weiß es. Warum wiederholst du 
es? Denkst du vielleicht, ich will mich mit einemmal 
an dich hängen wie ein verliebtes Ding und von Ewig- 
keiten träumen ? — Nein, das ist wahrhaftig nicht 
meine Art, o nein! . . . Aber ich wollt' es dir doch 
einmal sagen, daß ich dich lieb habe. Einmal darf icli's 
doch ? — Hörst du ? Ich Hebe dich. Und ich möchte, 
daß du es später einmal geradeso hörst, wie ich es jetzt 
sage — in irgend einem andern Augenblick, schön wie 
dieser . . . und in dem wir beide nichts mehr vonein- 
ander wissen werden. 

SALA. Wahrhaftig, Johanna, dessen darfst du sicher 
sein, daß der Ton deiner Stimme mir niemals ent- 
schwinden wird. — Aber wozu von ewiger Trennung 
reden ? Vielleicht sehen vdr uns später wieder . . . 
in drei Jahren . . . oder in fünf . . . Lächelnd. Dann 
bist du vielleicht eine Prinzessin geworden und ich 
Fürst einer versunkenen Stadt . . . Warum schweigst 
du? 

JOHANNA nimmt das Cape fester um. 

SALA. Fröstelt dich? 

JOHANNA. O nein. — Aber ich muß nun gehen. 

SALA. Eilst du so? 

JOHANNA. Es wird spät. Ich möchte zu Hause 
sein, eh' mein Vater nach Hause kommt. 

SALA. Wie sonderbar! — Heute eilst du nach Hause 
und vdllst dich nicht verspäten, damit dein Vater sich 
nicht ängstigt, und in ein paar Tagen . . . 

Theaterstücke, III, 6t 8l 



JOHANNA. Dann wird er mich auch nicht mehr 
erwarten. Leb' wohl, Stephan. 

SALA. Auf morgen also. 

JOHANNA. Ja, auf morgen. 

SALA. Du kommst wieder durch die Gartentür, 
natürlich. 

JOHANNA. Bleibt nicht ein Wagen vor dem 
Hause stehen ? 

SALA. Die Türen sind abgeschlossen. Es kann 
niemand in den Garten kommen. 

JOHANNA. Also leb' wohl. 

SALA. Auf morgen. 

JOHANNA. Ja. 5«^ sind im Gehen. 

SALA. Höre, Johanna. — Wenn ich dir nun sagte: 
Bleibe. 

JOHANNA. Nein, ich muß jetzt fort. 

SALA. Nicht so mein' ich's. 

JOHANNA. Wie denn? 

SALA. Ich meine, wenn ich dich bäte, bei mir zu 
bleiben — für . . . lange. 

JOHANNA. Du machst sonderbare Scherze. 

SALA. Ich scherze nicht. 

JOHANNA. Vergißt du, daß du — fortfährst? 

SALA. Ich bin nicht gebunden. Nichts hindert 
mich, zu Hause zu bleiben, wenn ich nicht gelaunt 
bin, fortzugehen. 

JOHANNA. Um meinetwillen? 

SALA. Das sag' ich nicht. Um meinetwillen vielleicht. 

JOHANNA. O nein, du darfst darauf nicht verzich- 
ten. Du würdest es mir nicht verzeihen, daß ich dir 
das genommen habe. 

SALA. Glaubst du ? Lauernd. Und wenn wir beide 
gingen ? 

JOHANNA. Wie? 

SALA. Wenn du mit mir die Reise wagtest ? Nun, 
es gehört ein bißchen Kourage dazu, natürlich. Du 
wärst vielleicht nicht die einzige Frau. Die Baronin 
Golobin geht auch mit, wie ich höre. 

82 



JOHANNA. Sprichst du im Ernst? 

SALA. Ganz im Ernst. Ich frage dich, ob du die 
Reise mit mir machen willst ... als meine Frau natür- 
lich, um auch von diesen äußerlichen Dingen zu 
reden. 

JOHANNA. Ich sollte — ? 

SALA. Was bewegt dich so sehr ? 

JOHANNA. Mit dir ? . . . Mit dir ? 

SALA. Mißversteh mich nicht, Johanna. Du sollst 
deswegen nicht für alle Zeit an mich gebunden sein. 
Wenn wir wieder zurückkommen, können wir einander 
Lebwohl sagen — ohne weiteres. Es ist eine ganz ein- 
fache Sache. Denn alle deine Träume kann ich dir 
nicht erfüllen — das weiß ich ganz gut . . . Du brauchst 
nicht gleich zu erwidern. Stunden wie diese verleiten 
allzu leicht zu Worten, die am nächsten Tage nicht 
mehr wahr sind. Ich möchte dich nie ein solches Wort 
reden hören. 

JOHANNA hat ihn während dieser Worte angeschaut^ als 
wollte sie seine Worte eintrinken. Nein, ich Sage nichts . . . 
ich sage gar nichts. 

SALA sieht sie lang an. Du wirst darüber nachdenken 
und wirst mir morgen antworten. 

JOHANNA. Ja. Sie sieht ihn lang an. 

SALA. Was ist dir? 

JOHANNA. Nichts. — Auf morgen. Leb' wohl 

Er geleitet sie. Sie geht durch die Gartentür ab. 

SALA kommt zurück und bleibt vor dem Tisch stehen. Als 
wollt' ich ihr Bild drin suchen . . . Warum war sie so 
bewegt?... Glück? — Nein, das war nicht Glück... 
Warum hat sie mich so angesehen ? Warum ist sie er- 
schrocken ? In dem Blick lag etwas wie Abschied für 
ewig. Erschrickt plötzlich. Sollte es so mit mir stehen ? . . . 
Aber woher kann sie's wissen ? . . . Dann wissen es 
andre auch — ! Er starrt vor sich hin. 

Er geht langsam die Terrasse hinauf, dann in den Salon^ kommt 
gleich wieder^ mit Julian. 



83 



Tjweite Szene 

SALA und JULIAN. 

JULIAN. Und diese Herrlichkeit wollen Sie so 
bald verlassen ? 

SALA. Sie wird sich hoffentlich wiederfinden lassen. 

JULIAN. Ich wünsch' es für uns beide. 

SALA. Sie sagen das so zweifelnd . . . 

JULIAN. Nun ja, — ich denke an den merkwür- 
digen Artikel in der Tagespost. 

SALA. Worüber? 

JULIAN. Nun, über die Vorgänge am Kaspischen 
Meer. 

SALA. Ah, haben das die hiesigen Zeitungen auch 
schon aufgegriffen ? 

JULIAN. Die Zustände in einzelnen Strichen, die 
Sie passieren, scheinen ja wirklich höchst gefahrvoll 
zu sein. 

SALA. Übertreibungen. Wir sind besser unter- 
richtet. Meiner Ansicht nach stecken hinter diesen 
Artikeln englische Gelehrten-Eifersüchteleien. Was Sie 
gelesen, ist aus den Daily News übersetzt. Da stand es 
schon vor drei Wochen. — Haben Sie übrigens Felix 
gesehen ? 

JULIAN. Er war noch gestern abend bei mir. Und 
heute war ich bei Wegrat. Er verlangte das Bild 
seiner Mutter zu sehen, das ich vor dreiundzwanzig 
Jahren gemalt habe. — Und so hat es sich gefügt, daß 
ich ihm alles gesagt habe. 

SALA. So. Nachdenklich. Und wie hat er es denn 
aufgenommen ? 

JULIAN. Es hat ihn beinahe mehr bewegt, als ich 
gedacht hatte. 

SALA. Nun, Sie haben hoffentlich nicht erwartet, 
daß er Ihnen in die Arme stürzen würde wie der 
wiedergefundene Sohn in der Komödie. 

JULIAN. Nein. Gewiß nicht. — Ich habe ihm 
alles erzählt, ohne jede Schonung für mich; darum 

84 



fühlte er das Unrecht, das an dem Gatten seiner Mutter 
verübt worden ist, stärker als alles andere. Aber das 
wird nicht lange währen. Er wird bald verstehen, daß 
im höheren Sinne kein Unrecht geschehen ist. Leute 
von der Art Wegrats sind nicht dazu geschaffen, wirk- 
lich zu besitzen — weder Frau noch Kinder. Sie mögen 
Zuflucht, Aufenthalt bedeuten — Heimat nie. Ver- 
stehen Sie, wie ich das meine ? Es ist ihr Beruf, Wesen 
in ihren Armen aufzunehmen, die von irgend einer 
Leidenschaft müde oder zerbrochen sind. Aber sie 
ahnen nicht, woher sie kommen. Es ist ihnen auch ge- 
gönnt, Wesen heranzuziehen und zu betreuen, aber 
sie verstehen nicht, wohin sie gehen. Sie sind da, um 
sich unbewußt aufzuopfern und in diesen Opfern ein 
Glück zu finden, das andern vielleicht recht armselig 
vorkäme . . . Sie schweigen ? 

SALA. Ich höre Ihnen zu. 

JULIAN, Und sagen mir nichts ? 

SALA. Nun ja . . . es läßt sich ganz geläufig Skalen 
spielen, auch wenn der Geigenkasten einen Sprung 
hat . . . 

Dritte Szene 

JULIAN, SALA und FELIX. Dann der DIENER. 
Es wird etwas dunkler. 

SALA. Wer ist's ? 

FELIX auf der Terrasse. Ich bin's. Ihr Diener sagte 
mir . . . 

SALA. Oh Felix! Seien Sie mir willkommen. 

FELIX herunterkommend. Guten Abend, Herr von Sala. 
— Guten Abend, Herr Fichtner. 

JULIAN. Guten Abend, Felix. 

SALA. Ich freue mich sehr, Sie bei mir zu sehen. 

FELIX. Die prachtvollen alten Bäume! 

SALA. Ein Stück Wald — Sie müssen sich nur das 
Gitter wegdenken. — Was führt Sie zu mir, Felix? 



85 



Ich habe Sie erst morgen früh erwartet. Sollten Sie 
schon zu einem Entschluß gekommen sein ? 

JULIAN. Stör' ich? 

FELIX. O nein. Es ist kein Geheimnis. — Ich 
nehme Ihren Vorschlag an, Herr von Sala, und bitte 
Sie um die Freundlichkeit, mit dem Grafen Ronsky 
zu sprechen. 

SALA reicht ihm die Hand. Das freut mich ... Zu 
Julian. Es handelt sich um unsere asiatische Unter- 
nehmung. 

JULIAN. Wie ? . . . Du hast die Absicht, dich 
dieser Expedition anzuschließen ? 

FELIX. Ja. 

SALA. Haben Sie mit Ihrem Vater schon darüber 
gesprochen ? 

FELIX. Ich will es heute abend tun. — Aber das 
ist eine Formalität. Ich bin entschlossen, wenn nicht 
irgend ein anderes Hindernis dazwischen tritt . . . 

SALA. Ich werde den Grafen heute noch sprechen. 

FELIX. Wie soll ich Ihnen danken ? 

SALA. Dazu liegt gar keine Ursache vor. Es braucht 
überhaupt keines Wortes mehr von mir. Der Graf 
weiß alles über Sie, was zu wissen notwendig ist. 

DER DIENER erscheint auf der Terrasse. Eine Dame 
fragt, ob der gnädige Herr zu Hause sind. 

SALA. Sie nannte ihren Namen nicht ? — Die 
Herren entschuldigen einen Augenblick. Dem Diener ent- 
gegen^ entfernt sich. 

Vierte Szene 

JULIAN und FELIX. 

JULIAN. Du gehst fort? 

FELIX. Ja. Ich bin sehr glücklich daß sich mir 
diese Gelegenheit bietet. 

JULIAN. Hast du dich denn über das eigenthche 
Wesen dieser Unternehmung auch schon näher unter- 
richtet ? 



86 



FELIX. Jedenfalls steht mir eine wirkliche Tätig- 
keit bevor und eine neue weitere Welt. 

JULIAN. Ob sich nicht all dies finden könnte in 
Verbindung mit hoffnungsvolleren Aussichten ? 

FELIX. Das wäre wohl möghch. Aber ich habe 
keine Lust zu warten. 



Fünfte Szene 

FELIX, JULIAN, SALA nni IRENE. 

IRENE noch auf der Terrasse, mit Sala. Ich konnte doch 
nicht Wien verlassen, ohne mein Wort zu halten. 

SALA. Ich danke Ihnen sehr, Fräulein Herms. 

IRENE mit Sala keruntcrkovintcnd. Sie haben es hier 
aber wirklich wundervoll. — Guten Abend, Julian. 
Guten Abend, Herr Leutnant. 

SALA. Sie hätten etwas früher kommen sollen, Fräu- 
lein Herms, da hätten Sie alles noch im Sonnenschein 
gesehen. 

IRENE. Ich war ja schon vor zwei Stunden da. Aber 
da war es ein verzaubertes Schloß. Man hat nicht 
hereinkönnen. Die Klingel hat gar keinen Ton ge- 
geben. 

SALA. Ach ja. Entschuldigen Sie; wenn ich geahnt 
hätte . . . 

IRENE. Aber es macht ja gar nichts. Ich habe die 
Zeit ganz gut benützt. Ich bin tiefer in den Wald hin- 
eingefahren, bis über Neustift und Salmannsdorf. Und 
dann bin ich ausgestiegen und bin einen Weg gegangen, 
der mir aus früherer Zeit in Erinnerung war. Sie sieht 
Julian an. Ich hab' mich auf einer Bank ausgeruht, wo 
ich vor vielen, vielen Jahren mit einem guten Bekannten 
gesessen bin. Lächelnd. Wissen Sie noch, Herr Fichtner ? 
Der Blick ist so schön. Über die Wiesen und über 
die ganze Stadt sieht man hin, bis zur Donau. 

SALA auf die Steinbank weisend. Wollen Sie hier nicht 
ein bißchen Platz nehmen, Fräulein Herms ? 



87 



IRENE. Danke. Sie lorgnettiert die Kaiserbüsten. Da kommt 
man sich ja ganz römisch vor . . . Aber hab' ich die 
Herren nicht in einer Unterredung gestört ? 

SALA. Durchaus nicht. 

IRENE. Es scheint mir doch. Sie schauen alle so 
ernst drein. — Ich will lieber gehen. 

SALA. Nein, das dürfen Sie nicht, Fräulein Herms. 
— Haben Sie vielleicht noch irgend eine Frage an mich, 
Felix, in unserer Angelegenheit .? 

FELIX. Wenn Fräulein Herms uns eine Minute 
entschuldigt . . . 

IRENE. Aber bitte, natürlich! 

SALA. Sie verzeihen, Fräulein Herms — 

FELIX. Es handelt sich nämlich um die Scliritte, 
die ich bei meinem Kommando . . . Im Gehen. Er ent- 
fernt sieb langsam mit Sala. 



Sechste Szene 

IRENE und JULIAN. 

IRENE. Was haben die zwei für Geheimnisse ? Was 
geht hier überhaupt vor ? 

JULIAN. Gar nichts Geheimnisvolles. Dieser 
junge Mann will auch die Expedition mitmachen, hör' 
ich. Und da haben sie natürlich einiges zu besprechen. 

IRENE bat Felix und Sala nachgesehen. Julian, — Er 
ist es. 

JULIAN schzveigt. 

IRENE. Du brauchst nicht zu antworten. Ich hab' 
ununterbrochen darüber nachdenken müssen . . . ich 
begreif nur nicht, daß ich's nicht früher gewußt hab'. 
Er ist es. — Und dreiundz^vanzig Jahre ist er alt. — 
Und ich hab' mir damals wirklich gedacht, wie du mich 
davongejagt hast: Wenn er sich nur nicht umbringt! . . . 
Und dort spaziert sein Sohn. 

JULIAN. Was hilft's mir? Mir gehört er nicht. 

IREA^E. Schau' doch hin! Er ist da, er lebt, er ist 



88 



jung und schön ! Ist das nicht genug ? Sie steht auf. Und 
ich war ruiniert. 

JULIAN. Wie?... 

IRENE. Verstehst du mich ? Ruiniert . . . 

JULIAN. Das hab' ich nicht geahnt. 

IRENE. Du hättest mir doch nicht helfen können. 
Pause. Adieu. Entschuldig' mich. Sag' ihnen, was du 
willst. Ich fahr' fort, ich wiU nichts mehr wissen. 

JULIAN. Was hast du denn ? Es hat sich ja nichts 
geändert. 

IRENE. Glaubst du ? . . . Mir kommt vor, diese 
ganzen dreiundzwanzig J,-iare sind plötzlich was ganz 
anderes geworden. — Leb' wohl. 

JULIAN. Leb' wohl. Auf Wiedersehen. 

IRENE. Auf Wiedersehen.? Liegt dir denn was 
daran ? Ja ? — Bist du traurig, Juhan ? . . . Jetzt tust 
du mir schon wieder leid. Kopfschüttelnd. Ihr seid halt 
so. Was soU man da machen ! 

JULIAN . Nimm dich zusammen, da kommen sie. 

Siebente Szene 

IRENE, JULIAN, SALA und FELIX. 

SALA. So, nun wäre alles erledigt. 

FELIX. Ich danke Ihnen sehr. Nun muß ich mich 
empfehlen. 

IRENE. Morgen fahren Sie schon wieder weg? 

FELIX. Ja, Fräulein. 

IRENE. Sie wollen jetzt wahrscheinlich auch in die 
Stadt, Herr Leutnant ? Wenn es Ihnen nicht unan- 
genehm ist, nehm' ich Sie gleich mit. 

FELIX. Sie sind sehr freundlich. 

SALA. Wie, Fräulein Herms . . . ? Das war aber 
ein kurzer Besuch. 

IRENE. Ja, ich habe noch einiges zu besorgen. 
Denn morgen geht's wieder in die Wildnis; und jetzt 
komm' ich wahrscheinlich so bald nicht wieder nach 
Wien. — Also, Herr Leutnant ? 



89 



FELIX. Adieu, Herr Fichtner. Und falls ich Sie 
nicht mehr sehen sollte . . . 

JULIAN. Wir werden uns noch sehen. 

IRENE. Die Leute werden sich denken: Der Herr 
Leutnant mit der Frau Mama. Sie wirft einen letzten 
Blick auf Julian. 

SALA begleitet Irene und Felix die Terrasse hinauf. 

JULIAN bleibt zurück; er geht auf und ab. Nach einiger 
Zeit kommt Sala wieder zurück. 



Achte Szene 

JULIAN und SALA. 

JULIAN. Sie halten es für zweifellos, daß Ihre 
Schritte beim Grafen Ronsky Erfolg haben werden? 

SALA. Ich habe schon vorher vom Grafen be- 
stimmte Zusicherungen erhalten, sonst hätte ich Felix 
keine Hoffnungen gemacht. 

JULIAN. Warum haben Sie das getan, Sala? 

SALA. WahrscheinHch, weil mir Felix sehr sympa- 
thisch ist, und ich gern in angenehmer Gesellschaft 
reise. 

JULIAN. Und Sie haben gar nicht daran gedacht, 
daß mir der Gedanke schmerzlich ist, ihn zu verlieren ? 

SALA. Was soll das, Juhan! Verheren kann man 
doch nur, was man besessen hat. Und besitzen kann 
man nur, worauf man sich ein Recht erwarb. Das 
wissen Sie so gut wie ich. 

JULIAN. Verleiht es nicht schließlich auch ein ge- 
wisses Anrecht auf jemanden, wenn man seiner bedarf ? 
— Verstehen Sie es denn nicht, Sala, daß er meine 
letzte Hoffnung ist ? . . . Daß ich überhaupt niemand 
und nichts mehr habe außer ihm ? . . . Daß ich nach 
allen Seiten ins Leere greife ? . . . Daß mir vor der 
Einsamkeit graut, die mich erwartet ? 

SALA. Und was hülfe es Ihnen, wenn er bliebe ? 
Was hülfe es Ihnen selbst, wenn er irgend etwas wie 



90 



kindliche Zärtlichkeit zu Ihnen empfände ? . . . Was 
hülfe er Ihnen oder irgend ein anderer als er ? . . . Es 
graut Ihnen vor der Einsamkeit ? . . . Und wenn Sie 
eine Frau an Ihrer Seite hätten, wären Sie heute 
nicht allein ? . . . Und wenn Kinder und Enkel um 
Sie lebten, wären Sie es nicht ? . . . Und wenn Sie 
sich Ihren Reichtum, Ihren Ruhm, Ihr Genie bewahrt 
hätten — wären Sie es nicht ? . . . Und wenn uns 
ein Zug von Bacchanten begleitet — den Weg hinab 
gehen wir alle allein . . . wir, die selbst niemandem ge- 
hört haben. Das Altern ist nun einmal eine einsame 
Beschäftigung für unsereiner^, und ein Narr, wer sich 
nicht beizeiten darauf einrichtet, auf keinen Menschen 
angewiesen zu sein. 

JULIAN. Und Sie, Sala, Sie glauben, daß Sie 
keines Menschen bedürfen ? 

SALA. So, wie ich sie gebraucht habe, werden sie 
mir jederzeit zu Gebote stehen. Ich bin stets für ge- 
messene Entfernungen gewesen. Daß es die andern 
nicht merken, ist nicht meine Schuld. 

JULIAN. Da haben Sie allerdings recht, Sala. Sie 
haben nie ein Wesen auf Erden geliebt. 

SALA. Möglich. Und Sie ? So wenig, JuHan, als 
ich . . . Lieben heißt, für jemand andern auf der Welt 
sein. Ich sage nicht, daß es ein wünschenswerter Zu- 
stand sei, aber jedenfalls, denke ich, wir waren beide 
sehr fern davon. Was hat das, was unsereiner in die 
Welt bringt, mit Liebe zu tun ? Es mag allerlei Lusti- 
ges, Verlogenes, Zärtliches, Gemeines, Leidenschaft- 
liches sein, das sich als Liebe ausgibt, — aber Liebe 
ist es doch nicht . . Haben wir jemals ein Opfer ge- 
bracht, von dem nicht unsere Sinnlichkeit oder unsere 
Eitelkeit ihren Vorteil gehabt hätte ? . . . Haben wir 
je gezögert, anständige Menschen zu betrügen oder zu 
belügen, wenn wir dadurch um eine Stunde des Glücks 
oder der Lust reicher werden konnten ? . . . Haben 
wir je unsere Ruhe oder unser Leben aufs Spiel gesetzt 
— nicht aus Laune oder Leichtsinn . . . nein, um das 



91 



Wohlergehen eines Wesens zu fördern, das sich uns 
gegeben hatte? . . . Haben wir je auf ein Glück ver- 
zichtet, wenn dieser Verzicht nicht wenigstens zu un- 
serer Bequemlichkeit beigetragen hätte ? . , . Und glau- 
ben Sie, daß wir von einem Menschen — Mann oder 
Weib — irgend etwas zurückfordern dürften, das wir 
ihm geschenkt hatten ? Ich meine keine Perlenschnur 
und keine Rente und keine wohlfeile Weisheit, sondern 
ein Stück von unserm Wesen — eine Stunde unseres 
Daseins, das wir wirklich an sie verloren hätten, ohne 
uns gleich dafür bezahlt zu machen, mit welcher 
Münze immer. Mein lieber Julian, wir haben die 
Türen offen stehen und unsere Schätze sehen lassen 
— aber Verschwender sind wir nicht gewesen. Sie so 
wenig als ich. Wir können uns ruhig die Hände reichen, 
Julian. Ich bin etwas weniger wehleidig als Sie, das 
ist der ganze Unterschied. — Aber ich erzähle Ihnen 
ja da nichts neues. Sie wissen das alles gerade so gut 
wie ich. Es gibt ja für uns gar keine Möglichkeit, 
uns nicht zu kennen; wir geben uns wohl zuweilen 
redliche Mühe, uns über uns selbst zu täuschen, aber 
es gelingt uns nicht. Andern mögen unsere Torheiten, 
unsere Niederträchtigkeiten verborgen bleiben — uns 
selber nie. In unserer tiefsten Seele wissen wir immer, 
woran wir mit uns sind. — Es wird kühl, Julian, gehen 
wir ins Zimmer. Sie beginnen hinaufzugehen. 

JULIAN. All das mag wahr sein, Sala. Aber Sie 
werden mir zugeben : Wenn es einen auf der Welt gibt, 
der uns die Fehler unseres Lebens nicht dürfte ent- 
gelten lassen, so ist es gewiß der, der uns selbst das 
Dasein verdankt. 

SALA. Von entgelten ist hier gar niclit die Rede. 
Ihr Sohn hat den Sinn für das Wesentliche, Julian, 
Sie selbst haben es gesagt. Und er fühlt es, daß man 
sehr wenig für einen Menschen getan hat, wenn man 
nichts tat, als ihn in die Welt zu setzen. 

JULIAN . So soll es wenigstens werden wie vorher, 
da er noch nichts wußte. Ich will wieder ein Mensch 



92 



für ihn sein wie jeder andere. So darf er nicht von mir 
gehen . . . Ich ertrag' es nicht. Verdien' ich denn, daß 
er vor mir fheht ? . . . Und wenn auch alles, was ich 
bis heute in mir für gut und wahr gehalten — am Ende 
auch die Neigung für diesen jungen Menschen, der 
mein Sohn ist — , nichts gewesen ist als Selbstbetrug 
— jetzt lieb' ich ihn , . . Verstehen Sie mich, Sala ? 
Ich liebe ihn und verlange nichts anderes mehr, als 
daß er es glaube, eh' ich ihn für immer verlieren muß . . . 

Dunkelheit — Beide über die Terrasse hinauf, durch den Salon 
ab. — Bühne eine Weile leer. Der Wind ist etwas stärker gezvordcn. 



Neunte Szene 

yOHANNA kommt von rechts durch die Allee, langsam am 
Teich vorbei bis zur Terrasse. — Die Fenster des Gartensaals sind 
erleuchtet. Sala hat sich an den Tisch gesetzt; der Diener ist gekommen 
und schenkt ein Glas Wein ein. — "Johanna bleibt stehen. Sie scheint 
in großer Erregung und geht zzcei Stufen der Terrasse hinauf. Sala 
hört ein Geräusch und wendet flüchtig den Kopf. "Johanna bemerkt 
es, eilt wieder die Treppe hinunter und bleibt am Teiche stehen. 
Sie blickt ins Wasser. 

Vorhang. 



93 



FÜNFTER AKT 

Garten bei Wegrat. 

Erste Szene 

DOKTOR REUMANN und JULIAN. 

DOKTOR REUMANN sitzt an einem kleinen Tischchen 
und schreibt etwas in sein Notizbuch. 

JULIAN kommt rasch über die Veranda. Ist es wahr 
Herr Doktor ? 

DOKTOR REUMANN steht auf. Ja, es ist wahr, 

JULIAN. Verschwunden ? 

DOKTOR REUMANN. Ja, sie ist verschwunden. 
Seit gestern nachmittag ist sie fort. Sie hat keine 
Nachricht zurückgelassen, sie hat nichts mit sich ge- 
nommen — sie ist einfach fortgegangen und nicht 
mehr zurückgekommen, 

JULIAN . Ja, was kann denn geschehen sein ? 

DOKTOR REUMANN. Darüber haben wir nicht 
einmal eine Vermutung. Vielleicht hat sie sich verirrt 
und kommt wieder. Oder es ist irgend ein plötzlicher 
Entschluß . . . Wüßte man nur, wozu. 

JULIAN. Wo sind die andern? 

DOKTOR REUMANN. Wir wollten um zehn Uhr 
alle hier wieder zusammentreffen. Ich war in den ver- 
schiedenen Spitälern und an andern Orten, wo die 
Möglichkeit vorlag, eine Spur zu finden . . , Der Pro- 
fessor dürfte wohl jetzt die Anzeige erstattet haben. 

Zweite Szefie 

DOKTOR REUMANN und JULIAN. FELIX kommt rasch. 

FELIX. Nichts? 

DOKTOR REUMANN. Nichts. 

JULIAN gibt Felix die Hand. 



94 



DOKTOR REUMANN. Woher kommen Sie? 

FELIX. Ich war bei Herrn von Sala. 

DOKTOR REUMANN. Wie? 

FELIX. Es schien mir doch nicht unmöglich, daß 
er irgend welche Vermutung haben, daß er uns irgend 
eine Richtung angeben könnte. Aber er weiß nichts. 
Offenbar. Wenn er etwas wüßte — etwas Bestimmtes 
wüßte, hätte er es mir gesagt. Dessen bin ich sicher. 
Er lag noch zu Bette, als ich mich bei ihm melden Heß. 
Er meinte wohl, es handle sich um unsere Angelegen- 
heit. Als er hörte, daß Johanna verschwunden sei, 
wurde er sehr blaß . . . Aber er weiß nichts. 



Dritte Szene 

JULIAN, DOKTOR REUMANN und FELIX. 
WEG RAT kommt. 

WEGRAT. Nichts ? . . . 

Die andern schütteln den Kopf. Julian drückt ihm die Hand. 

WEGRAT setzt sieb nieder. Man hat nähere Daten, 
man hat Anhaltspunkte von mir verlangt. Gibt es 
welche ? . . . Ich habe keine . . . Mir ist es vollkommen 
rätselhaft. Zu Julian gewendet. Nachmittag ist sie fort, 
zu einem kleinen Spaziergang wie manchmal ... Zu 
Felix gewendet. Konnte man ihr das Geringste anmerken ? 
... Es erscheint mir vollkommen unmöglich, daß sie 
schon an irgend etwas dachte, als sie das Haus verließ, 
. . . daß sie schon wußte — sie geht auf immer fort. 

FELIX. Vielleicht doch. 

WEGRAT . Verschlossen war sie wohl — und be- 
sonders in der letzten Zeit, seit ihre Mutter tot ist. 
— Ob es das sein könnte ? . . . Halten Sie es für mög- 
lich, Herr Doktor? 

DOKTOR REU MANN zuckt die Achseln. 

FELIX. Wer hat sie denn gekannt von uns allen ? 
Wer kümmert sich denn überhaupt um die andern ? 

DOKTOR REUMANN. Es ist wahrscheinHch gut 



95 



so, sonst würden wir alle toll vor Mitleid oder Ekel 
oder Angst. Pause. Ich muß jetzt zu meinen Kranken; 
ich habe einige unaufschiebbare Besuche. Zu Mittag 
bin ich wieder da. Auf Wiedersehen. Ab. 



Vierte S'Lene 

JULIAN, FELIX und WEG RAT. 

WEGRAT. Da hat man nun so ein Geschöpf 
heranwachsen sehen, aus einem Kinde ein Mädchen 
werden, eine junge Dame, — und hunderttausend 
Worte zu ihr gesprochen . . . Und eines Tages steht 
sie vom Tisch auf, nimmt Hut und Mantel und geht . . . 
geht ohne Abschied, vmd man hat keine Ahnung, wo- 
hin sie entschwebt ist, ob ins Nichts, ob in ein neues 
Leben. 

FELIX. Aber was immer geschehen sein mag, Vater 
— sie wollte von uns fort. Und das kann in jedem Fall 
eine Art von Beruhigung für uns sein. 

WEGRA7 den Kopf schüttelnd, ratlos. Alles flattert 
davon . . . mit W^illen, ohne Willen — alles davon. 

FELIX. Vater, was sich ereignet hat, können wir 
nicht wissen. Denkbar wäre ja jedenfalls, daß Johanna 
irgend einen Vorsatz gefaßt hatte, von dem sie wieder 
abkommt. Vielleicht ist sie in ein paar Stunden oder 
Tagen wieder hier. 

JVEGRAT. Du glaubst ... du hältst es für mög- 
lich ? 

FELIX. Für möglich — ja. Aber wenn sie nicht 
käme . . . den Plan, von dem ich gestern sprach mit dir, 
Vater, den geb' ich selbstverständlich auf. Unter diesen 
Verhältnissen denk' ich nicht daran, mich so weit und 
auf so lange Zeit von dir zu entfernen. 

WEGRAT zu Julian. Nun will er mir gar ein 
Opfer bringen! 

FELIX. Vielleicht ließe es sich auch veranlassen, 
daß ich hierher transferiert werde. 



96 



WEGRAT. Nein, Felix, du weißt wohl, daß ich 
das nicht annehme. 

FELIX. Es ist kein Opfer. Ich versichere dich, 
Vater, ich bleibe bei dir, weil ich jetzt nicht fort 
könnte. 

WEGRAT. O Fehx, du könntest — du wirst kön- 
nen. Um meinetwillen sollst du nicht hierbleiben — 
darfst du nicht hierbleiben. Ich wüßte nicht, inwiefern 
mir damit gedient sein sollte, daß du diesen Plan avif- 
gibst, den du mit solcher Begeisterung aufgegriffen 
hast. Ich fände es unverzeihlich von dir, zurückzu- 
treten, und sträflich von mir, es von dir anzunehmen. 
Sei doch glücklich, daß sich nun endlich für dich ein 
Weg eröffnet, auf dem du vielleicht alles finden wirst, 
wonach deine Wünsche gehen. Ich selbst bin glücklich, 
Felix. Du würdest dein Lebenlang darunter leiden, 
wenn du diese Gelegenheit versäumtest. 

FELIX. Aber seit gestern kann sich viel, unendlich 
viel geändert haben — für dich und für mich. 

WEGRAT. Für mich — vielleicht. — Aber nichts 
mehr davon. Ich duld' es nicht, ich nehme ein Opfer 
nicht an. Ich würde es ja annehmen, wenn ich irgend 
einen besonderen Vorteil für mich darin sähe. Aber 
ich hätte dich ja dann nicht mehr, als wenn du fort 
wärst . . • weniger . . . gar nicht. Das Schicksal, das 
über uns hereinbricht, soll nicht zu all seiner einge- 
borenen Macht auch die schlimmere haben, daß es 
uns in unserer Verwirrung Dinge tun läßt, die unserm 
Wesen zuwider sind. Irgend einmal kommen wir doch 
über das Unglück hinweg, und war' es das furchtbarste. 
Aber was wir gegen unser tiefstes Innere verbrochen 
haben, das ist dann nicht mehr gut zu machen. Zu 
Julian gewendet. Ist's nicht SO, Julian ? 

JULIAN. Du hast vollkommen recht. 

FELIX. Ich danke dir, Vater. Ich danke dir, daß 
du es mir so leicht machst, dir beizustimmen. 

WEGRAT. Es ist gut, Felix ... In den paar 
Wochen, die du noch in Europa bleibst, wird man ja 

TheateiätUcke. III, 7. 97 



noch manches mit einander reden können, — viel- 
leicht mehr als in den letzten Jahren. Wahrhaftig, 
man weiß nicht viel von einander . . . Ah, ich bin 
müde. Die ganze Nacht sind wir wachgesessen. 

FELIX. Willst du dich nicht ein wenig ausruhen, 
Vater ? 

WEGRAT. Ausruhen . . . Du bleibst zu Hause, 
Felix, nicht wahr f 

FELIX. Ja, ich will warten. Was soll man anders 
tun? 

WEGRA1. Ich zermartere mir den Kopf . . . 
Warum hat sie nichts zu mir gesprochen ? Warum 
hab' ich nichts von ihr gewußt ? Warum bin ich ihr 
so fern gewesen ? Er geht ab. 



Fünfte Szene 

JULIAN und FELIX. 

FELIX. Und dieser Mann wurde belogen — sein 
Leben lang — von uns allen. 

JULIAN. Es gibt auf dieser Welt keine Sünde, 
kein Verbrechen, keinen Betrug, der nicht gutzumachen 
ist. Und gerade für das, was hier geschehen ist, sollte 
es keine Sühne und kein Vergessen geben ? 

FELIX. Sollten Sie es nicht verstehen? . . . Hier 
hat man die Lüge ins Ewige getrieben. Darüber kann 
ich nicht weg. Und die das getan hat, war meine 
Mutter, — der sie dahin gebracht hat, waren Sie, — 
und die Lüge bin ich selbst, solange ich für einen gelte, 
der ich nicht bin. 

JULIAN. So laß uns die Wahrheit sagen, Felix. 
— Ich stelle mich jedem Richter, den du wählst, füge 
mich jedem Spruch, der über mich verhängt wird. — 
Soll gerade ich auf immer verdammt sein ? Soll ich, 
der einzige unter allen, die gefehlt haben, niemals sagen 
dürfen: „Es ist gesühnt"? 

FELIX. Es ist zu spät. Ein Geständnis hebt eine 



98 



Schuld nur auf, solange der Schuldige dafür bezahlen 
kann. Diese Frist, Sie fühlen es wohl selbst, ist längst 
abgelaufen. 



Sechste Szene 

FELIX, JULIAN und SALA. 

FELIX. Herr von Sala! Sie haben mir etwas zu 
sagen ? 

SALA. Ja. — Guten Morgen, Julian . . . Bleiben 
Sie, Julian. Es ist mir willkommen, daß ich einenZeugen 
habe. Zu Felix. Sie sind entschlossen, die Expedition 
mitzumachen ? 

FELIX. Das bin ich. 

SALA. Ich auch. Aber es wäre möglich, daß einer 
von uns von dem Entschlüsse abstehen wird. 

FELIX. Herr von Sala . . . ? 

SALA. Es wäre nicht in der Ordnung, könnte man 
finden, sich mit jemandem auf eine so weite Reise be- 
geben, der einen vielleicht lieber totschösse, wenn er 
einen vollkommen kennte. 

FELIX. Herr von Sala, wo ist meine Schwester ? 

SALA. Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht, wo 
sie in diesem Augenbhcke ist. Gestern Abend, eh' Sie 
kamen, hat sie mich zum letztenmal verlassen. 

FELIX. Herr von Sala — 

SALA. Ihr Abschiedswort an mich war: Auf mor- 
gen. Sie sehen, daß ich heute früh allen Grund hatte, 
überrascht zu sein, als Sie bei mir erschienen. Erlauben 
Sie mir ferner, Ihnen zu sagen, daß ich gerade gestern 
Johanna bat, meine Frau zu werden, was sie lebhaft 
zu erschüttern schien. Diese Mitteilung mache ich 
Ihnen keineswegs, um etwas zu beschönigen. Denn 
in meiner Bitte lag nicht die Absicht, irgend ein Un- 
recht gut zu machen, sondern es war wahrscheinlich 
nur eine Laune — wie mancherlei anderes. Es handelt 
sich nur darum, daß Sie die Wahrheit erfahren. Ich 

7« 99 



stehe Ihnen also in jeder Weise zur Verfügung. — Das 
zu sagen, hielt ich für durchaus notwendig, ehe wir am 
Ende in den Fall kommen, zusammen in die Tiefen 
der Erde hinabzusteigen oder vielleicht unter einem 
Zelte zu schlafen. 

FELIX nach einer langen Pause. Herr von Sala . . . 
wir werden nicht unter einem Zelte schlafen. 

SALA. Wie? 

FELIX. So weit geht Ihre Reise nicht mehr. 
Große Pause. 

SALA. So . . . Ich verstehe Sie. Sie sind dessen 
sicher? 

FELIX. Vollkommen. — Pause. 

SALA. Johanna wußte es ? 

FELIX. Ja. 

SALA. Ich danke Ihnen. — O, Sie können ruhig 
meine Hand nehmen. Die Angelegenheit ist ja so ritter- 
lich geordnet als nur möglich. — Nun ? . . . Es ist nicht 
einmal üblich, die Hand demjenigen zu verweigern, der 
zu Boden liegt. 

FELIX reicht ihm die Hand. Dann: Und WO mag sie sein ? 

SALA. Ich weiß es nicht. 

FELIX. Machte sie keinerlei Andeutungen ? 

SALA. Keine. 

FELIX. Aber haben Sie keine Vermutung ? Hat 
sie vielleicht irgend welche Verbindung angeknüpft — 
im Ausland ? Hat sie irgendwo Freundinnen oder 
Freunde, von denen mir nichts bekannt ist ? 

SALA. Nicht, daß ich wüßte. 

FELIX. Glauben Sie, daß sie noch lebt ? 

SALA. Ich weiß nicht. 

FELIX. Wollen Sie nicht mehr reden, Herr von 
Sala? 

SALA. Ich kann nicht mehr reden. Ich habe jetzt 
nichts mehr zu sagen. Leben Sie wohl, reisen Sie 
glücklich. Grüßen Sie den Grafen Ronsky. 

FELIX. Wir sehen einander doch nicht zum letzten- 
mal? 



100 



SALA. Wer kann das wissen ? 

FELIX reicht ihm die Hand. Ich eile ZU meinem 
Vater. Ich glaube mich verpflichtet, ihm mitzuteilen, 
was ich von Ihnen erfahren habe. 

SALA nickt. 

FELIX zu Julian. Adieu. Ab. 

Siebente Szene 

JULIAN und SALA. 
Beide entfernen sich. 

JULIAN da Sola plötzlich stehen bleibt. Warum zögern 
Sie ? Gehen wir. 

SALA. Es ist sehr seltsam, es zu wissen. Schleier 
gleiten über alles . . . Fort mit euch! Ich habe keine 
Lust, es mir gefallen zu lassen, solange ich noch da bin 

— und war' es auch nur für eine Stunde . . . 
JULIAN. Glauben Sie es denn? 

SALA sieht Julian lange an. ... Ob ich es glaube . . . ? 

— Er hat sich gut benommen, Ihr Sohn . . . Wir 
werden nicht unter einem Zelte schlafen . . . Nicht 
übel! Das hätte mir einfallen können . . 

JULIAN. Warum kommen Sie nicht ? Haben Sie 
vielleicht doch noch etwas zu sagen ? 

SALA. Das will ich Sie fragen, JuHan. 

JULIAN. Sala?! 

SALA. Ich habe nämlich von einer sonderbaren 
Halluzination nicht gesprochen, die mir begegnet ist, 
eh' ich hierher fuhr. Ich denke, es war eine . . . 

JULIAN. So reden Sie doch! 

SALA. Denken Sie: Eh' ich mich vom Hause ent- 
fernte — gleich nachdem Felix fortgegangen war, ging 
ich in meinen Garten — das heißt, ich lief durch ihn 

— in einem sonderbaren Zustand von Erregung, den 
Sie begreifen werden. Und als ich am Teich vorbei 
kam, da war mir, als sah' ich auf dem Grund . . . 

JULIAN. Sala! 



IGT 



SALA. Die Wasser schimmern grünlich blau, über- 
dies fallen am frühen Morgen die Schatten der Buchen 
darüber hin. Und seltsamerweise sprach Johanna ge- 
stern dieses Wort: „So wenig dies Wasser mein Bild 
behalten kann ..." — Es ist auch eine Art, das Schick- 
sal herauszufordern . . . Und als ich an dem Teich vor- 
überkam, war mir, als hätte . . . das Wasser doch ihr 
Bild behalten. 

JULIAN. Ist das wahr? 

SALA. Wahr — oder nicht wahr . . . was soll mir 
das bedeuten ? Das könnte doch nur dann ein Interesse 
für mich haben, wenn ich in einem Jahr oder in einer 
Stunde noch auf der Welt wäre. 

JULIAN. Sie wollen ? 

SALA. Natürlich will ich. Sie denken doch nicht, 
ich werde warten ? Das fand' ich ein wenig peinhch. 
Zu Julian, lachend. Wer wird Ihnen jetzt die Stichworte 
bringen, lieber Freund ? Ja, nun ist es aus . . . Wo 
ist nun alles ? . . . Wo sind die Thermen des Caracalla ? 
Wo ist der Park von Lugano ? . . . Wo ist mein hüb- 
sches kleines Haus ? . . . Nicht weiter und nicht näher 
als jene marmornen Stufen, die in eine geheimnisvolle 
Tiefe führen . . , Schleier über alles ... — Ihr Sohn 
wird es vielleicht erfahren, ob es mit der dreihundert- 
zwölften zu Ende ist — und wenn nicht, so wird es 
ihn wenig kümmern. — Finden Sie nicht, daß er sich 
brav gehalten hat ? . . . Es scheint mir überhaupt, daß 
jetzt wieder ein besseres Geschlecht heranwächst, — 
mehr Haltung und weniger Geist. — Grüß' Sie der 
Himmel, Julian. 

JULIAN will ihm folgen. 

SALA mild und bestimmt. Bleiben Sie, Julian. Unser 
Dialog ist zu Ende. Leben Sie wohl. Rasch ab. 

Achte Szene 

JULIAN und FELIX. Dann WEGRAT. 
FELIX kommt rasch. Herr von Sala ist fort ? Mein 



ro2 



Vater wollte mit ihm reden. — Und Sie sind noch hier ? 
. , . Warum ist Herr von Sala fort ? Was hat er Ihnen 
gesagt ? — Johanna ...!... Johanna . . . ? 

JULIAN. Sie ist tot . , . sie hat sich im Teich er- 
tränkt. 

FELIX mit einem Aufschrei des Entsetzens. Wo ist er hin ? ! 

JULIAN. Du findest ihn wohl nicht mehr. 

FELIX. Was hat er vor? 

JULIAN. Er bezahlt . . . zur rechten Zeit . . . 

fVEGRAT kommt von der Veranda. 

FELIX ihm entgegen. Vater . . . 

JVEGRAT. FeHx! Was ist geschehen? 

FELIX. Wir wollen nach Salas Villa fahren, Vater. 

WEGRAT. Tot ? . . . 

FELIX. Vater ! Er ergreift die Hand Wegrats und küßt sie. 
Mein Vater! 

JULIAN ist langsam gegangen. 

WEGRA1. Müssen solche Dinge geschehen, daß 
mir dieses Wort klingt, als hört' ich's zum erstenmal . . . ? 

Vorhang. 



103 



ZWISCHENSPIEL 

Komödie in drei Akten 



PERSONEN 

AMADEUS ADAMS, Kapellmeister 

CACILIE ADAMS-ORTENBURG, Opernsängerin, 

seine Frau 
PETERL, 5 Jahre, beider Kind 

ALBERTUS RHÖN 

MARIE, seine Frau 

SIGISMUND, FÜRST FÖN UND ZU MARJDAS- 
LOHSENSTEIN 

GRÄFIN FRIEDERIKE MOOSHEIM, Opernsängerin 

FRÄULEIN l . • .j 

STUBENMÄDCHEN] *" ^'^^'"' 

Wien. — Gegenwart 



ERSTER AKT 

Studiersalon bei Adams. Dunkelgrau gemalt mit einfachem Fries. 
Im Hintergrund Tür, die auf eine kleine Gartenveranda führt, 
rechts und links von der Türe je ein Fenster; Blick auf den Garten, 
der drei Stufen tiefer liegt. Zwischen dem rechten Fenster und der 
Tür eine Etagere, zwischen dem linken Fenster und der Türe ein 
Notenpult. Sowohl über der Etagere als über dem Pult Reliefs nach 
Antiken. — Rechts vorn Haupteingang, rechts hinten Türe in die 
Zimmer Cäciliens. Links hinten Tapetentür zu Amadeus. — Rechte 
Seite: hoher Bücherschrank, oben Büste von Verrocchio. In der 
Ecke rechts hinten hohe Vase auf Ständer, mit Blumen. Links vorn 
Kamin, darüber Spiegel; auf dem Kamin eine einfache französische 
Uhr; vor dem Kafnin ein Tischchen mit Sesseln. Weiter rückwärts 
links Etagere mit Noten; über ihr Stiche: Schumann, Brahms, Mozart 
usw. In der Ecke links eine Beethoven-Büste. — Links gegen die 
Mitte Klavier mit Klaviersessel; ein Sessel steht vorn ans Klavier 
gerückt. Rechts Schreibtisch, dahinter Fauteuil; Divan an den 
Schreibtisch gerückt. Rechts und links vom Zuschauer. 

Erster Auftritt 

AMADEUS, FRIEDERIKE. 

AMADEUS dreißig Jahre, schlank, dunkles schlichtes Haar, 
bartlos. Seine Bewegungen rasch, zuweilen hastig. Grauer Sakko anzug; 
elegant, aber ein wenig nachlässig. Gewohnheit, mit der linken Hand 
zuweilen dasSakko zurückzuschlagen und es festzuhalten. Er sitzt 
am Klavier und begleitet Friederike. 

FRIEDERIKE achtundzwanzig Jahre, bellgrau englisches 
Kostüm, rote Seidenbluse; breitrandiger eleganter Sommerhut. Sie 
ist zierlich und rötlich blond. Singt aus „Mignon"*): „Hahaha ! 
ist's wahr, wirklich wahr ? . , ." Bewegung, als wenn sie w.it 
der Reitpeitsche den Staub von den Kleidern klopfte. 

AMADEUS begleitet und markiert die Rolle des Friedrich. 
„Lachen Sie nur, ich bin ein Narr, ruiniere mein 
Pferd . . ." 

FRIEDERIKE. „Wünschen Sie vielleicht . . ." 

AMADEUS nervös. Warten Sie doch! . . Sie wissen 
ja noch nicht, warum ich mein Pferd ruiniere . . . 
„Ruiniere mein Pferd, um früher Sie zu sehen . . ." 



*) Ausgabe: Klavierauszug S. 129. Paris. Au Menestrel, 2*" 
Rue Vtvtenne. 



107 



FRIEDERIKE tvie oben. „Wünschen Sie vielleicht, 
daß ich weine?" 

AMADEUS wie oben. ,,0, schon bereu' ich es 
schwer, daß ich nur kam." 

FRIEDERIKE wie oben. „Nun so . . . 

AMADEUS. Gis! 

FRIEDERIKE wie oben. „Nun so kehren Sie um. 
Bald genug erblick' ich Sie wieder!" 

AMADEUS. Das sagt sie ironisch, nicht zärtHch! 
„Bald genug erblick' ich Sie wieder . . ." 

FRIEDERIKE wie oben. „Bald genug erblick' ich 
Sie wieder . . ." 

AMADEUS. Nicht mit Haß, sondern ironisch, 
Frau Gräfin. 

FRIEDERIKE. Sie sollen mich nicht Frau Gräfin 
nennen, sondern Friederike, wenn Sie mit mir stu- 
dieren. 

AMADEUS. Sehen Sie, das ist der Ton für die 
Philine. Den halten Sie fest . . . Und das sind 
die richtigen Augen . , . Wenn Sie das auf der Bühne 
träfen, dann wären Sie beinah eine Künstlerin. 

FRIEDERIKE. Ach Gott, ich habe die Phihne 
schon mindestens zwanzigmal gesungen! 

AMADEUS. Aber hier nicht, Fried . . . Frau 
Gräfin. Und nicht, wenn Frau Adams-Ortenburg 
die Mignon sang. Beugt sich vor und sieht nach dem Garten 
hinaus. 

FRIEDERIKE. Sie kommt noch nicht. Lächelnd. 
Vielleicht ist die Probe noch nicht aus. 

AMADEUS. Vielleicht. Er ist aufgestanden. 

FRIEDERIKE. Ist es richtig, daß Frau Adams- 
Ortenburg nächsten Herbst in Berlin gastiert ? 

AMADEUS. Es ist noch nicht sicher. — Er geht zum 

Fenster rechts. Sie gestatten, öffnet. 

FRIEDERIKE. Ein herrlicher Sommertag! Und 
wie Ihre Rosen duften. Beinah 

AMADEUS. Beinahe wie in Tremezzo — ich 
weiß. 



io8 



FRIEDERIKE. Wie können Sie das wissen ? Sie 
waren ja noch nicht dort. 

AMADEUS. Aber Sie haben mir genug davon 
erzählt. Eine Villa liegt am Wasser, leuchtend und 
weiß, Marmorstufen führen geradeaus in den blauen 
See. 

FRIEDERIKE. Ja. Und in sehr heißen Nächten 
schlafe ich zuweilen mitten im Park auf dem Rasen 
unter einer Platane. 

AMADEUS. Die Platane ist berühmt. — Aber die 
Zeit vergeht. Singen wir doch lieber. Wieder am Klavier. 
Die Polonaise. Ich bitte, Frau Gräfin. Er begleitet. 

FRIEDERIKE singt*): 
,,Titania ist herabgestiegen. 
Die Fee der Luft vom blauen Wolkensitz, 
Will die Welt behende nun durchfliegen, 
Noch schneller als der Vogel, schneller als der BHtz . . ." 

AMADEUS bricht ab, läßt den Kopf sinken. Nein, 
nein, es geht nicht. — Bitten Sie doch den Direktor, 
er möchte die Partie mit Ihnen studieren. Was mich 
anbelangt, ich habe eine gewisse Achtung auch vor 
den Leuten, die im Sommer ins Theater gehen. 
Sie müssen sich nicht alles bieten lassen. Gehn Sie 
zum Direktor: Ich lass' ihn grüßen und ich hab' was 
Besseres zu tun. Klappt die Noten zu. 

FRIEDERIKE freundlich. Das glaub' ich schon. Wie 
weit sind Sie denn eigentlich mit Ihrer Oper ? 

AMADEUS. Um Gottes willen, tun Sie doch 
nicht, als ob Sie dergleichen interessierte. Es ver- 
langt's ja niemand. 

FRIEDERIKE. Ist sie bald fertig? 

AMADEUS. Fertig —.?... Wie stellen Sie sich 
das vor ? Abends mindestens zweimal wöchentlich 
dirigieren, vormittag Proben oder gar Korrepetition 
. . . glauben Sie, daß man sich nach einer solchen 
Stunde hinsetzen kann und die Muse erwarten? 

*) 1. c. S. 285. 

109 



FRIEDERIKE. Nach einer solchen Stunde! . . . 
Sie sind nicht ganz unbefangen mir gegenüber, Amadeus. 

AMADEUS. Nicht unbefangen? ich? Ihnen gegen- 
über ? — Ich glaube, Frau Gräfin, auch in Ihren ver- 
wegensten Augenblicken denken Sie nicht daran, daß 
meine Frau von Ihnen etwas zu fürchten hätte. 

FRIEDERIKE. Sie wollen mich wahrscheinlich 
mißverstehen. Sie ist zum Kamin gegangen und wendet sich 
jetzt tcieder zu Amadeus. Sie wissen Sehr wohl, warum Sie 
gegen mich so gereizt tun, Amadeus. Weil Sie in mich 
verliebt sind. 

AMADEUS sieht in die Luft und spielt Klavier. 

FRIEDERIKE. Mit dem Dreiklang da werden Sie 
mir nicht das Gegenteil beweisen. 

AMADEUS. Dreiklang da . . . Sagen Sie mir lieber, 
was es für einer ist. Schlägt ihn nochmals wütend an. 

FRIEDERIKE. As dur. 

AMADEUS gelangweilt. G dur selbstverständlich. 

FRIEDERIKE neben ihm, lächelt. An dem halben Ton 
soll unser Glück nicht scheitern. 

AMADEUS steht auf, geht nach hinten und blickt in den 
Garten. 

FRIEDERIKE. Ihre Frau? 

AM.4DEUS. Nein, mein Bub' spielt draußen. Am 
Fenster.^ winkt hinaus. 

Pause. 

FRIEDERIKE. Sie nehmen das Leben zu schwer, 
Amadeus. 

AMADEUS am Fenster, sich zu ihr zcendend. Ich kann 

nicht lügen — ich will nicht lügen. Das heißt nicht: 
das Leben schwer nehmen. 

FRIEDERIKE. Nicht lügen ... Sie waren doch 
manchmal viele Monate von Ihrer Frau fort — nicht 
wahr ? Ihre Frau war doch schon hier engagiert, 
während Sie noch irgendwo draußen Kapellmeister 
waren ? . . . Also . . . 

AMADEUS. Das sind Dinge, die Sie nicht ganz 
verstehen, Frau Gräfin. Blickt zur Eingangstüre. 



HO 



FRIEDERIKE. Nein, es kann Ihre Frau noch nicht 
sein. An einem so schönen Tag wie heute wird sie auf 
ihren Spaziergang doch nicht verzichten. 

AMADEUS. Was Sie da versuchen, Friederike, ist 
ziemhch kläglich. 

FRIEDERIKE. Warum denn? Ich weiß ja, daß 
sie zuweilen auch mit Ihnen spazieren geht. 

AMADEUS. Wenn es meine Zeit erlaubt, ja. Und 
manchmal mit Sigismund. Heute wahrscheinlich mit 
dem Fürsten Sigismund . . . das wollten Sie mir doch 
sagen ? 

FRIEDERIKE. Weshalb denn ? Sie wissen es doch. 
Mir fällt es wahrhaftig nicht ein, was Übles daran zu 
finden; er ist ja Ihr Freund. 

AMADEUS. Mehr — oder weniger als das. Er 
war mein Schüler. 

FRIEDERIKE. Das hab' ich ja gar nicht gewußt. 

AMADEUS. Als ganz junger Mensch, vor zehn 
Jahren, hab' ich auf dem Schloß seines Vaters gelebt. 
Wer weiß, wo ich heute wäre ohne den alten Fürsten 
Lohsenstein. Ja, wir Männer haben im allgemeinen 
eine andere Jugend hinter uns als ihr . . . 

FRIEDERIKE. ... Als ihr Künstlerinnen. 

AMADEUS. ... als ihr Gräfinnen wollt' ich sagen. 
Drei Jahre hab' ich jeden Sommer auf dem Schloß 
in Krumau verbracht. Dort könnt' ich — zum ersten- 
mal in meinem Leben — für mich in Ruhe arbeiten 
und hatte nichts weiter zu tun, als Sigismund zu 
unterrichten. 

FRIEDERIKE. Wollte er denn Pianist werden ? 

AMADEUS. Das nicht; er wollte in einen Orden 
eintreten. 

FRIEDERIKE. So? ist das wahr? — Nein, wie 
sich die Menschen ändern! 

AMADEUS. Nicht so sehr, als Sie glauben. Er 
ist ein sehr ernster Charakter gebheben. 

FRIEDERIKE. Und spielt dabei so hübsch Tanz- 
musik — ? 



III 



AMADEUS. Warum nicht? Dem Himmel ist 
ein guter Walzer und ein guter Choral gleich wohl- 
gefällig. 

FRIEDERIKE. Was waren das einmal für reizende 
Abende in Ihrem Haus! Noch in diesem Winter. 
Wir sprechen manchmal davon, der Graf und ich. — 
Lädt man den Fürsten Sigismund auch nicht mehr 
ein, so wie mich ? 

AMADEUS. Liebe Gräfin, er ist erst vor vierzehn 
Tagen bei uns gewesen — einen ganzen Abend lang. 
Wir haben draußen in der Laube soupiert, dann noch 
lang hier im Zimmer geplaudert, und vor dem Fort- 
gehen hat er über den Cagliostro- Walzer phantasiert. 

— Und was meine Frau auf diesem Spaziergang mit 
ihm redet, während ich nicht dabei bin, bleibt mir so 
wenig unbekannt, als ich ihr verschweige, was wir 
zwei zueinander reden. So stehen wir zueinander, 
meine Frau und ich, damit Sie es doch endlich be- 
greifen, Friederike! 

FRIEDERIKE. Es gibt aber doch Dinge, die man 
einander nicht sagen kann. 

AMADEUS. Zwischen Menschen unserer Art gibt 
es keine Geheimnisse. 

FRIEDERIKE. Ja dann . . . dann werden Sie Ihrer 
Frau heute mehr gestehen müssen, als Sie mir selbst 
gesagt haben, Amadeus. Adieu . . . Reicht ihm die Hand. 

AMADEUS. Was soll das nun eigentlich werden, 
Friederike ? 

FRIEDERIKE. Warum wehren Sie sich gegen Ihr 
Schicksal ? Ist es denn gar so schlimm ? Was Sie mir 
sind, war mir ja doch noch keiner! 

AMADEUS. Verlangen Sie, daß ich Ihnen auch 
das glaube ? 

FRIEDERIKE. Ich würde es nicht zur Bedingung 
machen. Aber es ist wahr, Amadeus. Nun leben Sie 
wohl. Auf morgen, Amadeus. Das Leben ist wahrhaftig 
viel leichter, als Sie denken ... Es könnte so schön sein 

— es wird schön sein. Sie geht. 



112 



AMADEUS allein. Setzt sich zum Klavier; spielt ein paar 
Töne. Es wird ernst . . . oder wird es heiter f . . . Schüttelt 
den Kopf. 

Zweiter Auftritt 

AMADEUS. — ALBERTUS RHÖN tritt ein. 

ALBERTUS mittelgroß; ziemlich langes, schwarzes, grau- 
n,eliertes Haar; eher nachlässig gekleidet. 

AMADEUS. Ah, du bist's, Albertus ? Grüß' dichGott ! 

ALBERTUS. Ich komme mich erkundigen, Ama- 
deus, wie es mit unserer Oper steht. Hast du was 
gemacht ? 

AMADEUS. Nein. 

ALBERTUS. Wieder nichts? 

AMADEUS. Ich komme hier wohl nicht mehr 
dazu. Wir müssen die Ferien abwarten; ich habe 
zu viel zu tun. Jetzt bringen wir die „Mignon" heraus 
mit einigen Neubesetzungen — — 

ALBERTUS. Wenn ich mich nicht täusche, sah 
ich Philine eben an mir vorüberschweben — mit 
ziemlich trunkenen Augen . . . O! sollt' ich wieder ein 
wenig taktlos gewesen sein ? Entschuldige. 

AMADEUS abgetvandt. Es Stimmt; sie war eben hier. 
Das verdammte Korrepetieren ! Aber es dauert hoffent- 
lich nicht mehr lang. Im nächsten Winter muß sich 
meine Zukunft endgültig entscheiden; Urlaub hab' 
ich schon. 

ALBERTUS. Also wird's Ernst mit der Tournee? 

AMADEUS. Ja, ich gehe diesmal auf zwei Monate 
fort. 

ALBERTUS. Deutsche Städte? 

AMADEUS. Wahrscheinlich auch einige italie- 
nische. Ja, mein Lieber, man weiß im Auslande mehr 
von mir als daheim. Ich werde meine dritte dirigieren 
und hoffentlich auch die vierte. 

ALBERTUS. Bist du denn schon so weit? 

AMADEUS. Nein; aber ich verspreche mir was von 

Theaterstücke. III, 8. II3 



dem heurigen Sommer. Da soll wieder einmal ordent- 
lich gearbeitet werden. 

ALBERTUS. Zeit wär's ja. — Unsere Fußtour hab' 
ich übrigens zusammengestellt. Ich hab' auch die Karte 
mitgebracht. Schau' einmal her. In Niederdorf be- 
ginnen wir, von dort über Plätzwiesen nach Schluder- 
bach, dann Cortina, dann über den Giaupaß nach 
Caprile, dann über den Fedaja 

AMADEUS. Ich überlasse dir alles, ich vertraue 
dir vollkommen. 

ALBERTUS. Also es bleibt dabei, daß wir wieder 
einmal mit dem Rucksack und Bergstock durch die 
Lande ziehen, wie in jungen Jahren — ? 

AMADEUS. Ja. Ich freue mich sehr darauf. 

ALBERTUS. Du brauchst einfach Sammlung; — 
ein paar Wochen Gebirgsluft und Ruhe, das wird dich 
schon herausreißen. 

AMADEUS. Ich bin ja nirgends versunken. Nervös 
bin ich, das ist alles. 

ALBERTUS. Merkst du nicht, Amadeus, wie du 
schon diese Ausflucht mir gegenüber, dem du ja zur 
Ehrlichkeit nicht verpflichtet bist, deiner Natur ab- 
ringen mußt ? wie du an diese kleine Unaufrichtigkeit 
gewissermaßen einen Teil deiner geistigen Kraft ver- 
schwendest ? Ich habe es dir immer gesagt: Verstellung 
liegt deiner Natur fern. Wenn du einmal in die Lage 
kämst, einem Wesen gegenüber, das dir nahesteht, 
Komödie zu spielen, so gingst du daran zugrunde. 

AMADEUS. Diese Sorge ist überflüssig! Du 
kennst uns doch lang genug, mich und Cäcilie, und 
weißt, daß unsere Ehe vor allem auf vollkommene Auf- 
richtigkeit gegründet ist. 

ALBERTUS. Den guten Willen hätten viele, aber 
im richtigen Moment fehlt manchmal der Mut. 

AMADEUS. Wir haben einander noch nie etwas 
verschwiegen. 

ALBERTUS. Weil ihr euch vorläufig noch nichts 
zu gestehen hattet. 



114 



AMADEUS. Vielleicht doch mancherlei, was andere 
für sich behalten hätten. Unser Leben hat ja keinen so 
einfachen Verlauf genommen. Monatelang haben wir 
getrennt voneinander existieren müssen. Ich habe 
schon mit andern Sängerinnen studiert als mit Philine, 
und überlegen auch andere Männer als Fürst Sigismund 
haben gefunden, daß Cäcilie schön ist. 

ALBERTUS. Ich habe nicht von Cäcilie gesprochen. 

AMADEUS. Und nebstbei wäre zwischen Cäcilie 
und mir auch jeder Versuch des Verschweigens aus- 
sichtslos. Wir kennen einander so gut — gewiß hat 
es noch nie zwei Menschen gegeben, die sich so voll- 
kommen verstanden haben wie wir. 

ALBERTUS. Ich kann mir einen Punkt denken, 
wo das Verständnis aufhört und damit alles andere. 

AMADEUS. Alles andere, das wäre möglich, — 
aber gerade das Verständnis nicht. 

ALBERTUS. Nun ja. Wenn nur das Verständnis 
übrig bleibt, so bedeutet es auch nichts anderes als den 
Anfang vom Ende. 

AMADEUS. Das sind — Zufälle, auf die jeder 
Mensch gefaßt sein muß. 

ALBERTUS. Du redest aber nicht wie einer, der 
gefaßt, sondern wie einer, der entschlossen ist. 

AMADEUS. Wer könnte völlig für sich oder einen 
andern einstehen ? Jedenfalls haben wir beide nie das 
Schicksal durch ein Gefühl zu großer Sicherheit 
herausgefordert. 

ALBERTUS. Mein Lieber, was das anbelangt: das 
Schicksal fühlt sich immer herausgefordert, durch 
Zweifel geradeso wie durch Vertrauen. 

AMADEUS. Daß einen nichts unvorbereitet treffen 
kann, gibt immerhin ein Gefühl der Beruhigung. 

ALBERTUS. Mehr Beruhigung gäbe vielleicht 
der feste Entschluß, alles abzuwehren, wodurch ein 
sicheres Glück aufs Spiel gesetzt werden könnte. 

AMADEUS. Glaubst du, daß mit einer solchen 
Abwehr etwas gewonnen wäre ? Glaubst du nicht, 



"5 



daß: Verlockungen widerstehen mit Sehnsucht in 
der Seele, von allen Lügen die schlimmste und ge- 
fährlichste wäre, und daß man aus Abenteuern eher 
heil nach Hause käme als aus Wünschen ? 

ALBERTUS. Abenteuer...! Müssen sie denn 
gerade erlebt sein ? Einem Maler, der über Stümperei 
erhaben und über Jugendtorheit hinaus ist, genügt 
ein Modell für alle Gestalten, die er träumt und schafft 
— und den, der zu leben weiß, erwarten alle Abenteuer, 
nach denen ihn gelüstet, im Frieden seines Heims. 
Er erlebt sie geradeso wie ein anderer, aber ohne Zeit- 
verschwendung, ohne Unannehmlichkeiten, ohne Ge- 
fahr; und wenn er Phantasie hat, bringt ihm seine 
Gattin, ohne daß sie es ahnt, lauter uneheliche Kinder 
zur Welt. 

AMADEUS. Es ist die Frage, ob man das Recht 
hat, einem Wesen, das einem wert ist, solch eine Rolle 
zuzumuten. 

ALBERTUS. Man darf die Menschen nie darüber 
aufklären, was sie einem bedeuten. Ich habe darauf 
einen Spruch gemacht: 

Kennst du mich, so störst du mich, 
kenn' ich dich, so hab' ich dich. 



Dritter Auftritt 

DIE VORIGE!^ — MARIE und PETERL aus dem Garten. 
Dann das FR JU LEIN. 

MARIE. Peterl wünscht durchaus, daß ich herein- 
komme; ich wollte im Garten auf Cäcilie warten. 
AMADEUS. Grüß' Sie Gott, Marie. 
MARIE. Ich habe hoffentlich nicht gestört ? 
FRAULEIN aus dem Garten, tvill den Buben holen. Peterl ! 
PETERL. Nein, Fräulein, ich bleibe bei den Großen. 
AMADEUS. Ja, lassen Sie ihn uns nur da, Fräulein. 
FRAULEIN ab auf die Veranda; bleibt sichtbar. 
MARIE. Nun, habt ihr viel gearbeitet? 



ii6 



AMADEUS. Wir haben mehr geplaudert. 

ALBERTUS. Weißt du, warum sie sich erkundigt? 
Weil sie in den Herrn von Rabagas verliebt ist. 

AMADEUS. In wen? 

ALBERTUS. Du erinnerst dich nicht einmal an ihn ! 
Es ist der interessante junge Mensch, der im ersten 
Akt im Gefolge des Königs auftritt. Früher hat sie 
sich wenigstens nur in die Helden meiner Stücke verliebt, 
jetzt werden ihr schon die Episodenfiguren gefährlich. 

AMADEUS. Da müßtest du doch eigentHch stolz 
darauf sein. 

ALBERTUS. Stolz? Manchmal bedauert man 
doch, daß man dazu verurteilt ist, alle Schönheiten 
und Tugenden der Welt in die Gestalten zu legen, die 
man schafft, und daß einem fürs eigene Fortkommen 
nichts übrig bleibt als das bißchen Geist. 



Vierter Auftritt 

DIE VORIGEN. CÄCILIE von rechts. 

PETERL. Da ist die Mama! 

CÄCILIE. Guten Tag. Reicht allen die Hand. Grüß' 
dich Gott, Marie. Das ist aber schön! Hätt' ich das 
gewußt . . . Ich bin ein bißchen spazieren gegangen; 
das Wetter ist so wundervoll ! — Na Peterl küßt ihn, schon 
gegessen ? 

PETERL. Ja. ♦ 

FRÄULEIN kommt von der Veranda herein. Guten Tag, 
gnädige Frau. Peterl hat noch nicht seinen Mittags- 
schlaf gehabt. 

MARIE. So, schläft er noch immer am Nachmittag ? 
Unsere zwei haben sich das vollkommen abgewöhnt. 

ALBERTUS. Dafür spielen sie jetzt jeden Nach- 
mittag ein wunderschönes Spiel, das sie selbst erfunden 
haben; es heißt „Trommler und Trompeter". 

MARIE. Komm nur bald wieder zu uns, Peterl; 
dann kannst du mitspielen. 



117 



PETERL. Ja, ich hab' ein Werkel, das nehm' ich 
mir mit, damit mehr Lärm ist. 

CACILIE. Jetzt geh, sag' aber schön adieu zuerst. 

PETERL. Habe die Ehre, sag' ich; adieu ist mir 
zu gemein. 

Alle lachen; er geht mit dem Fräulein. 

Die beiden Frauen geben langsam zum Kamin und setzen sich dann 

dort nieder. 

MARIE. Ich komme natürlich, dich um etwas 
bitten. 

CJCILIE. Ich höre. 

MARIE. Es handelt sich um ein Konzert, bei dem 
du gebeten wirst mitzuwirken. 

CACILIE. Heuer noch? 

MARIE. Ja, Cäcihe. Es soll auch nicht in der 
Stadt sein, sondern auf dem Land ... zu einem wohl- 
tätigen Zweck natürlich. Wenn du nur zwei, drei 
Lieder singst, wird das Komitee ganz glücklich sein. 

CACILIE. Das wird sich schon machen lassen. 

M ARIE. Ich wäre dir sehr dankbar. 

AMADEUS. Machen Ihnen solche Veranstaltungen 
nicht viel Mühe ? 

MARIE. Irgend eine Beschäftigung muß der 
Mensch doch haben. Wenn ich zu irgendwas Talent 
hätte, wie ihr alle, so kümmerte ich mich gewiß nicht 
um Volksküchen und Teeanstalten, — da wären mir 
die Menschen wahrscheinlich auch egal. 

CACILIE lächelnd. Auch . . . ? 

MARIE. Es war nicht so gemeint. 

ALBERTUS. Du solltest aus der Wiesenanmut 
deines holden Flanderns dich nicht in das Dickicht 
psychologischer Erörterungen begeben, Marie. — 
Übrigens komm, Kind; diese beiden Menschen werden 
Mittag essen wollen. 

CJCILIE. O, bis dahin ist's noch eine Stunde. 

AMADEUS. Wir arbeiten vor Tisch gewöhnlich 
noch ein bißchen zusammen. Heute könnten wir zum 
Beispiel die Lieder für Ihr Konzert durchmachen. 



ii8 



CÄCILIE. Ja, da bin ich ganz einverstanden. 

MARIE. Ich bin dir so dankbar, CäciHe! 

CÄCILIE. Wann sieht man sich denn wieder ? 

ALBERTUS. Ja richtig. Wir haben eben über den 
Sommer gesprochen. Amadeus und ich unternehmen 
eine Fußwanderung. Wie wär's, wenn ihr beide während 
dieser Zeit mit den Kindern an den selben Ort gingt, 
irgendwohin nach Tirol vielleicht, um uns dort zu 
erwarten ? 

MARIE. Das wäre ja wunderschön! 

CÄCILIE. Hörst du, Amadeus? 

AM ADEUS der etwas abseits stand. NatürUch. Das wäre 
sehr gut . . . Ihr erwartet uns in Tirol. 

CÄCILIE. Willst du morgen nachmittag zu mir 
kommen, Marie? Da besprechen wir das Nähere. 

MARIE. Gern. Ich bin ja so froh, wenn du ein 
wenig Zeit für mich hast. — Also auf Wiedersehen! 

ALBERTUS. Adieu. Albertus und Marie ab. 



Fünfter Auftritt 

AMADEUS, CÄCILIE. 

AMADEUS geht auf und ab. 

CÄCILIE folgt ihm mit den Blicken; sie sitzt auf dem Divan. 

AMADEUS zum Fenster; dann zurück. Mit eigentümlich 
trockenem Ton. Nun, wie war's denn ? geht das Finale 
endlich zusammen ? 

CÄCILIE. Leidlich. 

AMADEUS. Vorgestern war es noch nicht recht 
auf der Höhe. Ich finde, sie lassen dich nicht ganz 
heraus ; deine Stimme müßte über den andern schweben, 
nicht im Schwärm mitfliegen. 

CÄCILIE. Willst du morgen nicht wieder einmal 
zu einer Probe kommen . . . wenn du Zeit hast ? 

AMADEUS. Es wäre dir angenehm — ? 

CÄCILIE. Ich fühle mich sicherer, wenn ich dich 
in der Nähe weiß; das ist dir ja bekannt. 



119 



AMADEUS. Ich werde kommen — ja. Ich werde 
dem Neumann und der Gräfin absagen. 

CACILIE. Wenn du damit kein zu großes Opfer 
bringst 

AMADEUS absichtlich trocken. Ich kann sie ja auch 
für Nachmittag zu mir bitten. 

CÄCILIE. Dann kämst du aber gar nicht dazu, 
für dich zu arbeiten. Lassen wir's doch Heber. 

AMADEUS. Was sollen wir lassen ? 

CÄCILIE. Komm morgen nicht zur Probe. 

AMADEUS. Wie du meinst, CäciUe. Ich dränge 
mich natürlich nicht auf. Eben sagtest du aber, du 
fühltest dich sicherer, wenn ich in der Nähe bin. 
Und was das Arbeiten anbelangt, damit wird es ja — 
ich sprach eben mit Albertus davon — damit wird's 
vor den Ferien doch nichts. 

CÄCILIE. Das dacht' ich mir. 

AMADEUS. Aber im Sommer will ich meine Vierte 
fertig machen. Ich will heuer was neues zu dirigieren 
haben. Im übrigen handelt es sich nur mehr um den 
letzten Satz. Die übrigen sind, innerlich wenigstens, 
so gut wie fertig. 

CÄCILIE. Du hast mir schon lang nichts daraus 
vorgespielt, Amadeus. 

AMADEUS. Zum Vorspielen ist es noch nichts; 
aber die Hauptthemen kennst du doch . . . das Allegro 
. . . das Zwischenspiel . . Er ist am Klavier und spielt einige 
Töne. 

CÄCILIE. Also im November gehst du fort ? 

AMADEUS. Ja, für drei Monate. 

CÄCILIE. Und im Oktober werde ich in Berlin sein. 

AMADEUS. So . . , gibt's etwas Neues in dieser 
Angelegenheit ? 

CÄCILIE. Ja; ich habe so ziemlich abgeschlossen, 
Reichenbach hat mich in der Oper aufgesucht. Drei 
Gastrollen: die Carmen jedenfalls, die andern kann ich 
wählen. 

AMADEUS. Und welche wirst du 



120 



CACILIE. Die Tatjana, denk' ich. Sie sollen dort 
einen so ausgezeichneten Onegin haben. 

AMADEUS. Wedius, ja; ich kenne ihn. Er war 
zu meiner Zeit in Dresden. — Na, Carmen, Tatjana 
und — ? 

CACILIE. Das überlege ich noch . . . Vielleicht 
besprechen wir's miteinander. 

AMADEUS. Selbstverständhch. Pause. 

CACILIE. Es wird ein bewegter Winter. 

AMADEUS. Allerdings. Man wird nicht viel 
voneinander haben. 

CACILIE. Wir werden uns wieder Briefe schreiben. 

AMADEUS. Wie einst. 

CACILIE. Wir sind es ja gewöhnt. 

AMADEUS. Ja. Pause. Im übrigen, sage: du willst 
tatsächlich bei diesem Wohltätigkeitskonzert mitwirken ? 

CACILIE. Warum nicht ? Ich konnte es doch 
Marie nicht abschlagen. Hast du was dagegen ? 

AMADEUS. Nein . . . warum denn? Wir könnten 
nun wirklich die halbe Stunde vor Tisch benützen, 
um noch was durchzunehmen. Zur Etagere hin. Was 
willst du denn singen ? 

CACILIE. Nun, etwas von dir jedenfalls 

AMADEUS. O nein, nein. 

CACILIE. Warum denn nicht? 

AMADEUS. Aus einem Innern Bedürfnis heraus 
singst du's ja doch nicht. 

CACILIE. Wie du meinst, Amadeus. — Ich dränge 
mich auch nicht auf. 

AMADEUS gebückt^ suchend. Wie wär' es mit Schumann 
. . . „Schneeglöckchen" ? . . . oder . . . „Alte Laute" . . . 
und . . . „Verratene Liebe" . . . 

CACILIE. Ja. Dann vielleicht von Wolf „Ver- 
borgenheit" und irgendwas von Brahms. „Nicht mehr 
zu dir zu gehen, beschloß ich . . ." 

AMADEUS. Ja. Eben habe ich das Heft in der 
Hand. Leicht, trocken. Du bist doch mit Sigismund 
spazieren gegangen ? 



121 



CJCILIE. Ja. Er läßt dich grüßen. 

AMADEUS lächelnd. WozU ? Mit den Noten zum Klavier. 
Da könnte er ebensogut wieder zu uns kommen. 

CACILIE. Es gefällt mir nicht am wenigsten an 
ihm, daß er das nicht tut. 

AMADEUS. So? — Nun ja. — Ich lass' ihn gleich- 
falls grüßen. Aber es ist wirklich schade, daß er nicht 
mehr kommt. Es war so hübsch, wenn er seine Walzer 
spielte — wirklich, es waren so nette Abende . . . Ich 
sprach eben mit der Gräfin von diesen Abenden. 

CACILIE. So? — Und ich habe eben ihr Bild 
gesehen. 

AMADEUS. Ihr Bild? 

CACILIE. Ich war mit Sigismund im Künstler- 
haus. 

AMADEUS. So. — Es soll sehr gelungen sein, 
das Bild. 

CACILIE. Es wäre ein Wunder, wenn das nicht 
gelungen wäre! Der Maler soll ja ein halbes Jahr dazu 
gebraucht haben . . . 

AMADEUS. Ist das so lang für ein gutes Bild? 

CACILIE. Nein. Aber für die Gräfin. — Sie wird 
übrigens sicher auch die Philine sehr gut singen. 

AMADEUS. Glaubst du? Ich fürchte, du wirst 
dich irren . . . Pause. Also, Cäcilie, was habt ihr denn 
heute miteinander gesprochen ... du und Sigismund? 

CACILIE. Was wir gesprochen haben . . . ? Pame. 
Die Worte findet man doch nicht wieder . . . Langsam 
zum Kamin bin. Sie klingen auch anders, wenn man sie 
nur wiederfindet. 

AMADEUS. Das ist richtig. Näher zu ihr. Auf die 
Worte kommt es wohl nicht so sehr an . . . Nun, 
Cäcilie, solltest du mir nicht mehr zu sagen haben ? 

CJCILIE. Mehr — ? Zögernd. Glaubst du nicht, 
Amadeus, daß manche Dinge geradezu anders werden 
dadurch, daß man versucht sie auszusprechen ? 

AMADEUS. Unter Menschen wie wir — nein! 

CÄCILIE. Was du da sagst, hatte vielleicht früher 



122 



einmal Geltung. Aber ... du weißt es ja geradesogut 
wie ich ... es ist nicht mehr, wie es war. 

AMADEUS. Nicht mehr ganz. Ja. Aber das 
dürfte doch für keinen von uns ein Grund sein, dem 
andern eine Antwort zu verweigern. Solche Bedenken 
wären unserer nicht würdig. Wir sind es ja: Cäcilie, 
du, und ich! Sag' mir ungescheut, was du mir zu sagen 
hast. 

CJCILIE steht auf. Du mußt mir nicht Mut zu- 
sprechen, Araadeus. 

AMADEUS. Nun — ? 

CJCILIE schweigt. 

AMADEUS. Liebst du ihn? 

CJCILIE. Ob ich ihn hebe . . . ? 

AMADEUS mahnend. Cäcilie! . . . 

CACILIE. Soll ich mehr sagen, ah ich für wahr 
halte? Wäie das nicht wieder Lüge? — so gut und 
so schlecht als eine andere ? — Nein, ich glaube nicht, 
daß ich ihn hebe. Als ich dich kennen lernte, Amadeus, 
war es anders. 

AMADEUS. Die Zeit Hegt fern! — Du hast wahr- 
scheinlich vergessen, wie es damals war. Im ganzen 
wird es doch das Gleiche sein. Nur daß du eben seither 
älter geworden bist, und daß du sieben Jahre mit mir 

— auch wenn wir fern voneinander waren, mit mir 

— gelebt hast, daß wir ein Kind haben . . . 
CACILIE. Nun ja, vielleicht ist's nur darum anders; 

— aber es ist doch anders. 

AMADEUS. Das, worauf es ankommt, ist doch das 
Gleiche: du fühlst dich zu ihm hingezogen. 

CACILIE sehr innig, beinahe zärtlich. Aber vielleicht 
gibt es heute etwas, das zurückhält, . . . das zurück- 
halten könnte, wenn es nur wollte. 

AMADEUS nach einer Pause, herb. Es wiU nicht . . . 
es darf nicht wollen. Was hätte es für einen Sinn f 
Heute wäre ich vielleicht der Stärkere, — und viel- 
leicht noch ein anderes Mal — und endlich käme doch 
der Tag, an dem ich unterliegen würde. 



123 



CACILIE. Warum? . . . Das müßte ja nicht sein! 

AMADEUS. Und selbst wenn man immer der 
Sieger bliebe: wäre das noch ein Glück, um das man 
oft kämpfen und immer zittern müßte ? Ein Glück 
für uns, die ein so hohes gekannt haben ? . . . Nein, 
Cäcilie, in der Angst umeinander sollte unsere Liebe 
nicht enden. Ich halte dich nicht, Cäcilie, wenn es 
dich anderswohin zieht; — du hast gewußt, daß ich 
dich niemals halten würde. 

CÄCILIE. Vielleicht hast du recht, Amadeus. 
Aber es ist nicht allein aus Stolz, daß du mich so leicht 
entgleiten läßt. 

AMADEUS. Es ist ja nicht nur aus Liebe, daß du 
dich noch auf halbem Wege zurückrufen ließest. Pause. 
Er beim Fenster. 

CACILIE. Amadeus, wollen wir diese Stunde 
wirklich durch Bitterkeit entweihen ? Wir haben 
einander doch nichts vorzuwerfen. Wahrheit haben 
wir einander versprochen, und ich habe mein Wort 
gehalten bis zu dieser Stunde. 

AMADEUS. Auch ich hab' es immer getan. Und 
wenn du es wünschest, kann ich dir auch, was heute 
zwischen mir und der Gräfin Friederike gesprochen 
wurde, so getreu berichten wie ich's jedesmal getan. 
Ich, Cäcilie, würde sogar die Worte wiederfinden. 

CACILIE sieht ihn lang an. Ich weiß genug. Pause. 

AMADEUS hin und her, fern von ihr stehen bleibend. Und 
was nun ? 

CACILIE. Was nun — ? Es trifft sich vielleicht 
ganz gut, daß die Ferien kommen. Da werden wir, 
jeder für sich, in Ruhe überlegen können, was nun 
weiter werden soll. 

AMADEUS. Es scheint ja beinahe, als hätten wir 
beide das vorausgeahnt. Wir haben nicht einmal ge- 
meinschaftliche Sommerpläne gemacht wie sonst. 

CÄCILIE. Es ist wohl das beste, ich gehe mit dem 
Buben irgendwohin nach Tirol, an einen stillen Ort 
... so wie ihr besprochen habt. 



124 



AMADEUS. Ja. 

CACILIE. Und du ? . . . 

AMADEUS. Ich ? . . . Ich werde mit Albert meine 
Fußtour unternehmen; ich will wieder einmal im 
Gebirge herumklettern. 

CACILIE. Und dann herniedersteigen in ein 
schönes Tal — nicht wahr ? 

AMADEUS. Das . . . wäre möghch. 

CACILIE herb. Da müßten wir aber vorher — 
endgültig Abschied nehmen, denn von dort her gibt's 
kein Zurück. 

AMADEUS. Natürlich nicht ! So wenig es für dich 
eines gibt. 

CACILIE. Für mich . . . ? 

AMADEUS. Es könnte ja sein, daß du Lust be- 
kämst . . . deine Pläne zu ändern . . . nicht mit Marie 
zusammen zu bleiben . . . lieber ungestört 

CACILIE. Ich andre meine Pläne nicht. Und du 
sollst es auch nicht tun. 

AMADEUS. Wenn du es wünschest — 

CACILIE. Ich wünsche es. 
Pause. 

AMADEUS. Sollte jetzt, mit einemmal, wirkhch 
die Stunde da sein ? 

CACILIE. Welche Stunde? 

AMADEUS. Nun — die wir beide so lang, auch in 
den schönsten Tagen vorhergesehen, die wir beinahe 
wie etwas Unausbleibliches erwartet haben ? 

CACILIE. Sie ist da. Ja. Jetzt wissen wir, daß 
es vorbei ist. 

AMADEUS. Vorbei ? . . . 

CACILIE. Ich glaube, wir sprechen die ganze Zeit 
von nichts anderm. 

AMADEUS. Ja. Du hast recht. Im Grunde ist 
es gut, daß es endlich mit klaren Worten ausgesprochen 
ist. Die Stimmungen der letzten Zeit waren zuweilen 
etwas bang. 

CACILIE. Das wird jetzt jedenfalls besser werden. 



125 



AMADEUS. Besser . . . Warum ? . . . Nun ja. . . 
du magst recht haben. Mir ist beinah, als fing' es jetzt 
schon an, besser zu werden. Seltsam . . . Man . . . 
atmet freier. 

CACILIE. Ja. Jetzt haben war eben den Lohn da- 
von, daß wir immer ehrlich gewesen sind, Amadeus. 
Wie müde wären andre schon in einem solchen Augen- 
blick von allerlei peinlichen Ausflüchten, mühseligen Be- 
schwichtigungen und kläglich süßen Versöhnungen. Wie 
feindselig ständen sie sich vielleicht gegenüber in ihrer 
verspäteten Aufrichtigkeit. Wir zwei, Amadeus, wir wer- 
den doch wenigstens als Freunde voneinander scheiden. 
Pause. 

AMADEUS. Und unser Bub' f 

CACILIE. Ist's dir nur um ihn ? 

AMADEUS. Es ist mir um manches. Wie soll es 
nun eigentlich werden ? 

CACILIE. Das sind Dinge, über die wir in den 
nächsten Tagen ausführlich reden wollen, — eh' wir 
verreisen. Bis dahin bleibt alles beim alten. So wie 
es das letzte Jahr gewesen ist, darf es ja bleiben; damit 
tun wir niemandem ein Unrecht. 
Pause. 

AMADEUS setzt sieb zum Klavier. ' 
Eine bange Pause. 

AMADEUS beginnt, das Capriccio-Thema wie früher zu spielen. 

CACILIE nahe der Veranda, wendet sich um und lauscht. 

AMADEUS bricht brüsk ab. 

CACILIE. Warum spielst du nicht weiter ? 

AMADEUS lackt kurz. 

CJCILIE. War es nicht das Zwischenspiel ? 

AMADEUS nickt. 

CACILIE noch fern. Hast du dich schon entschieden, 
wie du es bezeichnen wirst ? Bleibt es bei „Capriccio" ? 

AMADEUS. Vielleicht: Capriccio doloroso. Es ist 
seltsam, wie man manchmal seine eigenen Einfälle 
anfangs mißversteht. Die verborgene Traurigkeit des 
Themas hast du mir entdeckt. 



126 



CACILIE. Du wärst schon selbst darauf gekommen, 
Amadeus, 

AMADEUS. Vielleicht. 

Pause. 

AMADEUS. Mit wem, Cäcilie, gedenkst du denn 
vom nächsten Jahr ab zu korrepetieren ? 

CACILIE. Das wird sich schon finden. Die Lieder 
für das Konzert, die nimmst du wohl noch mit mir 
durch — nicht wahr? Und auch am Abend selbst 
hast du wohl die Freundlichkeit, mich zu begleiten ? 

AMADEUS. Selbstverständlich. — Aber ich möchte 
wirklich gern wissen, wer von nun ab mit dir studieren 
wird. 

CÄCILIE. Sollte das die vnchtigste Frage sein, 
die wir zu erledigen haben? 

AMADEUS. Nein, gewiß nicht. Umsoweniger, 
als gar nicht recht einzusehen ist, warum ich diese 
Stellung nicht sollte beibehalten dürfen. 

CÄCILIE lächelnd. Du glaubst — ? ... Ja, da müßten 
wir über die Stunde und die Bedingungen einig werden. 

AMADEUS. Du, Cäcilie, ich rede nicht im Scherz. 
Da wir ja im besten Einvernehmen voneinander gehn, 
weshalb sollte man diese Möglichkeit nicht wenigstens 
in vorläufige Erwägung ziehen ? 

CÄCILIE. Das wird sich ja später vielleicht von 
selber ergeben . . . Daß wir . . . daß du mich in einem 
Konzert begleitest . . . oder daß du eine Partie mit 
mir studierst . . . 

AMADEUS. Warum denn später? . . . Steht auf; ans 
Klavier gelehnt. Es liegt doch eigentlich kein vernünftiger 
Grund vor, daß sich unsere musikalischen Beziehungen 
umgestalten müßten. Ich glaube, wir beide hätten 
darunter in gleicher Weise zu leiden. Ohne mich zu 
überheben, halte ich es für unwahrscheinlich, daß du 
einen besseren Korrepetitor findest als mich. Und 
was meine Sachen anbelangt, ich wüßte nicht, wer sie 
besser verstünde . . . mit wem ich sie lieber bespräche 
als mit dir. 



127 



CACILIE. Es wird dir doch nichts anders übrig 
bleiben. 

AMADEUS. Das seh' ich nicht ein. Wir haben 
schließlich auf niemanden Rücksicht zu nehmen — 
ich gewiß nicht. 

CÄCILIE. Ich auch nicht. Ich werde mir meine 
Freiheit zu bewahren wissen. 

AMADEUS. Nun also! 

CÄCILIE. Trotzdem, Amadeus . . . Daß wir 
einander sehen und sprechen werden, das bringen ja 
unsere Stellungen mit sich . . . aber so wie früher 
kann es natürlich auch in Hinsicht auf unsere Arbeit 
nicht mehr werden. Das mußt du doch einsehen ? 

AMADEUS. Das seh' ich durchaus nicht ein. Und 
— ganz abgesehen von unseren künstlerischen Be- 
ziehungen — es kommt ja noch allerlei anderes in 
Betracht — Wichtigeres. Unser Bub', Cäcilie. Warum 
soll denn der Junge mit einemmal vaterlos dastehen, 
sozusagen ? 

CÄCILIE. Davon ist nicht die Rede. Da werden 
wir schon ein Übereinkommen treffen. 

AMADEUS. Ein Übereinkommen! . . . Wozu denn 
diese Schwierigkeiten, die vielleicht bei einigem guten 
Willen alle zu vermeiden wären! Der Bub' gehört mir 
so gut als dir. Warum sollen wir ihn denn nicht ge- 
meinschaftlich weiter erziehen dürfen ? 

CÄCILIE. Du sprichst von Dingen, die undurch- 
führbar sind. 

AMADEUS. Das find' ich durchaus nicht. — Im 
Gegenteil! Je ruhiger ich die Sachlage überschaue, 
um so unsinniger erscheint es mir, daß wir wie die 
ersten besten geschiedenen Eheleute voneinander- 
gehn, daß wir unser schönes gemeinschaftliches Heim 
aufgeben sollen . . . 

CÄCILIE. Amadeus, du träumst wieder einmal! 

AMADEUS. Wir sind doch nebstbei auch gute 
Kameraden! Das können wir doch bleiben. 

CÄCILIE. Ja, das bleiben wir jedenfalls. 



128 



AMADEUS. Nun also! Was uns verbindet, ist Ja 
so stark, daß alles andere, was uns etwa noch in unserer 
Freiheit bevorstehen mag, dagegen geradezu un- 
wesentlich erscheint. Das spürst du doch geradeso 
wie ich ? Auf die Leute brauchen wir keine Rücksicht 
zu nehmen! Wir haben wohl das Recht, einen etwas 
höheren Standpunkt einzunehmen. Wir gehören doch 
schließlich noch immer zusammen, auch wenn von 
hundert Fäden, die uns verknüpfen, einer zerrissen 
ist. Oder sollen wir mit einemmal vergessen, was wir 
einander gewesen sind und was wir uns bleiben können 
und müssen f Das steht einmal fest, daß dich niemand 
mehr so verstehen wird wie ich, und mich niemand 
mehr wie du . . . Und darauf kommt's doch an ! Also 
warum sollten wir nicht 

CACILIE. Nein, es ist unmöglich! Nicht wegen 
der Leute; die sind mir so gleichgültig wie dir. Aber 
um unsrer selbst willen. 

AMADEUS. Um unsrer selbst willen — ? 

CÄCILIE. Du vergißt nämlich eins: daß wir von 
heute ab Geheimnisse voreinander haben werden. Wer 
weiß, wie viele . . . wie schwere . . . Und schon das leich- 
teste würde sich zwischen uns wie ein Schleier senken. 

AMADEUS. Geheimnisse — ? 

CÄCILIE. Ja, Amadeus. 

AMADEUS. Nein, Cäcilie. 

CÄCILIE. Wie? 

AMADEUS. Das dürfte eben nicht der Fall sein. 

CÄCILIE. Aber Amadeus! 

AMADEUS. Geheimnisse dürfte es zwischen uns 
nicht geben. Darin liegt alles — ganz richtig. Aber 
warum sollte es auch Geheimnisse zwischen uns geben ? 
Bedenke nur, daß wir von heute ab nicht Ehegatten' 
sondern Kameraden — wirklich nur Kameraden wären, 
die einander nichts verbergen müßten — ja nicht 
einmal es dürften. Oder fehlt dir der Mut dazu ? 

CÄCILIE. Der Mut? Nein. 

AMADEUS. Nun also. Wir werden uns über alles 

Theaterstücke. III, 9. I29 



aussprechen, geradeso wie bisher — ja gewissermaßen 
über mehr. Da wäre natürHch die Voraussetzung 
unserer weiteren Beziehungen: Wahrheit — rück- 
haltlose Wahrheit. Und das käme nicht nur unseren 
Beziehungen zueinander, sondern jedem einzelnen 
von uns sehr zu statten. Denn könntest du einen 
bessern Kameraden finden als mich, ich eine bessere 
Kameradin als dich ? — Mit unseren Freuden und 
mit unseren Schmerzen kämen wir zueinander, wären 
Freunde wie bisher, vielleicht bessere als je, und würden 
uns die Hände reichen, auch über Abgründe. So be- 
hielten wir alles, was uns bisher gehört hat: unsere 
Arbeit, unser Kind, unser Heim — alles, was wir 
gemeinsam haben müssen, damit es seinen ganzen Wert 
für uns behält. Und gewännen zugleich manches, 
wonach wir uns beide seit einiger Zeit sehnen, und 
wovon ich im übrigen auch gar keine Freude hätte, 
wenn ich dich verlieren müßte. 

CACILIE verneigt sich. 

AMADEUS. Dir geht es ja geradeso, Cäcilie. 
Ich weiß es ja. Wir können ohne einander gar nicht 
leben. Ich ohne dich ge\^'iß nicht. — Und du? 

CACILIE. Es ist wohl möglich, daß es auch mir 
schwer fiele. 

AMADEUS. Da sind wir ja einig, Cäcilie! 

CACILIE. Du findest — ! 

AMADEUS. Cäcilie! Er zieht sie plötzlich an sich. 

CACILIE. Was tust du? Neue Hoffnung im Blick. 

AMADEUS umarmt sie. Ich habe meiner Geliebten 
Lebewohl gesagt. 

CACILIE. Auf immer. 

AMADEUS. Auf immer. Er drückt ihr die Hand. Und 
nun begrüße ich die Freundin. 

CACILIE. Für alle Zeit — nur Freundin. 

AMADEUS. Für alle Zeit — ganz natürhch! 

CÄCILIE atmet tief. 

AMADEUS. Nun, CäciUe, ist dir jetzt nicht mit 
einemmal ganz leicht? 



I ;o 



CACILIE. Etwas sonderbar scheint mir all das — 
beinah wie ein Traum. 

AMADEUS. Es ist gar nicht sonderbar; es ist 
alles so vernünftig und einfach als möglich. Das Leben 
geht weiter . . . und alles ist gut . . . Komm, Cäcilie 
— laß uns jetzt die Lieder durchnehmen. 

CÄCILIE. Die Lieder — ? 

AMADEUS. Willst du nicht? 

CÄCILIE. Warum nicht ? . . . Gern . . . 

AMADEUS am Klavier. Ah, ich kann dir gar nicht 
sagen, wie froh mir zumute ist! Es hat sich wahr- 
haftig nicht viel geändert. Nur die Befangenheit ist 
fort . . . die Bangigkeit dieser letzten Wochen . . . 
Es ist nicht schön gewesen in der letzten Zeit. Der 
Himmel so trüb über unserm Haus . . . und nicht nur 
über unserm Haus. Jetzt schwinden die Wolken, jetzt 
wird die ganze Welt geradezu wieder licht. Und ich 
w^erde eine Symphonie schreiben — eine Symphonie — ! 

CÄCILIE. Alles zu seiner Zeit . . . Für jetzt das 
eine Lied wenigstens . . . Ach dieses . . . ? 

AMADEUS. Willst du nicht ? . . . 

CÄCILIE. Da es schon daliegt . . . 

AMADEUS. Also — ich beginne. Schlägt an. Bitte, 
nimm den Anfang nicht zu sentimental. Es ist gehalten 
und schwer. 

CÄCILIE singt. „Nicht mehr zu dir zu gehen, be- 
schloß ich . , ." 

AMADEUS. Sehr schön. 

CÄCILIE. O Amadeus! 

AMADEUS. Was denn? 

CÄCILIE. Ich fürchte, daß du jetzt am Ende 
plötzlich zu nachsichtig mit mir vnrst. 

AMADEUS. Nachsichtig . . .! Du weißt sehr gut, 
daß du als Künstlerin für mich die einzige bist und 
bleibst. 

CÄCILIE. Amadeus, du sollst nicht allen deinen 
Schülerinnen den Hof machen. 

AMADEUS. Ich verehre dich sehr. — Also weiter! 

9* 131 



CÄCILIE. „Nicht mehr zu dir . . ." 

AMADEUS. Was ist dir denn? 

CACILIE. Nichts. Ich habe ja schon so lange kein 
Lied gesungen. Nur weiter! 

AMADEUS spielt. 

CÄCILIE. „Nicht mehr zu dir zu gehen, beschloß 
ich und beschwor ich, und geh' doch jeden Abend . . ." 
Während sie singt, fällt der 

Vorhang. 



13« 



ZWEITER AKT 

Gleiche Dekoration. 
Oktoberabend. — Die Bühne dunkel. 

Erster Auftritt 

MARIE. Das STUBEBMÄDCHEN von rechts. 

STUBENMÄDCHEN macht Licht. 

MARIE. Danke. — Aber bitte, sagen Sie der 
gnädigen Frau, wenn sie sehr müde ist, so soll sie sich 
meinetwegen nicht stören. 

STUBENMÄDCHEN. Die gnädige Frau ist ja 
noch gar nicht da. Sie kommt erst mit dem Abend- 
zug. 

Zweiter Auftritt 

DIE VORIGEN. AMADEUS kommt von rechts. 

AMADEUS im Überrock und mit Hut. Wer ist's denn ? . . 
Ach Sie, Marie ! Grüß' Sie Gott. Sind Sie schon lange da ? 

MARIE. Ich komme eben. Ich wollte Cäcihe be- 
grüßen, aber ich höre 

AMADEUS. Nun, so erwarten Sie sie mit mir. 
Zum Stubenmädchen. Bitte, nehmen Sie das. Gibt ihr Rock 
und Hut. 

STUBENMÄDCHEN ab. 

AMADEUS. Ich komme auch eben nach Hause. 
Ich war in der Stadt, hatte Besorgungen zu machen. 
Übermorgen fahre ich ab. 

MARIE. So bald! — Das wird eine kurze Freude 
sein. 

AMADEUS. Ja. — Bitte, nehmen Sie doch Platz. 
Sieht auf die Uhr. In einer Stunde muß Cäcilie da sein. 

MARIE. Sie hat ja wieder kolossale Erfolge gehabt! 

AMADEUS. Das will ich glauben! Sehen Sie, 
das Telegramm kam heute früh. Reicht es vom Schreibtisch. 
Über die gestrige Abschiedsvorstellung. 



133 



MARIE. O! . . . Einundsiebzig Hervorrufe! . . . 

AMADEUS. Wie ? ... Ah nein, der Strich gehört 
zum „H"! Sieben! Sonst wäre sie ja noch heute dort. 

MARIE liest weiter. „Erneuter Antrag unter glänzen- 
den Bedingungen." 

AMADEUS. Unter glänzenden Bedingungen! 

MARIE. So wird's am Ende doch ernst werden ? 

AMADEUS. Ernst?... 

MARIE. Nun, mit der Übersiedlung nach Berlin. 

AMADEUS. Das ist noch nicht sicher. „Antrag" 
steht da, nicht ,, Annahme". Darüber müssen wir uns 
noch beraten. 

MARIE. So ? . . . 

AMADEUS. Selbstverständlich. Wir beraten uns 
über alles, liebe Marie; geradeso wie früher. Und mit 
noch mehr Objektivität \ielleicht als früher. Und 
was mich anbelangt, so dürfte ich vom nächsten Jahr 
an ganz frei sein und ebensogut in Wien als in Berhn 
oder Amerika leben können. 

MARIE. Aber für mich wäre es furchtbar, wenn 
Cäcilie fortginge! 

AMADEUS. Nun, es wäre ja möglich, daß die Leute 
hier nach den Erfolgen draußen endlich auch drauf 
kämen, was sie an Cäcilie haben, und sich dement- 
sprechend benähmen. 

MARIE. Hoffentlich. — Übrigens scheint mir 
wirklich, daß Cäcilie in der letzten Zeit sehr gewachsen 
ist. Ihre Stimme scheint mir voller, wärmer . . . be- 
seelter sozusagen. 

AMADEUS. Nicht wahr? Das finde ich auch. 

MARIE. Aber wie sie auch arbeitet! Nein! ich 
habe mir das früher gar nicht vorgestellt, daß auch 
fertige Künstler so fleißig sein können! 

AMADEUS. Müssen, Hebe Marie, müssen. 

MARIE. Heuer im Sommer, wenn ich in der Früh' 
mit den Kindern im Garten gespielt habe, da hat 
sie schon ihre Skalen und Läufe geübt — wie eine 
Gesangsschülerin. Ganz regelmäßig, von neun bis 



'34 



dreiviertel zehn. Dann wieder vor Tisch von zwölf 
bis einhalb eins, und abends wieder eine halbe Stunde. 
. . . Bei gutem Wetter und bei schlechtem, ob sie heiter 
war oder 

AMADEUS. Oder?... 

MARIE. Übrigens war sie immer heiter. Ich 
glaube, nichts auf der Welt hätte sie hindern können, 
ihre Skalen und Läufe zu üben. 

AMADEUS. Ja, das ist ihre Art. Nichts auf der 
Welt könnte sie hindern . . . Allerdings, was hätte sie 
heuer abhalten sollen ? In eurer ländlichen Zurück- 
gezogenheit, wo ihr keinen Menschen saht — oder 
beinah keinen . . . 

MARIE. Keinen. 

AMADEUS. Nun, Sie hatten doch zuweilen Be- 
suche — Cäcilie wenigstens. 

MARIE. Ach so, Sie meinen den Fürsten 

Sigismund. Das kann man doch keinen Besuch nennen. 

AMADEUS lächelnd, leicht. Wie denn? 

MARIE. Der ist nur so vorübergesaust auf seinem 
Rad. 

AMADEUS wie oben. Na, er hat es doch wenigstens 

auf ein paar Augenblicke an einen Baum gelehnt. 

Und hat sich sogar, was mich übrigens sehr freut, Zeit 

genommen, das kleine Haus zu photographieren, in 

dem Cäcilie gewohnt hat. 

Er nimmt das kleine eingerahmte Bild vom Schreibtisch und reicht 
es Marie, die auf dem Divan sitzt. 

MARIE erstaunt. Das haben Sie auf dem Schreib- 
tisch stehen ? 

AMADEUS leicht geärgert. Warum denn nicht? 

MARIE das Bild betrachtend. Richtig — hier auf der 
Bank Cäcilie und ich ... ja. Und das ist der Hasel- 
strauch am Gartenzaun . . . Wie man sich da plötzlich 
erinnert an diesen wunderschönen heißen Sommertag — 

AMADEUS über den Schreibtisch hingebeugt. Sie und 
Cäcilie kann ich unterscheiden, aber gegenüber den 
drei Buben bin ich ratlos. 



135 



MARIE. Wieso denn ? . . . Das ist Peterl, der so 

macht Zwinkert. 

AMADEUS. Der macht so? 

MARIE. Und das Max — und der mit dem Reifen 
Moritz. 

AMADEUS. Das ist ein Reifen ? . . . Ich hielt es 
für ein fernes Bahnwärterhäuschen. Der Hintergrund 
scheint mir besser gelungen zu sein. Über der Land- 
schaft liegt wirklich so ein Hauch von Sommer und 
Stille ... 

Kleine Pause. 

MARIE. Es war auch schön. Der tiefe Waldes- 
schatten gleich hinter den Häusern, und der Ausblick 
auf die Felsspitzen — wundervoll! Und diese Ab- 
geschiedenheit . . . Schade, daß Sie sich den lieben 
Ort nicht einmal angeschaut haben. Wir dachten 
Cäcilie hat Sie doch eigentlich erwartet . . . 

AMADEUS ist aufgestanden, hin und her. Das glaub' ich 
nicht . . . Auch fügte es sich nicht mehr. Es hielt mich 
noch im Süden zurück. 

MARIE lächelnd. Süden nennen Sie das. 

AMADEUS lächelnd. O Marie! 

MARIE leicht verlegen. Sie sind mir doch nicht böse ? 

AMADEUS. Weshalb denn? Ich habe ja vor 
niemandem geheim gehalten, wo ich war. 

MARIE zutraulich. Albert hat mir auch von der Villa 
erzählt, von dem Park, den marmornen Stufen 

AMADEUS. So ausführlich war er? Er ist doch 
nur eine Stunde lang dort gewesen. 

MARIE. Ich glaube, er will den Park für den 
letzten Akt verwenden. 

AMADEUS. Ach so! Wenn er mir ihn nur end- 
lich bringt . . . den letzten Akt meine ich. Ich möchte 
ihn mir auf die Reise mitnehmen. 

MARIE. Werden Sie denn dazu kommen, etwas zu 
arbeiten ? 

AMADEUS. Warum denn nicht ? Ich arbeite 
immer. In meinem ganzen Leben war ich nicht so 

136 



aufgelegt dazu wie jetzt. — Auch ich bin in einer 
glänzenden Epoche. Es geht mir viel besser als im Ver- 
lauf der letzten Jahre. Ich war geradeso fleißig wie 
Cäcilie. Nur die Regelmäßigkeit ist nicht mein Fall: 
neun bis dreiviertel zehn, zwölf bis einhalb eins, und 
so weiter. Aber fragen Sie nur Albertus! In dem 
Wirtshaus auf dem Fedaja-Paß, während er sich müd' 
auf dem Bett wälzte, habe ich das Capriccio aus meiner 
Vierten instrumentiert. 

STUBENMÄDCHEN kommt, bringt Briefe und geht 
wieder ab. 

AMADEUS. Sie entschuldigen, liebe Marie. 

MARIE. Lassen Sie sich nicht stören. Steht auf. 

AMADEUS. Ein Brief von Cäcihe, gestern vor der 
Vorstellung geschrieben. Jeden Tag hab' ich solche 
Briefe bekommen. 

MARIE. Lesen Sie ihn doch, bitte. 

AMADEUS hat ihn geöffnet. Aber es hat ja Zeit. In 
einer Stunde erzählt mir Cäcilie doch alles, was da 
drin steht . . . Reißt den andern auf. Er fliegt ihn durch, wirft 
ihn gleich wieder hin. Dumm sind die Leute — dumm ! 
na ! . . . Und gemein ! Er fliegt den Brief Cäciliens wieder durch. 
Da schreibt mir Cäcilie von der Soiree beim Inten- 
danten . . . Auch Sigismund war dort. Sie wissen ja, 
daß Sigismund in BerHn war ? 

MARIE verlegen. Ich — ich dachte . . . vielmehr 
ich wußte — — 

AMADEUS überlegen. Nun, nun, Sie brauchen doch 
deswegen nicht verlegen zu werden. Finden Sie nicht, 
daß der Fürst ein ausnehmend sympathischer Mensch 
ist? 

MARIE. Ja, er ist sehr liebenswürdig. Ich versichere 
Sie, Amadeus, er war nur ein einziges Mal bei uns im 
Pustertal, und gewiß nicht länger als zwei Stunden. 

AMADEUS lachend. Und wenn er acht Tage dort 
gewesen wäre . . . Sie sind komisch, Marie, wirklich! 

MARIE schüchtern. Darf ich was sagen? 

AMADEUS. Was Sie wollen, Marie. 



137 



MARIE. Ich bin trotz allem überzeugt, Sie werden 
einander wiederfinden. 

AMADEUS. Wiederfinden ?... Wer ? Cäcilie und 
ich ? Steht auf. Wiederfinden ? Hin und her. Bei ihr stehen 
bleibend. Aber Marie, Sie sind doch eine so kluge Frau ; 
Sie sollten doch verstehen, daß wir uns überhaupt nie 
verloren haben, Cäcilie und ich. Es ist doch merk- 
würdig! Wieder hin und her. Sie müssen doch begreifen, 
daß die Beziehungen zwischen uns etwas so Schönes 
sind — ja geradezu erst geworden sind, wie wir es uns 
gar nicht besser wünschen können. Wir brauchen 
uns doch nicht wiederzufinden! Sehen Sie doch nur: 
da sind ihre Briefe. Jeden Tag hat sie mir acht bis 
zwölf Seiten geschrieben . . . ausführlich, aufrichtig, 
wie man eben nur einem Freunde — seinem besten 
Freunde schreibt. Es kann überhaupt kein edleres 
Verhältnis geben. 



Dritter Auftritt 

AMADEUS, MARIE. ALBERTUS tritt von rechts ein. 

ALBERTUS. Guten Abend. 

AMADEUS. Ein wenig spät kommst du. 

ALBERTUS. Guten Abend, Marie! Er berührt wohl- 
wollend ihre Wange. 

AMADEUS. Wir werden kaum noch etwas arbeiten 
können, Cäcilie wird gleich da sein. 

ALBERTUS. Nun, eine halbe Stunde haben wir 
wohl noch für uns. Ich habe da einige Skizzen zum 
dritten Akt mitgebracht. 

MARIE. Ich werde nach Hause gehen; die Buben 
werden mich schon erwarten. 

ALBERTUS. Schön, mein Kind, geh nach Hause. 

AMADEUS. Aber bleiben Sie doch; Cäcilie wird 
sich gewiß sehr freuen. Sie gehen dann mit Albertus 
fort. Unterhalten Sie sich indes mit Peterl . . . Oder 
wollen Sie nicht zuhören? 



138 



ALBERTUS. Kind, geh lieber zu Peterl. Im dritten 
Akt kommt der Herr von Rabagas ohnedies nicht mehr 
vor, du versäumst also nicht viel. 

MARIE. Ich lass' euch schon allein. Auf Wieder- 
sehen. Ab. 

Vierter Auftritt 

AMADEUS, ALBERTUS. 

ALBERTUS. Also zur Sache! Nimmt Blätter aus seiner 
Tasche. Liest. „Die Szene stellt einen Wiesenplan dar, 
der sich hügelig sanft dem Souffleurkasten entgegen- 
senkt. Im Hintergrund eine Villa, zu der einige mar- 
morne Stufen hinaufführen. Rückwärts ahnt man einen 
See," Mit Verbeugung. „In der Mitte der Szene eine hohe 
grüne Platane." 

AMADEUS lacht. Also richtig! 

ALBERTUS. Ich wollte dir eine kleine Aufmerk- 
samkeit erweisen. 

AMADEUS. Danke bestens. 

ALBERTUS nach einer Pause. Du, Amadeus, ist es 
übrigens wahr, daß der Graf nach seinem Duell mit dem 
Maler sich mit der Gräfin wieder versöhnt hatte ? 

AMADEUS, Ich weiß das nicht. Ich sehe die 
Gräfin seit geraumer Zeit nur mehr in der Oper. Steht 
auf und geht hin und her. 

ALBERTUS kopfschüttelnd. Es ist eigentlich eine un- 
heimliche Geschichte. 

AMADEUS. Warum, ich finde sie alltäghch. Ein 
Ehemann, der den spöttisch ,, Verrat" seiner Frau ent- 
deckt . . . 

ALBERTUS. Nein, daran hegt es nicht. Aber daß 
er ihn ein halbes Jahr zu spät entdeckt, während seine 
Frau ihn schon mit einem andern betrügt. — Wenn 
der Graf sich mit dir geschlagen hätte, war' es ja weiter 
nichts Besonderes. Aber der Fall liegt weit merk- 
würdiger. Da wäre ein junger Mensch auf ein Haar 
umgebracht worden, wegen einer Sache, die längst 



139 



vorbei ist. Und du gehst hier vergnügt herum — vor- 
läufig wenigstens. 

AMADEUS auf und ab. 

ALBERTUS. Weißt du, was mir eigentlich leid 
tut, im höheren Sinn ? Daß der Maler kein Genie ist 
. . . und daß der Graf ihn nicht wirklich totgeschossen 
hat. Da läge was großartig Tragikomisches in der 
Sache. So war's auch zu machen . . , wenn der da 
droben mehr Geist hätte . . . 

AMADEUS. Wieso? Wie meinst du das? 

ALBERTUS. Ich meine: wenn ich das Stück zu 
schreiben hätte 

AMADEUS lauscht. 

ALBERTUS. Was ist denn? 

AMADEUS. Ich dachte, ein Wagen, aber es ist 
nichts. Siebt auf die Ubr. Es kann auch noch gar nicht 
Also lies. Hin und her. 

ALBERTUS. Du bist sehr zerstreut, ich komme 
lieber morgen vormittag. 

A^L4DEUS. Lies nur, ich bin durchaus nicht 

ALBERTUS steht auf. Du, Amadeus, ich will dir was 
sagen: Wenn es dir angenehm ist — für mich hat das 
ja weiter nichts zu bedeuten — ich begleite dich. 

AMADEUS. Wohin ? . . . Wie meinst du das ? 

ALBERTUS. Auf deine Tournee. Zum mindesten 
für die ersten acht bis vierzehn Tage bin ich gern bei 
dir; herzlich bis das Schwerste überwunden ist. 

AMADEUS. Aber . Ach Gott! du denkst, 

daß ich wegen der Gräfin . . .! Die Geschichte ist doch 
längst vorbei. 

ALBERTUS. Ist mir bekannt. Ich weiß auch, daß 
du dich nun auf andere Weise zu übertäuben suchst. 
Aber ich verstehe sehr gut, daß dir das doch unter 
diesen Umständen nicht so ohne weiteres gelingen 
kann. 

AMADEUS. Ja, von welchen Umständen redest 
du denn eigentlich ? 

ALBERTUS. Mein Lieber, es wäre mir nie ein- 



140 



gefallen, mich in dein Vertrauen zu drängen, aber da 
die Sache doch schon in den Zeitungen steht 

AMADEUS. Was steht denn in der Zeitung ? 

ALBERTUS. Du hast nicht gelesen, was heute 
abend im Neuen Journal steht ? 

AMADEUS. Was denn? 

ALBERTUS. Daß CäciUe den Fürsten Sigismund 
. Aber die Tatsache ist dir doch jedenfalls be- 
kannt ? 

AMADEUS. Nichts weiß ich! Was steht im Neuen 
Journal ? 

ALBERTUS. Eine kleine Notiz — ohne Namens- 
nennung, aber deutlich genug . . . Sie lautet ungefähr: 
„Eine unserer ersten Künstlerinnen, die jetzt eben 
in der Metropole eines befreundeten Staates Triumphe 
feiert . . . bisher die Gattin eines begabten Musikers" 
oder „hochbegabten" . . . und so weiter — und so 
weiter . . . „wird sich, wie wir hören, mit einem be- 
kannten österreichischen Kavalier aus einem der 
ältesten Adelsgeschlechter" . . . und so weiter . . . 

AMADEUS. CäciHe und der Fürst?! . . . 

ALBERTUS. Ja . . . Dann Anspielungen, daß in 
diesem Fall der Dispens des Papstes leicht zu erlangen 
sein wird . . . 

AMADEUS. Ja, sind denn die Leute toll?... 
Ich erkläre dir, daß kein Wort daran wahr ist! . . . Du 
zweifelst ? . . . Du meinst doch nicht, daß ich es dir 

ableugnen würde, wenn Oder meinst du gar, daß 

Cäcilie es mir Höre ! und das ist nun ein Freund, 

ein Seelenkenner, ein Dichter! 

ALBERTUS. Entschuldige, aber nach allem Vor- 
hergegangenen wäre es doch nicht unwahrschein- 
lich 

AMADEUS. Nicht unwahrscheinlich — ? Es ist 
unmöglich! Cäcilie denkt nicht daran! 

ALBERTUS. Jedenfalls darf es dich nicht über- 
raschen, daß solch ein Gerücht entstanden ist. 

AMADEUS. Es überrascht mich nicht. Aber mir 



141 



ist, als wenn durch Geschwätz dieser Art die Be- 
ziehungen zwischen Cäcilie und mir entweiht würden. 

ALBER7US. Neuerer wie du müssen das Urteil 
der Welt verachten, sonst geraten sie in Gefahr, Groß- 
sprecher gewesen zu sein. 

AMADEUS. Ich bin ja kein Neuerer. Das Ganze 
ist eine Privatabmachung zwischen mir und Cäcilie, 
bei der wir uns beide so wohl fühlen als möglich. 
Sag' doch den Leuten, bitte, die dich fragen, daß 
wir uns nicht scheiden lassen . . . daß wir uns aber 
auch nicht betrügen, wie in diesen Wischen zu 
lesen steht, die seit einiger Zeit an mich zu kommen 
pflegen. 

ALBERTUS nimmt den Brief in die Hand, 'liegt ihn durch 
und legt ihn wieder fort. Ein anonymer Briej ? das gehört 
dazu . • . 

AMADEUS. Mach' ihnen doch klar, daß von einem 
Betrug keine Rede sein kann, wo es keine Lüge gibt. 
Sag' ihnen, daß die Treue, die wir, Cäcilie und ich, 
einander halten, wahrscheinlich eine bessere ist als 
die in manchen andern Ehen, wo man tagsüber seine 
eigenen Wege geht und nichts gemeinsam hat als die 
Nacht. Du bist ja ein Dichter, ein Seelenkünder — er- 
kläre das doch den Leuten, die es nicht verstehen 
wollen ! 

ALBERTUS. Es wäre etwas umständlich, ihnen das 
mitzuteilen. Aber wenn du Wert darauf legst, so maclie 
ich einfach ein Stück daraus. Dann werden sie ohne 
weiters diese neue Art von Ehe begreifen — wenigstens 
von halb acht bis zehn. 

AMADEUS. Bist du dessen gewiß? 

ALBERTUS. Vollkommen. In einem Stück kann 
ich ja den Fall viel klarer darstellen, als er sich tat- 
sächlich präsentiert, ohne das überflüssige episodische 
Beiwerk, mit dem uns das Leben verwirrt. Vor allem 
habe ich das voraus, daß die Zuschauer in den Zwischen- 
akten nicht dabei und ich indessen mit euch machen 
kann, was ich will. Und ferner werde ich dir einen 



142 



Vergleich in den Mund legen, der den Fall er- 
läutert. 

AMADEUS. Einen Vergleich? . . . 

ALBERTUS. Ja. Denn Vergleiche haben immer 
etwas Beruhigendes. Du sagst zu irgend einem Freund 
— oder sonst wem, der sich's gefallen läßt, ungefähr 
folgendes : „Was wollt ihr denn von mir ? Denkt euch, 
Cäcilie und ich, wir wohnten gemeinsam in einem be- 
haglichen Haus, in dem vAr uns wohl fühlen, mit 
weiter Aussicht, die uns beglückt, und einem wunder- 
vollen Garten, in dem wdr gern spazieren gehen. Und 
es käme einen von uns einmal die Lust an, im Walde 
jenseits des Gitters Erdbeeren zu pflücken. Müßte 
deswegen der andere gleich Untreue, Schmach, Verrat 
schreien ? Müßten wir Haus vmd Garten verkaufen 
und uns einbilden, daß wir nun nicht mehr miteinander 
zum Fenster hinausschauen und nicht mehr in unseren 
Alleen herumspazieren könnten ? . . . Weil unsere Erd- 
beeren jenseits des Gitters wachsen — ?" 

AMADEUS. Das wolltest du mir in den Mund 
legen ? 

ALBERTUS. Ist es dir zu geistreich? — O, das 
wird nicht auffallen, das mach' ich schon! Mit deinem 
musikalischen Genie kann ich in einem Stück sowieso 
nichts anfangen. Ich kann dich ja den Leuten nicht 
deine Symphonie vordirigieren lassen. So helfe ich 
mir und dir, indem ich dich etwas klüger, energischer, 
konsequenter gestalte — 

AMADEUS. Als Gott mich geschaffen hat. 

ALBERTUS. Na, die Konkurrenz ist noch aus- 
zuhalten ! 

AMADEUS. Neugierig wäre ich allerdings auf 
eines: wie du das Stück möchtest enden lassen. 

ALBERTUS nach einer kleinen Pause. Nicht Sehr heiter, 
mein Frevmd. 

AMADEUS betreten. Wie? . . . 

ALBERTUS. Das ist ja das Charakteristische aller 
Ubergangsepochen, daß Verwicklungen, die für die 



H3 



nächste Generation vielleicht gar nicht mehr existieren 
werden, tragisch enden müssen, wenn ein leidlich an- 
ständiger Mensch hineingerät. 

AMADEUS. Es gibt ja keine Verwicklungen. 

ALBERTUS. Ich werde mich nicht der Verpflich- 
tung entziehn, eine zu erfinden. 

AMADEUS. Willst du nicht noch einige Geduld 
haben ? . . . Vielleicht daß das Leben selbst — 

ALBERTUS. Mein Lieber, was diese lächerliche 
Wirklichkeit mit euch vorhat, die sich ohne Regie und 
Souffleur behelfen muß — diese WirkHchkeit, in der 
es manchmal nicht zum fünften Akt kommt, weil 
dem Helden schon im zweiten ein Ziegelstein auf den 
Kopf fällt — das interessiert mich gar nicht. Ich lasse 
den Vorhang aufgehen, wenn es anfängt, amüsant zu 
werden, und lasse ihn fallen in dem Augenblick, wo 
ich recht behalten habe. 

AMADEUS. Wenn du dein Stück schreibst, dann 
vergiß mir aber ja nicht, mein Lieber, eine Figur hinein- 
zubringen, für den die Wirklichkeit diesmal besser 
vorgesorgt haben dürfte als für den Helden — : den 
Hanswurst. 

ALBERTUS. Denkst du mich damit zu beleidigen ? 
Ich habe mich stets für einen nahen Verwandten von 
ihm gehalten. 

Fünfter Auftritt 

DIE VORIGEN — MARIE, PETERL und das FRÄULEIN 
kommen herein. 

PETERL. Die Mama kommt! 

MARIE. Der Wagen ist eben stehen geblieben. 

FRÄULEIN. Der Bub' hat sich nicht im Bett 
halten lassen. 

ALBERTUS. Was er für schöne Blumen hat! 

PETERL. Die sind für die Mama! 

AMADEUS nimmt ihm eine weg. Du erlaubst, mein 
Sohn — 



144 



Sechster Auftritt 

DIE VORIGEN — CÄCILIE kommt, hinter ihr das STUBEN- 
MÄDCHEN. 

CACILIE. Guten Abend. — Was, ihr auch? Das 
ist aber nett! 

PETERL. Mama — Blumen! 

CJCILIE nimmt ihn, küßt ihn ab. Mein Bub' ! mein Bub' ! 
Begrüßt dann die andern. 

AMADEUS reicht ihr eine Blume. Peterl hat mir auch 
eine überlassen. 

CaCILIE. Danke sehr. Sie reicht ihm die Hand. — Zum 
Stubenmädchen. Bitte, holen Sie die Sachen aus dem 
Wagen; der Kutscher wird Ihnen helfen. Er ist schon 
bezahlt. 

STUBENMÄDCHEN ab. 

CÄCILIE den Hut abnehmend. Na, Marie ? . . . Zu den 
andern. Ihr habt am Ende noch gearbeitet ? 

ALBERTUS. Wir haben versucht. 

CÄCILIE zum Fräulein. War er brav? 

PETERL. Sehr brav bin ich gewesen! Hast du 
mir auch was mitgebracht ? 

CÄCILIE. Natürlich. Aber du kriegst es erst 
morgen früh. 

PETERL. Warum nicht jetzt? 

CÄCILIE. Jetzt bin ich zu müd', um auszupacken; 
morgen, wenn du aufwachst, wirst du's auf deinem 
Tischerl finden. 

PETERL. Was ist es denn? 

CÄCILIE. Das wirst du schon sehen . . . 

PETERL. Ist das Tischerl groß genug? 

CÄCILIE. Das wollen wir hoffen. 

AMADEUS am Klavier gelehnt, betrachtet sie immer. 

CÄCILIE tut, als 7nerke sie es nickt. 

ALBERTUS. Sie sehen vorzüglich aus. 

CÄCILIE. Ein bißchen abgespannt bin ich doch. 

AMADEUS. Du bist gewiß schon -sehr hungrig. 

CÄCILIE. O nein. Wir haben im Speisewagen 

Theaterstücke. III, lo, lAC 



gegessen. Die meisten Reisenden. Aber einen Tee 
möchte ich noch haben. Bitte, Fräulein, wollen Sie 
so gut sein? 

AMADEUS. Für mich auch, Fräulein; und, bitte, 
etwas kaltes Fleisch lassen Sie mir besorgen. 

FRÄULEIN. Das ist schon geschehen. Ab. 

CÄCILIE. Hast du am Ende mit dem Nachtessen 
auf mich gewartet ? 

AMADEUS. Gewartet — o nein! Ich habe... 
nur nicht daran gedacht. 

CÄCILIE zu Albertus und Marie. Aber setzt euch 

doch! 

ALBERTUS. Nein, liebe CäciHe, wir gehen. Nur 
noch meine herzlichsten Glückwünsche und damit 
genug für heute. 

MARIE. Du hast ja Triumphe gefeiert. 

CÄCILIE. Nun, es ging an. Zu Anwdeus. Hast du 
mein Telegramm bekommen ? 

AMADEUS. Ja. Ich habe mich riesig gefreut. 

CÄCILIE. Denkt euch, Kinder, nach der Vor- 
stellung wurde ich zu Sr. Majestät in die Loge be- 
fohlen ! 

ALBERTUS. Befohlen?... Gebeten, meinen Sie 
wohl! Kein Kaiser und kein König hat Ihnen was zu 
befehlen. 

CÄCILIE. Sie Anarchist! Das ist ja ganz egal. 
Man geht doch in die Loge! Sie täten*s auch. 

ALBERTUS. Warum nicht? Man soll sich alle 
Lebewesen, wenn möglich, in der Nähe besehen. 

AMADEUS. Und was sagte der Kaiser ? 

CÄCILIE. Er äußerte sich höchst anerkennend. 
Er hätte noch keine bessere Carmen gesehen. 

ALBERTUS. Er wird nächstens bei irgend einem 
Spanier eine Oper für Sie bestellen. 

FRÄULEIN kommt. Der Tee kommt gleich. 

AMADEUS. So, Peterl, aber jetzt mußt du schlafen 
gehn. Es ist spät. 

FRÄULEIN will ihn nehmen. 



146 



PETERL. Nein, die Mama soll mich ins Bett tragen 
wie einen kleinen Buben! 

CÄCILIE. Also komm. — Herrgott, bist du aber 
schwer geworden. 

Cäcilie, Fräulein, Petrrl ab. 

MARIE. Schön ist sie! 

AMADEUS. Das ist Ihnen wohl nichts neues. 

ALBERTUS. Also leb' wohl! 

AMADEUS. Auf morgen! Ich erwarte dich früh 
zwischen neun und zehn. 

MARIE im Weggehen, zu Amadeus. Tut's Ihnen nicht 
leid; jetzt gleich •v\äeder fort zu müssen? 

AMADEUS. Beruf, Hebe Marie . . . 

CÄCILIE kommt wieder herein. Ihr geht wirklich schon 
fort? — Also lebt wohl, auf Wiedersehen! 
Albertus. Marie ab. 



Siebenter Auftritt 

AMADEUS, CÄCILIE. 

CÄCILIE zum Kamin hin. Also da wäre man wieder 
zu Haus. Setzt sich. 

AMADEUS von der Tür her, nicht ohne Verlegenheit. Ob 
du dich geradeso freust wie ich, das ist noch die Frage. 

CÄCILIE streckt ihm die Hand entgegen. 

AMADEUS nimmt sie und küßt sie. Er setzt sich. Nun 
erzähle. 

CÄCILIE. Erzählen? Was denn? Ich habe mir 
ja gar nichts zum Erzählen übrig gelassen — beinahe. 

AMADEUS. Nun — 

CÄCILIE. Jeden Abend, wenn ich nach Hause kam 
— und es war manchmal wirklich recht spät, wie du 
weißt — habe ich dir geschrieben. Ich wollte, du wärst 
ebenso ausführlich gewesen. 

AMADEUS. Ich habe dir doch auch täglich ge- 
schrieben. 

CÄCILIE. Immerhin, mein Freund, du hast einiges 



H7 



nachzuholen, scheint mir. Lacht. Über manches bist du 
auffallend flüchtig hinweggeglitten. 

AMADEUS. Das könnte ich dir auch sagen. 

CÄCILIE. Nein, das könntest du nicht. Meine 
ßriefe waren geradezu Tagebücher; das kann man von 
den deinen nicht behaupten. — Na, Amadeus — ? 
Ohne Aufrichtigkeit hätte doch die ganze Sache nicht 
viel Sinn. 

AMADEUS. Was ist dir denn unklar? 

CÄCILIE. Mit Philine ist es wirklich aus? 

AMADEUS. Das war ja schon aus steht auf be- 
vor du weggefahren bist. Das weißt du ja. Von ver- 
gangenen Dingen braucht doch wahrhaftig nicht ge- 
sprochen zu werden. 

CÄCILIE. Wird sie übrigens an der Oper bleiben 
können nach diesem Skandal wegen deines . . . ver- 
zeihe — wegen deines Vorgängers ? 

AMADEUS. Wie ich höre, ist alles in Ordnung. Sie 
hat sich auch mit ihrem Gatten wieder versöhnt. 

CÄCILIE. So ? — Du, das ist eigentlich eher un- 
angenehm. Da hilft's ja am Ende gar nicht, daß die 
Geschichte vorbei ist. Gegenüber einem Menschen, 
der die heimtückische Eigenschaft hat, erst Monate 
später auf gewisse Dinge zu kommen . . . 

AMADEUS. Ach, daran muß man nicht denken! 

CÄCILIE. Hat sie Briefe von dir? 

AMADEUS nach kurzem Nachdenken. Der Abschieds- 
brief ist der einzige. 

CÄCILIE. Der dürfte genügen. Warum hast du 
ihn nicht zurückverlangt? 

AMADEUS. Wie konnte icli denn? 

CÄCILIE. Wie leichtsinnig du bist! Ja! Leicht- 
sinnig! — Die Iland auf seine Schulter legend. Du, AmadeuS, 
jetzt kann man docli davon sprechen. Früher hättest 
du vielleicht eine solche Bemerkung falsch aufgefaßt 
— als Eifersucht oder dergleichen . . . Aber ich hoffe, 
in so eine Geschichte läßt du dich nicht mehr ein, 
Amadeus. Ich habe keine Lust, für meinen besten 



148 



Freund zittern zu müssen. Ich gönne dir alles auf der 
Welt, das kannst du mir glauben; — aber den Tod 
für eine andere — das ginge doch über den Spaß! 

AMADEUS. Also ich verspreche dir, daß du nicht 
mehr für mich wirst zittern müssen. 

CÄCILIE. Das hoffe ich; sonst ziehe ich meine 
Hand von dir ab. — Und, im Ernst, Amadeus: du 
hast hoffentlich nicht vergessen, daß du zu vernünf- 
tigeren und wichtigeren Dingen aufbewahrt bist, — 
daß du auf Erden noch etwas zu tun hast, Amadeus. 

AMADEUS. Ja, das fühle ich! Das habe ich viel- 
leicht in meinem ganzen Leben noch nicht so stark 
gefühlt wie jetzt. Leuchtend. Die Symphonie . . . 

CÄCILIE sehr lebhaft. — ist fertig ? 

AMADEUS. Ja, CäciHe. Und — ich wollte es dir 
heute zwar noch nicht sagen, aber es läßt mir keine 
Ruhe . . . 

CÄCILIE. Nun, was denn? 

AMADEUS. Der Choral im letzten Satz, dessen 
Hauptmotive du ja kennst, wird von einem Sopran- 
solo geführt und beherrscht. Und dieses Solo ist für 
dich bestimmt. 

CÄCILIE. Verehrter Meister, wie stolz macht 
mich Ihr Vertrauen! 

AMADEUS. Ich bitte dich, Cäcilie, darüber scherze 
nicht. Niemand auf Erden kann dieses Solo singen als 
du . . . Dieses Solo gehört dir — dir allein. An den 
Klang deiner Stimme habe ich gedacht, während ich 
es niederschrieb. Im Feber, wenn ich wieder zurück 
bin, Cäcilie, lasse ich die Symphonie hier aufführen, 
und dann sollst du dein Solo singen. 

CÄCILIE. Im Feber — ? . . . Ja, gern, Heber 
Amadeus, — im Falle, daß ich noch hier sein sollte. 

AMADEUS. Wie ? . . . 

CÄCILIE. Du weißt ja noch nicht alles. Gestern 
nach der Vorstellung sprach der Intendant mit mir. 

AMADEUS erregt. Nun! . . . Die telegraphische An- 
deutung von den großartigen Bedingungen . . . die 



149 



kann sich doch natürlich erst auf die nächste Saison 
beziehen ? 

CACILIE. Wenn ich von hier loskäme, möchten 
sie mich schon vom ersten Januar an in Berlin haben. 

AMADEUS. Aber du w^irst nicht loskommen. 

CACILIE. O, wenn ich will! Der Direktor be- 
steht nicht auf seinem Schein. 

AMADEUS. Aber du wirst nicht wollen, Cäcilie! 

CACILIE. Es ist doch sehr zu überlegen. Ich bin 
dort beträchtlich besser gestellt. 

AMADEUS. Vom nächsten Herbst an bin ich . . . 
wahrscheinlich frei. Solange könntest du wahrhaftig 
noch Geduld haben. Da könnten wir dann gemein- 
schaftlich übersiedeln. Aber 

CÄCILIE. Es muß ja nicht heute entschieden 
werden, Amadeus. Wir haben morgen Zeit, die An- 
gelegenheit reiflich durchzusprechen. Ich wäre jetzt 
wirklich gar nicht fähig. 

AMADEUS. Du bist müde . . . ? 

CÄCILIE. Das wirst du wohl begreifen. Am 
liebsten möchte ich gleich Blick nach ihrer Türe. 

STUBENMÄDCHEN bringt den Tee, stellt ihn auf das 
Tischchen. 

CÄCILIE. Ach ja! — Darf ich dir auch ein- 
schenken .'' 

AMADEUS. Bitte. 

CÄCILIE schenkt denTee ein. Zum Stubenmädchen. Machen 
Sie doch den einen Fensterflügel ein bißchen auf; es 
ist hier so viel Zigarettenrauch. 

STUBENMÄDCHEN öffnet den rechten Fensterflügel. 

AMADEUS. Wird dir nicht kühl sein? 

CÄCILIE. Kühl ? Es ist wieder ganz warm ge- 
worden. 

AMADEUS. Wie war denn die gestrige Vorstellung 
im übrigen ? 

CÄCILIE. Sehr gut. Insbesondere Wedius war 
wieder unvergleichlich. 

AMADEUS. Du schriebst mir einigemal von ihm. 



UO 



CÄCILIE. Du kennst ihn ja von Dresden her. 

AMADEUS. Ja. Er ist sehr begabt. 

CÄCILIE. Auch er schätzt dich sehr. 

AMADEUS. Das freut mich. 

STUBENMÄDCHEN ab. 

AMADEUS nimmt kaltes Fleisch. Darf ich dir auch — ? 

CÄCILIE. Danke. Ich kann wirkHch nicht mehr. 

AMADEUS. Ja, du hast schon gegessen . . . oder 
vielmehr ihr, „die meisten Reisenden", wie du früher 
sagtest. 

CÄCILIE einfach. Ich habe mit Sigismund gespeist. 

AMADEUS. Er war die ganze Zeit in BerHn ? 

CÄCILIE. Zwei Tage nach mir kam er dort an; 
ich hab' es dir ja geschrieben. 

AMADEUS. Freilich — du schriebst mir alles. 
Einmal warst du mit ihm in der Nationalgalerie. 

CÄCILIE. Auch im Pergamenischen Museum 
waren wir zusammen. • 

AMADEUS lustig. Man muß sagen, du tust viel für 
seine allgemeine Bildung. — Aber was ich dich fragen 
wollte: wie hat sich denn Sigismund in diese Soiree 
beim Intendanten hineingeschwindelt? 

CÄCILIE. Hineingeschwindelt ? 

AMADEUS. Nun ja, du schriebst mir doch, daß 
er mit seinem Walzerspiel geradezu Sensation hervor- 
gerufen hat. 

CÄCILIE. Ja. Aber er hat sich doch nicht hinein- 
geschwindelt. Als Neffe der Baronin hat er das wahr- 
haftig nicht notwendig. 

AMADEUS. Ach ja, daran dachte ich gar nicht! 

CÄCILIE. Übrigens hat sich der Intendant auch 
lebhaft nach dir erkundigt. 

AMADEUS. Er schätzt mich sehr . , . 

CÄCILIE lächelnd. Ja. Wirklich. Sobald deine neue 
Oper fertig ist . . . 

AMADEUS. Und so weiter! Er ißt. Es wundert 
mich übrigens, daß er sich bei dir nach mir erkundigt 
hat. 



151 



CJCILIE. Warum wundert dich das? 

AMADEUS wie harmlos. Nun, daß er unsre Persön- 
lichkeiten als so zusammengehörig auffaßt, das wundert 
mich. Hat man denn in Berlin nichts davon gehört, 
daß wir uns scheiden lassen ? 

CÄCILIE. Wie? was heißt das? 

AMADEUS lachend. Nun, es sind Gerüchte der Art 
im Umlauf. 

CÄCILIE. Wie? Na höre! 

AMADEUS. Ja, es ist unglaublich, was die Leute 
zusammenreden. Steht sogar schon in der Zeitung. 
Seine Durchlaucht Sigismund Fürst von Maradas- 
Lohsenstein soll dich zum Altare führen. Der Dispens 
vom Papst kommt sofort. Toll — was ? 

CÄCILIE. Ja. — Aber das Tollste, mein Freund, 
das verschweigst du mir leider. 

AMADEUS. Das wäre — ? 
. CÄCILIE. Daß du nahe daran bist, diese Toll- 
heit zu glauben. 

AMADEUS. Ich ? . . . Wie kannst du nur so . . . 
Nein! 

CÄCILIE. Du hast eben nicht berücksichtigt, daß 
ich um drei Jahre älter bin als er. 

AMADEUS stutzt. Wenn es nur wegen der drei Jahre 
Unterschied wäre — — 

CÄCILIE. Nein, das ist nicht der Grund. Wahr- 
haftig! Auch wenn ich die Jüngere wäre, dächte ich 
nicht daran. 

AMADEUS. Wenn sich aber deine Neigung tiefer 
erwiese, als du anfangs vorausgesetzt hast ? 

CÄCILIE. Auch dann nicht. 

AMADEUS. Warum?... 

CÄCILIE. Warum ? . . . Daß sie nicht ewig währen 
wird, weiß ich ja doch. 

AMADEUS. So denkst du also schon an das Ende? 

CÄCILIE. Ich sage nicht, daß ich daran denke; — 
aber ich zweifle nicht daran, daß es kommen wird, wie 
es immer kommt. 



152 



AMADEUS. Und dann — ? 

CACILIE zuckt die Achseln. 

AMADEUS. Und dann? 

CACILIE. Was weiß ich, Amadeus! Es gibt so 
viele Verheißungen. 

AMADEUS zuckt zuerst leicht zusammen. Dann. Ja, das ist 
wahr: voll Verheißungen ist das Leben. Überall, von 
allen Seiten lockt es und verspricht es, — wenn man 
sich entschlossen hat, frei zu sein und das Leben leicht 
zu nehmen wie wir ... So hast du das wohl gemeint ? 

CACILIE, Ja, genau so 

AMADEUS. Du, sage, CäciHe . . . Näher. Eines 
möchte ich gern wissen: ob Sigismund ahnt, daß dir 
solche, für den Beteiligten doch immerhin etwas un- 
heimliche, Gedanken durch den Kopf gehen ? 

CACILIE. Sigismund?... Was fällt dir ein! 
Dergleichen gesteht man nur seinem Freunde. Reicht 
ihm die Hand. 

AMADEUS immer freundschaftlich. Aber wenn er etwas 
davon merkte . . . ich halte es ja für sehr unwahrschein- 
lich, daß er der Mann dazu ist . . . aber gesetzt den 
Fall, er würde es an mancherlei Anzeichen spüren, daß 
dir dergleichen Gedanken durch den Kopf gehen . . . 
würdest du sie vor ihm ableugnen ? 

CACILIE. Ich glaube wohl, daß ich auch das im- 
stande wäre. 

AMADEUS leicht zurückschreckend. So. — Cäcilie, nun 
will ich dir was sagen ... du denkst an etwas Bestimmtes 
. . . ja . . . ich bin davon überzeugt ... Es handelt sich 
um eine ganz bestimmte Verheißung. 

CÄCILIE lächelnd. Das wäre möglich. 

AMADEUS. Was ist geschehen, Cäcilie? 

CÄCILIE. Nichts. 

AMADEUS. So ist eine Gefahr in der Nähe. 

CÄCILIE. Gefahr ? . . . Was ist für uns Gefahr ? 
Wer keine Verpflichtungen hat, für den gibt es auch 
nichts mehr zu fürchten. 

AMADEUS sie leicht am Arm, fassend. Spiel' nicht mit 



153 



Worten! Ich errate ja doch alles. — Ich weiß es! 
Schon aus manchen Stellen deiner Briefe habe ich's 
entnommen, trotzdem sie lange nicht so aufrichtig 
waren, als du es unserer Freundschaft schuldig gewesen 
wärst. Wedius ist die neue Verheißung! 

CACILIE. Inwiefern war ich nicht aufrichtig in 
meinen Briefen ? Schrieb ich dir nicht schon nach dem 
Onegin, seine Persönlichkeit hätte etwas Faszinieren- 
des ? 

AMADEUS. Das hast du auch früher von manchen 
Menschen gesagt; aber es bedeutete keine Verheißung. 

CACILIE. Alles beginnt was anderes zu bedeuten, 
wenn man frei ist. 

AMADEUS. Du sagst mir nicht alles . . . Was ist 
geschehen ? 

CACILIE. Geschehen ist nichts; aber entschlossen wäre 
ich dort geblieben — wer weiß . . . 

AMADEUS zuckt zusammen; dann geht er hin und her. Dann 
bleibt er hinten am Fenster stehen. Der arme Sigismund! 

CACILIE. Warum beklagst du ihn ? Er weiß nichts 
davon. 

AMADEUS wieder überlegen. Zieht es dich deshalb nach 
ßerhn ? 

CACILIE. Nein! — Wahrhaftig nein! Der Zauber 
ist vorbei . . . scheint mir . . . 

AMADEUS. Und doch willst du schon zu Neu- 
jahr 

CACILIE aufstehend. Lieber Amadeus, um das heute 
noch zu besprechen, bin ich wirklich zu müde. Ich 
will dir jetzt gute Nacht sagen, es ist spät. Reicht ihm 
die Hand. 

AMADEUS zögernd. Gute Nacht. Cäcilie! . . . Ihre 
Hand haltend. Drei Wochen warst du fort, übermorgen 
früh fahre ich weg, — wenn ich zurückkomme, bist 
du am Ende nicht mehr da . . . weither ist's eigentlich 
mit deiner Freundschaft auch nicht, wenn du unter 
solchen Umständen nicht einmal das Bedürfnis hast, 
mit mir ein wenig länger zu plaudern. 



154 



CÄCILIE. Warum denn so sentimental ? Das Ab- 
schiednehmen sind wir zwei doch gewöhnt. 

AMADEUS. Ja, das ist richtig. Aber es ist doch 
immer eine neue Art von Abschied und eine neue Art 
von Wiederkommen. 

CÄCILIE. Da sich unser Leben nun einmal so 
gestaltet hat — 

AMADEUS. Daß es einmal so werden könnte wie 
jetzt, haben wir beide doch nicht geahnt. 

CÄCILIE. Oh!... 

AMADEUS. Nein, Cäcihe, wir haben es nicht 
geahnt. Das ist ja eben das Sonderbare, daß wir in 
allen unsern Zweifeln doch aneinander geglaubt haben, 
und daß wir eigentlich, auch getrennt voneinander, 
früher so beruhigt und vertrauensvoll waren, wie man 
es wolil nicht sein dürfte. Aber es war schön. Ja, 
selbst das Fernsein voneinander hatte früher eine 
ganz eigene Art von Schönheit. 

CÄCILIE. Gewiß. So ganz ungestört liebt man 
sich eigentlich doch nur, wenn man meilenweit fort 
voneinander ist. 

AMADEUS. Wenn du auch heute darüber zu 
lächeln vermagst, sowas kommt nicht wieder, Cäcilie, 
für keinen. Da verlaß dich drauf. 

CÄCILIE. Das weiß ich so gut wie du. — Aber 
warum sprichst du denn auch mit einem Male, als 
wäre es gewissermaßen aus zwischen uns und als wäre 
das Beste aus unserem Leben unwiederbringhch vor- 
bei ] Das ist doch gar nicht der Fall. Das kann doch 
gar nie der Fall sein. Wir wissen ja beide, daß wir die 
gleichen geblieben sind, und daß alle andern Dinge, 
die uns begegnet sind und noch begegnen mögen, 
nicht sonderlich wichtig sind . . . Und selbst wenn sie 
wichtig werden sollten, wir werden uns immer die 
Hände reichen, selbst über die tiefsten Abgründe 
hinweg, Amadeus. 

AMADEUS. Du sprichst wie gewöhnlich äußerst 
klug. 



155 



CACILIE. Und wenn du die Weiber zu Dutzenden 
verführst, und wenn sich die Männer um meinetwillen 
gegenseitig totschießen — wie für Gräfin Philine — : 
was hat das mit unserer Freundschaft zu tun ? 

AMADEUS. Es ist nichts dagegen einzuwenden. 
Immerhin, ich habe es nicht erwartet . . . ja, ich finde 
es geradezu bewundernswert, wie du dich in alles findest ; 
wie ruhig du zu bleiben vermagst in allen neuen Schick- 
salen und Erwartungen. 

CÄCILIE. Ruhig ? . . . Hier bin ich's. An unserem 
Kamm, . . . beim Tee, in deiner Gesellschaft. Hier 
wiU und werd' ich's auch immer sein. Das ist ja der 
Sinn unseres ganzen Zusammenlebens. Was immer 
mir in der Welt beschieden sein mag, wenn ich hier 
eintrete, wird es abgeglitten sein. Die Stürme sind 
nur draußen. 

AMADEUS. Dafür kannst du heute nicht ein- 
stehen, Cäcilie. Es könnten Dinge kommen, die sich 
schwerer an dich hängen, als du in diesem Augenblick 
ahnst. 

CÄCILIE. Immer werde ich soviel Kraft behalten, 
um abzuwerfen, was ich will, ehe ich zu dir komme. 
Und sollte mir diese Kraft einmal fehlen, so werde ich 
eben vor der Türe bleiben. 

AMADEUS. Nein, das darf nicht sein! Das wäre 
gegen die Abrede! Gerade wenn dir Schweres be- 
gegnet, bin ich ja da, um es dir tragen zu helfen. 

CÄCILIE. Wer weiß, ob du dazu immer bereit 
wärst. 

AMADEUS. Immer — das schwör' ich dir! Was 
du auch Trauriges oder Erbärmliches erfahren solltest: 
bei mir wirst du Zuflucht und Verständnis finden. 
Aber von ganzem Herzen wünsch' ich dir, daß dir 
Manches erspart bleibe. 

CÄCILIE. Mir ? . . . Nein, Amadeus, diesen Wunsch 
weise ich zurück. Ich habe ja noch . . . ich habe ja 
noch so wenig erlebt. Und ich sehne mich danach. 
Ich sehne mich nach allem Schmerzlichen und Süßen, 



156 



nach allem Schönen und nach allem Kläglichen, was 
das Leben bringt. Ich sehne mich nach Stürmen, 
nach Gefahr, — vielleicht nach mehr. 

AMADEUS. Nein, Cäcilie, das versuchst du dir 
einzubilden! 

CÄCILIE, O nein! 

AMADEUS. Gewiß, Cäcilie. Du weißt eben noch 
wenig und stellst dir vieles einfacher und reinlicher 
vor, als es ist. Aber es gibt Dinge, die du nie ertrügst, 
und manche, die zu begehen du nicht fähig wärst. — 
Ich kenne dich, Cäcilie. 

CÄCILIE. Du kennst mich ? . . , Du weißt nur, 
was ich dir — was ich als deine Geliebte, deine Gattin 
war. Und da du für mich die ganze Welt bedeutet 
hast, in dir all meine Sehnsucht, all meine Zärtlich- 
keit beschlossen war, so konnten wir beide früher nicht 
ahnen, wozu ich bestimmt wäre, wenn sich die wirk- 
liche Welt vor mir auftäte. — Ich bin schon heute 
nicht mehr, die ich war, Amadeus . . . Oder vielleicht 
war ich immer dieselbe und habe es nur nicht gewußt; 
und es ist jetzt etwas von mir abgefallen, das mich 
früher umhüllt hat . . . ja, so muß es sein: denn jetzt 
fühle ich alle Wünsche, die früher an mir herabgeghtten 
sind wie an einem fühllosen eisernen Panzer, . . . jetzt 
fühle ich sie über meinen Leib, über meine Seele 
gleiten, und sie machen mich beben und glühen. 
Die Erde scheint mir voll Abenteuern, der Himmel 
wie von Flammen strahlend, und mir ist, als sah' ich 
mich selbst, wie ich mit ausgebreiteten Armen dastehe 
und warte. 

AMADEUS wie einer Entfliehetiden nachrufend. Cäcilie! 

CÄCILIE. Was ist dir? 

AMADEUS. Es ist nichts . . . Was du da sprichst, 
kann mJch ja nicht befremden nach allem, was ich 
schon weiß. Aber deine Stimme hat einen Beiklang, 
den ich heute zum ersten Mal höre. Und auch diesen 
Glanz deiner Augen habe ich bis heute nicht gekannt! 

CÄCILIE. Das glaubst du nur, Amadeus. Wäre 



157 



es wirklidi so, dann müijLe es mir mit dir geradeso 
ergehen. Und ich merke keinen Unterschied an dir. 
Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß du mir je 
verändert erscheinen könntest. Bei andern Frauen 
magst du Bösewicht — oder dummer Junge sein — 
was geuiß auch manchmal vorkommen wird — : für 
mich wirst du immer derselbe bleiben; und ich fühle, 
daß dem Amadeus, den ich meine, im Grunde über- 
haupt nichts geschehen kann. 

.-IM.-IDEUS. Könnte ich das nur auch — für dicli 
fülileu! Aber diese Sicherheit habe ich nicht; die Un- 
bedenklichkeit, die Lust, mit der du in eine unbekannte 
Welt hineinschreitest, erfüllt mich geradezu mit Angst 
um dich. Der Gedanke, daß Menschen herumgehen, 
von denen du, die von deiner Existenz noch nicht 
wissen und denen du gehören \%-ir3t — — 

CACILIE. Gehören werde ich niemandem . . . 
ich bin frei . . . 

AMADEUS. Die zu deinem Sclücksal und 

zu deren Scliicksal du doch schon bestimmt bist, das 
ist mir unheimlich. Und du bist auch nicht die Cäcilie, 
die ich geUebt habe — nein! Du bist nur sehr älinlich 
einer, die mir sehr lieb war, aber doch ganz anders als 
die. Nein, du bist nicht die, die jahrelang meine Frau 
war; das habe ich in dem Augenblick empfunden, als 
du hereintratest. — Nur ein geheimnisvoller Zu- 
sammenhang besteht zwischen dem jungen Madchen, 
das vor sieben Jahren eines Abends in meine Arme sank, 
und der, die heute aus der Fremde in diesem Hause 
für kurze Zeit eingekehrt ist. Aber diese sieben Jahre 
habe ich mit einer andern verlebt, — mit einer stillen 
gütigen Frau, mit einer Art von Engel vielleicht, der 
nun entschwunden ist. Die, die heute kam, hat eine 
Stimme, die ich nie gehört, Blicke, die mir fremd sind, 
eine Schönheit, die ich nicht kenne, — keine bessere, 
glaub' ich, als jene andere, eher eine grausamere — 
und doch eine, glaub' ich, die mehr geschaffen ist zu 
besjlücken. 



1^8 



CACILIE. Sieh mich nicht so an! . . . und sprich 
nicht so zu mir! ... So spricht man doch nicht zu 
einer Freundin! Vergiß nicht, daß ich nicht mehr die 
bin, die ich war. Wenn du so zu mir sprichst, Amadeus, 
dann ist mir, als umwehte mich auch hier die Luft, 
die ich jetzt draußen so oft mich umschmcichehi fühle 
— in der das Leben so unbegreiflich leicht erscheint 
und in der man sich zu allerlei bereit fühlt, was einem 
früher wie unfaßbar erschien. 

AMADEUS. Wenn du ahntest, Cäcilie, wie deine 
Worte mich schmerzen und zugleich berauschen! 

CACILIE herb. Sprich nicht so, Amadeus. Ich will 
nicht. Sei klug um meinet- und deinetwillen. Gute 
Nacht. 

AMADEUS. Cäcihe, du gehst?! 

CACILIE. Ja. Bedenke, daß wir Freunde sind 
und es bleiben wollen. 

AMADEUS. Bedenke, daß wir immer wahr sein 
wollten! Und es ist einfach nicht wahr — nicht für 
dich und nicht für mich — , daß wir in diesem Augen- 
blick uns als Freunde gegenüberstehen . . . Cäcilie — 
in diesem Augenblick fühl' ich nur eins, daß du schön 
bist . . . schön, wie du's niemals gewesen! 

CACILIE. Amadeus, Amadeus, vergißt du alles, 
was geschehen ist ? 

AMADEUS. Ich könnte es vergessen — wie du. 

CACILIE. O ich denke dran, ich denke dran ! Will fort. 

AMADEUS. Cäcihe, bleib, bleib! übermorgen bin 
ich nicht mehr da — bleibe! 

CACILIE. Sprich nicht so zu mir, ich beschwöre 
dich! Ich bin nicht mehr, die ich war: nicht mehr 
stolz, nicht mehr ruhig, nicht mehr gut. Wer weiß, 
ob es so viel brauchte, daß ich einem gewissenlosen Ver- 
führer zum Opfer fiele! 

AMADEUS. Cäcilie! 

CACILIE. Hast du so viel Freunde zu verlieren } 
Ich nur einen Freund. — Gute Nacht. Sie will geben. 

AMADEUS. Cäcilie, ihre Hand nehmend wir haben 



159 



um )än>{tjt ah (iditin I^cbewofjl gcsa^^t — aber wir 
})abf;;j uns »:nfs<}i Jossen, da« Lcb'rn l'rjcbt zu nchrrjfrn, 
frei /u sein und j'rd<rs Glück zu <:r;/r<rif'rn, das uns «rnt- 
i^cgr/ikorn/nt. Sollten wir wahnsinnig sein oder fei|^ 
und vor dfjn l)/'>c}j«ten zurückweichen, da« «ich uns 
bi';i«;t '(.... 

C//C//J/'^. Was sollte daraus w-rdcn, Arnadeu« . . . 
1'/' Nfid ! 

/IM/IDhUH. Ntnne njich nicht »o! Ich liebe dich 
und ich hasse dich, aber dein Freund bin ich in diescnr» 
Augenblick nidjt: Was du rnir warst: Gattin, Kame- 
radin . . . e« kümmert mich nicht! . . . Ich will — dein 
''/elieb»er will ich heute sein! 

C//C/A/A. Oas darf nidj» ! . , . Das soll ni'ht . . . 
nein . . . 

AM AbEU^. N'j'Ja dein Geliebter also . . . nein, 
etwa« iicsscrc« und wae Schlimmere«: der Mann, der 
dich einem andern ninunt! . , . dt'.r^ für den du einen 
verräfgt , . . einer, der dir S'-li;/keit und Sünde zugleich 
bedeutet I . . . 

C/icn.lE. LA', t,n<h, Amadeus! 

AM ADEUH. Cäcilic, keinem von uns beiden wird 
jej/ials, solang er lebt, '•in «ch'^ncres Abenteii<-r auf 
tlem Weg«' bliilcn! 

f'.AcJUli. K'in gefährlicheres, Amadeus! 

AMA/J/AJS. War das nicht ddne Sehnsucht ? . . . 

CACIIAE. Gute Nacht, Arnadeu«, 

AMAIjEUH. Cücilie! AV Inlt iie, xifhl ne an iuh. 



i6o 



hrsirr /luf tritt 

^M /Itil'.llii k'tmml nui i'inrtn '/.immer littt-t^ t/nvrl'lfiJrl^ ahn im 
M'ft^ftttitik, (fihl luH^mm muhäfnt'liih dunin 'Aimmtf. %um 
P)ihitil/(nih. Nimmt 4i« ///<'/# ««/, di* dwt tfgr», und le^l >t* 
v,itd*i hi». I',f ffOiltll^ ttihl K'h um, m*fkl^ dafi dm /'ftitlrr v/f^H, 
und »ihliffil ff. ha»» KU (,'ä>ill*»i 'lUtt u»d luiiuhl, iJa»» »um 
fitl/i'ihiinh h^^inni aut d*n J'ult*» dl* Ma»u>/'fipiä xu nehmtH, 

AM/IDHUH, Mw;iK» wir Oflnung . . . Wk wfr4 
•-» nur v^'■l^^fn ? — — - \/uu <!<'/ !<«'<*'- aii% w«rrtl* kl* jhf 
^<\itf'i\ifn, Miffhfr Votiitw. kU nj«.j<t »»rhr zurück,,, 
J'h Vnuh^f «"» /jj'hi «'»«/aj5«r» nicht «ffiragrri! — 

/;</» Mttnuthipl in der Hand, i)*^ H';l'* -~ jhf Bolo! AI>T 

kh w/«!'- /j)<)(i 'jjlyj icjn, w«rr»n siV <*s «injji, 

HTUliENM/lDClIEN mti */«, Dir l.rutr «i,i.J Ja, 

/IM /UJlit/^, \U k» j/ut. Hi<5 ««JJfu <Jjc Ha<h«'n üb»-/' 
tii«", Jij/»!»-/ J/fpi**' wj/s'hafffn, 

H'ltItil.NM/ihClUiN ah. 

/IM /IDIitJS, \Nftm i< h Dir fnorp;«*»! ailkti »apjr, 
wu'J fec MJ'iM alucj», 'lau fs \ni \inuiff kt , , . UjmI 

/»(^U( Ijfily' , , , lUf\n llul>* ? ///« und h»f. . , , AliT <*S J/MjU 

!>'■(/*, I'totaliih. \\fii\f. al>«f»<<l Ji'y< )« i'-j»'' j' lj <ii< ht 

M;org«ff}, J«, It^Ut« »b^nti |jo< Ik 'I m^l ham^ Nultn Hutammfn. 
M< w^f«!«* «<ji d<'»n l>jr<-l<i'/» sj/r«-« )»«-/), <^*f)ii «-j nj'li« 
«liauf «-ji*, vy }/^')/ j« |( <-/'jj(a< }( <Ju/< h, Hif/lc-; fco/n//) j« h 
ni<- wi*'<J«'/, H^i'dn xM Cd'iliem '1 ur. hi«* «< )Jj|l wold Ji';« )i. 
Naihtj'ttn^ ttlnl »iih auf d*n /Jivan, tiumi den Hupj in di» Itdnd'. 

Wir w/'i«'/* yu!>aiui/i«fH b«i 'IUiUk «ii/cn, und ük wird 
»(M }<» idj«'*u, dali «r« /um ltH'/,t<'n Mak kl , , , Nklu 
Amt'ii .f Waruiu ni«!*«? HJ«r tx>ll «'s wjüsc« ,,, 
^/ki'h , , , \'\t «]>»<'' lic ;/iJ« li M(i« ihr aus». Ja, /V/Wyf ««/, 
H' iij>'i !>«•/< lalii f« *j< I» ja i\'ti\i i)j<)(i, l<)j wf-jd«- ihr 
aJJfs «aj^t-u, k ii wid«* ihr »aj/«-)), «lalj i< h's nithi rjr- 
Kaj/^/i tauK '*-^ ditU d«?« (i'-tlaulc a/i <k»i aiMlf/u ii)i< h 



toll macht. Und sie wird es begreifen. Und wenn 
sie mich auch anfleht, ihr zu verzeihen, — wenn sie 
auch ... ah! Zur Türe. Jetzt gleich sag' ich ihr's . . . 
Ich möchte sie erwürgen! , . . Cäcilie! Klopft. Keine 
Antwort. Was ist denn das ? In ihr Zimmer. Sie ist fort ! . . . 
Ab. Kommt nach einer halben Minute durch den Garten wieder. 
Klingelt. Wo mag sie — — 

Zweiter Auftritt 

AMADEUS. Das STUBENMÄDCHEN. 

AM ADEU Bleicht. Die gnädige Frau ist fortgegangen ? 

STUBENMÄDCHEN. Schon ziemlich lang, gnä- 
diger Kerr. 

AMADEUS. So ... ? 

STUBENMÄDCHEN. Es wird wohl zwei Stunden 
sein. Gegen ein Uhr wollte die gnädige Frau wieder- 
kommen. 

AMADEUS. So. — Danke. 

STUBENMÄDCHEN. Darf ich dem gnädigen 
Herrn jetzt das Frühstück bringen ? 

AMADEUS. Ach ja, ich habe ganz vergessen. 
Bringen Sie mir den Tee, bitte. 

STUBENMÄDCHEN ab. 



Dritter Auftritt 

AMADEUS allein. 

AMADEUS. Fort! . . . Nun ja, was ist daran weiter 
Sonderbares?... In der Oper jedenfalls... Aber 

warum sagte sie mir nicht Fährt zusammen. Bei 

ihm? . . . Nein, das ist ja nicht möglich! nein! . . . 
Warum nicht möglich ? . . . Eine Frau wie sie — — 
Warum sollte sie nicht zu ihm ? . . . Mit drohender Geste. 
Hätt' ich nur ihn! . . . Erleuchtet. Das kann ich ja . . . 
das wäre ja. ... Ihm gegenüberstehen! — ja! Ihm 
gegenüber! — Da könnte ja am Ende manches wieder 

162 



gut werden. . . Nein, sie ist nicht bei ihm . . . Wie 

nur solch ein Gedanke Das ist ja vorbei! . . . 

Ja, das tu' ich! . . . Ich oder er! ... Da könnte ja vieles, 
— da könnte alles wieder gut werden ... Er oder 
ich! . . . Aber so weiterleben, während er . . . Ich gehe 
zu Albertus! Heut noch muß es geschehen! Ab in sein 
Zimmer. 

Vierter Auftritt 

ALBERTUS tritt ein. Zugleich bringt das STUBENMÄDCHEN 
das Frühstück. 

STUBENMÄDCHEN. Ich will Sie dem gnädigen 

Herrn gleich melden. Stellt die Tablette auf das Tischchen, 
geht links ab. 

ALBERTUS nimmt ein Kipfel von der Tablette und beißt 
das Spitzel ab. 

Fünfter Auftritt 

ALBERTUS, AMADEUS. Das STUBENMÄDCHEN rasch 
durchs Zimmer ab. 

AMADEUS. Ah, da bist du ja! 

ALBERTUS. Jawohl, Ich komme doch nicht zu 
früh ? Bist du bereit ? Ich will dir nun den dritten 
Akt vorlesen. Nimmt die Blätter aus seiner Rocktasche. Die 
Szene kennst du ja: Park, Villa, Platane. Etwas muß 
ich noch vorausschicken. Du erinnerst dich des Herrn 
von Rabagas, in den meine Frau verliebt ist ? An dem 
habe ich eine kleine Korrektur vorgenommen: er 
schielt nämlich. Ich bin neugierig, wie sich Marie 
jetzt zu ihm stellen wird. 

AM ADEUS sehr nervös. Später davon. Es handelt sich 
für den Augenblick um Wichtigeres. 

ALBERTUS. Wichtigeres — ? 

AMADEUS. Ja. Du mußt mir einen großen Dienst 
erweisen . . . einen Dienst, der keinen Aufschub leidet. 
Du mußt mein Zeuge sein. 

163 



ALBERTUS steht auf. Dein . . . ? — Ja, was ist das 
für ein Unsinn ? Du nimmst es einfach nicht an! Mußt 
du dich wegen Madame Philine totschießen lassen? 
Ah nein! 

AMADEUS. Es handelt sich nicht um Philine. Ich 
bin auch nicht gefordert worden. Ich selbst fordere. 
Und zwar bitte ich dich, sofort unsern Freund Winter 
aufzusuchen, dich mit ihm zum Fürsten Sigismund zu 
bemühen und ihm 

ALBERTUS ihn unterbrechend, lacht. Ah, zum Fürsten 
Sigismund! — Danke verbindlichst. 

AMADEUS befremdet. Was hast du denn ? 

ALBERTUS. Sehr liebenswürdig. Du beschenkst 
mich mit einem Schluß zu unserem gestrigen Stück. 
Ich danke. Der ist mir zu abgeschmackt — den glaubt 
kein Mensch. Ich habe einen viel bessern: Du wirst 
vergiftet — ja. Und weißt du, von wem? . . . Von 
einer ganz neuen Figur: einem dir unbekannten Lieb- 
haber deiner Frau. 

AMADEUS wütend. Das interessiert mich absolut 
nicht. Ich bitte dich, höre mir davon auf! Ich erfinde 
dir keine Schlüsse für deine Wurstelkomödien! Wir 
befinden uns im Leben, mitten im Leben! 

ALBERTUS. Du meinst . . .! Also wenn ich schon 
zu diesem unsaubern und lächerlichen Aufenthalt 
verurteilt sein soll: was wünschest du eigentlich von 
mir? 

AMADEUS. Hast du mich denn nicht verstanden ? 
. . . Ihr sollt den Fürsten Sigismund in meinem Namen 
fordern. 

ALBERTUS. ... In deinem Namen?... den 
Fürsten ? Lacht. 

AMADEUS. Es scheint dir ja sehr komisch vor- 
zukommen, aber ich versichere dir 

ALBERTUS. Darauf kommt es wohl nicht an, daß 
du mir komisch vorkommst; dafür gibt es wahrschein- 
lich eine Menge Leute, denen du bis heute lächerlich 
erschienen bist und die dich nun mit einem Male ver- 



164 



nünftig fänden, . . . obzwar sie sich logischerweise sagen 
müßten: Gerade heute ist der Herr Kapellmeister 
eifersüchtig geworden ? . . . Bis zum zweiundzwanzigsten 
Oktober ist er es nicht und am dreiundzwanzigsten 
wird er es mit einem Male f 

AMADEUS. Es hat sich eben manches geändert 
von gestern auf heute. 

ALBERTUS. Geändert ? . . . von gestern auf heute ? 
. . . Ach so! 

AMADEUS nach einer Pause. Also auch du hast es 
nicht geglaubt! 

ALBERTUS. Ehrhch gestanden: nein. 

AMADEUS. So lebt man also wirklich unter lauter 
Leuten 

ALBERTUS. Die schließhch doch recht behalten. 
Warum entrüstest du dich also ? Wenn wir lange genug 
existierten, behielte wahrscheinlich jede Lüge Recht, 
die über uns umläuft. Horch' auf die Verleumder, so 
wirst du die Wahrheit über dich erfahren. Das Gerücht 
weiß selten, was wir tun, aber immer, wohin wir treiben. 

AMADEUS. Wir wußten es nicht, daß wir dahin 
treiben — das wirst du mir hoffentlich glauben. 

ALBERTUS. Und doch mußte es so kommen: 
Freundschaft zwischen zwei Menschen verschiedenen 
Geschlechts ist immer eine gefährliche Sache — sogar 
zwischen Eheleuten. Wenn die Seelen sich allzu gut 
verstehen, so reißen sie allmähhch auch das mit, was 
man gern bewahren möchte; und wenn die Sinne 
zueinander fließen, so gleitet mehr von der Seele nach, 
als wir ihnen gerade nachsenden wollten. Ein ewiges 
Gesetz, mein Lieber, das die tiefe Unsicherheit aller 
irdischen Beziehungen zwischen Mann und Weib 
verschuldet, und nur, wer es nicht kennt, vertraut 
den andern und sich selbst. — Du erlaubst. Er streicht 

sich Butter auf ein Kipjel. 

AMADEUS. Du verstehst mich also? . . . 
ALBERTUS. Selbstverständlich; — das ist ja mein 
Metier. 



lös 



AMADEUS. Nun, wenn du verstehst, was geschehen 
ist, und verstehst, daß es geschehen mußte, — dann 
verstehst du auch, daß ich die Konsequenzen daraus 
ziehen muß. 

ALBERTUS. Konsequenzen?... Ich rede Weis- 
heit, und dich verlangt nach Unsinn ? Und das nennst 
du Konsequenz ? — Ich finde vielmehr, daß du im 
Begriff bist, dich zu benehmen wie ein ausgemachter 
Narr. Jeder andere dürfte tun, was du jetzt vorhast, 
nur du darfst es nicht. Denn da du es vorhast, ist es 
unlogisch, unedel, ja geradezu betrügerisch. Du 
willst einen Menschen zur Rechenschaft ziehen für 
etwas, das ihm seiner Meinung nach geradezu ausdrück- 
lich gestattet war ? . . . Ich an seiner Stelle würde dir 
unter die Nase lachen. Wenn hier einer das Recht 
hat, empört zu sein und Rechenschaft zu fordern, so 
ist es nur er, der Fürst selber, denn nicht er hat dich, 
sondern du, du hast ihn hintergangen. 

AMADEUS. Das kommt aufs Gleiche heraus, denn 
er würde es tun. 

ALBERTUS. Dazu müßte er es wissen. 

AMADEUS. Dafür soll gesorgt werden. 

ALBERTUS. Du willst es ihm sagen? 

AMADEUS. Wenn du glaubst, daß dieser Weg 
rascher zum Ziele führt — ? 

ALBERTUS. Da sehe man den Ehrenmann! Ist 
das die Diskretion, die du deiner Geliebten schuldig 
bist? 

AMADEUS. Nenne mich unlogisch, unedel, in- 
diskret, was du willst! Ich kann nicht anders! Ich 
liebe CäciUe . . . hörst du ? . . . und will mit ihr weiter- 
leben. Und ich kann es nicht, ehe das, was geschehen, 
seine Sühne gefunden — vor mir, ihr und — ja, ich 
gestehe es — vor der Welt. Sigismund und ich müssen 
einander gegenüber stehen Mann gegen Mann — 
dann erst kann mir wieder wohl werden. 

ALBERTUS. Und was soll sich an der ganzen Sache 
ändern dadurch, daß ihr in die Luft knallt? 



i66 



AMADEUS. Einer von uns muß aus der Welt, 
Albertus! . . . Verstehst du's nicht endlich? 

ALBERTUS. Höre, mein Lieber, das geht zu weit! 
Ich denke immer, es handle sich um ein Duell — und 
nun sehe ich, du willst ihm ans Leben! 

AMADEUS. Du wirst es vielleicht beklagen, daß 
du selbst in einer solchen Stunde übelangebrachte 
Scherze nicht lassen kannst. Die Sache drängt, Alber- 
tus, entscheide dich. 

ALBERTUS. Und wenn er refüsiert? 

AMADEUS. Er ist ein Edelmann. 

ALBERTUS. Er ist fromm, sein Vater ist einer der 
Führer der klerikalen Partei im Herrenhaus und im 
Präsidium der Anti-Duell-Liga. 

AMADEUS. So was ist ja nicht erblich. Und wenn 
er nicht wollte, ich würde ihn zu zwingen wissen. Es 
gibt nichts anderes. Wenn ich weiterleben will — 
mit ihr, oder ohne sie — gibt es nichts anderes. So 
kann alles gut werden — aber nur so. Nur so wird die 
Luft um uns wieder rein, nur wenn das vorüber ist, 
dürfen wir einander wieder gehören und — glück- 
lich sein. 

ALBERTUS. HoffentHch besteht nun Cäcilie nicht 
darauf, Philine und etliche andere umzubringen, was 
ebenso sinnreich wäre, aber die Sache sehr kompli- 
zieren würde. 

AMADEUS. Ich bitte dich, geh! 

ALBERTUS. Ich gehe ja schon. — Und unsere 
Oper? 

AMADEUS. Darüber sprechen wir noch. Zu 
deiner Beruhigung: was fertig ist, liegt hier im zweiten 
Fach, wohlgeordnet. 

ALBERTUS. Und wer soll den dritten Akt kompo- 
nieren ? 

AMADEUS. Man wird es als Fragment geben und 
ein Ballett dranhängen. 

ALBERTUS. Ja, du hast recht: „Harlekin als 
Elektriker" oder „Vergißmeinnicht". Ab. 

167 



Sechster Auftritt 

AMADEUS. Dann PE7ERL und das FRÄULEIN. Später das 
STUBENMÄDCHEN. 

AMADEUS eine Weile allein. Sinnt. Dann macht er sieb 
am Schreibtisch zu schaffen. 

Es klopft an der Terrassentür. 

AMADEUS. Was ist denn? 

PETERL von draußen. Ich bin's, Papa. Darf ich herein ? 

AMADEUS. NatürUch. Komm nur, Peterl. 

Peterl und das Fräulein kommen herein. 

FRÄULEIN. Guten Morgen. 

AMADEUS. Guten Morgen, Fräulein. Küßt Feten. 
Ist es nicht etwas zu kalt im Freien ? 

FRAULEIN. Peterl ist warm angezogen, und 
übrigens scheint jetzt auch die Sonne wieder schön. 

PETERL. Hast du schon gesehen, Papa, was ich 
von der Mama gekriegt hab' ? 

AMADEUS. Was denn? 

PETERL. Ein Theater — ein großes Theater! 

AMADEUS. So? hast du's denn schon? 

PETERL. Freihch. Dort in der Laube steht's. 
Willst du dir's anschaun ? 

AMADEUS fragender Blick auf das Fräulein. 

FRAULEIN. Die gnädige Frau hat es in aller 
Früh' zu uns hereingestellt, wie Peterl noch geschlafen 
hat. 

AMADEUS. So? 

PETERL. Ich kann auch schon Theater spielen! 
Es ist ein König, und ein Bauer, und eine Braut, und 
ein Teufel, ein ganz roter — er ist beinah so rot wie 
der König. Und hinten ist eine Mühle, und ein 
Himmel, und ein Wald, und ein Jäger . . . Willst du 
dir's nicht anschaun, Papa ? 

AMADEUS auf dem Divan, den Buben zwischen den Knien; 
abwesend. Ja freilich werd' ich mir's anschaun, 

STUBENMÄDCHEN trttt ein. Gnädiger ^err 

AMADEUS. Was gibt's? 

i68 



STUBENMÄDCHEN. Seine Durchlaucht fragt, 
ob der gnädige Herr zu sprechen sind. 

AMADEUS. Welche Durchlaucht? 

STUBENMÄDCHEN. Seine Durchlaucht der 
Fürst Lohsenstein. 

AMADEUS steht auf. Wie ? ! 

FRÄULEIN . Komm, Peterl, wir wollen jetzt 
wieder in die Laube gehen weiterspielen. Mit Peterl ab. 

AMADEUS gefaßt. Sagen Sie dem Fürsten — — 
Wendet sich ab. Einen Moment. Vor sich hin. Was soll das 
bedeuten ? . . . Plötzlich. Ich lasse bitten. 

STUBENMÄDCHEN ab. 

AMADEUS gebt rasch auf und ab^ steht ziemlich entfernt 
von der Türe, wenn Sigismund eintritt. 



Siebenter Auftritt 

AMADEUS, SIGISMUND. 

SIGISMUND schlank, blond, sechsundzzvanzig Jahre, elegant, 
gar nicht geckenhaft; verbeugt sich. Guten Morgen. 

AM ADEUS ein paar Schritte entgegen, nickt höflich. 

SIGISMUND blickt um sich, befangen, aber nicht in komischer 
Verlegenheit, sondern durchaus würdig. Leicht lächelnd. Wir 
haben uns lange Zeit nicht gesehen, und Sie werden 
wohl vermuten, daß mein heutiger Besuch einen be- 
sonderen Anlaß hat. 

AMADEUS. Allerdings. — Platz anbietend. Bitte. 

SIGISMUND. Danke. Tritt näher, bleibt stehen. Also, 
ich habe mich zu diesem Gang entschlossen, der mir, 
ich versichere Sie, nicht leicht geworden ist, weil ich 
die Situation, in der wir . . . wir alle uns befinden, un- 
haltbar, in gewissem Sinne lächerhch finde und ich 
der Ansicht bin, daß ihr so oder so ein Ende gemacht 
werden muß. Mein Besuch hat nun den Zweck, Ihnen 
einen Vorschlag zu unterbreiten. 

AMADEUS. Ich höre. 

SIGISMUND. Ich werde nicht viel Worte machen. 



169 



Ich mache Ihnen den Vorschlag, sich von Ihrer Frau 
GemahUn scheiden zu lassen. 

AM.ADEUS zuckt ^ starrt ihn an^ nach eitler Pause, ruhig. 
Sie wollen Cäcilie heiraten ? 

SIGISMUND. Es ist mein sehnlichster Wunsch. 

AMADEUS. Und wie verhält sich Cäcilie zu dieser 
Ihrer Absicht ? 

SIGISMUND. Vorläufig ablehnend. 

AMADEUS befremdet. Cäcilie ist vollkommen Herr 
ihrer Entschlüsse. Sie hätte natürlich auch das Recht, 
mich zu verlassen, wann und in welcher Form es ihr 
beliebt. Sie entschuldigen also, wenn ich zumindest 
den Anlaß Ihres werten Besuches unbegreiflich finde. 

SIGISMUND. Sie werden ihn sofort begreifen. 
Die ablehnende Haltung der Frau Adams-Ortenburg 
in dieser Hinsicht beweist nämlich nichts. Solange 
Frau Adams-Ortenburg von Ihnen nicht freigegeben 
wird — selbst gegen ihren eigenen Willen, steht sie 
gewissermaßen unter Ihrem Bann. Um vollkommene 
Klarheit zu schaffen, erscheint es mir daher sehr not- 
wendig, daß Sie selbst, verehrter Herr Kapellmeister, 
auf der Scheidung bestehen. Erst wenn sie geschieden 
ist, wird Frau Adams-Ortenburg frei zu wählen im- 
stande sein. Bis dahin kämpfen wir — und das kann 
Ihre Absicht nicht sein — mit ungleichen Waffen. 

AMADEUS. Hier handelt es sich nicht um einen 
Kampf. Sie mißverstehen die Sachlage in einer mir 
völlig unbegreiflichen Weise. Denn daß Ihnen Cäcilie 
verschwiegen hätte, welche tieferen Gründe uns ver- 
anlaßten, an eine Lösung unserer Ehe vorläufig nicht 
zu denken, das darf ich nicht annehmen. 

SIGISMUND. Gewiß kenne ich diese Gründe; 
aber sie erscheinen mir keineswegs zwingend genug, 
auch für Sie, um den Gedanken einer Ehescheidung 
von der Hand zu weisen. Denn ich beeile mich, Ihnen 
zu versichern, daß ich vor diesen Gründen in jedem 
Falle den weitestgehenden Respekt bekunden würde. 

AMADEUS. Wie meinen Sie das? 



170 



SIGISMUND. Sie wissen, verehrter Kapellmeister, 
meine Verehrung für Ihre Kunst, wenn ich ihr auch 
nicht immer zu folgen vermag, ist so groß als meine 
Bewunderung für den Gesang von Frau Adams- 
Ortenburg. Ich weiß, wie viel Sie beide einander ver- 
danken, wie Sie sich — wenn ich so sagen darf — 
musikalisch ergänzen, und es läge mir fern, der Fort- 
dauer Ihrer künstlerischen Beziehungen irgendwelche 
Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Nicht minder 
bekannt ist mir die Zärthchkeit, die Sie für Ihr Kind 
hegen, — dem ich übrigens, wie Ihnen nicht unbekannt, 
die größte Sympathie entgegenbringe — und ich gebe 
Ihnen mein Wort, daß die Türe zu Peterls Gemächern 
Ihnen jederzeit offenstehen würde. 

AMADEUS. Mit andern Worten: Sie hätten nichts 
dagegen, daß der frühere Gatte Ihrer . . . der Frau 
. . . der Fürstin von Lohsenstein in Ihrem Hause als 
Freund verkehrte ? 

SIGISMUND. Jede Einwendung dagegen erschiene 
mir wie eine Beleidigung gegen Ihre . . . gegen meine 
• . . gegen Frau Cäcilie Adams-Ortenburg und gegen 
Sie, verehrter Herr Kapellmeister. Und unter diesen 
Voraussetzungen wäre der neue Zustand, den vor- 
zuschlagen ich mir hiermit erlaube, vernünftiger und 
— wenn Sie mir ein aufrichtiges Wort gestatten — 
anständiger als der, in welchem wir jetzt zu leben 
alle genötigt sind. Ich bin überzeugt, verehrter Herr 
Kapellmeister, wenn Sie in Ruhe darüber nachdenken, 
werden Sie mir nicht nur zustimmen, sondern sogar 
staunen, daß Sie nicht früher selbst auf diese einfache 
Lösung einer unerträglichen Situation verfallen sind. 
Was mich anbelangt, so füge ich hinzu, daß diese. 
Lösung mir für meine Person überhaupt als die einzig 
mögliche erscheint. Ja, ich stehe nicht an zu erklären. 
daß ich es vorzöge, diese Stadt zu verlassen und P'rau 
Cäcilie niemals wiederzusehen, als sie weiterhin auf 
eine lür uns alle so peinliche Weise zu kompromit- 
tieren. 



171 



AMADEUS. Darauf käme es mit einem Male an ? 
Nun, wenn das Cäcilie und mich nicht kümmert, darf 
es Ihnen wohl gleichgültig sein. Sie wissen hoffent- 
lich, daß wir uns ohne Rücksicht auf das Geschwätz 
der Leute das Leben so eingerichtet haben, wie es 
uns beliebte, und daß es mir sehr egal ist, ob Cäcilie 
kompromittiert ist — wie Sie es nennen — oder 
nicht! 

SIGISMUND. Ihnen — das ist mir ja bekannt. 
Aber mir ist es nicht egal. Eine Frau, die mir so teuer 
ist und die ich so hoch verehre, daß ich die Absicht 
habe, mit ihr vor den Altar zu treten, muß ohne Makel 
sein vor Gott und den Menschen. 

AMADEUS. Das hätten Sie sich dann wohl früher 
überlegen müssen. Ihr bisheriges Benehmen läßt von 
dieser Auffassung wenig durchblicken. Sie erwarten 
meine Frau in der Nähe der Oper, Sie gehen mit ihr 
stundenlang spazieren, Sie besuchen sie auf dem Land, 
Sie folgen ihr nach Berlin, fahren mit ihr zurück . . . 

SIGISMUND befremdet. Es Stand doch bei Ihnen, 
all das zu untersagen, wenn es Ihnen nicht paßt . . . 

AMADEUS. Untersagen . . . nicht paßt . . .! Wer 
spricht davon ? — Ich bin es ja nicht gewesen, der 
diese Situation unerträglich und kompromittierend 
fand. 

SIGISMUND. Ich verstehe Sie. Allerdings kUngt 
Ihr Ton in Anbetracht Ihrer eben betonten Gleich- 
gültigkeit gegen das Gerede der Leute ziemlich erregt. 
Aber erlauben Sie mir, Ihnen zu versichern, daß mich 
das eher sympathisch berührt. Doch ich bin ja nur 
ein Mensch! Welcher junge Mann an meiner Stelle 
hätte auf ein häufigeres Zusammensein mit dem an- 
gebeteten Wesen verzichtet, wenn es ihm in jeder 
Hinsicht so leicht gemacht wird ? Und trotzdem 
habe ich mit mir gekämpft, ehe ich ins Pustertal ge- 
fahren, ehe ich nach Berlin gereist bin ... ja sogar 
manchmal, ehe ich in der Nähe der Oper gewartet 
habe. Und wie habe ich gelitten unter den forschen- 



172 



den Blicken, mit denen Frau Adams-Ortenburg und 
ich zuweilen betrachtet wurden, wenn wir zum Bei- 
spiel in Berlin nach der Vorstellung in einem Restau- 
rant zusammenaßen oder zu Mittag im Tiergarten 
spazieren fuhren! Wie peinlich waren mir gewisse 
Bemerkungen meiner Tante, als ich mich von ihr 
verabschiedete! Ich kann es Ihnen wirklich kaum 
schildern. 

AMADEUS. Wie lange, werter Fürst, gedenken 
Sie denn diese sonderbare Komödie mir gegenüber 
noch fortzusetzen ? 

SIGISMUND tritt zurück. Sie meinen 

AMADEUS. Was in aller Welt veranlaßt Sie, mir 
gegenüber eine Rolle zu spielen, von der ich nicht 
weiß, ob ich sie abgeschmackt oder verwegen finden 
soll? 

SIGISMUND. Herr! ... ah! . . . Sie glauben . . . 
Nun versteh' ich! . . . Und Sie meinen, daß ich in einem 
solchen Falle noch einmal den Fuß über Ihre Schwelle 
gesetzt hätte ? 

AMADEUS. Warum soll ich gerade das nicht von 
Innen glauben ? 

SIGISMUND. Auf das, was Sie über mich denken, 
wird noch zurückzukommen sein. Aber hier ist noch 
eine andere Person im Spiel, und ich werde nicht 
dulden 

AMADEUS. Waren Sie gegen jedermann so auf- 
gebracht, dem die Tugend der Frau Adams-Orten- 
burg nicht über jeden Zweifel erhaben erschien? 

SIGISMUND. Sie sind jedenfalls der erste, der 
mir solche Zweifel ins Gesicht zu äußern wagt, und 
der letzte, der es ungestraft wagen dürfte 

AMADEUS. Glauben Sie, daß die Strafen, die Sie 
über jene Unverschämten zu verhängen gedenken, 
geeignet sein werden, den Ruf Cäciliens wieder her- 
zustellen ? Meinen Sie, es würde dem Gerede ein Ende 
machen, wenn für die Ehre der Frau Adams-Orten- 
burg gerade Sie einzustehen versuchten? 



173 



SIGISMUND. Wer denn als ich? 

AMADEUS. Wenn es keine Komödie ist, die Sie 
mir da vorzuspielen versuchen, so haben Sie nicht 
einmal das Recht dazu! 

SIGISMUND. Da wäre also Ihrer Meinung nach 
Cäcihe heute die einzige Frau der Welt, die gegen 
Verleumdungen schutzlos dastehen müßte! 

AMADEUS. Wenn Sie die Wahrheit sprechen, 
Fürst Sigismund, dann hätte nur einer auf der Welt 
das Recht, Cäcilie zu schützen, und das bin ich! 

SIGISMUND. Ich habe lebhaften Grund zu 
zweifeln, nach allem, was vorgefallen ist, daß Sie von 
diesem Recht Gebrauch machen und diese Pflicht 
erfüllen würden. 

AMADEUS. Sie irren. Und wenn Sie sich von 
hier nach Hause bemühen wollen, so werden Sie sich 
von diesem Irrtum rasch genug überzeugt haben. 

SIGISMUND. Was bedeutet das? 

AMADEUS. Das bedeutet ganz einfach: zwei 
meiner Freunde sind soeben auf dem Weg zu Ihnen, 
in meinem Auftrag — 

SIGISMUND. Nun — ? 

AMADEUS. Nun, um Rechenschaft von Ihnen 

zu fordern für das, wessen ich Sie schuldig Sieht 

ihm ins Auge, glaubte. 

SIGISMUND tritt einen Schritt zurück. 

Pause. — Sie sehen einander ins Auge. 

SIGISMUND. Sie haben mich Er streckt ihm 

die Hand entgegen. DaS ist Schön ! 
AMADEUS nimmt die Hand nicht. 

SIGISMUND. Das ist wirkhch schön! Ich ver- 
sichere Sie, jetzt bekommt die ganze Sache überhaupt 
ein anderes Gesicht. Ich stehe Ihnen natürlich nach 
wie vor zur Verfügung, wenn Sie darauf bestehen. 

AMADEUS atmet tief auf, sieht ihn lang an, schüttelt den 
Kopf. Nein, nicht mehr. Reicht ihm die Hand. Hin und her, 
vor sich hin. Cäcilie . . . Cäcilie! . . . Zurück; anderer Ton. 
Wollen Sie nicht Platz nehmen, Sigismund? 



174 



SIGISMUND, Danke. 

j4MJDEUS wieder fremd und mißtrauisch. Wie es beliebt. 

SIGISMUND. Fassen Sie das nicht falsch auf. 
Aber unsere Unterredung ist wohl zu Ende, verehrter 
Kapellmeister. Sieht um sich. Und doch, ich will es Ihnen 
gestehen, seit Sie so grob mit mir geworden sind, 
ist mir im Grunde viel wohler. Ist das nicht sonderbar ? 
Trotzdem ja nach dieser überraschenden Wendung 
meine Hoffnungen ziemlich... o entschuldigen Sie! 
. . . völlig begraben sind — trotzdem ist mir jetzt 
eigentlich leichter zumute als die ganze letzte Zeit. 
Wenn mir nun auch das Glück nicht beschieden ist, 
das ich törichterweise eine Zeitlang zu erträumen 
wagte . , . 

AMADEUS. War es so töricht? 

SIGISMUND gutmütig. O ja. Aber das ist doch wenig- 
stens ein Abschluß, den man sich kann gefallen lassen. 
Schüttelt den Kopf. Wie merkwürdig. Wenn ich jetzt nicht 
gekommen wäre, hätten Sie am Ende nie erfahren . . 
hätten Sie nie geglaubt . . . hätten von Cäcilie . . . 
Und einer von uns wäre vielleicht . . . müßte viel- 
leicht . . . Geste. 

AMADEUS. Ein seltsamer Zufall, daß Sie gerade 
in dieser Stunde 

SIGISMUND. Zufall ? . . . Ah nein. Es gibt 
keinen Zufall, lieber Kapellmeister; darauf werden 
Sie schon kommen. Pause. Also leben Sie wohl und 
grüßen Sie Frau . . . Adams . . . 

AMADEUS. Sagen Sie ruhig: Cäcilie. 

SIGISMUND. . . . und sie möchte mir nicht böse 
sein, daß ich ohne ihr Wissen diesen Schritt getan 
habe. Daß ich fortfahre, das wird sie nicht über- 
raschen. Ich habe ihr gestern beim Abschied gesagt, 
daß ich diese Existenz nicht weiterführen kann. 

AMADEUS. Und sie? . . . Was hat sie geantwortet ? 

SIGISMUND zögernd. Sie ? 

AMADEUS in neuer Erregung. Sie wollte Sie hier 
halten — r 



175 



SIGISMUND. Ja. 

AMADEUS. Also doch! 

SIGISMUND. Jetzt wird sie auch nicht mehr 
wollen, lieber Kapellmeister. Wehmütig lächelnd. Ich habe 
ja meinen Zweck erfüllt. 

AMADEUS. Wie meinen Sie das ? 

SIGISMUND. Nun, ich sehe ja jetzt, was ich ihr 
war . . . o gewiß ohne daß sie's geahnt hat! 

AMADEUS. Was waren Sie ihr? 

SIGISMUND. Nicht mehr und nicht weniger als 
ein Mittel, Sie wieder zurückzugewinnen. 

AMADEUS. Warum denken Sie 

SIGISMUND. Warum ? . . . Weil es ihr gelungen ist. 

AMADEUS. Nein, Sigismund, sie hatte mich nicht 
verloren — trotz aller der Dinge, die geschehen sind. 
Mir ist sogar, wie wenn ich — sie mehr verloren gehabt 
hätte als sie — mich. 

SIGISMUND. Sie sind sehr liebenswürdig. — 
Nun, grüß' Sie Gott. 

AMADEUS beinahe ergriffen. Und wann sieht man 
Sie wieder ? 

SIGISMUND. Ich weiß nicht. Vielleicht nie. — 
Oh, nicht, daß ich mich umbringen werde! Ich werd' 
es schon überwinden, ich bin noch jung. — Ja, lieber 
Kapellmeister, wenn das wieder einmal so werden 
könnte wie früher, daß ich hier am Kamin sitzen dürfte, 
während Cäcilie singt, — oder nach dem Nachtmahl 
auf dem Klavier klimpern . . . 

AMADEUS. Oh! nicht so bescheiden! Ihr Klavier- 
spiel ist ja sogar in Berlin berühmt geworden. 

SIGISMUND. Das hat sie Ihnen auch erzählt! — 
Aber sehen Sie, lieber Kapellmeister, das kann alles 
nicht mehr wiederkommen . . . die Unbefangenheit 
wäre fort. — Also . . . auf Nimmerwiedersehen. 

AMADEUS. Nimmer . . . Warum denn ? Vielleicht 
begegne ich Ihnen sogar bald . . . allein. Ich reise 
ja . . . auch fort. 

SIGISMUND. Ich weiß. Wir haben gestern davon 



176 



gesproclien, im Speisewagen. Sie dirigieren Ihre — ^ 
— die wievielte ist es denn ? 

AMADEUS. Die vierte. 

SIGISMUND. So weit halten Sie schon? — Wo 
fahren Sie denn überall hin ? 

AMADEUS. Zuerst Rheingegend, dann über 
München nach Italien: Venedig, Mailand, Rom. 

SIGISMUND. Rom ? . . . MögHch, daß wir uns 
dort treffen. Aber entschuldigen Sie, in Ihre Konzerte 
werd' ich nicht hineingehn; vorläufig verstehe ich Ihre 
Symphonien noch nicht . . . Oh, das wird auch einmal 
kommen ! Man wird ja immer gescheiter; und besonders 
Erfahrungen und Schmerzen reifen den Menschen . . . 
So, jetzt macht er Spaße, werden Sie sich denken. 
Es ist mir aber wirkhch nicht so lustig zumut. Grüß' 
Sie Gott, lieber Meister. Meinen Handkuß der 
gnädigen Frau. Ab. 

Achter Auftritt 

AMADEUS allein im Zimmer hin und her. Atmet auf. Auf die 

Terrasse. Zurück. Zum Klavier; phantasiert. Zum Schreibtisch; 

sucht unter den Papieren. 

AMADEUS. Das Solo! ... Sie wird es singen, 
und ich werde dabei sein ! . . . Er nimmt es^ setzt sich zum 
Klavier. Glücklich. Cäcilie! . . . CäciHe! 



Neunter Auftritt 

AMADEUS. CÄCILIE tritt ein. 

AMADEUS steht auf. Da bist du endHch, Cäcilie! 
CÄCILIE sehr ruhig. Guten Morgen, Amadeus. 
AMADEUS. Etwas verspätet. 

CACILIE lächelnd. Ja. Legt den Hut ab, richtet sich vor 
dem Spiegel die Haare. 

AMADEUS. Warum bist du denn gar so früh fort f 
CÄCILIE. Ich hatte allerlei zu tun. 

Theaterstücke. III, la. IJJ 



AMADEUS. Darf man fragen — ? 
CACILIE. Gewiß. — So; hier bring' ich dir was. 
Zieht aus ihrem Täschchen einen Brief. 

AMADEUS. Was ist das ? Nimmt ihn. . . . Wie ? . . . 
Mein Brief an Philine! . . . Wie, Cäcilie, du warst bei 
ihr? 

CACILIE. Es war eine Art Nervosität von mir; 
jetzt kommt es mir eigentlich selbst ein bißchen 
komisch vor. 

AMADEUS. Ja, wie ... ? 

CACILIE. Es war die einfachste Sache von der 
Welt: ich habe sie gebeten und sie hat ihn mir gegeben. 
Er lag in einer unversperrten Lade ihres Schreib- 
tisches — unter andern. Du kannst von Glück sagen. 

AMADEUS. Cäcilie! Er zerreißt den Brief und wirft ihn 
in den Kamin. 

CACILIE. Du hättest dich ja doch nicht ent- 
schlossen, ihn von ihr zu verlangen, und das hätte mich 
irritiert. Ich muß einen freien Kopf haben, wenn ich 
arbeiten will. — Nun genug davon! Abgewandt. Dann 
war ich auch in der Oper. Ich habe mit dem Direktor 
gesprochen. Er wird mein Entlassungsgesuch befür- 
worten. 

AMADEUS. Dein Entlassungsgesuch — ? 

CACILIE. Ja. Ich werde am ersten Januar in 
Berlin sein. 

AMADEUS. Aber Cäcilie, wir hatten doch noch gar 
nicht ernstlich . . . 

CACILIE. Wozu aufschieben, was ja doch ent- 
schieden ist ? . . . Du weißt, das lieb' ich nicht. 

AMADEUS. Das bedeutete ja ein volles Jahr der 
Trennung! 

CACILIE. Für den Anfang. Aber ich glaube, wir 
werden gut daran tun, uns auf länger gefaßt zu machen. 

AMADEUS. Cäcilie, du willst von mir fortgehen ? ! 

CACILIE. Was bleibt uns andres übrig, Amadeus ? 
Ich hoffe, du fühlst das so gut wie ich. 

AMADEUS. Ich hatte es gefühlt bis vor wenigen 

178 



Minuten, Cäcilie! Aber jetzt sehe ich unsere Zukunft 
anders vor mir . . . Cäcilie! — Sigismund war hier! 

CACILIE. Sigismund ? ! . . , Du hast ihn ge- 
sprochen ? Was wollte er ? 

AMADEUS. Was er wollte ? . . . Deine Hand. 

CÄCILIE. Und du hast sie ihm verweigert — ? 

AMADEUS. Er sendet dir durch mich seinen Ab- 
schiedsgruß, Cäcilie. 

CACILIE. Darum also mit einem Mal so wohl- 
gelaunt! — Pause. Und wenn er nicht dagewesen wäre ? 

AMADEUS. Wenn er nicht dagewesen wäre . . . 

CACILIE. So sprich doch! 

AMADEUS schweigt. 

CÄCILIE. Du woUtest dich doch nicht . . . mit 
ihm schlagen ? 

AMADEUS. Ja. Albertus war schon auf dem Wege 
zu ihm. 

CÄCILIE. So eitel, Amadeus. 

AMADEUS. Nein, nicht Eitelkeit, Cäcilie. Ich 
liebe dich. 

CÄCILIE bUibt starr. 

AMADEUS. Du ahnst ja nicht, was in mir vor- 
ging, während ich aus seinen Worten allmählich die 
Wahrheit erraten konnte! Der Himmel hat sich neu 
für mich aufgetan! 

CÄCILIE. Du vergißt nur, daß er für mich immer 
verschlossen bleiben müßte. 

AMADEUS. Sag' das nicht, Cäcihe! Es war ja 
alles so nichtig, was ich erlebt habe. 

CÄCILIE. Nichtig ? . . . Und wenn ich's erlebt 
hätte, so war es so bedeutungsvoll, daß man darum 
morden oder sterben mußte ? Warum glaubst du denn, 
ich käme ohne weiters darüber hinweg? 

AMADEUS. Warum ich es glaube? Du hast es 
ja schon bewiesen. Du hast alles gewußt, was ge- 
schehen ist, und doch bist du wieder die Meine ge- 
worden ... du hast gewußt, daß ich treulos war und 
du treu, und doch — 



179 



CACILIE. Treu?... Nein, das war ich nicht! 
Und erscheine ich dir auch so, für mich selbst bin ich's 
längst nicht mehr gewesen. Ich weiß es ja, was für 
Wünsche mich durchglüht haben, — ich weiß, wie 
in mancher Nähe mein Leib gebebt und geschmachtet 
hat, — und was ich dir gestern abend sagte, daß ich 
mit ausgebreiteten Armen dastehe und mich sehne 
und warte, das ist wahr, Amadeus, so wahr als ich hier 
vor dir stehe! 

AMADEUS. Wenn das wahr ist, was hat dich 
zurückgehalten, deiner Sehnsucht zu folgen ? . . . dich, 
die ebenso frei war wie ich selbst ? 

CACILIE. Ich bin eine Frau, Amadeus. Und es 
scheint so: irgend etwas macht uns auch dann noch 
zögern, wenn wir schon längst entschlossen sind. 

AMADEUS. Also weil du selbst dich für schuldig 
hieltest, hast du geschwiegen ? . . . Darum nur hast 
du mich, den du durch ein Wort von seiner Qual 
hättest befreien können, in dem Wahn gelassen, daß 
du ebenso schuldig wärst als ich selbst ? . . . 

CACILIE. Vielleicht . . . 

AMADEUS. Und wie lange wolltest du mich*s 
glauben lassen ? 

CACILIE. Bis es wahr geworden wäre, Ama- 
deus. 

AMADEUS. Nun ist's genug, CäciUe! Es wird 
nie wahr werden . . . jetzt nicht mehr. 

CACILIE. Warum bildest du dir das ein, Amadeus ? 
Es wird wahr werden. Glaubst du denn, dies sollte 
eine Prüfung für dich sein ? Denkst du, ich spielte 
eine kindische Komödie, um dich zu strafen, und jetzt, 
nachdem du zu früh die ganze Wahrheit erfahren, 
würde ich dir in die Arme sinken und erklären, alles 
sei wieder gut ? Hast du es wirklich für möglich ge- 
halten, daß nun alles vergessen sei und wir unsere Ehe 
wieder aufnehmen werden, wo sie unterbrochen wurde ? 
Kannst du es denn nur wünschen, daß es so kommt 
und daß es eine Ehe wird wie tausend andere, wo 



i8o 



man sich betrügt — und wieder versöhnt — und wieder 
betrügt, je nach der Laune des Augenblicks ? 

AMADEUS. Wir haben uns nicht betrogen und 
nicht versöhnt — wir waren frei und haben uns wieder- 
gefunden. 

CACILIE. Wir uns . . Als wenn das nur möglich 
gewesen wäre! Was ist es denn, was mich mit einem 
Male für dich so begehrenswert machte ? Nicht, daß 
ich Cäcilie war, — nein: daß ich als eine andere wieder- 
zukommen schien. Und war ich denn wirklich dein ? 
Ich war es nicht. Oder bist du so bescheiden geworden 
mit einem Mal, daß dir ein Glück genügte, das zur 
selben Stunde sich vielleicht auch ein anderer hätte 
holen können, wenn er nur dagewesen wäre ? 

AMADEUS zuckt. Und wenn ich auch diese Nacht 
deinem Starrsinn preisgebe, jetzt ist's Tag, Cäcilie 
— w\.x sind wach — und du fühlst es so gut wie ich 
in diesem lichten Augenblick, daß wir uns lieben, 
Cäcilie, lieben, wie wir uns niemals geliebt haben. 

CACILIE. Dieser Augenblick kann trügen ... er 
trügt gewiß. Wenn irgend einer, so ist der dazu ge- 
macht. Verdienen denn die vielen Stunden, in denen 
wir allmählich unsere Zärtlichkeit schwinden fühlten — 
die vielen Stunden, in denen es uns zu andern lockte... 
verdienen die weniger Glauben als dieser Augenblick ? 
Was uns jetzt zueinander treibt, ist nichts als die Angst 
vor dem wirkHchen Abschiednehmen. Und was wir 
jetzt empfinden, wäre eine armselige Probe auf die 
Ewigkeit. Ich vertrau' ihr nicht. Was einmal ge- 
schehen ist, könnte . . . müßte sich wiederholen — 
morgen — oder in zwei Jahren — oder in fünf . . . 
vielleicht etwas leichtfertiger, vielleicht etwas düsterer 
als diesmal, — kläglicher gewiß. 

AMADEUS. Nein, nein, nie wieder! Jetzt, nach 
dem, was ich durchfühlt und durchlebt habe, steh' ich 
für mich ein! 

CACILIE. Ich bin meiner nicht so sicher, Amadeus. 

AMADEUS. Das schreckt mich nicht, Cäcihe. 



I8l 



Denn jetzt bin ich bereit, den Kampf aufzunehmen, 
jetzt bin ich wert, ihn zu führen, und fähig, ihn zu 
bestehen. Jetzt bist du auch nicht mehr schutzlos, 
wie du es warst — meine ZärtUchkeit behütet dich. 

CJCILIE. Aber ich will nicht behütet sein. — 
Ich gebe dir das Recht nicht mehr dazu! Und so 
wenig, wie ich dein Versprechen annehme, so wenig 
kann ich dir eines geben. 

AMADEUS. Und wenn ich selbst darauf verzich- 
tete, wenn ich es auf alle Ungewißheit hin wagte ? 

CACILIE. Ich wage es nicht mit dir und nicht 
mit mir, auch nicht auf ein Gewisses hin. Wendet sich ab. 

AMADEUS. So verstehe ich dich nicht mehr, 
CäciHe. Was willst du uns ... ja uns beide denn so 
bitter büßen lassen — unsere Schuld oder unser 
Glück ? 

CÄCILIE wieder zu ihm sich wer.dend. Büßen . . . ? Nicht 
das eine und nicht das andere. Was soll denn dieses 
Wort zwischen uns ? Keiner von uns hat etwas be- 
gangen, wofür er Buße tun müßte, keiner hat das Recht, 
dem andern einen Vorwurf zu machen. Wir waren 
beide frei, und jeder hat seine Freiheit benützt, wie 
er wollte und konnte. Es ist wohl gekommen, wie es 
kommen mußte. Wir haben uns zu viel zugetraut . . . 
oder zu wenig. Wir waren weder geschaffen, uns 
ewig in Treue zu lieben, noch stark genug, um unsere 
Freundschaft rein zu erhalten. Andere fänden sich 
ab . . . ich kann es nicht — Und du darfst es nicht 
können, Amadeus. Unser Versuch ist mißglückt, 
nehmen wir die Enttäuschung hin. Das ist zu ertragen. 
Aber ich bin nicht neugierig zu wissen, wie es schmeckt, 
wenn Ekel das Ende ist. 

AMADEUS. Das Ende? — ... CäciHe, es ist ja 
nicht möglich! Es kann ja nicht sein, daß wir uns 
wirklich verlassen sollen! wie Fremde voneinander 
gehn ! Jetzt stehn wir einander Aug' in Aug' gegenüber, 
spüren jeder des andern Nähe, drum fühlst du nicht, 
was es bedeuten würde. Bedenke, was sich alles während 



182 



einer solchen Trennung, während einer so langen, so 
pflichtlosen, in deinem und auch in meinem Leben er- 
eignen könnte . . . Dinge, die du heute noch gar nicht 
ahnen kannst und di-^ nie, nie wieder gutzumachen 
wären. 

CACILIE. Schlimmere doch nicht, als schon ge- 
schehen sind? Darauf, ob man einander treu bleibt, 
was die Leute so nennen, kommt es wohl am aller- 
wenigsten an. Aus allen möghchen Schicksalen können 
wir eher einmal zueinander zurück als aus dem Aben- 
teuer dieser Nacht und aus dieser trügerischen Stunde. 

AMADEUS. Zurück zueinander . . . ? 

CACILIE. Gewiß ist es auch möglich, daß wir uns 
in ein paar Jahren nicht einmal mehr danach sehnen 
und daß dann alles zwischen uns so völlig aus ist, wie 
wir es uns jetzt nicht einmal vorstellen können. Es 
ist möglich, sage ich. Blieben wir aber jetzt zusammen, 
dann wäre es schon in dieser Sekunde aus. Denn dann 
waren wir um nichts besser als all die, die wir ver- 
achtet haben, — wir hätten es uns nur bequemer 
gemacht als die andern. 



Zehnter Auftritt 

Die VORIGEN — ALBERTUS tritt ein. 

ALBERTUS. Bitte um Entschuldigung, daß ich 
unangemeldet eintrete, aber 

CACILIE geht nach hinten. 

AMADEUS Albertus entgegen. Du hast den Fürsten 
nicht angetroffen — ich weiß — er war selbst hier. 

ALBERTUS. Was hat das zu bedeuten? 

AMADEUS. Daß es keinen Anlaß für mich gab, 
ihm ans Leben zu wollen. 

ALBERTUS. So. — Nun, der Teufel soll mich 
holen, wenn ich nicht etwas Ähnliches vermutet habe ! 
■ — Somit wäre also alles in diesem Hause wieder in 
schönster Ordnung? 



183 



AMADEUS. Ja, in schönster Ordnung. Wenn ich 
zurückkomme, ist Cäcilie in BerHn, und ich reise ihr 
nicht nach. 

ALBERTUS. Wie? ihr laßt euch also scheiden? 

CÄCILIE näher kommend. Wir lassen uns nicht 
scheiden, lieber Albertus. Wir scheiden. 

ALBERTUS. Wie ? . . . Siebt beide an. Pause. Das ge- 
fällt mir eigentlich. Ja. Ihr zwei, ihr seid feine Men- 
schen — besonders Sie, Cäcilie — euch bleibt jetzt 
wohl nichts andres übrig. 



Elfter Auftritt 

Die VORIGEN — PETERL herein, Figuren in der Hand. 

PETERL. Papa, Mama, ich kann schon so schön 
Theater spielen ! Wollt ihr mir nicht zuschaun ? 
Kommt doch! 

CACILIE streicht ihm über die Haare. 

AMADEUS steht ferner. 

ALBERTUS. Nun, da hast du dein geliebtes Leben! 
Jetzt wäre doch der Augenblick, in dem ihr euch mit 
absoluter Sicherheit in die Arme stürztet, wenn ihr 
das Glück hättet, erfunden zu sein . . . allerdings von 
einem andern als von mir. 

CÄCILIE. Dazu ist uns der Bub' doch beiden zu 
wert . . . nicht wahr, Amadeus ? 

AMADEUS Blick auf Peterl; ausbrechend. Mit einem 
Mal wieder allein in der Welt stehen — es ist doch 
kaum auszudenken! 

CÄCILIE. Irgendwo in der Welt sind doch auch 
wir: dein Kind und die Mutter deines Kindes. Als 
Feinde gehen wir ja nicht voneinander . . . Lächelnd. Auch 
dein Solo hier zu singen, bin ich gerne bereit; — stu- 
dieren werd' ich es freilich allein. 

AMADEUS. Es ist nicht zu ertragen. — 

CÄCILIE. Es wird zu ertragen sein. Wir haben 
zu arbeiten — beide. 



184 



ALBERTUS. Ja. Und was so ein ordentlicher 
Schmerz aus dir machen wird, das ist gar nicht ab- 
zusehen. Dergleichen hat dir bisher gefehlt. Ich 
verspreche mir was für dich. In gewissem Sinn könnte 
ich dich beinah beneiden. 

PETERL. Also was ist denn ? . . . Schau', Mama, 
wie sie zappeln! Das ist der König, und das ist der 
Teufel. 

ALBERTUS. Na, Bub', komm, du sollst mir dein 
Stück vorspielen Aber ich bestehe darauf, daß der 
Held zum Schluß entweder Hochzeit macht oder vom 
Teufel geholt wird; da kann man doch beruhigt nach 
Hausegehen, wenn der Vorhang gefallen ist. Ab mitPeterl. 



Zwölfter Auftritt 

AMADEUS, CÄCILIE. 
CACILIE tcill folgen nach einem Blick auf Amadeus. 

AMADEUS. CäciUe! 

CACILIE wendet sich um. 

AMADEUS sehr heftig. Cäcilie, warum hast du mich 
nicht von deinerTüre fortgewiesen, wenn du wußtest — 

CÄCILIE. Wüßt' ich denn . . . ? Ich habe dich 
geliebt, Amadeus. Und vielleicht wollt' ich nichts 
andres, als daß das Ende, das nun einmal unausbleib- 
lich war, unserer Liebe würdig wäre, — daß wir mit einer 
letzten Seligkeit und in Schmerzen voneinander gehen. 

AMADEUS. Schmerzen . . . Empfindest du wirk- 
lich auch dergleichen ? 

CACILIE wieder nah zu ihm; ganz mild. Amadeus, willst 
du mich denn nicht verstehen ? Mir ist geradeso weh 
als dir. Aber eins fühle ich eben stärker als du, und 
das ist gut für uns beide: Wir sind einander so viel ge- 
wesen, Amadeus, daß wir uns die Erinnerung daran rein 
erhalten müssen. Wenn das ein Abenteuer war, so 
sind wir auch unser vergangenes Glück nicht wert; — 
war es ein Abschied, so sind wir vielleicht doch zu 



185 



einem künftigen bestimmt . . . vielleicht — sie geht 

dem Garten zu. 

AMADEUS. Und das ist nun der Lohn dafür, daß 
wir gegeneinander immer wahr gewesen sind! 

CACILIE sich nach ihm umwendend. Wahr ? . . . Sind 
wir's denn immer gewesen? 

AMADEUS. CäciUe! 

CACILIE. Nein, ich glaub' es nicht mehr. Wenn 
alles andere wahr gewesen ist, — daß wir beide uns 
so schnell darein gefunden in jener Stunde, da du 
mir deine Leidenschaft für die Gräfin und ich dir 
meine Neigung für Sigismund gestand — das ist nicht 
Wahrheit gewesen. Hätten wir einander damals 
unsern Zorn, unsere Erbitterung, unsere Verzweiflung 
ins Gesicht geschrien, statt die Gefaßten und Über- 
legenen zu spielen, dann wären wir wahr gewesen, 
Amadeus, — und wir waren es nicht. Sie geht über die 
Terrasse ab und verschwindet im Garten. 

AMADEUS vor sich hin. Gut denn — wir waren es 
nicht. Nach einer Pause. Und wenn wir's gewesen wären ?! 
Er scheint eine Weile zu überlegen.^ dann geht er zu seinem Schreib- 
tisch und packt rasch die Manuskripte., die dort liegen^ in die kleine 
Handtasche. Dann wirft er einen Blick in den Garten; dann gebt er 
in sein Zimmer und kommt gleich mit Hut und Überrock zurück. Er 
öffnet die Handtasche wieder^ nimmt ein Manuskript hervor, legt 
es aufs Klavier. Dann gebt er rasch mit Hut, Rock und Hand- 
tasche ab. — Kurze Pause. 



Dreizehnter Auftritt 

CACILIE kommt berein. Später ALBERTUS und PETERL. 

CACILIE merkt, daß die Handtasche nicht mehr da ist. Sie 

geht rasch in das Zimmer des Amadeus, kommt wieder zurück. Sie 

geht bis zur Eingangstür rechts, dort bleibt sie stehen, breitet die 

Arme aus und läßt sie wieder sinken. Dann geht sie zum Klavier und 

sieht das Manuskript dort liegen. Sie nimmt es in die Hand, be- 
trachtet es, und sinkt langsam auf den Sessel. 

Albertus und Peterl erscheinen auf der Veranda. 



186 



PETERL von draußen. Mutter! 
CACILIE hört nicht darauf. 

ALBERTUS sieht^ daß Cäcilie allein und in ihren Schmerz 
versunken ist. Er geht mit Peterl wieder in den Garten. 

CACILIE zoeint leise und läßt den Kopf aufs Klavier sinken. 



Vcrhanz. 



187 



MARIONETTEN 
Drei Einakter 



/. DER PUPPENSPIELER 

Studie in einem Aufzug 



GEORG MERKLIN 

EDUARD JA Gl seil, Oboespieler 

ANNA, seine Frau 

BEIDER SOHN, acht Jahre alt 

EIN DIENSTMÄDCHEN 



Bescheiden, aber behaglich eingerichtetes Zimmer. Zwei Fenster^ 
Blick auf Dächer^ Hügel, blaßblauer Früblingshimmel. Rechts Ein- 
gangstür, links auch eine Tür. 
EDUARD JAGISCH von rechts. Schmächtiger, bartloser Mann von 
etwa 40 Jahren, bescheiden und nett gekleidet; im Gehaben ein wenig 
befangen, liebenswürdig. Gleich hinter ihm GEORG MERKLIN, 
etwa 50 Jahre, ziemlich ergrauter Vollbart, dichtes graues Haar; 
abgetragener Überzieher mit aufgestelltem Kragen, dunkle, etwas fettig 
glänzende Beinkleider, weicher Hut, staubige, vertretene Schuhe, 
aber in seinem Auftreten eine gewisse, auch äußere, Vornehmheit. 

EDUARD. Ja, nun wären wir zu Hause. Tritt ein, 
Georg, ich heiße dich willkommen. Ich kann dir gar 
nicht sagen, wie sehr ich den Zufall preise, wie sehr 
ich mich freue ... Er legt Hut und Überzieher auf das Sofa. 
So. — Willst du nicht ablegen ? 

GEORG hält seinen Überzieher mit einiger Absichtlichkeit 
fest. Danke, danke. 

EDUARD betrachtet die Kleidung Georgs; über sein Gesicht 
gleitet ein Zug von Mitleid, das er aber nicht merken lassen will. 
Ja, du hast recht, es ist etwas kühl. Aber natürlich, 
man heizt doch nicht mehr Ende April — nicht wahr ? 
Willst du nicht Platz nehmen ? Georg bleibt stehen. Nun, 
Georg, weißt du auch, wie lange es her ist ? Mehr als 
elf Jahre . . . jawohl, mehr als elf Jahre haben wir ein- 
ander nicht gesehen. Und das Sonderbare ist, daß es 
gerade gestern elf Jahre waren. 

GEORG. Gestern? 

EDUARD. Ja, ich weiß, daß es gerade der acht- 
undzwanzigste April war. Denn der Abend, an dem 
wir das letzte Mal zusammen waren, ist mir gewisser- 
maßen unvergeßlich geblieben und hat noch in der 
Erinnerung einen seltsamen Zauber. 

GEORG. Fern. 

EDUARD. Da geht nun eine so lange Zeit hin, 
in der man gar nichts voneinander gewußt hat — 
und nun trifft man einander zufällig auf der Straße. 
Und so hätte man vielleicht sein ganzes Leben in 
der gleichen Stadt leben können, ohne einander zu 
begegnen. 



191 



GEORG. Allerdings. 

EDUARD. Aber ohne meine Schuld. Denn was mich 
anbelangt, so habe ich dich gesucht, habe nach dir 
geradezu geforscht — zum mindesten in den letzten 
drei Jahren, seit ich wieder aus Amerika zurück bin. Es 
lag mir sehr daran, dich wieder zu finden. 

GEORG der auf demselben Fleck stehen bleibt^ sieb im Zimmer 
umsieht, gleichgültig. Warum ? 

EDUARD. Warum ? Ich sehnte mich nach dir — 
jawohl! Begreifst du das nicht? Denke doch, wie 
viel wir in früherer Zeit miteinander verkehrten; be- 
sonders in der letzten Zeit meines Wiener Aufent- 
haltes. In meinem kleinen Zimmer in der Nußdorfer 
Straße war es, wo du uns dein Stück vorlasest . . . 

GEORG am Fenster. Ein hübscher Blick. 

EDUARD. Ja, das find' ich auch. Darum bin ich 
so weit herausgezogen. Trotzdem es manchmal seine 
mißlichen Seiten hat, insbesondere wenn ich spät 
abends aus der Oper nach Hause fahren muß, bei 
schlechtem Wetter. Wenn es schön ist, geh' ich manch- 
mal zu Fuß, auch im Winter. Es dauert doch nicht 
mehr als drei Viertelstunden. Und dafür ist man dann 
geradezu auf dem Lande. Es ist sogar ein kleiner 
Garten bei dem Haus; zwar dürfen wir ihn nicht be- 
treten, aber es ist doch für das Kind von Vorteil, wenn 
es so den Kopf nur zum Küchenfenster hinauszu- 
strecken braucht, um den Duft der Blumen . . . 

GEORG wendet sieb plötzlich nach ihm um. Du bist ver- 
heiratet ? 

EDUARD ein wenig erschrocken, daß er sich zu früh ver- 
raten hat. Allerdings bin ich das. 

GEORG. Ja, warum sagst du mir denn das nicht 
gleich ? 

EDUARD. Ich wollte dich eigentlich überraschen. 
Ja, hm . . . nun ist es heraus. 

GEORG. Schon lang? 

EDUARD. Nun, wie man's nimmt. Jedenfalls steht 
es fest, daß meine Frau soeben unsern Buben von der 



192 



Schule abholt, und unser Bub' ist acht Jahre alt — 
jawohl. 

GEORG. Ah! 

EDUARD. Ja. Und ich darf sagen, daß ich glück- 
lich bin — vollkommen glücklich — schattenlos glück- 
hch. 

GEORG kopfschüttelnd. Glücklich... Ich würde nicht 
wagen, ein solches Wort so kühn hinauszuschmettern. 
Das ist vielleicht eine Art, Unheil heraufzubeschwören. 

EDUARD. Ich fürchte kein Unheil mehr. 

GEORG. Du hast dich sehr verändert. 

EDUARD vergnügt. Findest du ? 

GEORG. Wenn ich mich erinnere, was du damals 
für ein ängstUcher, verschüchterter, ja man kann sagen 
armseliger Bursche gewesen bist . . . 

EDUARD. Oh! 

GEORG. Ja, bleiben wir dabei: ein gedrückter, 
armseliger Bursche. Und jetzt! . . . 

EDUARD. Nun, ich habe eben das Gefühl, daß 
alles Unglück hinter mir liegt. Jetzt kommt nichts 
Böses mehr. Ich weiß es. — Nun ja, der Tod. Aber 
der kommt für uns alle. Ich denke nicht an ihn. Und 
übrigens, ich versichere dir, hat der Tod nichts 
Schreckliches mehr, wenn man einmal Weib und Kind 
hat, die einen beweinen werden. Ich weiß nicht, wie 
du über diese Dinge denkst. 

GEORG. Ich habe weder Weib noch Kind — stehe 
also dem Tod ohne Sympathie gegenüber, — Warum 
siehst du mich so an ? Wie findest du, daß ich aus- 
schaue ? 

EDUARD. Gut, gut — vorzüglich! 

GEORG. Grau. 

EDUARD. Grau . . . Nun, auch ich beginne — sieh 
nur, hier an den Schläfen. Und du bist ja beinahe 
zehn Jahre älter als ich. 

GEORG. Ich kannte einen, der mit siebenund- 
zwanzig Jahren schneeweiß war. 

EDUARD. Natürlich — Merlet! Ich kannt' ihn 

Theaterstücke. III, 13, IQ? 



ja auch . . . schneeweiß. Ich treff ihn noch zuweilen, 
aber man kennt sich nicht mehr ... Ja, das Leben! — 
Er war ja auch an jenem Abend, an jenem unvergeß- 
Uchen Abend, in unserer Gesellschaft. 

GEORG beinahe vor sich bin. Grau sein beweist nichts. 
Auch die Jahre beweisen nichts. Gibt es nicht Men- 
schen, die noch mit sechzig oder siebzig Jahren Väter 
werden — oder Feldzüge mitmachen ? Kann man solche 
Leute alt nennen ? Nein. Nur eines beweist, daß man 
alt ist — der Tod. Alt sind nicht die Hundertjährigen; 
alt sind, die morgen sterben müssen. Zum Fenster hinaus- 
tceisend. Diese junge Dame ist uralt, wenn sie an der 
nächsten Ecke tot zusammenstürzt. 

EDUARD zu ihm hin. O, ich dachte, du erbhckst 
meine Frau, sie muß nämlich jeden AugenbHck kom- 
men . . . Nein, nein, sie ist es nicht. 

GEORG. Es hätte mir auch leid getan. 

EDUARD. Leid — warum denn ? 

GEORG. Nun, ich habe Grund, mit solchen Be- 
merkungen vorsichtig zu sein. 

EDUARD. Wie meinst du das? 

GEORG. Ich will dir eine Geschichte erzählen, die 
mir vor ein paar Jahren auf der Eisenbahn passiert 
ist. Es war früh um sechs, ein Wintermorgen. Mir 
gegenüber sitzt ein Mensch, lehnt in der Ecke und 
schlummert. Ich kenn' ihn nicht, ich hab' ihn nie ge- 
senen, er interessiert mich nicht im allergeringsten. 
Plötzlich geht mir der Gedanke durch den Kopf: Stirb! 
Und mit diesem Gedanken seh' ich ihn eine geraume 
Weile an. Er schläft weiter und rührt sich nicht. Ich 
blicke wieder zum Fenster hinaus in die beschneite 
Landschaft, wie es meine Art ist, und vergesse den 
Kerl vollkommen. Wir kommen in Wien an. Ich 
erhebe mich, steige aus, der andere nicht. Der andere 
bleibt sitzen, regungslos. Ich rufe Leute herbei — 
man trägt ihn hinaus — er war tot . . . tot. Die Arzte 
nannten es Herzschlag. 

EDUARD. Jedenfalls ein sonderbarer Zufall. 



194 



GEORG. Zufall? — Weißt du denn, wie viel Tag 
für Tag auf der Welt geschieht, weil es irgend jemand 
insgeheim wollte — oder auch nur leichtfertig aus- 
sprach? Ahnst du etwas von der geheimnisvollen 
Macht, die in schöpferischen Naturen steckt ? — Ich 
begab mich zu einem Kommissär und teilte ihm den 
Sachverhalt mit. „Setzen Sie mich ins Gefängnis, 
Herr," sagte ich, „denn offenbar bin ich es, der diesen 
Herrn ermordet hat. Dabei empfinde ich nicht die 
geringste Reue." Aber der Kommissär setzte mich 
nicht ins Gefängnis — er sah mich so einfältig an wie 
du und entließ mich wieder. 

EDUARD freudig. Ja du bist es! Du bist der Alte! 
Georg, Georg! — Wo nur meine Frau heute, gerade 
heute so lange bleibt! Wie erstaunt wird sie sein . . . 
Du kannst dir ja denken, daß ich häufig von dir ge- 
sprochen habe, Georg. Aber darf ich dir nicht eine 
Zigarre anbieten ? 

GEORG. Danke, nein, danke; ich rauche nicht 
mehr. Ich habe mir diese überflüssigen Dinge abge- 
wöhnt. Nein, nein, laß nur, ich würde es nicht mehr 
gut vertragen. 

EDUARD. Wie du willst. Aber setz' dich wenig- 
stens. Und sag' mir endlich, was du denn die ganze 
Zeit über gemacht hast. Ich kann es so gar nicht be- 
greifen, daß man nichts mehr von dir gehört hat, daß 
du so gut wie — 

GEORG. Daß ich verschollen war. Nun ja, sprich's 
nur aus. Ich versichere dir, es tut gar nicht weh, ver- 
schollen zu sein. Und ich glaube nicht, daß Menschen 
meiner Art überhaupt etwas Besseres zustoßen kann. 

EDUARD. Aber . . . damals schien es doch — wir 
erwarteten alle . . . Du warst doch auf dem Wege, 
etwas Großes zu werden. 

GEORG. Wer sagt dir, daß ich es nicht geworden 
bin ? Müssen es denn die andern merken ? Wenn du 
heute deine Oboe verkauftest, oder wenn deine Finger 
und Lippen gelähmt würden, daß du nicht mehr blasen 

13* 195 



könntest — wärest du ein geringerer Virtuose als zuvor ? 
Oder nimm an, du hättest keine Lust mehr und 
würfest sie einfach zum Fenster hinaus, deine Oboe, 
weil ihr Klang dir nicht genügte — wärst du dann 
kein Künstler mehr? Oder wärst du nicht vielmehr 
erst recht einer, wenn du's zum Fenster hinunter- 
geworfen hättest, den Instrument, das so ohnmächtig 
war im Vergleiche zu der göttlichen Musik in deinem 
Hirn? 

EDUARD. Ohnmächtig — ja! Sieh, was du da 
sagst, ich hab' es öfters gefühlt. 

GEORG. Nun, ich habe sie zum Fenster hinunter- 
geworfen, meine Oboe. — Die Dummköpfe haben aus- 
geschrien: Es fällt ihm nichts ein! Ich lasse sie 
schreien. Dem wahren Künstler kann nie etwas ein- 
fallen, denn er hat alles in sich — er hat die innere 
Fülle. Das ist es, darauf kommt es an. 

EDUARD. Es ist mir, wie wenn ich dich gestern 
zum letztenmal gehört hätte — wahrhaftig! Ich kann 
es nicht fassen, daß wir uns heute zum erstenmal 
wiedersehn, — seit jenem Abschiedsfest am 28. April. 

GEORG. Es war doch kein Abschiedsfest. Nur zu- 
fällig — 

EDUARD. Für mich war es eins. Ich hatte ja 
schon meinen Vertrag für Boston in der Tasche. Er- 
innerst du dich nicht mehr ? Man trank auf meine 
Zukunft; du hieltest sogar eine Rede. Erinnerst du 
dich nicht? — Ah, was für ein Abend! Wie an einen 
Traum denk' ich an ihn zurück. Als war' es überhaupt 
der erste Frühlingsabend, den ich erlebt habe. Wir 
saßen unter hohen Bäumen, an zwei langen Tischen, 
die man hatte zusammenrücken müssen. Auf den 
Tischen brannten Windlichter. Merlet, der Schnee- 
weiße, saß da — dort Habicht, der junge Schauspieler 
mit den glühenden Augen — dort jene Geigenspielerin, 
die noch im selben Jahre starb. Und deine Geliebte 
. . . von damals war ganz in weiß gekleidet, hatte 
dunkelrote Rosen im Haar — und später, als außer uns 

196 



gar keine Leute mehr im Garten waren, lag sie zu 
deinen Füßen, den Kopf an dein Knie gelehnt. Sie 
hieß Irene. 

GEORG. Ja. Sie hieß Irene. — Übrigens erinnere 
ich mich sehr wohl, daß du dich an jenem Abend auch 
eben nicht zu beklagen hattest. 

EDUARD. O nein, durchaus nicht. Hab' ich's 
denn getan ? Ich hatte mich keineswegs zu beklagen. 

GEORG. Hast du sie wiedergesehen ? Ich meine, 
ob du sie nach jenem Abend überhaupt noch einmal 
wiedergesehen hast ? 

EDUARD ah verstünde er nicht. Irene? 

GEORG. Nein, nein, die andere. Die an deiner 
Seite saß. Die Blonde mit dem Kindergesicht. Hast 
du sie nicht wiedergesehen ? 

EDUARD. Diese Blonde? Nein. Ich hatte doch 
meinen Kontrakt in der Tasche, für Boston. Nach 
ein paar Wochen mußt' ich jedenfalls fort. Das hatt' 
ich ja unterschrieben. Was sollte mir da irgend eine 
Blonde mit einem Kindergesicht ? 

GEORG. Es war ein schönes Geschöpf. 

EDUARD. O ja, schön war sie wohl. Eine Freundin 
von Irene, wenn ich mich recht entsinne. 

GEORG. Ja, ich denke, daß sie befreundet waren, 
soweit Frauen das eben sein können. Siebt vor sieb bin. 
Dann: Eduard . . . 

EDUARD. Nun? 

GEORG. Es war wohl der erste berauschte, sozu- 
sagen glühende Abend, den du erlebt hast ? 

EDUARD. Es war ein seltsamer Abend, ganz gewiß. 

GEORG. Es waren wohl die ersten zärtlichen Worte, 
die du zu hören bekamst, — an jenem Abend? 

EDUARD. Du glaubst ? 

GEORG. Ich weiß es ja. Wie oft hatt' ich dich 
seufzen gehört, daß du zum Glück nicht geschaffen, 
daß du bestimmt wärst, deine Jugend einsam und un- 
geHebt zu verbringen, weil du ein so verschüchterter 
und ängstlicher Bursch' warst. 



197 



EDUARD. Nun ja, meine Jugend war freilich recht 
armselig in mancher Hinsicht. 

GEORG. Bis zu jenem Frühhngsabend, da man dir 
zum ersten Male glühende Worte zuflüsterte. 

EDUARD mit listigen Augen. Daß du dich daran noch 
erinnerst! 

GEORG. Es hat seinen Grund, Eduard. Und ich 
halte es für sehr wahrscheinhch, daß uns das Schicksal 
nur deshalb noch einmal zusammengeführt hat, damit 
du die Wahrheit erfährst. 

EDUARD wie oben. Was willst du mir sagen, Georg? 

GEORG. Ich vermute, daß dieser Abend bedeu- 
tungsvoller für dich war, als du ahnst. Ich glaube, daß 
du an diesem Abend den Lebensmut in dich getrunken 
hast, von dem du auch heute noch erfüllt bist. Denn 
damals, gesteh es, hast du zum ersten Male empfunden, 
daß auch du imstande bist. Glück zu geben. Glück 
zu empfangen. 

EDUARD. Da hast du nicht unrecht. 

GEORG. Wäre jene Stunde nicht gewesen, du wärst 
wohl dein Lebtag der verschüchterte, ängstliche Bursch 
geblieben, als den ich dich kannte. Vielleicht hättest 
du nicht einmal den Mut gefunden, um ein Weib zu 
werben. 

EDUARD wie überzeugt. Da magst du wohl recht 
haben, Georg. 

GEORG. Und wie kam dies alles? Wodurch ward 
diese außerordentliche Veränderung deines Wesen 
hervorgerufen ? Dadurch, daß du glaubtest, das schöne 
Mädchen, das dich damals doch zum ersten Male sah, 
hätte sich auf den ersten Blick in dich verliebt. 

EDUARD. Ich hatte doch alle Ursache. 

GEORG. Du hattest Ursache, es zu glauben; aber 
du hast dich geirrt. 

EDUARD. Wie? Ist es möghch? 

GEORG. Das Ganze war ein tiefsinniger Spaß, den 
ich ausgedacht hatte. 

EDUARD in verstellter Verwunderung. Ein Spaß? 

198 



GEORG. Ja. Es war eine abgekartete Sache. Die 
Kleine, die so zärtlich mit dir war, tat einfach, was 
ich wollte. Ihr wart die Puppen in meiner Hand. Ich 
lenkte die Drähte. Es war abgemacht, daß sie sich in 
dich verliebt stellen sollte. Denn du hattest mir immer 
leid getan, Eduard. Ich wollte in dir die Illusion eines 
Glücks erwecken, damit dich das wahre Glück bereit 
fände, wenn es einmal erschiene. Und so hab' ich — 
wie es Leuten meiner Art wohl gegeben sein mag — 
vielleicht noch tiefer gewirkt, als ich wollte. Ich habe 
dich zu einem andern Menschen gemacht. Und ich 
darf wohl sagen: es ist ein edleres Vergnügen, mit 
Lebendigen zu spielen, als Luftgestalten im poetischen 
Tanze herumwirbeln zu lassen. 

EDUARD. Höre, Georg, alles in allem genommen, 
finde ich, du hättest mir das nicht sagen sollen. 

GEORG. Warum? 

EDUARD. Denke nur, ich hätte mir damals allerlei 
eingebildet; es wäre nun doch einigermaßen beschä- 
mend . . . 

GEORG. Warum? 

EDUARD am Fenster. Ah, da ist sie! Meine Frau! 
Ah, wie wird sie sich freuen! 

GEORG. Nun, ich will allerdings bemerken, daß 
ich nicht vorbereitet war. Du wirst die Güte haben, 
mich bei ihr wegen meiner Toilette zu entschuldigen. 

EDUARD. Aber keine Umstände! Du wirst meiner 
Frau gewiß willkommen sein. 

ANNA kaum 30 Jahre, sehr hübsch, höchst einfach, aber mit 
Geschmack gekleidet, und der achtjährige Bub' kommen herein. 

EDUARD. Nun endlich bist du da! Sieh einmal, 
Anna, wen ich dir da mitgebracht habe. 

GEORG verbeugt sich. 

ANNA sieht ihn, erkennt ihn, ist sehr überrascht, faßt sich; 
herzlich. Sie leben also! 

GEORG blickt auf. 

ANNA streckt ihm die Hand entgegen. Seien Sie mir 
willkommen. 



199 



GEORG hat sie erkannt. Ist CS denn möglich? Anna! 
Zu Eduard. Und dieser Mensch läßt mich meine ganze 
Geschichte zu Ende erzählen. So ein Pfiffikus ist aus 
diesem verschüchterten Burschen geworden. Ihr habt 
euch also geheiratet ? 

EDUARD. Ja, wie du siehst. Und nun stelle dir 
vor, wie wir uns auf diesen AugenbHck gefreut, ja, 
wie wir ihn gewissermaßer herbeigesehnt haben. Ich, 
und Anna auch. 

ANNA. Ja, ich auch! Sie betrachtet Georg lange. 

EDUARD zu Anna. Du mußt nämlich wissen, daß 
wir seine Puppen waren. An seinen Drähten haben 
wir getanzt. Sie sind aber allmählich sehr lebendig 
geworden, deine Puppen; nicht wahr, Georg? 

GEORG. Ja, das bemerk' ich. Das also ist euer Sohn, 
Ein hübscher Junge. Wie alt bist du denn, kleiner Mann ? 

DER KLEINE. Achteinviertel Jahre! 

GEORG. Und wie heißt du denn eigentlich? Er 
hält ihn bei den Händen. 

DER KLEINE. Ich heiße Georg Jagisch. 

GEORG. Georg? Zu den anderen gewendet. G&OXg'i Wer 
von euren Verwandten heißt denn Georg ? 

EDUARD. Keiner. Wir haben uns eben erlaubt, 
ihn nach einem alten Freund, nach einem gewissen 
Puppenspieler — Er lacht vergnügt. Es war übrigens ein 
Einfall meiner Frau. 

GEORG sieht sie alle an. Kinder, ihr habt wohl keine 
Ahnung, wie abgeschmackt ihr seid. Vor sich hin. Georg — 

ANNA. Also Bub', jetzt geh hinein, bring' deine 
Sachen in Ordnung, wasch dir die Hände; dann 
kannst du wieder hereinkommen. 

GEORG. Ja, Georg, dann kannst du wieder herein- 
kommen. — Georg. Wenn ein anderer so heißt wie 
wir selber, noch dazu so ein ganz kleines Individuum 
— das hat im Grunde was unbeschreiblich Komisches. 

DER KLEINE ab. 

EDUARD und ANNA sehen einander an. 
Pause. 



200 



ANNA. So sieht man sich also wieder. Setzen Sie 
sich doch. Wollen Sie nicht ablegen ? Blick Eduards. 
Allerdings, es ist etwas kühl — wirkHch, ich möchte 
mir am liebsten was umnehmen. 

GEORG. Ja, es ist kühl. Aber außerdem will ich 
ganz ehrlich gestehen: Ich bin im Arbeitsrock, darum 
will ich dieses Uberkleid nicht ablegen. Ich hatte ja 
keine Ahnung, daß ich heute plötzlich als Besucher 
aufzutreten hätte. — Nein, Anna, wie Sie jung ge- 
blieben sind! 

EDUARD. So sagt euch doch du, wie damals; es 
ist doch wahrhaftig kein Grund — 

GEORG. Es ist wahrhaftig kein Grund ... Ei, was 
bist du jung geblieben, Anna! 

EDUARD betrachtet seine Frau mit Liebe. Ja. 

ANNA etwas verlegen. Aber wie kommt es denn nur, 
wie habt ihr euch denn . . . 

EDUARD. Denke nur den Zufall, Anna! Hier vor 
dem Hause! Nachdem man einen Menschen durch 
Jahre wie mit Lichtern gesucht hat! Ich gehe spazieren 
— oder vielmehr, ich komme aus der Probe, da erblick' 
ich ihn zehn Schritte vor mir — am Gang hab' ich 
ihn erkannt — und ruf ihn an. Und er wendet sich 
um und will wieder seines Wegs gehen. 

GEORG. Ich hab' dich nicht erkannt, ich bin ein 
wenig kurzsichtig. 

EDUARD. Oder wolltest mir wieder davon. Aber 
nein, das wäre denn doch zu arg; wenn man jemanden 
durch Jahre sucht — 

GEORG ernst. Wie mit Lichtern. 

ANNA. Wo waren Sie denn eigentlich ? 

EDUARD. Wo warst du? Ich bestehe darauf, daß 
ihr euch du sagt, wie früher. Ich bin sonst nicht 
eigensinnig, aber darauf besteh' ich. 

ANNA. Wo warst du denn eigentUch in dieser 
langen Zeit ? 

GEORG. Ich war meistens auf Reisen. 

ANNA. Auf Reisen? 



201 



GEORG. Ja in der Welt herum. 

ANNA. Und allein? 

G^O^G.Vorzugsweise allein. Anfangs allerdings nicht. 

ANNA. Anfangs bist du wohl mit Irene — gereist ? 

GEORG. Ja, mit Irene. 

EDUARD. Hm. Wo — ich meine — Blick Annas 
wo sie jetzt wohl sein mag, Irene. 

GEORG ruhig. Ich weiß nicht. Ich habe lange 
nicht mehr von ihr gehört. Ich war weit herum. Ich 
bin sogar in Kalifornien gewesen und in Indien. 

EDUARD. Ah! 

GEORG. Dann hab' ich mich allmählich auf Europa 
beschränkt, und später sind meine Reisen immer 
kleiner geworden. Beschreibt mit der Hand eine Spirale. — 
Der Kreis immer enger. Jetzt mach' ich nur noch 
Wanderungen in der Umgebung Wiens. Aber das 
ändert nichts. Denn für mich bedeutet ein Spazier- 
gang auf denGeländen da draußen mehr als für andere 
eine Fahrt um die Welt. Denn überall gibt es Menschen 
und Schicksale, wenn man versteht zu sehen und zu 
hören. 

EDUARD. Im Ganzen lebst du jetzt sehr zurück- 
gezogen, nicht wahr? 

GEORG. Wie man's nimmt. Ich finde auch Gesell- 
schaft, wenn mir's gerade paßt. Ich habe auch Freunde 
und Freundinnen — für einen Tag. Und ein Tag ist 
lang, wenn man versteht zu leben. Ich bin wie Harun- 
al-Raschid, der unerkannt im Volke wandelt. Die 
Leute, mit denen ich da draußen große Geste rede, 
ahnen nicht, wer ich bin; und wer von mir Abschied 
nimmt, weiß nicht, ob er mich wiederfindet. Es ist 
ein höchst interessantes Dasein. 

EDUARD. Und wenn du nicht spazieren gehst, 
was fängst du denn dann an ? Womit beschäftigst du 
dich eigentlich ? Mit einem plötzlichen Entschlüsse. Schreibst 
du denn noch ? 

GEORG. Schreiben ... In dem Sinne, den du dem 
Worte gibst — nein! In einem andern — ja. 



202 



EDUARD. Ich wüßt' es ja! 

GEORG. Nichts weißt du! Es ist euch jedenfalls 
bekannt, daß man essen muß — wenigstens zuweilen. 
Nur aus diesem Grunde mache ich gelegentlich kleine 
Arbeiten für ein Journal. Nicht unter meinem Namen 
natürlich. Ich könnte ebensogut Kohlen tragen oder 
Pfeifenrohre schnitzen. Womit ich ausdrücken will, 
daß diese Arbeit mit meiner Seele nichts zu tun hat, 
mir nichts von meiner inneren Freiheit raubt. Aber 
genug von mir! Genug! Pause. Blick zwischen Anna und 
Eduard. Es ist seltsam. 

EDUARD. Was findest du seltsam ? 

GEORG. Wie ihr nun da in einem behaglichen 
Heim haust; die Lampe hängt überm Tisch; ein 
Kind wächst euch heran . . . Das Dienstmädchen kommt 
herein. Eine Zofe bedient euch; wahrscheinlich seid ihr 
auch gegen Unfall und Feuersbrunst versichert — 

ANNA nimmt dem Dienstmädchen das Tischtuch aus der 
Hand und beginnt seihst aufzudecken. Das Dienstmädchen ab. 

GEORG. Ja, wer hätte das alles vor zehn Jahren 
geahnt. 

EDUARD. Ja, wer hätte das geahnt, vor elf Jahren 
am 28. April! 

GEORG als besänne er sich plötzlich. Nun versteh' ich 
aber nicht, wie sich all das gefügt hat. Es war 
doch ein Spaß. 

EDUARD. Ist aber Ernst daraus geworden. Nicht 
wahr, Anna ? Er nimmt Anna, die eben aufdeckt, um die 
Taille; sie wehrt leicht ab. Wundervoller Ernst. 

GEORG. Aber wie ist es denn gekommen, daß ihr 
euch — 

EDUARD. Überlege doch nur, Georg. Das war 
wohl das Geringste, was sie mir schuldig war. 

ANNA. Sag' das nicht, Eduard! — Wäre es nur 
meine Schuldigkeit gewesen, die hätt' ich auch damit 
getilgt, daß ich dir die Wahrheit eingestand. 

GEORG sieht von einem zum andern. Ach SO — 

nun ist mir alles klar. 



203 



EDUARD. Da irrst du dich aber sehr! Denn das 
Interessanteste weißt du noch lange nicht! 

GEORG. Und das wäre ? 

EDUARD. Das eigentHch Interessante an der 
ganzen Sache ist, daß Anna früher eine Neigung für 
dich im Herzen trug. 

GEORG. Für mich ? Ach so, nun soll wohl mit mir 
ein Scherz verübt werden. 

EDUARD. Ein Scherz? das wäre nicht übel. Einen 
Blick Annas erwidernd. Ach, er soll alles wissen. Wir 
sind es ihm schuldig. In mancherlei Hinsicht. Jawohl, 
sie trug eine Neigung für dich im Herzen, 

GEORG. Anna — ? 

ANNA deckt den Tisch, ruhig. Etwas dergleichen 
wird es wohl gewesen sein. Sonst hätt' ich mich zu der 
ganzen Komödie kaum hergebeben. 

GEORG. Das versteh' ich nicht. Kein Wort ver- 
steh' ich. 

ANNA. Diese Komödie war nämlich meine letzte 
Hoffnung, sozusagen. Du solltest eifersüchtig werden. 

GEORG. Ich sollte ? Ach so . . . Hm, Eduard, es 
muß dir doch eigentlich unangenehm sein, das an- 
zuhören ? 

EDUARD. Unangenehm? Mir? Du bist aber 
komisch. Ja merkst du denn nicht, daß ich soeben den 
größten Triumph meines Daseins erlebe? 

GEORG. Nun ja, wenn es so ist, — dann erzähle 
mir die Geschichte doch weiter, Anna. 

ANNA. Es ist nichts mehr zu erzählen. Lächelnd. Die 
Sache ist mir mißglückt, wie du weißt. Du wurdest durch- 
aus nicht eifersüchtig. Und so war es eben zu Ende. 

GEORG. Zu Ende . . . 

ANNA lächelnd. Es mußte wohl zu Ende sein, da 
die letzte Hoffnung versagte. Nicht wahr? Da mußt' 
ich mich natürlich abfinden. 

GEORG. Immerhm wäre auch die Möglichkeit zu 
erwägen, daß es mit deiner Neigung gar nicht so 
weit her war. 



204 



EDUARD. Das hab' ich für meinen Teil immer be- 
hauptet. Es war eher eine Art Freundschaft, die sie 
für dich hegte, Mitgefühl, wenn man so sagen darf. 
Und darum lag ihr daran, dich wieder auf den rechten 
VVeg zu bringen. 

GEORG. Auf den rechten Weg — ? 

ANNA. Den ich für den rechten hielt. 

EDUARD. Dazu war es vor allem notwendig, dich 
von deiner unglückseligen Leidenschaft zu kurieren. 

GEORG. Von welcher Leidenschaft? 

ANNA blickt vor sieb bin. 

GEORG. Von welcher unglückseligen Leidenschaft ? 

EDUARD scbiveigt. 

GEORG. Irene — ? Pause. — Irene — ? 

ANNA. Sie war doch gewissermaßen mit Schuld 
daran, daß du damals nach deinem ersten Erfolg deine 
geregelte Existenz aufgabst . . . 

EDUARD. Daß du aus dem Amt austratest, wo 
du immerhin dein sicheres Einkommen hattest — 

GEORG. Sie hat an mich geglaubt! Sie hat an 
mich geglaubt. Sie hat nicht gewollt, daß ich meine 
freie Seele in die Bande eines täglichen Berufes schlüge. 

ANNA. Ich hätte dich so gern in Sicherheit und 
Ruhe gewünscht und ich fürchtete, daß du dergleichen 
bei Irene nicht finden würdest. 

GEORG. Sicherheit? Ruhe? Sind das Dinge, die 
für mich jemals irgend welchen Wert besaßen ? 

ANNA. Nun wie immer, es dachte mancher da- 
mals, Irene wäre nicht ganz die Richtige für dich. 

GEORG. Nicht die Richtige? 

EDUARD. Soll ich's mit einem kräftigen Wort 
bezeichnen, sie hielt dich zum Narren. 

GEORG. Mich? Irene — mich? 

ANNA. Jedenfalls war ich überzeugt, es wäre zu 
deinem Besten, wenn du nicht mit ihr zusammen- 
bliebst. Mir war sogar manchmal, als fühltest du 
selbst — 

GEORG. Als fühlte ich selbst — ? 



205 



ANNA. Als fühltest du selbst, daß nicht Irene 

— — Darum habe ich damals in . . . der Komödie 
mitgetan. An jenem Abend schien mir sogar in irgend 
einem Augenblick, als gelänge das Spiel . . . Du sahst 
mich zuweilen so seltsam an . . . 

GEORG. Wie sah ich dich denn an? 

ANNA. Wie du sonst nur Irene anzuschauen pfleg- 
test. . . . Und an den Tagen, die nun folgten, habe ich 
mir allerlei dummes Zeug eingebildet. Ich habe ge- 
wissermaßen auf dich gewartet. Mir war, als müßtest 
du ... als . . . Pause. Aber du bist nicht gekommen. 
Und nachdem ich ein paar Tage vergeblich gewartet 
hatte, wurde es mir endlich klar. Alles. Alles. Und 
ich habe mich sehr geschämt. Nicht nur für mich; 
auch für ihn. Für Eduard. Ja wirklich, bis in die 
tiefste Seele hab ich mich geschämt — für uns beide. 
Mir war so weh. Am liebsten war' ich — 

EDUARD. Nein, sprich das Wort nicht aus! 

ANNA still. . . . war' ich gestorben . . . 

EDUARD. Ja, das hat sie mir auch damals gesagt, 
Georg. Und auf den Knien ist sie vor mir gelegen . . . 
Das heißt, ich hab' sie natürlich gleich aufgehoben , . . 
und hat mir das Ganze gestanden, alles. Ja, viel mehr, 
als du selber wußtest. Und in meinen Armen hat sie 
sich ausgeweint. 

ANNA lächelnd. Ja. Und so wurde es auch wieder 
gut. Es dauerte gar nicht so lang. Es war doch ganz 
gut, dacht' ich bald, daß er nicht gekommen ist. 

EDUARD. Und sie schrieb mir Briefe, als ich drüben 
in Amerika war. Ah, und was für Briefe! Alle hab' ich 
aufbewahrt. Wir lesen sie auch zuweilen wieder. In 
dem Fach dort liegen sie. Und dann, nach einiger Zeit 
nahm sie ein Billett und ging zu Schiff und kam zu 
mir nach Boston. Ja, Georg, hier steht ein Wesen, das 
mir nach Amerika nachgereist ist, so sehr hat sie mich 

— geliebt. Pause. 

GEORG nachdenkend. Und wenn ich damals gekom- 
men wäre, als Sie mich erwarteten? 



206 



ANNA. Da wäre wahrscheinlich manches anders 
geworden. 

GEORG. Es ist wohl möglich. Von welchen Ge- 
fahren man manchmal bedroht ist, ohne es zu ahnen! 

EDUARD. Wieso? 

GEORG. Wenn ich bedenke, es hätte mir passieren 
können, ein geordneter Hausvater zu werden, wie 
du — unter einer Hängelampe zu sitzen und eine Zofe 
in Diensten zu haben . . . Nein, laßt uns alle froh sein, 
daß ich damals nicht gekommen bin. Nein, ich bin 
nicht dazu geboren, an einem weißgedeckten Tisch 
zu speisen. 

EDUARD. Aber heute, Georg, heute wirst du es 
wohl doch einmal ausnahmsweise tun. 

GEORG. Was denn? 

EDUARD. Du bleibst bei uns zu Tische. 

GEORG. Keineswegs. 

EDUARD. Aber sieh doch, Anna hat schon für dich 
gedeckt. 

GEORG. Nein — ich bitte sehr — laßt das. Ich 
wünsche nicht, in meiner Lebensführung gestört zu 
werden. Ich bin nicht mehr jung genug, um lang- 
jährige Gewohnheiten abzulegen. 

EDUARD. Um welche Gewohnheiten handelt es 
sich da ? 

GEORG. Ich bin gewöhnt — ob ihr nun darüber 
lächelt oder nicht — mein Diner, wann es mir beliebt, 
im Freien, während des Spazierengehens, zu mir zu 
nehmen — und trage es daher der Bequemlichkeit 
halber meist in der Tasche bei mir. 

DER KLEINE kommt herein. Ist die Suppe noch 
nicht da ? 

GEORG. Geduld, mein Junge. Gleich wird sie da 
sein. Und da ich euch auch nicht in euren Gewohn- 
heiten zu stören wünsche, werdet ihr mir erlauben, 
mich ergebenst zu empfehlen. 

EDUARD. Aber Georg, was fällt dir denn ein? 

GEORG bestimmt. Laßt mich. 



207 



EDUARD durch einen Blick Annas aufgefordert^ nicht 
wieder in ihn zu dringen. Ja, aber man wird sich doch 
wiedersehn . . . 

GEORG. Es ist möglich, aber nicht gewiß. Wir 
wollen es dem Zufall überlassen. Ich lebe nach keinem 
Programm. Und wenn ihr etwa meine Wohnung er- 
fahrt — ich gebe nichts auf Formalitäten, ich erwarte 
keinen Gegenbesuch. 

EDUARD. Ja, aber wenn du auch nicht besucht 
werden willst, mein lieber Freund — nimm's mir nicht 
übel auf — es wäre ja möglich, daß . . . ich habe nämlich 
gewisse Verbindungen — am Ende könnt' ich dir in 
irgend welcher Weise dienlich sein. 

GEORG. Dienlich? — Es scheint, du willst mir so 
irgend etwas wie eine Anstellung verschaffen ? 

EDUARD. Nun, das wäre doch nicht dasSchhmmste. 

GEORG. Es duldet dich wohl nicht, daß du mich 
so frei und unbeschränkt leben siehst ? Ich soll wohl 
ein Tropf werden wie damals, da die Dummköpfe 
etwas von mir hielten ? Aber die Zeiten haben sich 
geändert. Als ich arm war, könnt' ich euch geben, was 
ich besaß — heute bin ich zu reich, um ein Verschwen- 
der zu sein. 

EDUARD. Ich denke ja nicht an eine Anstellung 
im gewöhnlichen Sinne. Aber es wäre ja möglich, daß 
du bei einiger Ruhe, bei einigem Fleiß auf die leichteste 
Weise, ja ohne deinen Willen zu Ruhm und zu Reich- 
tum kämest. 

GEORG. Ruhm ? — Zehn Jahre — tausend Jahre — 
zehntausend ? sag' mir, in welchem Jahr dieÜnsterb- 
lichkeit anfängt, und ich will um meinen Ruhm be- 
sorgt sein. — Reichtum ? — Zehn Gulden — tausend 
— eine Million ? — Sag' mir, um wie viel die Welt zu 
kaufen ist, und ich will mich um Reichtum bemühen. 
Vorläufig ist mir der Unterschied zwischen Armut und 
Reichtum, zwischen Dunkelheit und Ruhm zu gering, 
als daß es sich mir lohnte, einen Finger darum zu 
rühren. Laß mich spazieren gehn, Freund, und mit 

208 



Menschen spielen. Das ist das einzige, was eines 
Menschen meiner Art würdig ist. Lebt wohl, meine 
Lieben, ich freue mich, euch wiedergesehen zu haben. 
Zu dem Kleinen. Adieu — Georg — Adieu! Zu den 
anderen. Wer weiß, WOZU dieser kleine Junge einmal 
berufen ist. Und wenn man zugleich bedenkt, daß 
er nie geboren wäre, wenn ich nicht an jenem Abend 
den Einfall gehabt hätte . . . Ihr müßt es ihm er- 
zählen, wenn er einmal groß genug ist, um es zu 
verstehen. 

EDUARD. Das werden wir uns doch überlegen. 

GEORG. Ein Kind meiner Laune — wahrhaftig. 
Das Dienstmädchen bringt die Suppe. Adieu. 

EDUARD. Und keinen Löffel Suppe — es ist 
geradezu kränkend! Du willst weggehn, ohne das 
Geringste . . . 

GEORG. Nun denn, wenn ihr mir durchaus etwas 
anbieten wollt, so erlaubt mir, meinem jugendlichen 
Namensvetter einen Kuß auf die Stirn zu geben. 
Er hebt ihn in die Höhe und küßt ihn. Nach einer Pause. 
Vielleicht bedarf dieser etwas rührsame Einfall der 
Erklärung. Nun, ich habe keinen Anlaß, euch zu ver- 
hehlen, daß ich auch einmal eine Frau hatte. 

EDUARD. Du hattest eine — Frau? 

ANNA. Irene ! 

GEORG. Ja. Und auch ein Kind. 

ANNA ergriffen. Einen Sohn? 

GEORG. Ja. 

ANNA. Wo sind sie — ? 

GEORG. Meine Frau ist von mir später fortge- 
gangen, und der Bub', den sie mir zurückgelassen . . . 
absichtlich kalt ist gestorben. Ja. Ersehet daraus, 
meine Freunde: — das Schicksal wünscht nicht, daß 
ich durch Alltagssorgen an den Boden geschmiedet 
werde. Menschen meiner Art müssen frei sein, wenn 
sie sich ausleben sollen. Lebt wohl. Ab. 

EDUARD. Georg! Will ihm nach. 

DER KLEINE hat angefangen, seine Suppe zu essen. 

Theaterstücke. III, 14. 200 



ANNA. Laß ihn! Laß ihn! Wir wollen ihm nicht 
das Letzte nehmen, was ihm gebheben ist. 
EDUARD. Wieso denn? Sieht sie an. 
ANNA bindet dem Kleinen die Serviette um. 
EDUARD kommt herbei, streicht ihr über die Haare. 
ANNA blickt nicht auf. 
EDUARD nickt wie verstehend. Nun ja . . . 

Sie setzen sich und essen. 
Vorhang. 



210 



IL DER TAPFERE C ASSI AN 

Puppenspid in einem Akt 



MARTIN 
SOPHIE 
CASSIAN 
EIN DIENER 



Ein Dachzimmer im Stil Ende des XVII. Jahrhunderts. Kleine 

deutsche Stadt. Blick durch das Fenster auf Dächer und Türme und 

weiter hinaus auf eine Hügellandschaft, über die der rötliche Glanz 

der Abendsonne fließt. 

Das Zimmer in einiger Unordnung. Eine offene Truhe. Ein offener 

halbausgeräumter Schrank. Wäsche und Kleidungsstücke liegen auf 

Stühlen herum. Martin ist beschäftigt, einen Reisesack zu packen. 

Sophie nahe vor ihm. 

MARTIN. Weine nicht, Kind, — weine nicht. 

SOPHIE. Ich bin ja ganz stiU. 

MARTIN ohne sich umzuwenden. Ich höre CS deinem 
Atem an, daß du weinst. 

SOPHIE. Soll ich dir helfen? 

MARTIN. Das könntest du wohl tun. Sieh, dort 
im Schrank — ganz oben — liegen Taschentücher. 

SOPHIE geht hin. Neue . . . seidene . . . 

M ART IIS Gib sie mir. Du nimmst mir's wohl 
nicht übel, daß ich neue seidene Taschentücher auf 
die Reise mitnehme. 

SOPHIE. Und die prächtige Spitzenkrause! . . . 
So hast du sie doch dem persischen Handelsmann 
abgekauft. 

MARTIN. Gewiß. Oder wolltest du, daß dein 
Liebster sich auf Reisen wie ein Handwerksbursche 
trägt ? . . . So reich' sie mir doch her, die Krause. 
Sophie bringt sie ihm langsam. — Er deutet auf die Krause. 
Ist dies nicht wieder eine Träne ? 

SOPHIE einfach. Vergib. 

MARTIN. Nun, nun. . . Gutmütig; er berührt die Krause 
leicht mit den Lippen. Nun siehst du wohl, daß ich dir 
nicht böse bin. Aber sei nur endlich ruhig. Gib dich 
drein, Kind. Beschäftigt. Es ist ja nicht auf ewig. 

SOPHIE. Das hoff ich wohl. 

MARTIN. Nun also. 

SOPHIE. Aber wie lange .? . . . 

MARTIN. Wie lange ? Willst du mich zum Lügner 
machen wider Willen, Kind ? Ich weiß nicht, wie 
lange. 



212 



SOPHIE. Der März ist zu Ende. 

MARTIN. Ich weiß. 

SOPHIE. Auf der Wiese vor der Stadtmauer blüh- 
ten die Veilchen, als wir neulich draußen spazierten. 

MARTIN. Was soU's ? 

SOPHIE. Bist du wieder da, wenn der Flieder blüht ? 

MARTIN. Vielleicht früher . . . vielleicht auch ein 
wenig später . . . Am Ende erst, wenn die Pfirsiche 
reif sind — was weiß ich! Jedenfalls komme ich wieder, 
wenn ich nur am Leben bleibe — und das hoff ich. 

SOPHIE angstvoll. Wenn du dich werben Heßest, 
Martin. . . . 

MARTIN. Werben?... Ich denke nicht daran. 
Hab' gar keine Lust, mich herumzuschlagen. Das ist 
meine Sache nicht. 

SOPHIE. Wenn du erst fort bist! Ich hab' wohl 
vernommen, wie sie zu locken verstehen, mit List 
und Tücke! — Und dein Vetter Cassian, von dem 
du mir so viel erzählst, der ist ja auch Soldat. 

MARTIN. Der tapfere Cassian — ja, mit dem ist 
es ein ander Ding. Der schlug schon, als er dreizehn 
Jahr alt war, zwei Räuber tot ... O, dem ist ein 
menschliches Leben nicht mehr wert als einer Mücke 
Dasein. Das ist einer! 

SOPHIE. Ich möchte ihn wohl kennen lernen. 

MARTIN. Cassian! ... Das ist ein Held! Ich 
wette, über kurz oder lang wird er Oberst, General . . . 
Feldmarschall .... Ei, wenn ich Cassian wäre, ich 
hätte mir längst ein Herzogtum erobert. Bald werden 
wir ja irgend was der Art hören, das ist gewiß . . . 
Freihch, der tapfere Cassian! — Ich aber bin ein fried- 
licher Gesell und blase meine Flöte. 

SOPHIE. Und wenn sie dir ein schönes Handgeld 
bieten ? 

MARTIN. Handgeld? ... Bin ich ein Schlucker? 

SOPHIE. Martin, wenn du's so weiter treibst, 
wird bald nicht viel übrig sein von den gewonnenen 
Dukaten. 



213 



MARTIN. Mit den tausend Dukaten kam' ich weit. 
Die lumpigen tausend Dukaten, die ich den Studenten 
hier abgewann! Das Bettelvolk hier in der Stadt! 

SOPHIE. Weißt du, was sie sagen ? 

MARTIN. Kann's mir wohl denken. 

SOPHIE. Du seist mit dem Teufel im Bund. 

MARTIN. Ihnen ist Witz und Glück Teufelei. Ihr 
sollt eure Wunder erleben! Geht bin und her, macht Toilette. 

SOPHIE. O Martin, Martin! 

MARTIN. Was willst du? 

SOPHIE. Bleib daheim, bleib daheim! Ich ahn' 
es, du bleibst mir nicht treu! 

MARTIN betreten. Gab ich dir jemals Anlaß? 

SOPHIE. Was weiß ich denn von dir ? Erst im 
Herbst bist du in unsere Stadt gekommen, und am 
Weihnachtstag hast du mich zum erstenmal geküßt. 

MARTIN. Nun, was weiter? Seither hast du 
mancherlei erfahren! — 

SOPHIE. War es dein erster Kuß ? So wie es mein 
erster war ? 

MARTIN. Das kann ich dir schwören. 

SOPHIE. Martin! . . . Und von den schönen 
Frauen, die im Herbst hier das Ballett tanzten, hast 
du keine geküßt ? 

MARTIN. Keine. 

SOPHIE. Bist du nicht alle Abend im Theater 
gewesen? Hast du nicht gewartet spät nachts, bis 
sie nach Hause gingen — an der kleinen Tür auf dem 
Rathausplatz ? 

MARTIN. Hab' doch keine gekannt, zu keiner 
gesprochen. 

SOPHIE. Und die Blume, nach der du haschtest ? 

MARTIN. Genug der kindischen Geschichten. 

SOPHIE dringender. Wie hieß sie, die dir die Blumen 
zuwarf ? 

MARTIN. Ich weiß nicht mehr. 

SOPHIE. Sie tanzte an jenem Abend das gefangene 
Mädchen aus Athen. 



214 



MARTIN. Das mag wohl sein. 

SOPHIE. Wie ich sie vor mir sehe! Gleich zucken- 
den Schlangen im Schnee ringelten ihr die schwarzen 
Locken über die Schultern. Alle, die sie sahen, waren 
toll vor Entzücken. Und der Erbprinz warf ihr rote 
Rosen hinunter auf die Bühne . . . O, ich weiß es noch! 
Und später auf der Straße warteten Hunderte; und 
als sie kam, den Strauß in der Hand, jubelten alle 
laut, und sie lächelte, und blickte um sich und streute 
Blumen unter die Menge . . . Und du, ja du . . . du! 
du bücktest dich und jagtest nach einer und hobst 
sie vom Boden auf und verwahrtest sie — ich hab's 
wohl gesehen! — an deiner Brust. 

MARTIN greift unwillkürlich nach seiner Brust. Er wirft 
einen flüchtigen Blick nach Sophie, ob sie^s gesehen. Nun, was 
soll's ? Sie ist fort, ich habe nichts mehr von ihr ge- 
hört. 

SOPHIE. Aber mich bangt, Martin, daß du mich 
einmal über solch einer vergessen und verraten könntest. 

MARTIN. Unsinniges Zeug! . . . 

SOPHIE. Denke, Martin, daß sie alle falsch sind, 
die heimatlos durch die Welt ziehen ... so schön sie 
auch tanzen oder singen mögen. Und denk', es 
war ein Unglück auch für dich, Martin, wenn du mich 
vergäßest! 

MARTIN ungeduldig. Wie spät ist's an der Zeit? 

SOPHIE. Es läutet zur Vesper, Martin. 

MARTIN. Drei Stunden noch! . . . Drei lange 
Stunden, bis die Post abgeht. 

SOPHIE. Lange ? . . . lange ? . . . 

MARTIN. Hab' ich dir weh getan? 

SOPHIE ausbrechend. Warum . . . warum gehst du 
fort?! 

MARTIN. Wie oft noch die törichte Frage? Weil 
mich irgendwas forttreibt . . . Das strömende Blut in 
mir . . . der blühende Frühling draußen . . . Was 
Neues will ich sehen — Menschen — Städte! . . . 
Mich ärgern die Wände hier — die Mauern engen 



215 



mich . . . kein Lied mehr will mir über die Lippen . . . 
Hin und her; sieht den unruhigen Blick Sophiens auf sich gerichtet. 
's ist so was Dummes um die letzte Stunde vor dem 
Abschied! . . . Mußt du nicht nach Hause, Sophie? 
— es wird spät. 

SOPHIE. Wenn du willst, Martin, geh' ich gleich 
fort. 

MJR TIN. Nicht, daß ich wollte, aber die Mutter . . . 

SOPHIE. Heute dürft' ich länger fortbleiben. Ich 
wollte dir noch das Geleit bis zum Posthaus geben. 

MARTIN. So ? , . . Nun, es ist gut. So können wir 
wohl miteinander zu Abend essen. 

SOPHIE. Freilich. 

MARTIN. Laß uns gehen. 

SOPHIE. Wohin? 

MARTIN. Ich denke, wie neuHch, an den Fluß — 
ins Wirtshaus zum goldnen Schwan. 

SOPHIE. Dorthin — ? . . . 

MARTIN. Willst du nicht? 

SOPHIE. Du kannst dir's wohl denken! . . . Die 
Soldaten dort und Studenten, die keck dreinschauen . . . 

MARTIN. Ei, deswegen ? Das kümmert uns wenig. 

SOPHIE. Wieviel fehlte neuhch, daß ihr mit den 
Degen aufeinander losgegangen wärt ? 

MARTIN. Es ist nicht meine Schuld. Ich duld' 
es nicht, daß dich einer anblickt, wie sich's nicht schickt. 

SOPHIE. Wär's nicht traulicher, zu Haus zu 
bleiben ? 

MARTIN. Traulich wär's wohl. Aber es ist nichts 
zu essen da, Frau Brigitte ist fort seit heut nachmittag, 
und mein Diener kommt erst, wenn's Zeit ist, den 
Sack auf die Post zu tragen. 

SOPHIE. Ich will selber was holen. 

MARTIN. Willst du? 

SOPHIE. Ein bißchen kaltes Fleisch, Backwerk, 
Orangen und Datteln — ist's dir recht ? 

MARTIN. Gutes Kind! Was wirst du nun wolil 
tun all die Abende, die ich fern bin? 

2l6 



SOPHIE. Dein gedenken . . . was soll ich anders ! — 
Wehmütige Umarmung. Es ist ziemlich dunkel geworden. Schwere 
Tritte auf der Treppe. — Die beiden schauen auf. C ASSI AN tritt ein, 
in phantastischer Uniform. 

C ASSI AN sehr laut und heftig. Bin ich recht hier? 

MARTIN. Vetter Cassian! 

C ASSI AN. Ja, ich bin es . . . Woher dringt diese 
Stimme ? ... Es ist meines Vetters IVIartin Stimme, 
die aus dem Dunkel zu mir schallt ... Sei mir gegrüßt, 
Vetter Martin! . . . Und einen guten Abend dem 
schönen Fräulein. 

MARTIN. So dunkel es sein mag, ob irgend ein 
Fräulein schön ist, sieht er gleich. 

CASSIAN. Mehr Klugheit als scharfes Aug' . . . 
War' es die alte Tante Cordula, du hättest längst Licht 
gemacht. 

MARTIN. Mach' Licht, Sophie, mach' Licht! 
Auf daß du den Gespielen meiner Jugend, meines 
Vaterbruders Sohn, den tapfern Cassian von Angesicht 
zu Angesicht erblickest! 

Sophie ist zu Cassian getreten und betrachtet ihn. Sie starren sieb 
gegenseitig ins Auge. Dann erst macht sie Licht. 

MARTIN. Woher, Cassian?... wohin?... wie 
lange bleibst du ? . . . was führt dich her ? 

CASSIAN. Zu viel Fragen für einen, der hungrig, 
durstig und müde ist. 

MARTIN. So mußt du nun für drei sorgen, Sophie. 
Beeil' dich ein wenig — du weißt, wir haben nicht 
viel Zeit .... Kaltes Fleisch, Backwerk, Orangen und 
Datteln — wie du sagtest. 

CASSIAN. Und vom Sekt sprachen Sie nichts, 
Fräulein ? Das täte mir leid. 

SOPHIE. Ich werde alles bringen, was Sie wün- 
schen. 

MARTIN. Sei rasch zurück! 

SOPHIE. Auf Wiedersehen. 

CASSIAN streckt sich aufs Bett. Vortrefflich! Ah, da 
möchte man wohl vierundzwanzig Stunden ruhen! 



217 



MARTIN. Wenn es dir beliebt, brauchst du nicht 
wieder aufzustehen. Ich verreise. 

CASSIAN. Das trifft sich gut. Da trittst du mir 
wohl auch dein Zimmer für eine Nacht an ? 

MARTIN. So lang du willst. 

CASSIAN. Etwa auch das Fräulein, das uns Abend- 
essen holt ? 

MARTIN. Hier hört mein Recht zu verfügen und 
deines zu fragen auf. 

CASSIAN. Oho! vor einem Jahr hättest du keine 
so rasche Antwort gefunden. 

MARTIN. Und heut über ein Jahr hätt' ich dich 
vielleicht statt aller Antwort . . . 

CASSIAN. Mit deinem Degen aufgespießt. Laß 
es mich lieber selbst sagen, sonst könnt' es ein übles 
Ende nehmen. Und das wäre dumm, denn ich wünsche, 
gut Freund mit dir zu bleiben. Gib mir die Hand, 

MARTIN. Sei willkommen. 

CASSIAN. Laß dich betrachten. Du hast dich 
verändert. Dein schüchtern frommes Wesen ist fort 
. . . die Stadt hat dich gebildet, wie es scheint. Gehst 
du noch zur Kirche ? 

MARTIN. Ach Cassian, das Leben selbst hat Himmel 
und Hölle genug! . . . Was brauch' ich Kirche und 
Pfaffen! 

CASSIAN. Prächtig! prächtig!... Was ist dir 
widerfahren ? Hast du dem Schah von Persien die 
Krone vom Nachttisch gestohlen ? . . . fährst du morgen 
in einem vergoldeten Gespann mit sechs weißen Pferden 
nach Hinterindien ? . . . . hast du den Erzbischof von 
Bamberg vergiftet und ist man dir auf der Spur ? . . . 
reisest du auf die Löwenjagd nach Afrika ? . . . hat 
dich der Sultan in seinen Harem geladen ? . . . oder 
bist du am Ende der Kerl, der neulich auf der Land- 
straße zwischen Worms und Mainz die Kutsche über- 
fiel, darin die schöne Gräfin von Wespich und ihre 
schöne Tochter saßen ? . . . bist du's am Ende, der den 
Kutscher an einen Baum hing und den beiden Damen 



218 



die Kinder machte, die vorgestern zur gleichen Stunde 
auf die Welt gekommen sind ? 

MARTIN. Nichts von alledem. 

C ASSI AN. Ah — ich hab' es geahnt: das Mädchen, 
das uns Datteln und Orangen holt, ist eine verkleidete 
Prinzessin. 

MARTIN. Aber von der ist ja gar nicht die Rede! 

CASSIAN. Wetter, es gibt einen, der den Cassian 
neugierig machen kann . . . und der eine ist mein 
kleiner Vetter Martin! 

MARTIN. So höre! . . . Er nimmt aus seinem Wams eine 
Blume. Die da ist von einer, die ich noch nicht einmal 
gesprochen habe, und die ich liebe wie ein Toller. 
Im Herbst war sie hier in der Stadt und hat getanzt 
— sie heißt Eleonora Lambriani . . . Er schwankt. 

CASSIAN. Was ist dir? 

MARTIN. Mich schwindelt, wenn ich den Namen 
ausspreche. 

CASSIAN. Eleonora Lambriani ? . . . Des Herzogs 
von Altenburg Mätresse ? 

MARTIN. Gewesen! 

CASSIAN. Die in Fontainebleau nachts im Schloß- 
park vor dem König von Frankreich und seinen Offi- 
zieren ohne Schleier tanzte — ? 

MARTIN. Ein Dummkopf, der's nicht begreift! 
Sie war von ihrer Schönheit berauscht. 

CASSIAN. Die den Grafen von Leigang zum 
Fenster in den Hof hinunterwarf, daß die Hunde auf 
ihn stürzten und ihm ein Ohr abfraßen — ? 

MARTIN. Es war nur einen Stock hoch und er 
behielt das andere . . . 

CASSIAN. Die einmal schwor, neunundneunzig 
Nächte lang jede Nacht einen andern Liebhaber zu 
beglücken, von denen keiner was Geringeres sein 
durfte als ein Fürst, — die ihren Schwur hielt und sich 
in der hundertsten einen Savoyardenknaben mit seinem 
Leierkasten ins Schlafgemach holte — f 

MARTIN. Ja, sie ist's, sie ist's! die Elende, Herr- 



219 



lichste. Schönste! Und ich will sie — ich muß sie 
haben! Und dann sterben! 

C ASSI AN. Willst du ? Hm . . . Es könnte sein, daß 
du sie für einen Groschen kriegst; — es ist aber auch 
möglich, daß sie zehntausend Dukaten fordert für 
einen Kuß auf die Fingerspitzen. Es ist möglich, daß 
sie auf deinen ersten begehrenden Blick ihr Hemde 
mitten entzweireißt — es kann aber auch sein, daß sie 
dich gegen tausend Türken schickt, bevor sie dir erlaubt, 
ihr die Schuhschnalle aufzusprengen. 

MARTIN. Ich bin bereit. 

CASSIAN. Weißt du, wo sie in diesem Augenblick 
weilt ? 

MARTIN. In Homburg. Dort tanzt sie bei 
den Festlichkeiten, die anläßlich der Monarchenzu- 
sammenkunft stattfinden. Und morgen früh bin ich 
dort. 

CASSIAN. Wo hast du deine Schätze vergraben ? 

MARTIN. Heut sind sie noch in anderer Taschen. 
Aber morgen vor Abend bin ich reich. 

CASSIAN. Wie willst du das machen ? 

MARTIN. Sollte dir nicht bekannt sein, daß in 
Homburg zu den Festtagen alle Spieler Europas zu- 
sammenströmen .? . . . Wer sich mit mir einläßt, dessen 
Reichtum ist mein. Ein Tag ist lang, wenn man Glück 
hat. Und abends begeh' ich mich ins Theater, setze 
mich ans Proszenium, sehe Eleonore tanzen, und nach- 
her warte ich vor ihrer Tür, lege ihr meinen Reichtum, 
mein Herz und mein Leben zu Füßen. 

CASSIAN. Und wenn sie nichts von dir wissen 
will? 

MARTIN. Bin ich um Mitternacht eine Leiche. 

CASSIAN. Deine Phantasie lahmt zu früh. Um 
ein Uhr nachts will ich mit ihr auf deinem Grabe ein 
Menuett tanzen und der Kaiser von China soll von 
einem Luftballon aus zuschauen. 

MARTIN. Du hast recht, dich über mich lustig 
zu machen, Cassian, denn du kennst nur meine Hoff- 



220 



nungen und Wünsche, nicht aber meine Kraft und 
Kunst. Du weißt nicht, daß ich gewinnen muß. 

C ASSI AN. Muß? 

MARTIN. Wie immer die Würfel fallen — sie 
fallen für mich. 

C ASSI AN. Du bist dessen sicher? 

MARTIN. So sicher — wie meiner Augen und 
meiner Hand. 

C ASSI AN. Hast du's erprobt? 

MAR TIN. NatürHch. Zuerst spielte ich mit mir selbst. 
Als ich meiner Sache gewiß war, lud ich mir Freunde 
ein, Studenten wie ich, einer brachte den andern, alle 
verloren, und heut ist in meinen Taschen das ganze 
Geld der Stadt. Es ist nicht eben viel, tausend Dukaten, 
aber es reicht zu Ausstattung, Reise und erstem Einsatz. 

CASSIAN. Mich juckt's .... Bist du deiner Sache 
ganz sicher ? 

MARTIN. Versuch's doch! Hier sind Becher und 
Würfel; wir wollen spielen. 

CASSIAN. Vortrefflich. Nimmt den Becher zur Hand. 
Aber was ist's mit dem schönen Fräulein, das uns das 
Essen holt ? 

MARTIN. Das arme Kind! — Du weißt ja, Cassian, 
als ich im Herbst von dir Abschied nahm, du zum 
Regiment einrücktest und ich die Universität bezog, 
war ich ein unschuldiger Knabe, hatte noch keines 
Mädchens Mund geküßt, keinem Liebe geschworen. 
Dürft' ich Eleonoren so gegenübertreten ? . . . Ich 
wagt' es nicht! In Sophiens Armen hab' ich küssen 
gelernt, ihr schwor ich die Eide, die Mädchen gerne 
hören. Den Glühenden, Eifersüchtigen, Zärtlichen 
hab' ich gespielt und weiß, aus einem Weib zu machen, 
was ich wiU. Eine letzte Probe steht noch aus, daß ich 
mich sieghaft und stark genug fühle, um vor der An- 
gebeteten nicht zu zittern. Eh' ich die Stadt verlasse, 
will ich ihr sagen, daß ich sie niemals wiedersehe; und 
du sollst Zeuge sein, wie sie eilends zu diesem Fenster 
hinfliegt, um sich hinabzustürzen. 



221 



C ASSI AN die Würfel schüttelnd. Dein Einsatz, Vetter 
Martin! — Wie? nur einen Dukaten? 

MARTIN. So beginn' ich. 

CASSIAN würfelt. Drei. 

MARTIN ebenso. Vier. 

CASSIAN. Das war eben nichts Besonderes. 

MARTIN. Nicht mehr als ich brauchte. 

CASSIAN. Zehn. 

MARTIN. Elf. 

CASSIAN. Zwölf Ha, nun wird's dir nicht 

gelingen! 

MARTIN. Zwölf. 

CASSIAN. Teufel! — Elf! 

MARTIN. Zwölf. — Vorwärts! 

CASSIAN. Vorwärts ? Ich bin zu Ende. Ich habe 
keinen Heller mehr im Sack. Sophie kommt herein. 

CASSIAN. Gnädiges Fräulein, hier sehen Sie einen, 
der in diesem Augenblick so arm ist wie eine Kirchen- 
maus .... 

MARTIN. Das sollst du nicht sagen . . . Hier, 
mein Freund, es ist ein Dukaten. Ich leih' ihn dir gern. 

CASSIAN steckt ihn in die Westentasche. Man kann 
nicht wissen . . . 

SOPHIE bereitet den Tisch, schenkt ein. So ist es wahr, 
daß er ein System hat, mit dem er unfehlbar ge- 
winnen muß ? 

CASSIAN. Es scheint so . . . Ich danke. Auf Ihr 
Wohl, mein Fräulein . . . Auf dein Wohl, Vetter 
Martin .... Wer mir das gestern prophezeit hätte, 
daß ich heute an einem gedeckten Tisch im Freundes- 
kreise sitzen sollte .... Ei, was Sie für ein hübsches 
Häubchen haben, Fräulein! 

MARTIN. WahrUch, es ist hübsch. Du hattest es 
nicht, da du fortgingst, das Essen holen. 

SOPHIE. Ich wohne ja so nah. Ich lief auf einen 
Augenblick in meine Kammer — man muß sich doch 
ein wenig anständig herrichten, wenn der Liebste 
so vornehmen Besuch bekommt. 



222 



MARTIN. Sie weiß, was sich schickt, nicht wahr ? 

CASSIAN. Und was schmeckt, nicht minder. Ich 
schwöre, daß die Trüffelpastete, die ich beim Herzog 
von Andalusien zum Frühstück aß, eine lächerliche 
Bettlerkost war gegen diese! 

MARTIN. Das ist kaum möglich . . . Wahrhaftig, 
es ist ein ganz bescheidenes Wirtshaus, aus dem die 
Pastete kommt, und der Koch ist aus dem Städtchen 
wohl nie herausgekommen . . . nicht wahr, Sophie ? 

SOPHIE. Du irrst, Martin. Da ich doch schon zu 
Hause war, bin ich gleich über den Markt gelaufen, in 
den Gasthof zum wallfahrenden Kamel — dort haben 
sie jetzt einen Koch, den der Großherzog von Parma 
zum Land hinausgejagt hat, weil er so gut kochte, daß 
die Prinzessin ihn durchaus heiraten wollte. 

CASSIAN. Es lebe der Großherzog, die Prinzessin 
und das wallfahrende Kamel . . . und Sie mein Fräu- 
lein! Sie trinken. 

CASSIAN. Köstlich! ... Ich habe nicht gedacht, 
daß die Keller hier mit so trefflichem Weine versorgt 
seien. 

MARTIN. Daran ist in der Stadt kein Mangel. 
Dabei sind sie so wohlfeil als irgendwo. Die Flasche 
dreizehn Groschen — nicht wahr, Sophie ? 

SOPHIE. Nein, Martin. Dies ist der beste Wein, 
den sie im wallfahrenden Kamel haben. Die Flasche 
kostet einen Dukaten. 

MARTIN. Teufel! Haben sie dir's auf dein Gesicht 
hin geliehen ? 

SOPHIE. Nein. Ich Heß das goldene Armband zum 
Pfand, das du mir neulich schenktest . . . Sollt' ich 
nicht, weil wir doch so vornehmen Besuch haben . . . ? 

CASSIAN. Mein Durst ist gut, der Wein ist besser 
— aber Ihre Freundlichkeit, Fräulein, ist besser als 
Durst und Wein. Erlauben Sie, daß ich Ihnen die 
Hand küsse, Fräulein. 

SOPHIE. Nennen Sie mich doch nicht „Fräulein" 
— ich müßte mich schämen. Meine Mutter ist eine 



223 



arme Witfrau, und mein Vater war zu seinen Leb- 
zeiten ein bürgerlicher Schmied. 

CASSIAN. Das mögen Sie einem einreden, der 
weniger von der Welt und von den Weibern versteht 
. . . Ihr Vater war kein Schmied. 

SOPHIE. Ich versichere Sie, Herr Offizier . . . 
meine Mutter ist eine ehrsame Frau. 

CASSIAN. Wir wollen nicht daran zweifeln, Fräu- 
lein, daß Ihre Mutter nach ihrem besten Wissen 
tugendhaft gewesen; aber schwören will ich, daß sie 
sich, während sie Euch unter dem Herzen trug, an 
der heidnischen Göttin Venus selbst verschaut hat, 
die ihr wohl im Traum erschienen sein mag. Solches 
widerfährt den ehrbarsten Frauen; ich selber war zu 
dem Traum einer vornehmen Dame geladen, der ein 
Mohrenfürst erschien und die ein kohlrabenschwarzes 
Mägdelein auf die Welt brachte ! Glocken. 

MARTIN ungeduldig. Den Nachtisch! Die Stunde 
drängt! . . . Wie ? nichts mehr da ? Ei, Sophie, so hast 
du trotz aller Sorgsamkeit doch etwas vergessen! 

SOPHIE. O nein! Sie bringt einen Aufsatz mit Früchten. 

CASSIAN. Herrlich! ... Sie duften so frisch, als 
wären sie eben vom Baume gepflückt. 

MARTIN. Wie kommst du zu so prächtigen Früch- 
ten ? . . . Wie kommen so herrliche Früchte in diese 
Stadt? 

SOPHIE. Es ist ein Zufall. Im Schaukasten des 
Silvio Renatti sah ich den Aufsatz ausgestellt. 

CASSIAN. Schön genug, um eine herrschaftliche 
Tafel zu zieren. 

SOPHIE. Dafür war er auch bestimmt. Der 
Bürgermeister empfängt heute den Fürsten von Dessau, 
der sich auf der Durchreise zum Kriegslager hier auf- 
hält 

MARTIN. Nun? . . . bin ich der Bürgermeister? 
... ist dies der Fürst ? . . . 

SOPHIE. Nein, das nicht. 

MARTIN. Oder hab' ich dir mehr Schmuck ge- 



224 



geben, als ich mich erinnere, daß du imstande warst, 
diesen Aufsatz zu bezahlen ? 

SOPHIE. O nein. Diese Rechnung hab' ich in 
anderer Art beghchen. 

MARTIN. Und wie, wenn's zu fragen erlaubt 
ist? — 

SOPHIE. Der junge Italiener, der im Laden stand, 
verlangte einen Kuß dafür .... 

MARTIN. Und du bezahltest so? 

SOPHIE. Sollt' ich nicht, da wir so vornehmen 
Besuch haben ? 

CASSIAN. Sie haben über alle Maßen edel und 
gastfreundlich gehandelt, Fräulein. Aber ich schwöre, 
wenn diese Früchte eben aus dem heißen Sizilien 
kommen, wenn der, der sie pflückte, an Sonnenstich 
zugrunde ging, der, der sie nach Deutschland brachte, 
an Heimweh verstarb und Bürgermeister und Fürst 
vor Kränkung darüber wahnsinnig werden, daß sie 
auf einen solchen Nachtisch verzichten müssen, — der 
freche Italiener hat sie sich doch tausendfach über- 
zahlen lassen, und er soll es mir büßen, eh' ich die Stadt 

verlasse Nun aber wollen wir's uns schmecken 

lassen. 

Sie essen. 
Sophie sieht Cassian an. Martin beobachtet sie. — Schweigen. Dann 

MARTIN zu Cassian. Woher kommst du denn 
eigentlich ? 

CASSIAN. Woher ? . . Soll ich's mit wenigen 
Worten sagen oder die ganze Historie erzählen ? 

MARTIN. Mit wenigen Worten, wenn du's ver- 
magst. 

CASSIAN. Es ist nicht so einfach zu berichten. Ich 
komme aus einer Schlacht, wo mir zwei Pferde unterm 
Leib und drei Mützen vom Schädel weggeschossen 
wurden. Des Fernern komm' ich aus der Gefangen- 
schaft, wo etliche brave Kameraden verhungert und 
von Ratten aufgefressen worden sind. Ferner vom 
Richtplatz, wo sieben an meiner Seite füsiliert und ich 

Theaterstücke. III, 15. 225 



mit ihnen für tot in eine Grube geworfen wurde, ob- 
wohl alle Kugeln an mir vorbeigepfiffen waren. Ferner 
aus den Krallen eines Geiers, der mich für Aas hielt 
wie die andern, die sich an meiner Seite bereit machten 
zu verwesen, und der mich aus Bergeshöhe auf die 
Erde herunterfallen Heß, — glücklicherweise auf einen 
Heuschober. Ferner aus einem Wald, wo mich ein 
paar Kaufleute für ein Gespenst ansahen, und mir in 
ihrem Schrecken allerlei gutes Zeug und Bargeld 
zurückließen. Ferner aus einem gar lustigen Haus, 
wo Kroatinnen und Tscherkessinnen und Spanierinnen 
meinethalb mit den Dolchen aufeinander losgingen, 
und ihre Galans mich umbringen wollten, ... so daß 
ich durch den Rauchfang aufs Dach flüchtete und fünf 
Stockwerke heruntersprang, . . . kurz und gut: ich 
komme aus so viel Abenteuern, daß ein anderer mehr 
Mühe hätte, sie zu erfinden, als es mir gemacht hat, 
sie zu überstehen. 

SOPHIE. Herrlich! 

MARTIN. Seltsam! . . . Und aus den tausend 
Fährlichkeiten bist du entkommen — ei, hattest du 
Glück! — ohne Wunden?! 

CASSIAN. Das würd' ich sagen, wenn ich ein 
Aufschneider wäre; aber da ich es nicht bin — seht! 

SOPHIE. Ich sehe nichts. 

CASSIAN. Wie, mein Fräulein, Sie sehen nicht, 
daß der Nagel an meinem kleinen Finger gebrochen ist ? 
Er trinkt. Sophie siebt ihn staunend an. 

MARTIN immer ärgerlicher. Woher du kommst, 
wüßten wir nun, . . . aber wohin gehst du denn ? 

CASSIAN. Sobald ich von meiner Verletzung 
wieder hergestellt bin, rücke ich zu meinem Regiment 
ein. 

SOPHIE. O, wenn Sie mich doch mitnähmen! 

MARTIN. Bist du toll, Sophie? 

SOPHIE. Was soll ich ferner hier ? Ich denke, eine 
flinke Marketenderin ist in Kriegszeiten überall gut 
aufgenommen. 



226 



CASSIAN. Ihre Hand, Fräulein, — schlagen Sie 
ein, die Sache ist abgemacht! 

MARI IN. Was hast du ihr in den Wein gemischt, 
Cassian ? 

CASSIAN. Was kümmert's dich, was das Fräulein 
beginnt, da du doch auf Reisen gehst. 

AI ARTIN. Ich widerrat' es dir, Sophie — ich wider- 
rat' es dir. Denk' an deine Mutter! 

SOPHIE. Steht Ihr Regiment weit von hier? 

CASSIAN. Es wird wohl eine Reise von einem Tag 
und einer Nacht sein, Fräulein. 

MARTIN. Teufel! Teufel! 

CASSIAN. Was gibt's? 

MARTIN. Die Ungeduld plagt mich, wo mein 
Diener bleibt. Ich werde die Post versäumen! 

CASSIAN. Ist dir die Zeit lang ? — Komm, Vetter, 
auch ich liebe nicht leere Viertelstunden. . . . Heh, 
noch ein Spielchen! 

MARTIN. Ha, mit dir.? ... Du vergißt, daß du 
keinen Heller mehr hast. 

CASSIAN. Oho! da hat mir ein reicher Vetter 
einen Dukaten geliehen, mit dem werd' ich wohl an- 
fangen dürfen, was mir beliebt. 

MARTIN. Meiner Seel', das darfst du. Und es soll 
mir ein Vergnügen sein, dir nebst diesem Dukaten 
auch Wams, Strümpfe, Degen und Hemd abzunehmen. 

SOPHIE. Martin, was fällt dir ein, deinen Gast 
so schnöde zu behandeln ? 

CASSIAN. Die Würfel her! 

MARTIN. Ein trauriger Einsatz, — ein jämmer- 
licher Einsatz! — Ich schüttle. — Zwölf! Nun ist 
der Spaß wohl zu Ende. 

CASSIAN. Ei, das kann ich auch! — Zwölf! 

MARTIN. Zehn. 

CASSIAN. Elf. 

MARTIN. Zwei. 

CASSIAN. Drei. — All das ? 

MARTIN. Du siehst es. Hast du etwa Angst ? — Vier. 

15* 227 



CASSUN. Fünf. 

MARTIN. Elf! — Es will sich wenden. 

CASSIAN. Zwölf. 

MARTIN. Vorwärts! 

CASSIAN. Es wird nicht mehr reichen. . . . 

MARTIN. Kümmre dich nicht! . . . Hier ist mein 
Reisesack wohl gepackt; es ist mehr darin, als du ahnst. 
Sie würfeln. Elf! 

CASSIAN. Zwölf! Und er gehört mir. 

MARTIN. Hier — mein Schrank! . . . hier mein 
Bett . . . mein Bettzeug. . . . Du wirst dich bezahlt 
machen! Elf. 

CASSIAN. Das werd' ich . . Zwölf! . . Gewonnen! 
Und nun genug. 

MARTIN. Genug?... Noch einmal... Der 
Diener wird gleich hier sein . . . einmal noch, es kann 
nicht so fortgehen! 

CASSIAN. Was hast du noch einzusetzen? 

MARTIN. Alles, was ich am Leibe trage, zum 
Teufel! . . . und den Diener . . . und den Platz auf der 
Post .... 

CASSIAN. Es reicht nicht. 

MARTIN auf Sophie weisend. Und die dazul 

SOPHIE. Martin! . . . Ich verschenk' mich selber. 
Setzt sich Cassian auf den Schoß und umarmt ihn. 

MARTIN. Schurke! Schurke! Was hast du ihr in 
den Wein gemischt?... Hörst du nicht? Ich sage: 
Schurke! 

CASSIAN auf. Ah! ist's so gemeint?! 

MARTIN. Vorwärts! vorwärts! 

CASSIAN. Komm, wir wollen's vor dem Tor ab- 
machen! 

SOPHIE. Um Himmels willen! Cassian! Cassian! 

MARTIN. Ich habe nicht so viel Zeit, vors Tor zu 
gehen. Hier ist Raum genug. 

CASSIAN. Wie's beliebt, Vetter. 

SOPHIE. Cassian, soll ich Sie gleich wieder ver- 
lieren! Cas'Aan lacht. 



228 



MARTIN. Es ist keine Zeit zum Lachen — vor- 
wärts! vorwärts! Gefecht. 

C ASSI AN. Nicht übel! Das hast du gut gemacht 
. . . noch sieben oder acht Jahre, und du wärst ein ge- 
fährhcher Gegner — wenn auch nicht für mich. Sticht 
ihm ins Herz. 

MARTIN sinkt nieder. Weh! weh! 

SOPHIE zu Cassian hinfliegend. Und Ihnen ist nichts 
geschehen ? 

CASSIAN. Es tut mir leid, Vetter Martin . . . 

DER DIENER kommt. Hier bin ich, gnädiger Herr. 

CASSIAN. Sein Herr steht hier. Nehm' Er den 
Sack ... So! . . . 

MARTIN. Mein Aug verschleiert sich! . . . 

CASSIAN. Wie sagtest du, Vetter Martin ? . . . 

MARTIN. ... die Schatten des Todes . . . 

CASSIAN. Wie war ihr Name ? . . . Eleonora Lam- 
briani ... Es wäre der Mühe w^ert, sich noch einen 
Tag Urlaub nehmen . . . 

SOPHIE. Eleonora Lambriani — was ist das ? ! Das 
Mädchen von Athen! so hieß siel — 

MARTIN. Ja, Elende, Elende! daß du's nur weißt! 
. . . Eleonora , . . hier die Blume . . . ich hab' sie auf- 
bewahrt ... es ist dieselbe . . . nimm du sie, Vetter 
Cassian . . . bring' sie ihr . . . ich lasse sie grüßen . . . 

CASSIAN. Beim Himmel, ich will es ihr bestellen 
und mancherlei dazu, was ihr noch mehr Spaß machen 
soll! 

SOPHIE. Wie, Sie verlassen mich um Eleonora 
Lambriani ? 

CASSIAN. Ich kann es nicht leugnen. Aber erst 
morgen früh. — 

SOPHIE. Weh mir! . . . Sie eilt zum Fenster und stürzt 
sich hinunter. 

MARTIN will ihr nach, sinkt nieder. Sophie! Sophie! 
Cassian stürzt ihr nach, zum Fenster hinunter. 

MARTIN zum Diener. Wehe! wehe! ich kann mich 
nicht rühren! Seh' Er nach! 



229 



DIENER zum Fenster. Höchst Wundersames hat sich 
ereignet. Der springende Herr hat das springende 
Fräulein in der Luft aufgefangen und beide sind wohl- 
behalten unten angelangt . . . 

C ASSI AN von unten brüllend. He! wird's bald? Be- 
dienter! den Reisesack! rasch! Ich will die Post nicht 
versäumen! Und habe vorher noch einem frechen 
Italiener einen Degenstich zwischen die Rippen zu 
versetzen. 

DIENER ruft hinunter. Sofort, gnädiger Herr! 

MARTIN. Gib mir die Flöte, eh' du gehst ... Ich 
danke dir . . . Warte! . . . Auf dem Weg zur Post 
zieh' die Glocke auf dem Kreuzweg Numero siebzehn . . . 

DIENER. Numero siebzehn . . . 

MAR'! IN. Mir schwinden die Kräfte . . . Um 
Mitternacht sollen sie meinen Leichnam holen. Hörst 
du.? 

DIENER. Um Mitternacht. Ich will es bestellen, 
Herr. Ab. 

MARTIN spielt die Flöte. Es ist bitter, allein zu 
sterben, wenn man eine Viertelstunde vorher noch 
geliebt, wohlhabend und der herrlichsten Hoffnungen 
voll war. Wahrlich, es ist ein übler Spaß, und ich bin 
eigentlich gar nicht gelaunt, Flöte zu spielen. Läßt sie 
fallen und stirbt. 

In der Ferne klingt das Posthorn. 

Vorbang. 



230 



///. ZVM GROSSEN WURSTEL 

Burleske in einem Akt 



PERSONEN 

DER DIREKTOR 

DER DICHTER 

DER WOHLWOLLENDE 

DER BISSIGE 

DER NAIVE 

EIN BÜRGER 

SEINE FRAU 

ZWEITER BÜRGER 

SEINE BEIDEN TÖCHTER 

ERSTER SKANDALMACHER 

ZWEITER SKANDALMACHER 

DER GRAF VON CHAROLAIS 

DER MEISTER 

EIN RINGKAMPFER 

EIN HERR IM PARKETT 

EIN UNBEKANNTER IM BLEUEN MANTEL 

BÜRGER, SOLDATEN, KELLNER, KINDER etc. 



PERSONEN DES MARIONETTEN- 
THEATERS 

DER HERZOG VON LAWIN 

DIE HERZOGIN VON LAWIN 

DER HELD DIESES STÜCKES 

DER TRAURIGE FREUND 

DER HEITERE FREUND 

LIESL 

DER DÜSTERE KANZLIST, ihr Vater 

EIN VETTER BRACKENBURGS, ihr Bräutigam 

DER RJSONEUR 

EIN STUMMER HERR 

EIN ZWEITER STUMMER HERR 

EIN TOTES MÄDCHEN 

EIN DIENER 

DER TOD 



Im Wurstelprater. — Abend. — Den erhöhten Hintergrund der Bühne 
nimmt ein großes Marionettentheater ein., dessen Vorhang herunter- 
gelassen ist. und das die Aufschrift trägt: yZum großen Wurstel". 
Seitlich links., schief gestellt, ein schmales, hohes Wursteltheater 
alter Konstruktion. Weiter vorn links, in die Kulisse hinein, ein 
Ringelspiel. Seitlich rechts, schief von rückwärts nach vorn, ein 
Staketgitter, dahinter ein Gasthausgarten, dessen Fortsetzung rechts 
in der Kulisse gedacht ist; rechts vorn hinter dem Gitter ein erhöhtes 
Podium. Vor dem großen Wursteltheater ein Klavier. Die Bühne 
wird großenteils von Tischen und Sesseln eingenommen; doch ist die 
Mitte freigelassen, so daß eine ziemlich breite Straße vom Mario- 
nettentheater bis zum Souffleurkasten führt. — Wenn der Vorhang 
aufgeht, großer Lärm. In der Ferne eine Militärmusik. Vor dem 
kleinen Wursteltheater, in dem eben eine Vorstellung stattfindet 
{zwei kleine Figuren raufen sich, beide werden vom Teufel geholt usw.), 
Kinder mit ihren Begleitern. Eine dicke Frau sammelt mit einer 
Blechtasse von den Zuschauern Münzen ein. Das Ringelspiel in Be- 
wegung, mit Kindern und Erwachsenen. Auf dem Podium rechts endet 
eine Chansonettensängerin eben ihr Couplet. Applaus. — Die Tische 
großenteils besetzt; die Leute essen und trinken. — Der BÜRGER 
und seine FRAU, der ZWEITE BÜRGER mit seinen ZWEI 
TÖCHTERCHEN usw., SOLDATEN, BÜRGER, MÄDCHEN. 
Andere kommen eben; darunter der BISSIGE und der WOHL- 
HABENDE. 

DER WOHLWOLLENDE 

Nun, wie wär's, wenn man sich hier niederließe? 

DER BISSIGE 

Was gibt's denn da? 

DER WOHLWOLLENDE 

O, eine neue Bude . . . Ich kenn' sie wenigstens 
noch nicht. 

DER BISSIGE 
Bude ? — Kann sein . . . Neu ? Wird sich zeigen. 

DER NAIVE 

kommt mit Freunden. 
Ah, schauts daher! Das ist ja was Neuchs ? He, 
Kellner, . . . Bier! 

KELLNER 
Bitte . . . bitte sehr . . . 



233 



Zwei halbwüchsige Burschen verteilen Theaterzettel an die Ein- 
tretenden. — Der KL AV I ERSPIELER beginnt zu spielen; dann 
kommt der DIREKTOR als Wiener Strizzi, stellt sich auf eine 
erhöhte Stufe vor dem Theater und spricht im Ausruferton {Wienerisch, 
zuweilen gezwungenes Hochdeutsch mit falschen Betonungen). 

DIREKTOR 

Meine Herren! Hier ist zu sehn das preisgekrönte 
allerneueste Figurentheater oder auch Marionetten- 
theater genannt — ein Theater, welches fürderhin 
jeglichen Theaterbesuch endgültig überflüssig zu 
machen geneigt und anvertraut ist. Denn eine Be- 
trachtung oder selbst Besichtigung des Thtatcrzettels 
beweist, daß hier für jegliches dramatisches Bedürfnis 
des geehrten Publikums in vollem Maße gesorgt und 
vertreten ist. — Auf diesem Theater tritt auf kein 
geringerer als der Herzog von Lawin, eine hochfürst- 
liche und elegant gekleidete Persönlichkeit sowie seine 
rechtmäßige Gemalüin, ein hochmodernes Weib in 
Sensationstoilette, und noch nicht genug, haben vnv 
vorrätig den Helden dieses Stückes, alsdann denjenigen, 
dem die ganze Handlung passieren tut, sowie dessen 
Freunderln, von denen der eine traurig, hingegen der 
andere kreuzfidel zu sein die Ehre hat. Damit nicht 
genug, tritt Fräulein Licsl auf, ein süßes Mödchen, 
um die sich mancherlei drohen und begeben dürfte, 
und noch. nicht genug, erscheint ihr leiblicher Vater, 
ein düsterer Kanzelist, ihr Bräutigam, auch Verlobter 
genannt, und eine Figur von überlegenem Verstand 
und schwarzem Vollbart, Räsoneur betitelt. Noch 
nicht genug, beteiligen sich an der heutigen Vorstellung 
zwei Herren, welche das Mäul zu halten haben und 
daher vom Dichter als stumm benannt werden. Damit 
nicht genug, haben wir vorrätig einen Ringkämpfer 
mit Orden und Riesenkraft, ein totes Mödchen, einen 
livrierten Bedienten, welcher die Türen aufzustoßen 
hat, und das Neueste, was wir erst kriegt haben, einen 
Tod als Wurstel oder Wurstel als Tod, wodurch das 
Schauerliche dieses Dramas getilgt werden möchte und 



234 



dürfte. Ferner zu bemerken: alle diese Herrschaften 
reden in Versen, welche gereimt sind, wodurch das 
Banner der Poesie hochgehalten und keineswegs ver- 
leugnet wird. Herrreinspaziert, meine Herren und 

Damen! Sofort beginnt eine neue Vorstellung, welche 
sofort beginnt. 

DER WOHLWOLLENDE 
Das ist ein amüsanter Kerl. 

DER BISSIGE 

Ich kenn' ihn . . . früher war er Hutschenschleuderer 
. . . heutzutag wird schon jeder Theaterdirektor. 

DER WOHLWOLLENDE 

Aber ich bitt' Sie — ein Puppentheater! 

DER KLAVIERSPIELER 

spielt weiter. 

DER DICHTER 

kommt mit dem Direktor nach vorn. 
Ja, um Gottes willen! . . . 

DIREKTOR 

Was ist denn? 

DER DICHTER 

Die Leut' essen ja!... Das geht ja nicht! Das 
ist ja störend: da passen sie ja nicht auf! 

DIREKTOR 

Wenn sie hungrig wären, möchten sie erst recht 
nicht zuhören. 

DER DICHTER 

Aber das ist ja gegen unsere Verabredung. Ich hätt' 
wahrhaftig Lust, mein Stück zurückzuziehen! 

Der Vorhang des großen JVursteltheaters bebt sich. Eine Wald- 
landschaft. Im Hintergrund sind alle Figuren aufgestellt; die Drähte, 
an denen sie gelenkt zu werden scheinen, sind sichtbar. 



235 



DER NAIVE 

Die sind oben ang'hängt! Ah, das is aber gut! 
Zu den Freunden. Schauts! 

HELD 

tritt vor und singt mit Klavierbegleitung folgenden Vers. 
Ich spiel' in dem Stück mit 
Und die Hauptroll' ist mein, 
Man heißt mich einen Helden, 
Ich muß ja keiner sein. 

Er tritt in die Reibe zurück. — In gleicher Weise verbalten sich 
die folgenden Figuren. 

LIESL 
I bin halt no ledig, 
Und in Wien spielt die G'schicht*, 
So heißen s' mich süßes Mädel, 
Ob i süaß bin oder nicht. 

HERZOG 
Ich wett' bei den Rennen 
Und im Jockeyklub a, 
Bin gebürtiger Herzog, 
's waren solche schon da. 

HERZOGIN 

Mir ist einer zu wenig, 
Ganz besonders mein Mann, 
So sagen s', i bin dämonisch, 
Hab noch keinem was 'tan. 

ZWEITER BÜRGER 

erhebt sich; zu seinen Töchtern 
Kommts, Mädeln, das is nix für euch! 

ERSTES MÄDEL 

Aber Vatter, wir verstehn ja nicht, was das heißt. 

ZWEITER BÜRGER 
Alsdann, wann ihr nix verstehts, bleibn ma halt. 

236 



DIE ANDEREN FIGUREN 

im Chor. 
Wir spielen die Episoden, 
Es tritt keiner hervor, 
Drum unser Entreelied 
Erweist sich als Chor. 

Der Forhang des großen Wursteltheaters fällt. 

DER NAIVE 

Das war der erste Akt. 

DER WOHLWOLLENDE 

applaudiert. 

DER BISSIGE 

Sie haben's aber eilig. 

DER WOHLWOLLENDE 

Mit g'fallt's halt. 

DER BISSIGE 

Abwarten . . . 

DER NAIVE 
Habts ihr die Schnür g'sehn ? 

DER DICHTER 

zum Direktor. 
Die Stimmung ist ganz gut, nicht wahr ? 

DIREKTOR 

zuckt die Achseln. 

Der Vorhang hebt sich wieder. 

Szene: Modern eingerichtetes Zimmer. Schreibtisch links. Ein 
Fenster auf die Straße, Tür rechts ins Vorzimmer^ links ins Schlaf- 
zimmer. — Der HELD dieses Stückes sitzt am Schreibtisch, 
LIESL hüpft herein^ hält ihm die Hand vor die Augen. 

LIESL 

Jetzt rat aber g'schwind, wer kann das sein ? 



237 



HELD 

Mein Schatz . . .1 

LIESL 
Schatz, weiß ich nicht, aber dein. 

HELD 
Ja, laß es mich glauben. 

LIESL 

Ich muß gleich fort. 

HELD 

Bleib, nur ein Kuß, nur ein liebes Wort! 

LIESL 

No, was denn noch alls ? Schau', was ich dir bring*. 
Sie streut Blumen umher. 

HELD 

Nun, du bist wirklich ein süßes Ding! 

LIESL 

Und jetzt muß ich gehn. 

HELD 

So schnell? 

LIESL 

Ja freilich. 
Ich muß ins Geschäft. 

HELD 

Nur einen Moment! 

LIESL 

Ja, einen Moment . . . dann geht's wie neulich, 
Und die Küsserei nimmt überhaupt kein End'! 

HELD 

Bist du mir drum bös' ? Lange Umarmung. 

238 



LIESL 

Jetzt muß ich gehn. 
Adieu! und am Sonntag auf Wiedersehn! Ab. 

DER BISSIGE 

Alte G'schicht'l ... 

DER WOHLWOLLENDE 

Wieso denn ? 

DER BISSIGE 
Na, das süße Mädl — wachst mir schon zum Hals 
heraus! 

HELD 

allein. 
Auf Wiedersehn . . . Und schon ist sie fort 
Und ahnt nicht, es war ihr Abschiedswort, 
Und daß ich niemals mit ihr mehr, ach! 
Nach Sievring fahr' und nach WeidHng am Bach. 

DER WOHLWOLLENDE 
Reizend! Es wird einem ganz heimlich! 

DER BISSIGE 
Lokalkolorit!!! Da fallen Sie drauf hinein. 

DER NAIVE 

lacht. 
Weidling am Bach! ... Zu seinen Freunden. 
Könnts ihr euch erinnern ? Da sind wir ja einmal 
draußen gewesen und haben Backhendl'n 'gessen. 

Der RASONEUR tritt auf. Er ist schwarz gekleidet^ hat einen 

schzvarzen, langen Vollbart; gemessen und ernst. Er tritt nach vorn 

und verbeugt sich. 

DER BISSIGE 
Was hat denn der für eine Maske ? . . . Den müßt' 
ich kennen! . . . Das ist aber eine arge Geschmack- 
losigkeit 1 



239 



DER WOHLWOLLENDE 

Wer soll's denn sein ? 

DER BISSIGE 

Ich weiß noch nicht . . . Aber ich komm' schon 
drauf! . . . 

DER RJSONEUR 

Ich bin der Räsoneur des Stücks, 
Red' entweder geistreich oder nix. 

HELD 

ungehalten. 
Und da Sie zur Handlung nicht gehören, 
Versuchen Sie wenigstens, nicht zu stören. 

Der Räsoneur geht nach hinten, lehnt sich in die Fensternische, 
bleibt dort stehen. 

DER BISSIGE 
Afi! Jetzt wird's satirisch! 

Der Räsoneur tritt im Verlaufe der tveiteren Handlung nur gelegent- 
lich nach vorwärts, wenn er etwas zu reden hat. Im übrigen bleibt 
er von den Vorgängen vollkommen unberührt. Er kümmert sich um 
niemanden^ und die andern kümmern sich nicht um ihn. 

HELD 

So viel will ich von mir verraten: 

Zu Stimmungen neig' ich, nicht zu Taten, 

Und sage statt weitern langen Berichts: 

Ich bin der Held dieses Stücks, sonst nichts. 

Und hab' ich dieses Amt erledigt. 

So werd' ich, möglichst unbeschädigt, 

In eine Schachtel grün gelackt 

Mit größter Sorgfalt eingepackt. 

Nicht neidenswert ist dieses Los, 

Doch hab' ich einen Trost in meiner Truhe: 

Bin ich auch eine Marionette bloß — 

Neu ist die Schachtel doch, in der ich ruhe. 



240 



RÄSONEUR 

Jetzt aber frag' ich Sie aufs Gewissen, 
Ob das nicht ich hätte sagen müssen. 

HELD 

Ich bitt' Sie, wollen Sie sich nicht setzen ? 
Zuweilen dürfen auch Helden schwätzen. 

DER DIENER 

tritt auf. 
Gnädiger Herr, soeben erscheint 
Der ernste und der heitere Freund. Ab. 

ERNSTER FREUND, lang, sehr korrekt, dunkel gekleidet; 

HEITERER FREUND^ etwas korpulent, in bequemem Anxug, 

treten auf. 

HEITERER 

hüpfend. 
O überaus lustige Existenz! 
Mich freut der neuerwachte Lenz! 

ERNSTER 
Mit düstrer Ahnung tret' ich ein — 
Wozu mag ich geladen sein ? 

RÄSONEUR 
So sind bereits mit den Eintrittsworten 
Die beiden glückhch charakterisiert: 
Der Wurstel freut sich allerorten, 
Der ernste Mann ist stets gerührt. 

DER BISSIGE 

Das geht mir auf die Nerven! 

DER WOHLWOLLENDE 

Das soll er ja . . . das is ja eben der Witz! 

DER BISSIGE 

Ein schlechter Witz! 

Theaterslücke. III, i6. 24 1 



DER DICHTER 

zum Direktor. 
Mir kommt vor, die Leut' langweilen sich. 

DIREKTOR 

Ich hab' Ihnen g'sagt, Sie sollen die Figur hinaus- 
schmeißen. Noch heut vormittags hab' ich's Ihnen 
g'sagt. 

DER DICHTER 

Könnt' man vielleicht nicht noch jetzt — ? . . . 
Ich werd' g'schwind ein paar Verse streichen. 

DIREKTOR 

Aber schnell — schnell — eh's zu spät ist. 

Der Dichter eilt nach hinten, erscheint hinten am Fenster und sagt 
dem Räsoneur etwas ins Ohr. 

HELD 

Ich hab' euch beide zu mir gebeten, 
Als Zeugen sollt ihr mich vertreten. 

ERNSTER 
Wie ? . . . ein Duell ? . . . 

HELD 

Auf Tod und Leben. 

HEITERER 

einen Fuß in der Luft. 
Heißa! Es kann nichts Fideleres geben! 

ERNSTER 

Wann soll es stattfinden ? 

HELD 

Ums Morgenrot. 

ERNSTER 

Nun, wenn wir frühstücken, bist du längst tot. 



242 



DER DICHTER 

zum Direktor. 
Is schon g'schehn! 

RASONEUR 

vortretend. 
Es mag der Kaiser, mag der Bettler end'gen, 
Des Lichtes freun sich weiter die Lebend'gen. 

DER DICHTER 

greift sich an den Kopf. 
Ich hab' ihm doch gesagt: er soll das Maul halten! 

HELD 

zum Ernsten. 
Du weißt es gewiß ? 

ERNSTER 

Ich sah dich heut nacht 

Im Sarge liegen und umgebracht. 

HELD 

Ein Traum! 

ERNSTER 
Die meinen erfüllen sich! 

HELD 

zujn Heiteren. 
Und träumtest du auch so was Nettes? Sprich! 

HEITERER 

Erzählt' ich, was ich heut nacht geträumt, 
Dies Stück verböte man ungesäumt. 

RJSONEUR 
Hier wird ein Faun selbst durch Moral gebändigt, 
i Drum sind Billetts auch Jungfraun eingehändigt. 

HELD 

Ein unerklärliches Verhängnis 
I Bringt mich in tödliche Bedrängnis. 



i6* 



243 



ERNSTER 
Erkläre dich! 

H^LD 

Bin nicht frei von Schuld, 
Hab' Mädchen verführt und Ehen gebrochen, 
Doch durch des Schicksals besondere Huld 
Ward ich nie erschossen und nie erstochen — 
Und jetzt für eine, die nichts mir gewährt, 
Für eine, die ich niemals begehrt, 
Für eine, die ich noch nie gesehn, 
Soll ich, ihr Freunde, von hinnen gehn 

RJSONEUR 
Des Schicksals Rache geht verborgenen Pfad. 
Und keiner kennt die Folgen seiner Tat. 

ERNSTER 

Wer ist die rätselhafte Dame ? 

HELD 
Herzogin von Lawin, so ist ihr Name. 

Ernster und Heiterer geraten in die größte Aufregung^ zucken hin 
und her. 

HELD 

Was ist euch ? 

ERNSTER 

Die Herzogin von Lawin ? 
HEITERER 

beide Füße in der Luft. 
Elendes Weib! 

ERNSTER 

Was kümmert das ihn ? 

HEITERER 
Du kennst sie } 

ERNSTER 
Und du —i 



244 



HEITERER 

Wie ist das gemeint ? 

ERNSTER 

Wir kennen sie beide — 

HEITERER 

Gleich gut — ? 

ERNSTER 

Es scheint! 

Die Drähte werden lockerer, der heitere und der ernste Freund scheinen 
ihren Halt zu verlieren. 

ERNSTER und HEITERER 
Ich will . • . ich soll . . . ich kann . . . 
Sie drohen zusammenzusinken und können nicht weiterreden. 

RJSONEUR 

Vorbei 1 
Wozu dies ganze Wehgeschrei ? 
Wenn ihr noch weiter Spektakel macht, 
Legt man euch in die Schachtel und gute Nacht. 

ERNSTER 

mit langsam straffer werdenden Drähten. 
Für diesmal haben wir kein Glück. 

HEITERER 

ebenso. 
Getrost! es kommt ein anderes Stück! 

DER NAIVE 
Habts ihr das verstanden ? . . . In der nächsten 
Komödie spielen die die Hauptrollen. 

HELD 

Ich habe die Herzogin nie gesehn, 
Doch will mir ihr Gatte ans Leben gehn. 
Mich hält er, der ich's gewiß nicht bin, 



245 



Für den Geliebten der Herzogin, 

Es schlug mir der Freche ins Gesicht, 

Doch schwör' ich: die Herzogin kenn' ich nicht! 

ERNSTER 
Er schwört . . . 

HEITERER 

Ei was, ich schwüre auch! 
's ist unter Ehrenmännern Brauch. 

HELD 

Der Herzog wartet, es drängt die Zeit! 
Pistolen — zehn Schritte — ich bin bereit! 
Ernster und heiterer Freund ab. 

DER WOHLWOLLENDE 
Es ist eine beißende Satire auf das Duell. 

DER BISSIGE 

Mich beißt's vorläufig nicht. 

DER NAIVE 
Ich bin neugierig, ob das Duell vorkommen wird. 

DIE FRAU 

zu ihrem Mann, dem ersten Bürger. 
Wenn g'schossen wird, bleib' ich nicht da, 

ERSTER BÜRGER 

Aber Schatzerl, reg' dich nicht auf . . . 

DER DICHTER 
Diese Kunstpausen! . . . Zum Direktor. Ich hab's 
Ihnen g'sagt, dieser Idiot ruiniert mir das Ganze! 

DER BISSIGE 

Wenn jetzt wieder ein Monolog kommt, werd' ich 
unangenehm. 

DER WOHLWOLLENDE 
Das wird Ihnen nicht schwer werden. 



246 



DER BISSIGE 
Was heißt denn das ? . . . Sind Sie der Bissige oder 
ich! . . . 

HELD 

Daß meine beiden Sekundanten 
Sich als Rivalen jetzt erkannten — 

DER BISSIGE 

schlägt auf den Tisch. 

HELD 

Bei dieser selben Herzogin, 
Der ich ein gänzlich Fremder bin, 
Und ich als Opfer fallen soll, 
Das find' ich höchst geheimnisvoll. 
Was aber fang' ich armer Mann 
Mit meinen letzten Stunden an? 

RÄSON EUR 

tritt vor. 
Den Frühling seh' ich lachen und winken, 
Er will uns doch zu kurz bedünken — 
Doch der, dem nur gehört ein Tag, 
Weiß nicht, was er beginnen mag. 

DIREKTOR 

Ja, warum haben S' ihm denn das nicht g'strichen ? 

DER DICHTER 

Das ist die schönste Stelle! 

DIREKTOR 

Merken Sie nicht, wie die Leut' unruhig v/erden ? 
. . . Jetzt stellen Sie sich nur vor, wenn die noch 
hungrig wären! 

DER DICHTER 
Bestien! 

DER NAIVE 

Schauts, jetzt schreibt er... Ah, das ist gut! 



247 



HELD 

bat sieb an den Schreibtisch gesetzt und geschrieben. 
All meine Habe, Geliebte, sei dein. 
Doch heute noch will ich dein Gatte sein. 

Ad spectatores. 
Denn ließ ich sie ohne dieses erben, 
Sie müßte durch ihren Vater sterben, 
Da dieser ein düsterer Kanzelist 
Aus einer sehr alten Schachtel ist, 
Auf jenseits von Gut und Böse pfeift 
Und sozusagen nichts begreift. 
Es klingelt. 

DER DIENER 

tritt ein. 

Es klingelt, ich öffnete die Tür, 

Und dieses dämonische Weib steht vor mir. Ab. 

DIE HERZOGIN VON LAWIN 

tritt ein; mit großartigen Bewegungen. 
Ich bin die Herzogin von Lawin, 
Der Sensationen Sucherin. 
Der Herzog erschießt Sie morgen — bum! 
Sie sollen wenigstens wissen, warum. 
Sie sperrt die Tür ab. 

DER NAIVE 

Jetzt sperrt s' gar ab! Gebts acht, Kinder, jetzt 
kann's gut werdend 

HELD 

Was tun Sie? 

HERZOGIN 
Sie weilen nicht lang mehr auf Erden, 
So lassen Sie schleunigst uns schuldig werden; 
Ich liebe die Streiche, die wilden, die tollen, 
O, machen Sie doch aus mir, was Sie wollen! 

ZWEITER BÜRGER 
Mädeln, gehn wir, das is nix für euch! 

248 



ZWEITES MÄDEL 
Aber Vatter, wir verstehn ja nix! 

ZWEITER BÜRGER 

Alsdann, wann ihr nix verstehts . . . 

HELD 

Tief ist die Dunkelheit dieses Falles! 
O Herzogin, wie kommt dies alles ? 

HERZOGIN 
Dich such' ich, seit ich suchen kann. 
Nie liebt' ich einen andern Mann, 
Zu Füßen lag mir das ganze Gelichter, 
Reitknechte, Fürsten, Soldaten und Dichter, 
Stets fand ich der andern Liebe nur, 
Von meiner regte sich keine Spur. 
Denn einen nur könnt' ich auf Erden lieben: 
Dem ich die letzte wäre geblieben 
Und der es weiß, daß an meiner Brust 
Ihm brausend erblüht die letzte Lust. 
Drum bist du der Schönste heut, der lebt. 
Schön macht dich der Tod, der dich umschwebt. 
Schön macht dich, daß du verloren bist 
Und morgen alles zu Ende ist. 
Was bist SU so düster ? Was bist du so still ? 
So mach' doch endHch aus mir, was ich will! 
Sie wirft sich in seine Arme. 

HELD 

nach einer kleinen Pause, sich von ihr entfernend. 
Nur eines vergessen Sie, Herzogin: 
Daß ich etwa nicht in der Stimmung bin. 

ZWEITER BÜRGER 

Mädeln, gehn wir . , . 

MÄDELN 

Aber Vatter, wir verstehn ja nix! 



249 



ZWEITER BÜRGER 
Aber ich schenier' mich für euch ! . . . Gehn wir . . , 

HERZOGIN 

siebt den Helden zuerst groß an, dann lacht sie auf, wild und hysterisch ; 
plötzlich horcht sie. 

Der Herzog! Wohin, daß er mich nicht erblickt? 

Sie flüchtet sich ins Schlafzimmer. 

HELD 

In was für Schicksal bin ich verstrickt! 

DICHTER 

zum Direktor. 
Jetzt geht's gut! Die Szene hat gewirkt! 

DIREKTOR 
Zu spät! Alles Frühere hätt' heraus müssen! 

DER DICHTER 

Da hätt' man ja absolut nichts verstanden! 

DIREKTOR 

Aber unterhalten hätten sich die Leut'! 

DER DIENER 

tritt ein. 
Der Herzog von Lawin tritt ein, 
Doch ist er keineswegs allein. 

Er öffnet die Tür und läßt den HERZOG und seine Begleiter ein- 
treten. Dann verschwindet er wieder. 

DIE MÄDELN 

Ah!... 

Der HERZOG , mtt einer fabelhaften Eleganz gekleidet, und 
ZWEI SEHR KORREKTE HERREN treten ein. Verbeugungen. 

HERZOG 

Sehr sonderbar ist dieser Schritt, 
Drum bring ich mir zwei Herren mit. 
Alle nehmen Platz. 



250 



HERZOG 
Bin Herzog von Lawin genannt, 
Bin glühend, stark und intressant. 
In mir rinnt alter Helden Saft, 
Ich übersprudle von Lebenskraft. 

Er wendet sich zu den stummen Herren, die zustimmend nicken. 
Und was ich sage, kann ich beweisen — 
Ich zerbreche eine Stange von Eisen! 

Der eine Herr nimmt eine Eisenstange aus seiner Brusttascbe^ reicht 

sie dem Herzog, der sie entzweibricht und die Stücke auf den Boden 

ivirft. 

Und käme der stärkste aller Ringer, 

Ich werf ihn nieder, bin sein Bezwinger! 

Durch das Publikum auf der Bühne bahnt sich der RINGKÄMPFER 
den Weg; er ist nach Athletenart gekleidet, mit Pantherfell, zahl- 
reichen Medaillen. Er geht auf die Marionetten- Bühne hinauf. 
Bewegung im Zuschauerraum. 

DER BISSIGE 

Da hört sich schon alles auf! 

DER NAIVE 
Der g'fallt mir! Bravo, bravissimo! Jetzt werden 
s' raufen! Applaus. 

DER DICHTER 

Das ist halt ihr G'schmack! Bestien! 

Herzog ringt mit dem Ringkämpfer und wirft thn nach kurzem 
Kampfe von der Bühne unter das Publikum hinab. Der Klavier- 
spieler fällt vom Sessel. Gelächter. 

DER DICHTER 

Ja, um Gottes willen, was ist denn das! 

DIREKTOR 

Sein S' froh! Das kann Ihre ganze Komödie retten. 

Der Ringkämpfer erbebt sich, wirft dem Publikum Kußbändeben zu, 
geht ab. 



251 



HERZOG 

Und wenn ich lache, fallen sofort 

Die Bilder herunter von jedem Ort. 

Er lacht in zwei kurzen Stößen; die Bilder fallen von den Wänden. 

Aus jeder Karte schieß' ich das Aß! 

Der erste stumme Herr geht in die andere Zimmerecke, hält eine Karte 

in die Luft, der zweite stumme Herr reicht dem Herzog eine Pistole. 

Der Herzog schießt und trifft das Aß. Der eine stumme Herr zeigt 

die Karte dem Helden. 

Wo ich hintrete, da wächst kein Gras . . . 

Er tritt vor sich hin; die beiden stummen Herren treten in seine Nähe 
und bestätigen, daß tatsächlich kein Gras dort wächst. 

Und niemals vergeht ein Tag, daß sich 
Nicht irgendein Weiblein tötet für mich. 

Ein Schuß fällt. Ein Herr tritt zum Fenster, winkt hinunter; man 
reicht ihm ein totes Mädchen zum Fenster herein. Er legt sie auf 
den Divan; sie trägt einen Zettel in der Hand; der Herr reicht dem 
Herzog den Zettel; der Herzog reicht ihn, ohne ihn zu lesen, dem 
Helden. 

HELD 

liest. 
Ich liebte den Herzog von Lawin, 
Er liebte mich nicht — ich sterbe für ihn! 

Auf einen Wink des Herzogs werfen die Herren die Leiche zum 
Fenster hinaus. 

HERZOG 

Doch wie ich stark und glühend bin. 
So edel und gerecht von Sinn, 
Und tat ich Unrecht einem Mann, 
Erkenn' ich's ohne Zögern an. 
In diesem Falle bin ich heut 
Und tu', was mir mein Herz gebeut. 
Daher ich zum Versöhnungszwecke 
Hier meine Hand entgegenstrecke. 

LIESL 



252 



DER NAIVE 
Das ist die, die gleich im Anfang vorgekommen ist. 

DER BISSIGE 
Wie kommt denn die jetzt herein!? 

LIESL 
Der Herzog! 

HELD 

Liesl, hört' ich recht ? 
Du kennst den Herzog! 

LIESL 
Mir wird schlecht! 

Sie sinkt nieder, 

HERZOG 

will gehen, 

HELD 

Nicht einen Schritt aus dieser Tür! 
Herzog! Sie kennen diese hier? 

HERZOG 

Zur Antwort bin ich nicht verpflichtet. 

HELD 

Sprich, Liesl, du! — Sie Hegt vernichtet! 
Ha! ahn' ich den Zusammenhang — 
Für meine Liebe das der Dank! 

HERZOG 

Da Sie Ihr Schicksal nun verstehn, 
Sei mir gestattet abzugehn. 

HELD 

Verzeihung, Herzog, nicht so schnell! 
Jetzt fordre ich Sie zum Duell! 



253 



HERZOG 

Es schlägt sich für seine Herzogin, 
Doch nicht für ein Mädel der von Lawin! 
Ab mit den zzcei stummen Herren. 

HELD 
Hier liegt sie, wie vom Traum umnachtet, 
In einer Ohnmacht hingeschmachtet, 
Sieht aus, als könnt' sie bis fünf nicht zählen, 
Und weiß doch so gut zu verraten, zu quälen! 
Was tu' ich nur ? 

Es klopft innen von der Scblafzimmertür. 

Die Herzogin! 
Haj ich vergaß — sie ist noch drin! 
Nun fügt sich alles wunderfein, 
Es wird ein seltnes Abenteuer, — 
Nein, Liesl, ich bin auch nicht treuer, 
Und nachher darf ich dir verzeihn. 

Er gebt zur Scblafzimmertür; die Herzogin kommt heraus. 

HELD 
Nun wollen vyir kosen, küssen, tollen. 
Jetzt machen Sie aus mir, was Sie wollen! 

HERZOGIN 

Ich bitte, den Weg mir freizugeben! 

HELD 
O, Herzogin, Sie liebten mich eben! 

HERZOGIN 
Wer sind Sie ? 

HELD 

Ich bin des Stückes Held! 

HERZOGIN 
Ich liebe nur einen, der morgen fällt! Ab. 



254 



DER NAIVE 
Warum denn ? . . . warum geht sie denn fort ? . . . 
Jetzt könnt' sie ja auf ihre Kosten kommen! 

DER DICHTER 
Das scheinen die Leute nicht zu begreifen! 

DIREKTOR 

Ich hab's Ihnen ja g'sagt. Es geht schief. 

DER DICHTER 

Und jetzt kommt noch der gefährliche Monolog! 

DIREKTOR 

Ihr ganzes Stück ist gefährlich. Mit dem Ring- 
kämpfer hätt's schließen müssen. 

DER DICHTER 

Wie können Sie das sagen! Der Ringkämpfer ist 
uns doch im letzten Moment eingefallen; der gehört 
doch gar nicht dazu. 

DIREKTOR 

An Ihrem Stück ist überhaupt nur das gut, was 
nicht dazu g'hörtl 

HELD 

Fort ist siel War's nicht wie ein Traum? 
Blieb' nicht ihr Duft, so glaubt' ich's kaum. 
Und Liesl schlummert hier in Ruh'. 
Ich frage nun: was sagt man da dazu? 
Indem ich nämlich alles versteh', 
Fühl' ich nicht Groll, nur leises Weh. 

LIESL 

schlägt die Augen auf. 
Wo bin ich ? 

HELD 
Bei mir. 

LIESL 
Und der Herzog? 



255 



HELD 

Ist fort. 
LIESL 

Und ich tat dir weh — 

HELD 

Das ist das Wort. 
Jetzt aber sag' mir: wie konntest du nur — ? 

LIESL 

Es war halt so schön! — Es ist meine Natur. 

DER NAIVE 
Haha! es ist ihre Natur! Das ist eine! 

HELD 

O, rührendes Kind, wenn das Herz auch bricht, 
Man kann dir nicht zürnen: du faßt es ja nicht! 
Und daß du dem Herzog gehörtest, auch das 
Nahm' ich gern als Symbol, — aber sag' mir, für was? 

LIESL 
Du redst so gescheit, du bist ja so gut! 
Sie sinkt ihm an die Brust. 

DER NAIVE 
Hat ihm schon! Er heirat' sie doch noch! 

DER BISSIGE 
Es ist einfach irrsinnig! 

DER WOHLWOLLENDE 

Ich weiß niclit . . . ich weiß nicht ... es steckt 
was drin . . . 

HELD 
Ha! — Liesl, hast du zu sterben Mut? 

LIESL 

Warum denn? 



256 



HELD 

Auf diese Weise allein 
Kannst du mir wieder zu eigen sein, 
Um also an des Geliebten Seiten 
Entsühnt in den Weltenraum zu gleiten. 

LIESL 

Nein, lieber nicht. 

HELD 
Wie süß! Wie dumm! 

LIESL 

Nein ! fällt mir nicht ein — ich bring' mich nicht um ! 

HELD 

So weiche von hinnen — mich ekelt sehr! 

LIESL 

Wie ? ist es möglich — du magst mich nicht mehr ? 
Der DÜSTERE KJNZELIST tritt auf. 

LIESL 

Mein Vater! 

KJNZELIST 
Ha! find' ich dich, trauriger Held! 
Wir haben nichts, und ihr habt das Geld! 
Wir schuften für euch, und ihr beutet uns aus, 
Verführt unsre Töchter — wir warten zu Haus! 

HELD 

Du alter Mann — wie klingen deine Worte 
So schal und sinnlos an des Jenseits Pforte. 

KJNZELIST 

An diesen Taugenichts sich fortzuschmeißen! 

HELD 

Es braucht nicht Schimpf, von hier sie fortzureißen. 
LIESLS BRÄUTIGAM tritt ein. 

Theaterstücke. III, tjt 2,^7 



HELD 

Schon wieder wer! 

LIESL 
Mein Bräutigam! 

HELD 

Alle Wetter! 
Wer sind Sie denn ? 

BRÄUTIGAM 
Von Brackenburg ein Vetter. 

LIESL 

O Jugendfreund, geduldiger, bist du es? 
Verzeih und heirat' mich! 

BRÄUTIGAM 

Gewiß, ich tu' es, 
Seit Jahren steh' ich nur dazu bereit. 
Hast du der Liebe Laufbahn nun beendet ? 

LIESL 
O lieber Franz, ich glaub', jetzt ist es Zeit! 

Zu Vater und Bräutigam. 
Zu euch gehör' ich, war bisher verblendet. 
Alle drei ab. 

RÄSONEUR 

Zum Alltag wieder, zum Geschäft, ins Amt, 
Ein jeder kehrt zurück, woher er stammt. 

HELD 

Mich dünkt, ich büßte vieles ein — 
Betrogen bin ich allseits und allein. 
Nicht lebenswürdig scheint mir dieses Leben, 
Zur ew'gen Ruhe will ich mich begeben. 

Der TOD in schauerlicher Maske, dunkel verhüllt, tritt auf. 
Die Bürgersfrau fällt in Ohnmacht. 



258 



ERSfER BÜRGER 
So beruhig' dich doch! 

Unruhe. Er führt seine Frau ab. 

DER DICHTER 

zum Direktor. 
Das hat grad noch gefehlt! 

HELD 

Wer bist du ? 

TOD 

Sieh mir ins Angesicht! 

HELD 

Hinweg! Mir graut! 

ERSTER SKANDALMACHER 

der bisher ruhig dagesessen. 
Mir auch! 

Einige lachen. 

ANDERE 

rufen. 

Pst! 

TOD 

Riefst du mich nicht ? 

ZWEITER SKANDALMACHER 

Wer hat ihn denn gerufen ? 

EINIGE 
Pst! 

ANDERE 

Recht hat er! 

DER DICHTER 
Verdammt ! 

TOD 
Ich bin der Tod — 

HELD 
Was willst du hier? 

17» 259 



ERSTER SKANDALMACHER 
Haha! 

Zweiter Skandalmacber pfeift, 

DER NAIVE 

Kinder, jetzt wird's lustig. 

DER WOHLWOLLENDE 
Die Leute haben doch keine Ahnung. 

DER BISSIGE 
Wer hat keine Ahnung f . . . Recht haben sie . . . 
Man muß sich nicht alles bieten lassen! Wenn ich 
nicht so gebildet wäre, möcht' ich auch pfeifen! 

EINIGE 

Ruhe! . . . Ruhe! Weiterspielen! 

DIREKTOR 

auf den Stufen. 
Ich bitte um Ruhe, meine Herrschaften! 

EINIGE 

Bravo! Bravo! 

TOD 
Ich bin der Tod — 

ZWEITER SKANDALMACHER 
Das hat er ja schon g'sagt! Gelächter. 

DER DICHTER 
Jetzt lachen sie gar! 

DIREKTOR 

Jetzt stellen Sie sich vor, man hätt' den Leuten 
nichts zu essen gegeben ... da hätt' man Sie schon 
längst erschlagen. 

HELD 
Was willst du hier ? . . . 
Wie ich schon einmal die Ehre hatte, Sie zu fragen. 

Gelächter, 
260 



DER DICHTER 

Was ist das! . . . Dieser Haderlump! Jetzt macht 
er sich über mich lustig. 

VIELE 
Pst! Pst! 

TOD 

überschreit alle. 
Der dort ist unsterblich — ich komm' zu dir! 

Es wird still. 
Laß meine Tracht dich nicht erstaunen, 
Mein Garderobier hat seltsame Launen. 
Seitdem die Lebend'gen nicht mannigfaltig, 
Erscheint der Tod höchst \äelgestaltig. 

Einige gehen. — Die Unruhe wird ärger. — Der Bissige Pfeift. 

DER WOHLWOLLENDE 

Und Sie wollen ein gebildeter Mensch sein ? ! 

DER BISSIGE 

Was geht das Sie an ? . . . 

EINIGE 
Ruhe!... Ruhe! 

DER DICHTER 

Jetzt gehn die Leut' gar fort! 

DIREKTOR 
Die, die fortgehen, können wenigstens nicht pfeifen. 

DER WOHLWOLLENDE 

zum Bissigen. 
Warum gehn Sie denn nicht, wenn's Ihnen nicht 
gefällt f 

DER BISSIGE 
Halten Sie Ihr Maul! 

Sie stehen auf. 

261 



EINIGE 
Hinaus! Ruhe! 

Der Wohlwollende und der Bissige setzen sich wieder, 

DIREKTOR 

Ich hab's Ihnen g'sagt: Wenn der Schluß ernst 
wird, hilft's Ihnen nicht mehr, daß der Anfang ein 
Blödsinn war. 

DER DICHTER 

So schaffen Sie doch Ordnung . . . Was soll denn 
das heißen? ... So eine Schmiere! 

DIREKTOR 
Jetzt werden Sie gar noch frech? 

Marionetten schauen hinter den Kulissen hervor. 

DER NAIVE 

Ah, schauts da her! 

DER DICHTER 

Ihre Puppen haben keine Disziplin, schaffen Sie 
Ordnung! Oder ich zünd' Ihnen Ihre Bude persön- 
lich an! 

Meine Herren! 
Ruhe! Hört! 



DIREKTOR 
EINIGE 



DIREKTOR 

auf den Stufen. 
Meine Herren! Alsdann, wenn sich das Wesen der 
Aufklärung im Hintergrund des Säkulums abspiegelt 
und die Kunst ihre Früchte trägt, bitte ich ergebenst 
ins Auge zu fassen, daß die Bühne das Abbild des 
Erdentreibens, auch Spiegel der Welt genannt, das 
Traurige nicht minder als das Lustige in ihr Bereich 
zu ziehen vorgibt, wohin auch unser Dichter, poeta 
vates, hinauszusegeln die Belustigung hat. 

262 



Bravo! Bravo! 
Weiterspielen ! 



VIELE 
ANDERE 



TOD 

schreiend. 
Lacht sich heut im eignen Haus 
Publikum und Dichter aus, 
Mag sich zum Beschluß im Reigen 
Ehrlich auch der Tod erzeigen. 

Er steht mit einem Male als Wurstel da. 

Der GRAF VON CHAROLAIS und der MEISTER treten auf. 

MEISTER 
So, lieber Graf, da war' grad noch ein Platz für 
uns zwei. 

GRAF 
Bitte — nach Ihnen. 

MEISTER 
Bitte sehr, ich weiß, was sich gehört. Sie kommen 
aus einem fünfaktigen Trauerspiel — ich nur aus einer 
dreiaktigen Komödie — also nach Ihnen. 
Setzen sich. 

DICHTER 

Ja — um Gottes willen, was ist denn das! 
Zum Direktor. Schaun S' doch her. 

DIREKTOR 

Was sind denn das für Leut' ? 

GRJF 

Zwei große Herrn! Wer sie erkennt, der grüßt! 

DICHTER 

Sie sollen doch wenigsten dafür sorgen, daß sich 
keine Figuren aus anderen Stücken in Ihr Wirtshaus 
setzen, während meines aufgeführt wird. 

263 



Ein HERR, der im tuirklichen Parkett hinten sitzt, steht auf und 

ruft laut: Das ist ein Schwindel! — Die Leute auf der Bühne sehen 

alle hin, die Marionetten werden unruhig und schauen zum Teil 

über den Rand des Theaters hinaus. 

DER HERR IM PJRKETT 

Ein Schwindel! Darauf fall' ich nicht hinein!... 
Das ist eines ernsten Theaters unwürdig! . . . 

DER DIREKTOR 

vor dem Souffleurkasten. 

Mein Herr! 

DER DICHTER 

auch ganz vorn, ringt die Hände. 

DER HERR 

weiter nach vorn gehend. 
Ich lasse mich nicht um den Schluß betrügen! . . . 
Zum Parkett. Es ist ja evident, dem Dichter ist kein 
Schluß eingefallen — der Skandal ist arrangiert! 

DER DICHTER 

Ich verbitte mir das! 

DER HERR 
Wer redt denn zu Ihnen! ... 

DER DICHTER 

Ich bin der Dichter! 

DER HERR 

Ach was! . . . Sie! . . . Sie kommen ja auch nur vor! 

DER DICHTER 

Oho! 

DER HERR 

Natürlich! Sie wissen schon, wen ich meine! 

DIREKTOR 
Und Sie?... He!... Sie!... Wollen Sie mir 
einreden, daß Sie ein wirklicher Theaterbesucher sind ? 



264 



DER HERR 

Ich bitte! 

DIREKTOR 

Sie gehören da derauf... Vorwärts! rasch! 
Er hilft dem Herrn auf die Bühne hinauf. 

DER BISSIGE 
Das ist ja der reine Zirkus! 

Er geht ins Parkett hinunter. 

DER WOHLWOLLENDE 

Ich weiß nicht — es steckt was drin! 

HELD 

Narrenkappe, Pritsche in der Hand . . . 
Weh! ist dies dein recht Gewand! 
Gepfeife^ Getrampel. 

DER GRAF 

Wie wird mir — ? Hab' ich mich zerstreuterweise 

In ein gefehltes Säkulum verirrt ? 

Doch nein — ! Nicht ich! Es trieb mich hier herein — 

Nun treibt's mich fort — wo werd' ich morgen sein ? 

Ab. 

Die Marionetten treten alle nach vorn. 

MARIONETTEN 
Nicht uns Arme laßt entgelten, 
Schenkt uns weiter eure Huld — 
Nur den Dichter dürft ihr schelten, 
Nur der Dichter hier ist schuld! 

DER NAIVE 
Gehört das dazu ? 

DER DICHTER 

auf den Stufen, 
Das Spiel ist aus! Was für ein toller Spuk! 
Wer schützt mich vor den eignen Scheingestalten ? 
Hinweg mit euch! es ist genug! 

265 



Wagt nicht, selbständig hier im Raum zu walten! 
Und wenn ich so viel Seel' euch eingeblasen, 
Daß ihr nun euer eignes Dasein führt, 
Ist dies höchst frech und unvernünft'ge Rasen 
Der Dank, der meiner Schöpferkraft gebührt ? 

MEISTER 

zupft ihn am Ohr. 

Wurstel! Ab. 

DIE MARIONETTEN 
Ei, nun tun wir, was wir wollen! 
Reden, singen, tanzen, tollen! 
Publikum ist uns egal — 
Alles geht nach unsrer Wahl! 
Ist der Dicliter ganz von Sinnen, 
Laßt uns unser Spiel beginnen! 

In diesem Augenblick tritt ein Mann auf, in einen blauen Mantel 
gehüllt, langes blasses Artütz, schwarze Lockerhaare. Er trägt ein 
langes bloßes Schzvert in der Hand. Er schreitet bis zu den Stufen hin 
und trennt mit einem Hieb alle Drähte. Die Marionetten stürzen 
zusammen und liegen auf dem Boden. Ringsum Staunen. 

DER DICHTER 

Wer bist du? Eh' du mir entschwindest, sprich! 
Mein Rächer bist du — doch wie nenn' ich dich? 

DER UNBEKANNTE 
Du fragst zu viel. Was ich bedeuten mag — 
Ich weiß es nicht. Seit manchem Erdentag 
Bin ich verdammt, ein Rätsel mir und andern, 
Die Welt nach allen Winden zu durchwandern. 
Dies Schwert hier aber macht es offenbar, 
Wer eine Puppe, wer ein Mensch nur war. 
Auch unsichtbaren Draht trennt diese Schneide 
Zu manches stolzen Puppenspielers Leide! 

Er fährt mit dem Schwert über die ganze Bühne; alle Lichter ver- 
löschen, und alle Menschen außer ihm selbst sinken zusammen. 

Auch ihr ? . . . 

Da der Dichter sinkt. 



266 



Auch du? . . . Mir graut vor meiner Macht! 
Ist's Wahrheit, die ich bringe, oder Nacht ? 
Folg' ich der Himmhschen . . . der Hölle Ruf ? 
Ist es Gesetz — ist's Willkühr, die mich schuf? 
Bin ich ein Gott ? . . ein Narr ? . . bin euresgleichen ? 
Bin ich ich selber — oder nur ein Zeichen ? 

Er tritt ganz nach vorn. 
Ja, wenn mein Schwert in loserm Arme hinge, 
Weiß ich, wie's manchen, die in Leid und Lüsten 
Höchst fragevoller Wirklichkeit sich brüsten, — 

Zum Parkett gewendet. 
Wie's zum Exempel euch da unten ginge? 
Er geht mit einem stolzen Blicke ab. 

Sobald er fort ist, wird es licht, die Menschen erheben sich wieder; 

auch die Marionetten. Militärmusik ertönt wieder, der Dichter 

rennt aufgeregt auf und ab, der Direktor tritt wieder auf die Stufen 

und beginnt 

Meine Herren, hier ist zu sehen .... usw. 
Unter ungeheurem Lärm fällt der Vorhang. 



267 



DER RUF DES LEBENS 

Schauspiel in drei Akten 



Meinem Freunde Hermann Bahr 



PERSONEN 
DER ALTE MOSER 

MARIE, seine Tochter 

FRAU RICHTER, Mosers Schwägerin 

KATHARINA, ihre Tochter 

DOKTOR SCHINDLER, Arzt 

EDUARD RAINER, Forstadjunkt 

DER OBERST 

IRENE, seine Frau 

MAX, 1 . 

ALBRECHT, f '""^' ^^"'''" 

SEBASTIAN, Unteroffizier 

EIN WACHTHABENDER SOLDAT 
SOLDATEN, KINDER 

Spielt etwa in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, in 
Österreich. 

Der erste und zweite Akt in Wien, der dritte in einem 
niederösterreichischen Dorfe. 



ERSTER AKT 

Einfaches, beinah ärmliches Zimmer im zweiten Stock eines alten 
Hauses der inneren Stadt. Blau gemalte Wände, zum Teil schad- 
haft, Rechts vorn Eingangstüre, eine zweite Türe links hinten. 
Im Hintergrund zwei Fenster mit ausgebauchtem Glas, Am Fenster 
rechts ein Sessel, Zwischen den Fenstern Kommode, darüber ein 
Spiegel in braunem Holzrahmen. Auf der Kommode stehen einige 
einfach gerahmte Familienbilder. Hinten links in der Ecke Ofen. 
Links seitlich großer Schrank. Weiter vorne an der Wand ein läng- 
licher Tisch, darauf einiges Hausgeräte: Kaffeemaschine, Flasche, 
Lafnpe usw. Vorne links ein Krankensessel, daneben ein ganz kleines 
Tischchen. Auf dem Tischchen zwei Medizinflaschen, kleine Zinn- 
tasse mit einem Teller, Löffel usw. Vorne rechts alter Tisch mit 
grünlicher verschlissener Decke. Alter Divan mit schwarzem Leder; 
ein Fauteuil gleicher Garnitur, zwei Holzsessel. Auf dem Tisch eine 
Tasse mit Photographieen und zwei Bücher mit schadhaftem Einband. 
An der Wand rechts neben dem Eingang ein Schlafdivan, darüber 
eine kleine Etagere mit wenigen Büchern. Weiter hinten rechts ein 
altes Pianino, An den Wänden hängen einige Familienporträts in 
alten Rahmen und zwei alte gebräunte Stahlstiche; diese letzteren 
vorn über dem Tische links. Auf dem Ofen eine Gipsfigur. Neben 
der Eingangstüre vorne rechts ein Kleiderständer mit einem Mantel, 
einem weichen Filzhut und einem Umlangtucb. 



Erste Szene 

DER VATER, MARIE, 

DER VATER auf dem Krankensessel halb ausgestreckt, in 
braunem Schlafrock, die Füße mit einem Plaid bedeckt. Er ist hager, 
hat einen kurzgeschnittenen Vollbart von grünlich-braungrauer Farbe, 
wie einstmals gefärbt; die dünnen Kopfhaare über den Scheitel ge- 
kämmt, das Gesicht böse, faltig, verwüstet. Er scheint zu schlafen, 

MARIE sitzt auf einem der Sessel rechts, den sie etwas näher 
zum Vater hingerückt hat. Sie ist schlank, hat eine hohe Stirn, 
dunkelblondes glattes Haar, einfaches, ziemlich helles blaues Kleid. 
Sie liest laut aus einer Zeitung vor. „Und mit einem Mal 
lodert im Süden unseres Reichs die Kriegsfackel in 
dunkelrotem Glänze auf. In der Nähe des Dorfes Feld- 
berg, also auf österreichischem Boden, etwa drei Meilen 
von der Grenze hat das erste Gefecht stattgefunden, 
über dessen Verlauf verbürgte Nachrichten noch nicht 



271 



in die Hauptstadt gelangt sind. Dies aber steht fest : daß 
gestern zum erstenmal wieder seit mehr als dreißig 
Jahren der Boden unseres Vaterlands das Blut unserer 
tapferen Soldaten getrunken hat . . ." Sie hält inne. 

DER VATER wie aus dem Schlaf. Lies weiter. 

MARIE blättert. „Gestern haben die Infanterie- 
regimenter Nr. 7 und Nr. 24 die Stadt verlassen, um 
in Eilmärschen die Grenze zu erreichen. Abends ist 
das Ulanenregiment Fürst von Bologna abgegangen. 
Heute rückt das Infanterieregiment Nr. 17 Herzog von 
Anhalt und das Kürassierregiment Nr. ii, die soge- 
nannten „blauen Kürassiere . . ." Sie hält inne. 

DER VATER schläft. 

AI ARIE legt die Zeitung auf den Tisch, steht auf, geht zum 
Fenster rechts, siebt durch die Scheiben hinaus. 

Man hört das Vorbeimarschieren von Truppen und lautes Rufen, 
das manchmal beträchtlich anschwillt. 

DER VATER erwacht. Marie! Wo bist du ? Wendet 

mühselig den Kopf. Marie! 

MARIE auf dem Weg zurück. Hier bin ich. 

DER VATER. Wo bist du? 

MARIE. Am Fenster stand ich. 

DER VATER lauscht. Was ist das? 

MARIE. Soldaten ziehen vorbei. 

DER VATER. Wie lang bist du am Fenster ge- 
standen ? 

MARIE. Kaum zwanzig Sekunden. Ich las dir eben 
erst aus dem Zeitungsblatt vor. 

DER VATER. Zwanzig Sekunden ? . . . Mir war 
doch, ich hätte geschlafen. 

MARIE. Nicht länger als eine halbe Minute. 

DER VATER. Mir war, als hätte ich eine Stunde 
geschlafen. Es wird wohl auch eine Stunde gewesen 
sein . . . 

MARIE. Nein. 

DER VATER. Eine halbe . . . 

MARIE. Wie ich sagte: Keine halbe Minute 
lang. 



272 



DER VATER. Keine halbe Minute . . . und so tief 
in die Nacht gesunken. — Wie spät ist's ? 

MARIE. Es ist bald sieben Uhr. 

DER VATER. Daß der Doktor noch nicht hier 
war , . . 

MARIE. Er muß bald da sein. 

DER VATER. Was spracht ihr miteinander gestern 
abend ? . . . Nun ? . . . Was sagte er über meinen Zu- 
stand ? . . . Was sagte er überhaupt? Rede! 

MARIE. Der Frühhng wird dir wohltun, meint 
der Doktor. 

DER VATER. Und sonst sagte er nichts ? 

MARIE. Sonst nichts. 

DER VATER. Es ist nicht wahr! Du standest ja 
gestern ich weiß nicht wie lange mit ihm im Stiegenhaus 
— hast ihn wohl mancherlei gefragt! . . . Nun, wie 
lange wird es noch währen ? Wie lange noch wirst du 
dein junges Dasein vertrauern müssen an deines alten 
Vaters Krankenbett ? 

MARIE. Du sollst bald aufs Land, meint der Doktor. 

DER VATER. Aufs Land . . . wahrhaftig! ... So? 

MARIE. Hat er dir's gestern nicht selbst geraten ? 
. . . Aber nicht wieder so spät wie voriges Jahr, meint 
der Doktor, nicht im August erst, sondern gleich, — 
die schönen Tage nützen jetzt im Mai. 

DER VATER. Aufs Land — in die Grünau — zur 
Tante Toni wieder ? 

MARIE. Ich denke wohl. 

DER VATER. Weht der Wind daher? . . . Hoho! 
Zur Tante Toni ! Und wieder herumgelaufen im Wald 
und auf der Wiese mit der Base Katharina und dem 
Herrn Adjunkten, der uns ja auch zu Weihnachten die 
Ehre hat erwiesen — oder gar mit dem Adjunkten al- 
lein . . . 

MARIE sehr ruhig. Ich dachte nicht an ihn. 
Lärm draußen tvie früher. 

DER VATER. Dachtest nicht an ihn ? . . . Schreibt 
er dir nicht alle Tage ? 

Theaterstücke. III, i8. 273 



MARIE. Kaum jede Woche einmal. Und ich ant- 
worte ihm selten. 

DER VATER. Verlobt seid ihr! 

MARIE. Nein. Du weißt es doch. — Nein. 

DER VATER. Nun, was braucht's Verlöbnis! Eines 
Tages ist man auf und davon, verlobt oder nicht, ver- 
mählt oder nicht, und läßt den Vater hier verderben, 
verkommen, verdursten — ersticken, wie mir's in der 
Nacht beinahe passiert wäre, in der Febernacht, als 
sie dich auf den Ball holten, Tante Toni und Base Ka- 
tharina, und du dort herumflogst mit jungen Offi- 
zieren . . . 

MARIE. Was willst du, Vater ? Ein einziges Mal 
in dem ganzen langen Winter. Und du hattest mir's 
erlaubt. 

DER VATER. Einmal — o einmal nur! In dem gan- 
zen langen Winter nur einmall Wie alt bist du denn . . . 
wie alt ? 

MARIE. Sechsundzwanzig. 

DER VATER. Sechsundzwanzig. Zeit genug . . 
Zeit genug. Sechsundzwanzig und jung und schön 
und ein Frauenzimmer mit weißer Haut und mit run- 
den Armen! . . . Nichts für dich verloren, nur Geduld! 
Und wenn ich neunzig werde, dann bist du siebenund- 
dreißig — immer noch Zeit genug . . . Zeit genug zu 
allerlei Kurzweil, nach der dich's gelüstet. Nein, ich 
bedaure dich nicht! 

MARIE. Hab' ich verlangt, daß du mich be- 
dauerst? 

DER VATER. Verlangt! Müssen es Worte sein? 
Du bist wie deine Mutter, ganz wie deine Mutter! 

MARIE. Vier Jahre lang ist sie tot. Laß sie in 
Frieden ruhn. Nie klagte sie — laß sie ruhn. 

DER VATER. Nie klagte sie . . . mit Worten nicht 
. . . mir ins Gesicht nicht . . . ganz wie du. O ihr, ihr . . . 
Doch wenn ich nach Hause kam und fand euch dort zu- 
sammen auf dem Divan sitzen, aneinander gedrängt 
wie böse Katzen — oder ich wartete eurer am Fenster, 



274 



abends, bis ihr von eurem Spaziergang auf den Basteien 
zurückkamt ... da habt ihr auch nicht geklagt ? . . . 
Nicht über euer verpfuschtes Leben gesprochen ? . . . 
Nicht über mich, dem ihr die Schuld daran gabt ? 
Verschworen wart ihr gegen mich, stumm verschworen 

— ich weiß es wohl! Nichts war euch recht: Zu arm- 
selig die Wohnung, das Essen schmeckte nicht und ich 
war euch nicht lustig genug. Was, ich hätte wohl 
Spaße treiben sollen, wenn ich müde von meiner Schrei- 
berei nach Hause kam aus dem Amt, wo ich mich ge- 
plagt hatte um die lumpigen paar Gulden für euch . . . 
für euch, weil die Pension nicht reichte ? Mir hätte 
sie gereicht — mir allein wohl! Und ihr habt mich 
verflucht ! Meinst du, ich weiß es nicht ? Meinst du, 
ich habe deine Mutter nicht gekannt und ich kenne 
dich nicht ? . . . Stundenlang sitzest du stumm neben 
mir, sprichst nur, wenn ich dich frage, aber dein Blick 
. . . dein Blick, wenn du dich fortschleichst von mir, 
zum Fenster hin . . . Denkst du, ich weiß nicht, was 
sich da in dir rührt, — was für Wünsche, was für Kla- 
gen ? Meinst du, ich weiß es nicht ? . . . Aber wünsche 
du und klage, wäe du wallst, — keine Minute mehr lass* 
ich dich von meiner Seite. Ich will nicht allein sein! 
Habe Geduld, habe Geduld! Du bist jung. Vielleicht 
werde ich nicht neunzig, vielleicht nur fünfundachtzig 

— oder am Ende dauert's gar nur mehr drei, zwei Jahre, 
dann bist du frei, kannst deinen Adjunkten haben — 
oder den Doktor — oder beide und noch andere dazu 
. . . wenn's dir lieber ist, dich ans Fenster stellen und 
hübschen jungen Leuten winken. 

MARIE auf. Vater! Vater! 

DER VATER. Marie! . . . Marie! In plötzlicher Angst. 
Nimm's mir nicht übel. Ich bin krank . . . ich bin alt 
. . . und ich hab' Angst — verstehst du? Angst! . . . 
Nein, du verstehst es nicht! . . . Wer versteht denn 
das, so lang er jung ist und sich rühren kann, was das 
heißt, nutzlose Angst und ohnmächtiger Zorn f . . . 
Wasser! Mir sind die Lippen trocken! 



i8» 



275 



MARIE entfernt sich. 

DER VATER. Wohin gehst du? 

MARIE. Der Krug mit dem frischen Wasser steht 
in der Küche. 

DER VA7ER. Laß die Türe offen. 

MARIE rechts hinaus. Von unten das Geräusch trabender 
Pferde. 

MARIE bringt das Wasser^ bleibt stehen., lauscht. 

DER VATER. Gib . . . gib! 

MARIE rasch zu ihm, reicht ihm das Wasser, schnell 
zum Fenster und öffnet es. Entsprechende Verstärkung des Ge- 
räusches. 

DER VATER. Was tust du ? Bist du toll? Ich kann 
den Tod davon haben! 

MARIE. Die Luft ist warm; auch sagt der Doktor 
immer, daß es zu dumpf hier innen ist. 

DER VATER. Zu dumpf! Darum reißest du das 
Fenster auf mit einem Male? Zu dumpf! Meinst du, 
ich weiß nicht, wonach dir der Sinn steht ? Vor sich hin. 
Ja, da reiten sie, stramm, jung, gesund . . . heut noch 
gesund und jung! . . . Nun, beklagst du dich, daß die 
Aussicht von unseren Fenstern nicht schön ist? Ho! 
Mitten in der Stadt haben wir unsere Wohnung — nur 
ein Blick um die Ecke — und das Leben treibt vorbei 
. . . Marie! 

MARIE. Vater? 

DER VATER. Ich will zum Fenster! 

MARIE. Du willst — ? 

DER VATER. Her zu mir! Führ' mich hin... 
es wird schon gehn , . . Ich will sie auch sehen, die 
da unten vorüberreiten und vielleicht nicht einmal 
neunundsiebzig alt werden. Den Mantel her! 

AI ARIE }iimmt den Mantel vom Kleiderständer, breitet ihn 
um den Vater und führt diesen zum Fenster rechts. 

DER VATER höhnisch. O es ist eine Plage! Armes 
Kind! Aber nein, sie klagt nicht! Am Fenster, wo er 
gleich auf den Sessel sinkt; er hält sich mit beiden Händen ans 
Fensterbrett und beugt sich vor. Manche von denen . . . alle 



276 



vielleicht . . . wer weiß und sind nicht einmal 

neunundsiebzig. 

MARIE etwas mühsam. Vater, man kennt die Far- 
ben nicht recht . . . sind es die Schwarzen oder die 
Blauen ? 

DER VA7ER. O, mein Töchterchen läßt sich herab 
zu fragen! Sollt' ich bessere Augen haben als du ? . . . 
Ja, es sind die blauen Kürassiere. 

MARIE. Ist es nicht dein Regiment gewesen, Vater ? 

DER VATER. Was geht's dich an ? — Wo ist die 
Zeit ? ! . . . Gefallen sie dir ? ... Was siehst du von 
ihnen ? Doch nichts als ihr Wiegen auf den trabenden 
Pferden, und der Geruch ihrer Jugend steigt dir von 
der Straße empor in die Nase. Sollte man denken, 
daß ich einmal geradeso aussah, geradeso wie die ? . . . 
Mein Regiment — ja. Schöne Jungen, wie ? Stramm, 
stramm! . . . Ho, wird der künftige Gatte sich freuen 
— ob Adjunkt oder Doktor — daß du dafür so regen 
Sinn hast ! . . . Es klopft leise. Klopft es nicht ? 

MARIE. Ich hörte nichts. Es klopft nochmals, 

DER VATER. Herein 



Zweite Szene 

DER VATER, MARIE. DER FORST ADJUNKT tritt ein. 

DER ADyUN KT im grünen Jagdrock, kaum dreißig, sieht 
etwas älter aus; er scheint ernster, als es seinen Jahren zukommt. 
— An der Türe. Guten Abend. 

MARIE leise. Guten Abend. 

DER VATER. Der Herr Adjunkt! Grüßt mit der Hand. 

DER ADJUNKT zum Fenster. Guten Abend, 
Fräulein Marie. 

MARIE. Man hat Sie lange nicht gesehen, Herr 
Adjunkt. 

DER ADJUNKT. Seit Weihnachten war ich nicht 
hier. — Ich freue mich, Herr Rittmeister, Sie so wohl 
zu finden. 



277 



DER VATER. Was geht es Sie an, daß ich Ritt- 
meister war ? Moser heiße ich. 

DER ADJUNKT. Sie befinden sich besser?... 
Sie sind auf, und gar am Fenster. 

DER VATER. Ja, Herr Adjunkt, man will eben 
auch noch seinen Teil vom Dasein haben. Er fällt 
beinah vom Sessel. Halte mich doch! Führ' mich zurück. 

MARIE führt ihn. 

DER ADJUNKT ist ihr hebilflicb. 

DER VATER. Danke, Herr Adjunkt, danke. Wie 
muß ich das Schicksal preisen, daß Sie gekommen sind! 
Ich hätte am Ende dort am Fenster übernachten kön- 
nen — auf dem Fußboden. 

DER ADJUNKT und MARIE führen ihn zu seinem 
Sessel, wo er sich wieder hinstreckt. 

MARIE vermeidet den Blick des Adjunkten. Nehmen Sie 
Platz, Herr Adjunkt. 

DER ADJUNKT bleibt stehen. Ich mußte einen 
weiten Umweg nehmen, um hierher zu kommen — 
Freyung, Hof, Tiefer Graben . . . alles ist voll Men- 
schen. 

MARIE. Wie kommt es nur, Herr Adjunkt, daß 
es jetzt so stille ist ? 

DER ADJUNKT. Stille? 

MARIE. Ja. Ich meine, wie es kommt, daß die 
Leute nicht rufen. Früher schrieen sie Hurra, als die 
Soldaten vorüberzogen, und nun hört man nichts als 
das Traben, immer das Traben. 

DER ADJUNKT. Wahrhaftig, es ist seltsam. Ich 
weiß den Anlaß nicht, warum sie jetzt nicht Hurra 
schreien. Vielleicht haben sich schlimme Nachrichten 
von der Grenze verbreitet. Aber mir ist nichts bekannt; 
ich kam vor einer Stunde erst in Wien an. 

DER VATER. Wir dürfen wohl höchhch geschmei- 
chelt sein, daß Ihr erster Besuch uns gilt. 

MARIE. Wie lange bleiben Sie? 

DER ADJUNKT. Kaum länger als bis morgen 
abend. Ich habe hier kein anderes Geschäft, als mich 



278 



im kaiserlichen Oberforstamt zu melden. Ich habe 
nämlich meine Ernennung zum Oberförster in der 
Steiermark erhalten. Blick auf Marie, 

MARIE. In der Steiermark? 

DER ADJUNKT. Ja. In TaupHtz, zu Füßen der 
weißen Wand Hegt das Forsthaus, in dem ich wohnen 
werde. Vor drei Jahren erst wurde es aufgebaut, be- 
haglich, licht und geräumig. Seine Majestät selbst 
haben vorigen Sommer eine Nacht dort geschlafen. 

MARIE. Es ist kaiserliches Revier? 

DER ADJUNKT. Ja. Aber es wird selten von den 
höchsten Herrschaften aufgesucht. Es liegt an einem 
dunkelgrünen See, der die trefflichsten Forellen hat. 
Hinter dem Hause steigen die Tannen an und breiten 
sich hoch bis zu den Schutthalden des Toten Gebirges. 
Rings um den See stehen Buchen und Birken. Das 
nächste Dorf hegt zwei Stunden weit, auf einem schma- 
len Weg durch Jungholz steigt man hinab. Es ist eine 
einsam stille schöne Gegend. Ich freue mich hin. 

DER VATER. Das kommt ja ziemhch unerwartet. 

DER ADJUNKT. Das wohl. Die Stelle ist erst 
vor kurzem frei worden. Der Förster dort starb plötz- 
lich; er war noch jung, kaum vierzig. 

DER VATER. Vierzig Jahre! . . . Jawohl, Herr Ad- 
junkt, vierzig Jahr! So treibt's der da oben — und so 
gleicht er's aus. Leute mit neunundsiebzig leben fort, 
können sich leidlich erhalten — bis achtzig, fünfund- 
achtzig, neunzig — bei guter Pflege, in sorgHcher Hut 

verstehen Sie mich, Herr Adjunkt ? . . . Und ich 

gratuliere zum Oberforstmeister, Herr Adjunkt, aber 
die Marie lass' ich nicht fort — verstehen Sie ? 

MARIE. Der Herr Adjunkt hat ja nicht 

Dritte Szene 

DER VATER, MARIE, DER ADJUNKT. DOKTOR 
SCHINDLER, der Arzt, tritt ein. 

DER ARZT ist in mittleren Jahren, leicht angegraut. Guten 

279 



Abend. — Guten Abend, Fräulein Marie. Wie blaß 
Sie wieder sind. 

DER VATER wirft einen zornigen Blick auf ihn. 

DER ARZT. Wie — der Herr Adjunkt? Wahr- 
haftig! Wie freu' ich mich, Sie wiederzusehen! Er 
drückt ihm herzlich die Hand. 

DER VATER. Woher kennen die Herren einander 
so gut? 

DER ADJUNKT. Zu Weihnachten in eben dieser 
Stube sah ich den Herrn Doktor zum erstenmal. 

DER VATER Und gingen zusammen fort — ? 

DER ARZT. Wir erlaubten uns. Ja. Und machten 
einen wunderschönen Spaziergang durch die Winter- 
nacht. 

DER ADJUNKT. Es gibt wenig Stunden, deren 
ich mich so gern erinnere. 

DER VATER. Wem, Herr Doktor, gilt Ihr werter 
Besuch: dem blassen Fräulein Tochter, dem liebens- 
würdigen Herrn Adjunkten oder mir kranken Manne ? 

DER ARZT. Gott sei Dank, Ihnen. — Es war 
übrigens keine leichte Sache, in Ihre Gasse zu gelangen. 
Das Gedränge ist groß. 

Traben unten. 

MARIE. Wie kommt es nur, Herr Doktor, daß man 
nur die Hufschläge hört, daß es sonst so stille ist, daß 
die Leute nicht rufen wie früher ? 

DER ARZT. Es sind die blauen Kürassiere, die jetzt 
vorbeiziehen. 

MARIE. Nun ja 

DER ARZT. Wissen Sie denn nicht ? Die reiten in 
den Tod. 

DER ADJUNKT. Das tun wohl viele in diesen 
Tagen. 

DER ARZT. In den sichern Tod . . . die in den 
sichern. Zu allen. Wissen Sie denn nichts davon ? 

DER ADJUNKT sich erinnernd. Ah, ist dies das tod- 
geweihte Regiment ? 

DER ARZT. Ja. 



•80 



MARIE mühsam, aber stark. Das todgeweihte — ? 
DER ARZT. Ja. Das, von dem keiner zurückkom- 
men wird und darf. 

DER ADJUNKT. Ich hörte davon. Ist es denn 

wahr ? Am Fenster. 

DER VATER. Keiner darf — ? Gierig. Keiner 
darf — ? 

DER ARZT. Es ist nämlich das Regiment, durch 
dessen Schuld, wie es heißt, vor dreißig Jahren die 
Schlacht bei Lindach verloren ward. 

DER VATER. Wer sagt das? 

DER ARZT. Sie können heut überall davon reden 
hören. Man sagt, daß dieses Regiment in einem Augen- 
blicke wich, da es hätte standhalten müssen und können, 
daß diese Flucht die übrigen mitriß und damit Schlacht 
und Feldzug zu unseres Landes Unglück entschied. 
All das war beinahe in Vergessenheit geraten — viel- 
leicht ist es auch niemals recht wahr gewesen — , nun 
aber, da dieser neue Krieg ausbrach, erinnerten sich 
die Offiziere des Regiments, von denen damals natür- 
lich noch keiner mitgefochten hat, der alten Schmach, 
und sie haben vom Kaiser die Gnade erbeten, mit dem 
eigenen Blute zu sühnen, was das Regiment vor dreißig 
Jahren verschuldet haben soll. Sie haben verlangt, 
dorthin gestellt zu werden, wo sie wohl den andern 
von Nutzen sein können, wo aber ihr eigenes Verderben 
unabwendbar ist, und haben einander zugeschworen, 
daß keiner von ihnen die Heimat wiedersehen wird 

MARIE. Woher wissen Sie das ? 

DER ARZT. Wie ich schon sagte: überall hört man 
heute davon reden. 

DER ADJUNKT kopfschüttelnd. Und dabei steht das 
Vergehen des Regiments nicht einmal unwidersprech- 
lich fest. 

DER AR7.T. Was liegt daran ? Mögen sie auch Be- 
trogene oder Narren sein, ihr Entschluß ist groß, und 
so wird die Menschheit wahrscheinlich ihren Vorteil 
davon haben. 



281 



DER ADJUNKT. Darum also ist die Menge so 
stumm, während die vorüberziehen . . . 

DER VATER. Und manche sind kaum zwanzig 

Pause. 

DER ARZT. Nun also, Herr Moser, wie steht's? 
Ich dachte Sie schon zu Bette zu finden. Es ist acht 
Uhr, Sie sollten schlafen. 

DER VATER. Schlafen ? . . . Ich bin nicht gelaunt, 
Vorschüsse an den Tod auszuzahlen. 

DER ARZT. Jede Stunde Schlafs ist Gewinn für 
Sie; Sie hätten weniger Schmerzen, wären ruhiger. 
Nimmt ein Fläschchen zur Hand, das auf dem kleinen Tisch neben 
dem Krankensessel steht. Und Sie haben nicht einmal Ihre 
Tropfen genommen . . . wie ? . . . Noch nicht einmal 
das Fläschchen geöffnet! 

DER VATER. Ich will nicht . . . will nicht schlafen! 

DER ARZT. Sie müssen. Sie sind dazu verpflichtet. 
Nicht nur sich selbst gegenüber. Das Fräulein sieht 
wahrhaftig übel aus. Es geht nicht weiter so. Morgen 
früh schicke ich Ihnen eine barmherzige Schwester her, 
die Ihre Pflege übernehmen wird. 

DER VATER. Wie können Sie sich erlauben, in 
dieser Weise über mich zu verfügen ? Ich habe kein 
Geld für eine Schwester. 

DER ARZT. Was das anbelangt, überlassen Sie 
es 

DER VATER. Sie wollen mir was schenken ? Was 
wagen Sie! 

DER ARZT. Es handelt sich um kein Geschenk. 
Sie werden mir das Geld zurückzahlen, sobald 

DER VATER. Und wenn ich Hunderttausende 
hätte — eine fremde Person kommt mir nicht über die 
Schwelle! Ich weiß Geschichten von Wärterinnen, die 
ihren Kranken Gift statt des Heiltranks ins Wasser 
gießen, nur um rascher anderswohin zu kommen, wo 
sie ein paar Groschen mehr kriegen . . . Und andere 
gibt es, die tun, als richteten sie die Polster gerade, 
als glätteten sie die Linnen — dabei zwicken sie, stechen 



282 



mit Nadeln und lachen dazu . . . Und die am gut- 
mütigsten sind, die denken auch noch lange nicht, daß 
da ein Mensch liegt, der einmal jung war, — einer, dei 
sich hat rühren können . . . nichts fühlen sie, wenn ei 
jammert, und wenn er stirbt, gehen sie aus dem einen 
Haus in das andere. — Nein, nein, ich will nicht! Ich 
habe eine Tochter, für die ich mich geplagt habe, 
dreißig Jahre lang, die es mir verdankt, daß sie auf dei 
Welt ist . . . Wozu zöge man Kinder auf, wenn sie 
in der schwersten Stunde sich davonstehlen dürften ? . . . 
Sie ist jung, sie kann warten ... es währt ja nicht ewig; 
dann ist sie frei, dann mag sie tun, was sie will! 

DER ADJUNKT. Warum sprechen Sie in solcher 
Weise von Ihrer Tochter, Herr Moser, die sich für Sie 
aufopfert ? 

DER VATER. Ich danke für die freundhche Zu- 
rechtweisung. Haben Sie schon ein Recht ? . . . Sie 
sollte wohl fort mit Ihnen, Herr Aijunkt ? . . . Aber 
warum gerade mit Ihnen ? Sind Si^o sicher, daß es 
sie gerade nach Ihrem grünen Rock verlangt ? 

MARIE. Was soll das, Vater? 

DER VATER. Geben Sie acht, Herr Adjunkt, es 
ist ein Frauenzimmer! Meinen Sie, ich vergesse daran, 
weil es meine Tochter ist ? . . . Ein Frauenzimmer, 
jung, heiß und durstig. 

DER ADJUNKT. Was kommt Sie an, Herr Ritt- 
meister ? 

DER ARZT. Stille! 

MARIE. Vater, schweig! 

DER VATER. Schweigen . . . ich? Ich will nicht! 
Ich will reden. Was mir durch den Sinn fährt, will 
ich reden. Denkst du, ich will mir's durch süße Worte 
erkaufen, daß du an meinem Bett sitzest, mich an- und 
auskleidest, mir zu trinken und zu essen reichst und 
deine Kindespflicht erfüllst ? Du hast deinen Lohn 
dahin, du bist jung! Du bleibst bei mir! 

DER ARZT. Wozu die großen Worte ? Es handelt 
sich doch vorläufig um nichts anderes, als daß das 



283 



Fräulein manchmal auf ein bis zwei Stunden ins Freie 
gehen sollte. Und das wird sie. 

DER VATER. Das wird sie nicht! Geht sie noch 
einmal von mir fort, so kommt sie nicht mehr zurück. 

DER ARZT. Was fällt Ihnen denn ein? 

DER VATER z« Marie. Denkst du, ich weiß 
nicht? 

DER ADJUNKT blickt mit einer Art von Angst Marie an. 

DER VATER. Sie wissen ja nichts, Herr Adjunkt — 
Von dem Ball heuer im Feber, wo sie mit den blauen 
Kürassieren tanzte, ist sie um sieben Uhr morgens 
zurückgekommen. Ich bin auf dem Boden gelegen, 
verdurstet und erstickt beinah . . . Und wie ist sie nach 
Hause gekommen ? Mit glänzenden Augen, durch die 
Spitzen schimmerte die Brust, die Arme waren nackt . . . 
gerade so sah sie aus wie ihre Mutter, als ich sie zum 
erstenmal sah . . . auch auf einem Balle. 

MARIE. Laß die Mutter in Frieden ruhn — laß 
sie ruhn. ^-'*' 

DER ARZT. Bitte kommen Sie mit mir auf Ihr 
Zimmer, Herr Rittmeister. Ich habe nicht mehr viel 
Zeit und möchte heute eine gründliche Untersuchung 
vornelimen. 

DER ADJUNKT. Guten Abend, Herr Moser. 

DER VATER. Leben Sie wohl, Herr Adjunkt. Sie 
werden sich also gütigst noch gedulden. 

DER ADJUNKT leise zu Marie. Ich muß Sie spre- 
chen, Marie, — ich bin in einer Viertelstunde wieder 
hier. 

Vierte Szene 

Der VATER, MARIE, der ADJUNKT, der ARZT. FRAU 
TONI RICHTER kommt. 

TANTE TONI. Guten Abend. — O, der Herr 
Adjunkt! 

DER ADJUNKT gibt ihr die Iland und geht ab. 

DER VATER. Die gute Tante Toni! 
284 



DER ARZT und MARIE stützen ihn, um ihn ins Neben- 
zimmer zu führen. 

DIE TANTE. Wie geht's, Schwager Christian ? — 
Wir sind nur auf zwei Tage in der Stadt, Katharina 
und ich, kleine Einkäufe zu besorgen ... Ist Katharina 
noch nicht da ? oder ist sie gar wieder fortgegangen ? 

MARIE. Sie war noch nicht hier. 

DER VATER. Ihr werdet sie mir nicht noch ein- 
mal von der Seite reißen. Auch du nicht, alte Kupp- 
lerin! 

DIE TANTE. Daß der gute Schwager die Scherze 
nicht lassen kann! . . . Macht nur, ich setze mich in- 
dessen stille hier hin, ich habe meine Arbeit mit. 

DER VATER gestützt auf den Arzt und Marie, ins Neben- 
zimmer. 

Auf der Straße Marschieren und Hurrarufe. 

DIE TANTE nimmt ihr Häkelzeug und setzt sich ans Fenster. 

MARIE kommt wieder. 



Fünfte Szene 

Die TANTE, MARIE. 

MARIE. Ich will Licht machen. Sie nimmt die Lampe, 
zündet sie an, stellt sie auf den Tisch rechts. 

DIE TANTE. Nun, er scheint ja wieder in böser 
Laune ? 

MARIE langsam zum Fenster, nickt. 

DIE TANTE. Ich will hier für alle Fälle warten, 
bis Katharina kommt. Sie sollte schon hier sein. Früh 
morgens fuhr sie in die Stadt, ich schlief noch. Sie 
konnte sich nicht gedulden — ohne mich fuhr sie davon. 
Aber ich getraue mich nicht, ihr ein böses Wort zu 
sagen, seit ich weiß, daß ich sie nicht lange mehr be- 
halten werde. 

MARIE. Ist es denn wahr? 

DIE TANTE. Es ist wahr, gute Marie. Es ist wahr. 
Keine Hilfe. Aber sie ahnt es nicht. Im Winter sind 



285 



die Rosen auf ihren Wangen aufgeblüht — so wie bei 
ihren Schwestern. Da gibt es keine Hilfe, gute Marie. 
Mein seliger Mann, der fuhr auf der See herum und 
mußte doch sterben, und Brigitte und Anne rührten sich 
von meiner Seite nicht fort, waren gut und brav, at- 
meten die reine Luft unseres Tannenwaldes, und liegen 
nun doch beide draußen unterm Rasen. Wenn es Gott 
einmal so beschlossen hat . . . Ich habe allerlei besorgt 
in der Stadt. Sieh, diese Wolle ist nirgends zu be- 
kommen als beim „türkischen Sultan". Es soll ein 
Kissen werden für den Divan, der im Gartenzimmer 
steht, wo wir im Sommer immer den Kaffee tranken. 
. . . Wer mir's damals prophezeit hätte — ! Sah sie 
nicht aus wie das Leben selbst ? . . . Wahrhaftig, Kind, 
auch du schaust nicht sonderlich aus. Nun ja, du hast 
genug durchgemacht in diesen letzten Jahren. Ein 
böser Mensch, mein Schwager, ich muß es selbst 
sagen. 

MARIE den Knäuel in der Hand. Ja, es fühlt sich fein an. 

DIE TANTE. Nicht wahr, wie Seide? 

MARIE. Wie Seide. 

Pause. 

DIE TANTE. Nun Marie, ich denke — warum soll 
man nicht davon sprechen 

MARIE. Was meinst du, Tante? 

DIE TANTE. Es wird doch nicht mehr bis zum 
Sommer währen mit deinem Vater. Seit ich ihn zuletzt 
sah — wann war es nur ? . . . Ja, es war an dem Tag, 
da wir dich auf den Ball abholten . . . seither hat er 
sich gar sehr verändert. Auf seiner Stirn sitzt der Tod. 
Gott verzeih' ihm alles, was er an meiner Schwester 
und an dir gesündigt. Ihr hattet kein gutes Leben. 
Zuerst hat er sie gequält, bis sie ihn endlich nahm — 
hätt' sie's doch lieber nie getan! Ein verabschiedeter 
Offizier und bald fünfzig — , dann hat er sie gepeinigt, 
weil sie sich nehmen ließ . . . Wahrhaftig, ihr wart zu 
gut — beide. Der Vater schreit im Nebenzimmer. Was für 
ein Mensch! Ich sehe es kommen, daß auch der gute 



286 



Doktor sich nicht mehr um ihn kümmern wird. — 
Marie, höre doch! 

MARIE am Fenster. Ich höre. 

DIE 7 ANTE. Du mußt dich wahrHch mit wenig 
genug bescheiden, wenn das der ganze Frühling ist, 
den du genießen darfst. Da haben wir's auf dem Lande 
schon besser. Pfirsich und Kirsche sind abgeblüht und 
nun riecht der Fheder aus allen Gärten. — Höre, 
Marie, ich denke, wenn es hier vorüber ist, laß alles 
stehen, wie es steht, und komm nur rasch zu uns in 
die Grünau. Dein Zimmer ist bereit. 

MARIE. Davon wollen wir heute noch nicht reden. 

DIE TANTE. Dein Zimmer ist bereit, Kind. Ich 
denke ja, gar zu lang wirst du es nicht bewohnen. Aber 
immerhin, die Trauerzeit muß doch wohl verstreichen, 
ehe Hochzeit gemacht wird. 

MARIE. Wer macht Hochzeit? 

DIE TANTE. Du brauchst mir's nicht Wort zu 
haben. Jeder nach seiner Weise; — deine Art ist zu 
schweigen. Der Adjunkt ist ein vortreffHcher Mann; 
ich achte ihn nicht geringer, weil er seinen Sinn ge- 
ändert hat, — das ist nun einmal menschlich. Auch 
hat sich Katharina bald getröstet . . . ach Gott, ich 
glaube, allzu bald und allzu gut! Mag sie's mit dem 
lieben Gott ausmachen, der sie so bald zu sich nehmen 
wird. Ich weiß nichts, ich frage nicht, was sie all- 
wöchenthch in der Stadt treibt, seit wir zusammen auf 
dem Balle waren, wo ihr mit den Offizieren tanztet. 
Nachts schlief sie wohl immer hier, denk' ich . . . ? — 
Nun, du hast jetzt den Sinn nicht darauf. Mag auch 
sein, daß sie sich früh davonschHch, ohne dich aufzu- 
wecken, und du dachtest, sie sei schon abgereist. 

DER FAT ER von drin. Marie! 



Sechste Szene 

Die TANTE, MARIE, der ARZT. 
DER ARTjT zu Marie^ die schon bereit war, hineinzugehen. 



287 



Ich möchte ein paar Worte mit Ihnen reden. — Wollen 
Sie etwa so freundlich sein, Frau Richter, und sich für 
eine Weile hineinbemühen ? 

DIE TANTE. Freilich. Er wird mich nicht gleich 
totschlagen. 

DER ARZT. Er wünschte, daß das Fräulein ihm 
wieder aus der Zeitung vorhest. Das können Sie wohl 
auch, Frau Richter ? 

DIE TANTE. Nun ja, ich will das Blatt nah zur 
Kerze halten, da wird es schon gehen. Ab links. 



Siebente Szene 

Der ARZT, MARIE. 

DER ARZT. Nun aber, liebes Fräulein, benützen 
Sie die Gelegenheit und gehen Sie doch in die frische 
Luft — auf eine Stunde wenigstens. 

MARIE. Wozu ? Was hälfe mir diese eine Stunde ? 

DER ARZT. Und morgen wieder eine, und so jeden 
Tag. Ihr Vater wird sich daran gewöhnen müssen. 

MARIE. Ach, wozu f Ich habe ja gar keine Lust 
fortzugehen. Lassen Sie mich nur da. 

DER ARZT. Es scheint, Sie haben überhaupt nicht 
mehr die Kraft, etwas Bestimmtes zu wollen. Wenn 
ich an früher denke — ! Wenn ich mir das frische liebe 
Wesen vorstelle, das ich vor einem Jahre noch — im 
vergangenen Herbst noch hier zu finden pflegte . . . 
Es ist ein wahrer Jammer! Das muß anders werden. 
Versprechen Sie mir, sich heut endhch einmal zu Bett 
zu legen — ja ? Dann wollen wir morgen früh weiter- 
reden. Die Welt wird gleich anders aussehen, wenn 
Sie nur einmal mit wachen Augen in sie hineinblicken. 

MARIE. Er ruft mich ja doch jede halbe Stunde 
und schreit in meinen Schlaf hinein. 

DER ARZT. Er wird seine Tropfen nehmen; — 
dann wird er nicht rufen können. 

MARIE. Er wird sie nicht nehmen. 



288 



DER ARZT, So werden Sie sie ihm geben — auch 
gegen seinen Willen. Es genügt, wenn Sie ihm zehn 
Tropfen ins Wasser träufeln. Er öffnet das Fläschcben. 
Dieses Mittel ist unwiderstehlich. In diesem Fläsch- 
chen ist der Schlaf von hundert Nächten. 

MARIE. So viel vertrauen Sie mir an ? 

DER ARZT etwas befremdet. Ihnen ? . . . Ja, Ihnen 
und ihm selbst. In der Wohnung von Kranken, die zu 
retten sind, lasse ich nicht so viel zurück. 

MARIE. Haben Sie ihm je gesagt, daß er nicht zu 
retten ist ? 

DER ARZT. Ich konnte mir diese grausame Ehr- 
lichkeit ersparen. Seine Krankheit ist von den aufrich- 
tigen. Aber freilich kann es noch Jahre dauern, Marie. 

MARIE. Ich weiß. 

DER ARZT. Und Sie, Marie, haben die Absicht, 
all diese Jahre hindurch an seinem Bette zu sitzen, 
ohne freie Luft zu atmen, ohne die Nächte ordentlich 
durchzuschlafen, — in dieser Dumpfheit und Enge 
auszuharren, bis es wirklich zu spät sein wird ? 

MARIE. Was soll ich anders ? Was kann ich anders ? 

DER ARZT. Zu spät . . . wissen Sie, was das be- 
deutet ? Es liegen mehr Schrecken darin als in dem 
Worte „niemals". Und wenn Sie es etwa für Ihre Pflicht 
halten hierzubleiben, nur weil dieser Mann Ihr Vater 
ist, so sage ich Ihnen, daß Sie höhere haben gegen sich 
selbst; — und der Gott, zu dem wir nicht beten, aber 
an den wir alle glauben müssen, straft es bitter, wenn 
sie verletzt werden. 

MARIE. Was mir höhere PfUcht ist, darüber habe 
ich nicht nachgedacht. Daß ich auch andere Wünsche 
habe, daran erinnern Sie mich in diesem Augenblicke 
wieder. 

DER ARZT. So wollt' ich nur, diese Wünsche wach- 
ten wieder auf, zu rechter Zeit, mit der rechten Kraft. 

MARIE. Warum haben Sie früher nicht so zu mir 
gesprochen ? 

DER ARZT. Tat ich es nicht ? . . . Wie lange schon 

Theaterstücke. III, 19. 28Q 



und wie oft sag' ich Ihnen, daß ein Dasein, wie Sie es 
führen, Sie allmähHch zugrunde richten wird, — daß 
Sie sich wehren müssen, daß Ihnen frische Luft und 
Bewegung dringend not tut. 

MARIE. Das, wozu Sie mich heute ermutigen 
wollen, scheint mir mehr als ein Spaziergang vors Tor 
hinaus. 

DER ARZT. Ja, es mag mehr sein . . . Viel weiter 
hinaus möcht' ich Sie treiben. Es nagt an mir, wenn 
ich sehe, wie Sie ... Sie Ihre Tage und Nächte einem 
alten bösen Manne hinopfern, der es Ihnen nicht dankt, 
— der es nicht wert ist. Bange wird mir, wenn ich 
denke, daß so viel Schönheit, so viel Jugend verdorren, 
verwelken soll . . . wofür ? — Um nichts vielleicht als 
um ein paar Worte, die in einem alten Buche stehen. 

MARIE. Warum . . . warum haben Sie früher nicht 
so zu mir gesprochen ? ! 

DER ARZT. Wenn Sie mich heute verstehen, ist 
es noch nicht zu spät gewesen. 

MARIE. Längst hätt' ich Sie verstanden; aber an- 
ders sprechen Sie heute zu mir — kühner, wilder beinah. 

DER ARZT. Wie hätt' ich so reden dürfen noch 
vor kurzer Zeit ? 

MARIE. Nicht dürfen? Sie zu mir? 

DER ARZT. Es ist noch nicht so lange her, Marie, 
daß Sie hätten glauben dürfen, ich spräche so nicht 
allein in dem Gedanken an Ihre Zukunft. Und Sie 
hätten meinen Worten mißtraut . . . und hätten recht 
gehabt. Ich traute mir damals selber nicht. Heut aber 
wissen Sie, weiß ich selbst mich frei von jedem eigen- 
nützigen Nebengedanken, heute kann ich als Ihr Freund 
zu Ihnen reden und Ihnen raten. 

MARIE. Und was raten Sie mir als mein Freund ? 

DER ARZT. Daß Sie von hier fortgehen. 

MARIE. Wohin? 

DER ARZT. Daß Sie dem Manne, der Ihnen wert 
ist, folgen, sobald er es verlangt. 

MARIE. Das ist's, was Sie mir raten — ? 



290 



DER ARZT. Ja, Und ich wollte, er nähme Sie rasch 
von hier fort . . . morgen . . . heute noch. Mir ist angst 
um Sie. Wie Sie nur aussehn — ! Zögern Sie nicht,, 
wenn er das entscheidende Wort spricht. Nicht lang 
mehr, und ich fürchte, Sie verlieren selbst die Fähigkeit, 
glücklich zu werden. 

MARIE. Glücklich — ? Kennen Sie den Adjunkten 
so gut ? 

DER ARZT. Ja, ich kenn' ihn. An jenem Winter- 
abend, da ich ihn bei Ihnen kennen lernte, sind wir — 
Sie erinnern sich noch — von hier miteinander fort- 
gegangen. Lange, in stillen Straßen, auf leuchtendem 
Schnee sind wir umhergewandert. Von seinen stillen 
Wäldern, von der Freude seiner Jagden, von seiner 
Mutter, die ihm eben gestorben war, von einem Mäd- 
chen, das er geliebt und verlassen, sprach er viel . . . 
kein Wort von Ihnen. Und doch redete jedes Wort, 
das er sprach, nichts anderes als Sie. Von dieser Stunde 
an dacht' ich mir kein andres Glück für Sie als dies an 
seiner Seite. 

MARIE. Vielleicht wäre es das Glück gewesen. Aber 
ich glaube, es ist nicht mehr das Glück, wonach ich 
mich sehne. Hat das Leben nicht mehr zu verschenken 
als Glück . . . viel mehr — ? Und das, das ist versäumt 
. . , unwiederbringlich versäumt! 

DER ARZT etwas befremdet. Das Vergangene — ja. 
Aber das Zukünftige bringt ein Entschluß Ihnen wieder. 

MARIE. Es gibt keine Zukunft mehr. 

DER ARZT. Keine Zukunft ? Was bedeutet das ? 
Hat er Ihnen denn auf Nimmerwiedersehen Lebewohl 
gesagt . . . Oder haben Sie selbst ihn fortgeschickt ? 

MARIE. Der Adjunkt wird in wenig Minuten wie- 
der da sein. Aber das andere ist vorbei, das kommt 
nicht wieder. 

DER ARZT. Es gibt anderes? 

MARIE. Wer weiß, vielleicht wollte der Himmel, 
daß ich erst heute solche Worte von Ihnen höre — 
heute, da sie in eine grundlose Tiefe fallen und daiin 

I9^ 291 



begraben sein müssen, — heute, da es zu spät ist. 

Nein, nicht der Himmel wollte es! Und war' es der 
Himmel, ich könnt' es ihm nicht danken . . . Aber 
wüßt' ich denn nicht selbst all das, was Sie heute mir 
sagen ? ... Wüßt' ich nicht, daß ich hätte fort müs- 
sen ? . . , Und fing die Welt nicht erst mit dem Tage 
für mich an, da ich's wußte ? . . . Und was hielt mich 
zurück — was ? . . . Ich weiß es nicht mehr. Warum 
haben Sie nicht früher . . . nicht gestern so zu mir ge- 
sprochen ? Warum nicht ? . . . Da hätten Ihre Worte 
mich hinausgetrieben, denn da wüßt' ich wohin ... da 
lag das Leben vor mir . . . Und war' es nur für einen 
Tag und eine Nacht gewesen, es war das Leben, das 
mich rief, das Leben, das mich erwartete. Nun ist es 
davongeflohen, und ich hab' es verschlafen, und Sie 
wecken mich auf! . . . 

DER ARZT. Was ist Ihnen, Marie ? Haben wirkhch 
meine Worte diesen seltsamen Aufruhr in Ihnen ver- 
ursacht ? Nicht ins Ungewisse wollt' ich Sie treiben . . . 
Mir war, als läge Ihr Weg klar vor Ihnen. 



Achte Szene 

Der ARZT, MARIE, der ADJUNKT. 

DER ARZ7. Sie kommen, da ich eben wieder gehen 
muß. — Leben Sie wohl, Fräulein. Guten Abend, 
Herr Adjunkt; auf Wiedersehen. 

DER ADJUNKT. Auf Wiedersehen sag' auch ich. 
Aber nehmen Sie's nicht nur als leeres Wort. Erinnern 
Sie sich Ihres Versprechens aus diesem Winter und 
lassen Sie mich die Freude erhoffen, Sie einmal in 
meinem Revier zu begrüßen. 

DER ARZT. In der Grünau heißt der Ort, nicht 
wahr ? 

DER ADJUNKT. In weniger als in einem Monat 
übersiedle ich nach Tauplitz. Ich bin zum Oberförster 
dort ernannt. 



292 



DER ARZT, Wahrhaftig? So könnte es sich fügen, 
daß ich Sie in der Grünau besuche und, wenn Sie Lust 
zu einer gemeinsamen Fußwanderung haben, Sie übers 
Gebirge an Ihre neue Wohnstätte begleite. 

DER ADJUNKT. Ich nehme Sie beim Wort. 

DER ARZT. Hoffenthch gestattet mir's diesmal 
mein Beruf, die Stadt zu verlassen. Denken Sie, mehr 
als drei Jahre bin ich nicht mehr von hier fortgekommen 

DER ADJUNKT. Wie erträgt man das nur? 

DER ARZT. Man muß wohl. 

DER ADJUNKT. Ich könnte in einer Stadt über- 
haupt nicht wohnen. Heute fühl' ich's wieder. Wie 
ein Grauen überfällt es mich manchmal im Lauf der 
Straßen. Es liegt wohl daran, daß das Leben der Stadt 
so geheim tut. Stockwerk baut sich über Stockwerk, 
die Fenster sind verhängt, die Türen zu, eine Steinwand 
starrt die andere an — ein beklemmender Ernst lastet 
über den Dächern, verworren scheint der Tag und die 
Nacht gefährhch, und Schicksale fallen über die Men- 
schen wie Räuber her. Wäre mir hier eine Mutter ge- 
storben, ich glaube, ich hätte dem Himmel geflucht . . . 
in meinem Walde verlor ich sie an den Frieden, der 
mich umgab, und finde sie dort immer wieder, wenn 
ich allein bin und den Frieden verstehe. 

DER ARZT. Es muß schön sein, so leben zu dürfen 
wie Sie. In Ihre Weltabgeschiedenheit klingt manches 
Wort wahnhaft und machtlos hinein, nur vom Echo 
seines eigenen Sinns getragen; wir Armen hier, von der 
Vielheit der Menschen umringt, beugen uns gar oft 
seinem trügerischen Widerhall aus tausend angsterfüll- 
ten Seelen. 

DER ADJUNKT. So will es mir manchmal selber 
scheinen. 

DER ARZT. Nun, leben Sie wohl. Sie werden von 
mir hören. Ich muß nun doch endlich gehen. Das sind 
meine Wege: Von Irrenden zu Leidenden, von Lei- 
denden zu Sterbenden. — Auf morgen, Fräulein 
Marie. Rechts ab. 



293 



Neunte Szene 

Der ADJUNKT, MARIE. 

DER ADJUNKT milde. Wie soll ich es verstehen, 
Marie, daß seit drei Monaten beinahe kein Brief mehr 
an mich kam ? 

MARIE. Es wird nun wohl keiner mehr kommen. 
Nehmen Sie es, wie es gesagt ist, Herr Adjunkt, 

DER ADJUNKT. Keiner mehr — ? Was soll das 
bedeuten ? 

AI ARIE. Fühlen Sie nicht, daß alles vorbei ist ? 

DER ADJUNKT. Vorbei—? Schmerzlich. Marie! . . . 
Nein, so dacht' ich Sie nicht wiederzufinden! Was für 
ein schhmmes Werk beginnt dieses Dasein, zu dem Sie 
sich verurteilt glauben, an Ihnen zu verrichten! S'^hen 
Sie mich doch an, Marie, ich bin es! 

MARIE. Ich sehe, daß Sie es sind. 

DER ADJUNKT. Was ist denn geschehen, Marie? 
. . . Ich habe wohl in meiner Einsamkeit gefühlt, daß 
mein Bild Ihnen zu verblassen anfing, wie es auch vom 
Herbst bis zu Weihnachten verblaßt war. Aber da- 
mals brauchte es nur meinen Eintritt in diese Stube, 
und ich hatte Sie wieder. Ergreift ihre Hand. Wissen Sie 
denn gar nichts mehr, Marie ? Es ist ja nicht so lange 
her. Sie können's ja nicht vergessen haben! Sie sitzt 
am Tisch ihm gegenüber. Heut vor einem Jahre wüßt' ich 
ja noch nicht einmal, daß ein Wesen lebte wie Sie, 
Aber seit dem vergangenen Sommer weiß ich's. Es 
waren ja nur wenige Tage, aber sie leuchten wie tau- 
send . , . Erinnern Sie sich denn nicht mehr? . . . Mor- 
gens um sechs kam ich vorüber, Sie standen am Fenster 
und lächelten. Diesen Morgengruß nahm ich mit mir, 
Waldestau und Himmel schimmerten von ihm wieder. 
Dann gab es Stunden, in denen Sie mich durch den 
Forst begleiteten, Sie und Katharina, Sie fragten mich 
nach allerlei, ich mußte Ihnen Namen von Busch und 
Blüten nennen, Sie haschten Blätter auf, die von den 
Zweigen herunterwehten, und ließen sich erklären, 



294 



warum sie verwitterten und niedersanken. Sie beugten 
sich herab zu den verästeten Wurzeln überm Weg und 
wollten das Steigen der Säfte durch Bast und Rinde 
verstehen . . . Und dann ruhten wir alle auf einer 
Wiese. Sie, Marie, lagen auf meinem Mantel, die Arme 
über der Brust verkreuzt, und sahen ins dunkle Blau, 
und wir schwiegen. Es war eine Stille, die trunken 
machte . . . Und auf dem Rückweg — noch seh' ich 
die Sonnenkringel durchs dunkle Laub über Ihr blon- 
des Haar zittern und über den Strohhut in Ihrer Hand 
— auf dem Rückweg, während Katharina mit den Hun- 
den vorauslief, sagten Sie zu mir, Marie Das 

wissen Sie doch noch, was Sie mir damals sagten ? 

MARIE. Daß ich gern in einem Forsthaus wohnen 
möchte, mitten im Waldesfrieden. 

DER ADJUNKT. Ja, das sagten Sie. Wahrhaftig, 

es klang anders als heute ! Aber Sie wissen es noch. 

Und Sie wissen auch noch, wie ich an jenem Morgen 
an der Landstraße stand und wartete, bis Sie mit Ihrem 
Vater im Wagen vorbeikamen und davonfuhren .... 
Und wissen noch, daß Ihr BHck rückwärtsgewandt lange 
auf mir ruhte, — Von diesem Morgen an glaubt' ich 
Sie mein. Und Ihre Briefe kamen. Und jeder Brief 
wiegte mich tiefer und sicherer in meinen Traum. Wir 
hatten uns nicht verlobt, Marie, aber es waren die Briefe 
einer Braut. Steht auf. Im Winter durfte ich zu 
Ihnen kommen. Sie waren ernster, fremder, als ich 
gehofft, aber die eine gemeinsame Stunde gab uns ein- 
ander zurück. Dort an der Tür stand ich beim Ab- 
schied und sagte: „Im Frühjahr komm' ich wieder" . . . 
und damals wußten Sie, was dieses Wiederkommen 
hätte bedeuten sollen. — Wissen Sie's heute nicht mehr ? 
. . . Das Haus im Waldesfrieden, nach dem Sie sich ge- 
sehnt haben, steht bereit, — wollen Sie dort einziehen ? 

MARIE. Ich sehne mich nicht mehr danach. 

DER ADJUNKT. Vielleicht noch nicht, Marie. 
Ich werde warten. 

MARIE. Warten Sie nicht. Es wäre vergebens. 



295 



DER ADJUNKT. Ich kann es nicht verstehen, 
Marie. Wenn Sie mich auch bisher nicht gehebt haben, 
Sie waren bereit dazu. Wenn Ihre Augen sich auch nie 
in die meinen versenkten, Ihr Bhck schweifte doch nie 
an dem meinen vorbei wie heute. Auch in jenen Som- 
mertagen waren Sie still, aber damals lag Ihr Schweigen 
doch nur auf den Lippen, nicht Ihr ganzes Wesen war 
davon durchtränkt wie heute. Wahrhaftig, Marie, in 
jenen Sommertagen lag Ihr Dasein vor mir ausgebreitet, 
ehe Sie noch ein Wort über sich erzählt hatten. So 
vertraut war mir, woher Sie kamen, wohin Sie gingen! 
Ja, mir war, als hätte ich Ihre Mutter gekannt, die ich 
doch niemals gesehen. Und als ich zu Weihnachten 
diese Wohnung zum ersten Male betrat, war mir, als 
war' ich hier hundertmal aus und eingegangen . . . Und 

i:un mit einem Male so zurückgestoßen ! Warum ? 

Mit jeder Sekunde, in der ich zu Ihnen rede und ver- 
geblich Ihre Antwort erwarte, weichen Sie weiter von 
mir ab, und ich weiß nicht, wohin Sie mir entschwin- 
den . . . Marie, warum reden Sie nicht ? — Ich bin 
es ja! Sprechen Sie, sagen Sie mir, was Sie so schwer 
bedrückt, und alles muß gut werden! Ja, soll ich's 
Ihnen gestehen ? Ich wünschte geradezu, etwas aus 
Ihrem Leben zu erfahren, das mir bisher fremd war 
und das ich nicht ahnen durfte. Mir ist, als könnt' 
ich Ihnen dadurch näher sein, als dürfte ich eher die 
Arme nach Ihnen ausbreiten. So bin ich vielleicht 
Ihrer gar nicht wert — ich hatt' es nur vergessen. 

MARIE. Wovon sprechen Sie ? Erinnert sich. Daß 
Sie Katharina verließen um meinetwillen — ? 

DER ADJUNKT. Verheßen . . . ? Wie milde klingt 
das Wort. Ich hab' sie . . . hinabgestoßen . . . wer weiß 
wie tief. Aber da ich's um Ihretwillen getan, Marie, 
hatt' ich's nicht empfunden — und empfand es bis 
heute nicht, daß es unrecht war. Und ich wollte, Sie 
hätten zehnfach Schlimmeres getan, Marie, nur um 
das Glück zu genießen, Ihnen verzeihen zu dürfen. 

MARIE. Verzeihen — Sie mir ? . . . Und wenn ich 



296 



was immer getan hätte, was hat irgendwer auf der 
Welt mir zu verzeihen ? Ich gehöre zu niemandem 
mehr und zu Ihnen so wenig als zu einem andern. 

DER ADJUNKT. Marie!? 

MARIE. Ich habe es ja selbst nicht gewußt. Doch 
als Sie heute durch diese Tür traten, wüßt' ich, daß 
ein Fremder kam. 

DER ADJUNKT. Ihre Wangen glühn! Sie reden 
im Fieber. Ich will gehen, Marie. Ich will morgen 
wiederkommen, wenn Sie ruhiger geworden sind. Ich 
ertrage es nicht, Sie so reden zu hören. Ich will ge- 
duldig sein. Nicht morgen — im Herbst erst will ich 
wiederkommen und Sie fragen, ob Sie mir folgen wollen. 

MARIE. Bleiben Sie und danken Sie Ihrem Schick- 
sal, daß Sie heute gekommen sind und daß ich gewillt 
bin zu reden. Morgen vielleicht, und Sie hätten nichts 
mehr von mir gewußt, — so wenig als ich selbst. So 
wie ich vor einer Stunde kaum was von mir wußte . . . 
Und in einer Stunde hätt' ich mich selbst wieder be- 
logen, wie ich's bis vor einer Stunde tat. Ja! Meinen 
schlaflosen Nächten, dem jammervollen Alleinsein mit 
dem bösen alten Manne da drinnen, der dumpfen Luft 
in dieser traurigen Stube, dem Frühling, der draußen 
vor dem Fenster weht und lockt, meinem jungen, ge- 
peinigten Blut hätt' ich die Schuld gegeben an dem, 
was in mir bebt und tobt, zu Wallungen eines irrge- 
wordenen Leibs hätt' ich das tiefste Walten meiner 
Seele umgelogen, und wäre Ihnen gefolgt und hätte 
Sie und mich betrogen ein ganzes Leben lang! 

DER ADJUNKT. Reden Sie nicht weiter! Marie! 

MARIE. Und wenn Sie daran zugrunde gehn, was 
liegt mir daran ? Sie sind mir nichts mehr . . . nichts 
mehr! O, Sie waren mir viel, sehr viel. Ich habe wirk- 
lich davon geträumt, mit Ihnen zu leben, still in einem 
Forsthaus unter Tannen . . . Aber seit einer gewissen 
Stunde träum' ich nicht mehr davon. Dort in der Lade 
liegen Ihre letzten Briefe, sie sind nicht einmal eröff- 
net. Sie hätten sterben können, ich hätte keine Träne 



297 



um Sie geweint — ! Und seit einer gewissen Stunde ist 
nicht ein Augenblick gewesen, in dem ich nicht eines 
Mannes dachte, der nicht Sie sind. Kein Augenblick 
— hören Sie wohl! — in dem ich nicht in die Arme 
eines Mannes verlangte, den ich ein einziges Mal ge- 
sehen, mit dem ich in einer einzigen Nacht durch einen 
lichten Saal geschwebt bin und für den ich doch bereit 
war, Ehre, Leben und Seligkeit hinzuwerfen . . . Und 
seit einer gewissen Stunde verging keine mehr, in der 
ich nicht dem alten Manne da drinnen, der mein Vater 
ist, den Tod erflehte — den Tod erflehte — ? Nein ! . . . 
Keine Stunde verging, in der sich nicht meine Fingei 
krampften, ihn zu erwürgen, — um nur endlich frei zu 
sein, um nur endlich diese Türe hinter mir zuschlagen, 
die Treppe hinunter, durch die Straßen eilen zu dürfen, 
dem zu gehören, nach dem alle meine Sinne schmachten ! 

DER ADJUNKT. Und was treibt Sie, Marie, mir 
all dies einzugestehen ? 

MARIE. Will Ihnen daraus eine Hoffnung blühn ? 
Wollen Sie sich etwa einbilden, daß ich mich für eine 
Sünderin nehme, die sich eine Schuld von der Seele 
beichten will? Sie irren. Keine Reue, nein, meine 
Verzweiflung schreie ich Ihnen ins Gesicht . . . meine 
Verzweiflung, daß es zu spät ist . . . zu spät! Daß der, 
für den ich all das hätte tun wollen, tun müssen, fort 
ist, ein Todgeweihter . . . daß er fort ist, um nie wie- 
der zurückzukehren . . . daß ich erst heut dazu erwacht 
bin, mich selber ganz zu verstehen . . . daß ich in dieser 
Stunde erst zu allen Sünden und Wonnen reif geworden 
bin, nach denen es mich lockte, und daß es nur nicht 
mehr der Mühe wert ist, die Sünderin zu werden, — 
die ich bin! . . . 

DER ADJUNKT. Leben Sie wohl, Marie. Er geht. 

MARIE steht eine Weile regungslos. — Man hört von drinnen, 
ohne die Worte zu verstehen, wie die Tante aus der Zeitung vorliest. 
Unten ziehen Soldaten vorbei, Trompeten, Trommeln, Rufe. Es 
verhallt wieder. Marie geht langsam ans Fenster^ ohne hinauszu- 
sehen, und setzt sieb bin. 



298 



Zehnte Szene 

MARIE. KATHARINA kommt. 

KATHARIN A jung, schön, mit großen leuchtenden Augen, 
gelösten Haaren. Sie tritt vorsichtig herein, schaut sich um, gewahrt 
Marie zuerst nicht. 

MARIE aufblickend. Wer ist's? 

KATHARINA. Marie!... Guten Abend. Ist 
meine Mutter schon hier ? 

MARIE steht auf. Ich will ihr sagen, daß du da bist. 

KATHARINA. O laß, das eilt nicht. — Der Herr 
Adjunkt ist auf der Stiege an mir vorüber . . . sah er 
mich nicht ? Nun, was tut's ! . . . Hilf mir doch, die 
Haare aufstecken, Marie, — rasch, ehe die Mutter 
hereinkommt. 

MARIE. Bist du so durch die Straßen? 

KATHARINA. Wer kümmert sich heute drum! 
Es ist auch schon dunkel. 

MARIE ist ihr behilflich. Was ist das ? 

KATHARINA. Ah, hab' ich noch Blüten im Haar ? 
Sie gleiten herunter. — Warum SO Still, Marie ? Wann 
wird Hochzeit sein ? 

MARIE. Es denkt niemand an Hochzeit. 

KATHARINA. O, sagst du das um meinetwillen ? 
Keine Ursache! Er ist frei wie ich. 

MARIE. Wonach duftest du so seltsam? 

KATHARINA. Hatt' ich nicht Blüten im Haar? 
Die werden's wohl gewesen sein. 

MARIE. Woher kommst du, Katharina ? 

KATHARINA. Woher ich komme ? . . . Von 
weit. 

MARIE. Von weit ? . . . 

KATHARINA. Es Hegt so weit wie ein Ufer, das 
man nie mehr betritt. 

MARIE. Woher? 

KATHARINA. Frag' nicht woher, — ich wende 
mich nicht um. Hinab, ihr Blüten ! Nicht traurig. Vorbei 
ist vorbei! 



299 



MARIE. Warum ein Ufer, das du nicht mehr be- 
trittst ? 

KATHARINA. Abschied hab' ich genommen. 

MARIE. Abschied ? . . . Deine Augen glühen, aber 
nicht von Tränen. Blühen die Wangen so frisch, wenn 
man Abschied nimmt ? 

KATHARINA. Abschiednehmen ist süß. Wenn 
man erst weiß, wie kurz das Leben ist, duftet jeder 
Abschied von einem neuen Alorgen . . . Einmal hab' 
ich auch geweint — einmal nur, Marie. Als dir einer 
auf einer Wiese seinen Mantel unterbreitete und ich 
fühlte, wie sein Herz mit einem Male von mir zu dir 
überflog. Damals dacht' ich noch, dies sei zu weinen. 
Wie war ich jung! 

MARIE. Ist das so lange her — vom Herbst bis 
zum Frühling ... ist das so lang ? 

KATHARINA. O, es ist lang! Jede Stunde ist 
lang. So viele Leben leben wir! 

MARIE. Hast du den Adjunkten gehebt ? 

KATHARINA. Ja. Gehebt wie einen, der die Tore 
aufreißt zu einem wunderbaren Garten mit verschlun- 
genen Wegen ... so wie ich nur einen mehr lieben 
werde: den, der mich am Ausgang erwartet. 

MARIE. Gibt es Menschen, die nur so an den Toren 
stehn ? 

KATHARINA. Was kümmern sie mich? .. . Nun 
lauf ich die verschlungenen Wege hin. — Bist du 
fertig ? 

MARIE mit Katharinas Haaren beschäftigt. Sie rinnen 
mir so durch die Finger. — Wie du seltsam sprichst! 
Was ist dir ? 

KATHARINA. Höre, Marie, du sollst es wissen! 
Ich will fort von der Mutter. 

MARIE. Von der Mutter ? . . . 

KATHARINA. Von dir wohl auch, — von euch 
allen. 

MARIE. Was geht dir durch den Sinn? 

KATHARINA. Mit zweiundzwanzig lieg' ich im 



300 



Grab, heut bin ich neunzehn. Ich will nicht bei der 
Mutter bleiben diese drei Jahre. Wenn ich so still 
dahinlebe, \nrd mir bang. Nur die sich an viel zu er- 
innern haben, schlafen ruhig in der Erde, — die an- 
dern . . . weißt du's nicht ? . . . . flattern und klagen 
über der Erde umher. Oft schon bei Nacht hab' ich 
meine toten Schwestern gesehen. Ich will ruhig schlafen. 

MARIE. Woher kommst du, Katharina? 

KATHARINA. Von einem komm' ich, der geraden- 
wegs in den Tod reitet. 

MARIE. Wie ? . . . 

KATHARINA. Verstehst du nicht, Marie ? Meine 
Küsse brennen auf seiner Brust, kein Weib mehr küßt 
sie weg! Er war jung vor einer Stunde, uralt ist er mit 
einem Male. Ich bin jung, ich denke seiner nicht mehr. 
Und er reitet in den Tod. 

MARIE. Der in den Tod reitet, ist er's ? 

KATHARINA. Ich hab' auch dir einen Gruß zu 
bringen, schlürf ihn ein: letzte Grüße schmecken gut, 
wie Flammen rinnen sie durch den Leib und bringen 
Glück, sagen die Leute. 

MARIE. Mir einen Gruß ? . . . Wer ist's, der mir 
einen Gruß schickt ? 

KATHARINA. Ist es so schwer zu raten? 

MARIE. Sahst du den andern auch ? 

KATHARINA. Seinen braunen Kameraden sah ich 
auch. Sie saßen zusammen und tranken Ungarwein. 
Meinem war weh ums Herz; hätte ich gewollt, Kaiser 
und Vaterland hätte er um mich verraten. Der andere 
war fröhlich und kühn. 

MARIE. Und er sagte — ? 

KATHARINA. „Grüßen Sie Ihre Base Marie," 
sagte er. „Sie hätte mich nicht sollen warten lassen." 

MARIE. Das sagte er? 

KATHARINA. Und er sagte noch mehr: „Es ist 
nicht gut, daß sie nicht gekommen ist," sagte er. „Vor 
Bösem hätte sie mich bewahren können." 

MARIE. Vor Bösem ihn bewahren — ? 



301 



KATHARINA. Warum ließest du ihn warten? 

MARIE. Ich versprach ihm nie — 

KATHARINA. Eine ganze Nacht schwebtest du 
in seinen Armen dahin durch einen weiten Saal mit 
tausend Lichtern. Das ist auch ein Versprechen. 

MARIE. Und nun reitet er in den Tod — ? 

KATHARINA. Nun reut es dich doch! 

MARIE. Reut mich — ja. 

KATHARINA. Ich glaub' dir's nicht, du Stille! 
Wer hielt dich! Kanntest du den Weg nicht? 

MARIE. Ich kannte den Weg. 

KATHARINA. Warum bist du ihn nicht gegangen ? 

MARIE. Könnt' ich ihn gehn ? 

KATHARINA. Konntest du nicht, dann zog es 
dich nicht so mächtig. 

MARIE. Zerbrochen hat mich der da drinnen, — 
mir ist, als könnt' ich kein Glied mehr rühren! 

KATHARINA. Trag dein Los. Wen die andern 
kümmern, der darf nicht glücklich sein. Trag dein 
Los. 

MARIE. Und ihn nicht einmal mehr gesehen ! Da 
am Fenster lehnt' ich, die Augen schaut' ich mir aus, 
aber dämmrig war's, daß man kein Antlitz kennen 
konnte. 

KATHARINA. Wovon redst du? 

MARIE. Da ritten sie vorbei, die blauen Kürassiere, 
vor einer Stunde der letzte ... da ritten sie vorbei! 

KATHARINA. Was redst du, Marie? Sie ritten 
vorbei? . . . Du sahst ihn nicht! Du hättest ihn nicht 
gesehn, auch wenn helHchter Tag gewesen wäre. 

MARIE. Warum nicht? 

KATHARINA. Weil er hier nicht vorbeiritt. 

MARIE. Ich sah sie doch! Und auch der Vater 
und der Doktor und der Adjunkt — wir alle sahen die 
blauen Kürassiere! 

KATHARINA. Mag sein, mag sein! Aber nicht 
die letzte Schwadron; die reitet erst morgen früh um 
viere. 



302 



MARIE. Woher weißt du — ? Du lügst ! Du wärst 
nicht hier, wenn er noch da wäre! Du spottest meiner! 

KATHARINA. Ich mußte doch fort. Sie waren 
alle beim Oberst geladen zu einem Abschiedsmahl. Der 
Oberst hat eine schöne Frau; die wollte wohl die jungen 
Leute alle noch einmal sehn. Oder war's der eine nur, 
den sie sehen wollte ? 

MARIE. Der eine nur? 

KATHARINA. Morgen um vier reiten sie in den 
Tod. 

MARIE. Er ist noch da! . . . Er ist noch da! 

KATHARINA. Er war lange da. „Sie hätte mich 
nicht sollen warten lassen," das waren seine Worte. 
Vor bösen Dingen hätt' sie mich bewahrt. Nun ist's 
wohl zu spät. 

Elfte Szene 

MARIE, KATHARINA. Die TANTE von links. 

DIE TANTE. So — nun, scheint es, ist er einge- 
schlafen. — Katharina! Bist du endlich da — Katha- 
rina! Wir wollen nun gehen. 

MARIE. Er schläft? 

DIE TANTE. Ja. — Leb' wohl, Marie. Morgen 
früh wollen wir noch einmal herschauen, ehe wir nach 
Hause fahren. — Dein Zimmer ist bereit, Marie. 

DER VATER von drinnen. Marie! Wo bist du? 

MARIE zuckt zusammen. 
DIE TANTE. Komm, Katharina, komm! 
KATHARINA. Leb' wohl, Marie. 
DIE TANTE und KATHARINA ab. 



Zwölfte Szene 

MARIE und der VATER. 

DER VATER schreit von drin. Marie! Wo bist du? 
Wollt ihr mich 



303 



MARIE ergreift das Fläschcben, leert den Inhalt ins Glas. 
DER FJTER. Marie! Er erscheint an der Türe und sinkt 
dort beinahe in die Knie. 

MARIE zu ihm hin. Warum bleibst du nicht im 
Bett? 

DER VATER. Her zu mir! Ich ersticke drin! . . . 
Hier will ich bleiben! . . . Führe mich dorthin ans 
Fenster ! Sie führt ihn hin; er setzt sich auf den Stuhl am Fenster. 

MARIE steht hinter ihn. Vater! — 

DER FAT ER durch den Ton getroffen^ wendet sich um, sieht 
sie an. 

MARIE. Ist es wahr, Vater, was der Doktor heut 
erzählte ? — Daß die blauen Kürassiere vor dreißig 
Jahren geflohen sind ? 

DER VATER. Das ist wahr. Es sind nicht die 
einzigen gewesen. 

MARIE. Aber die ersten waren es. 

DER VATER. Ja. Die ersten waren es. Was fragst 
du? 

MARIE. Warst du nicht Rittmeister bei den blauen 
Kürassieren ? 

DER VATER. Das war ich. — Tut es dir leid um 
die jungen Leute — oder um den einen nur ? Mit dem 
wirst du nimmer tanzen! Und was den betrifft, kann 
der Herr Adjunkt ruhig sein. Schade! Der eine sollte 
davonkommen! Lacht. 

MARIE. Bist du von allen, die damals entflohn, der 
einzige, der lebt ? 

DER VATER. Ich denke wohl. Ich bin der einzige, 
und ich lebe noch. Seltsam! Wie vor sich. Und ich 
— ich bin schuld, daß die alle sterben müssen, vor 
mir. 

MARIE. Du?... Nicht du allein! 

DER VATER. Wer weiß — vielleicht ich allein. 

MARIE. Es ist auch möghch, daß die ganze Sache 
nicht wahr ist, sagt der Doktor. Niemand sprach davon 
dreißig Jahre lang. 

DER VATER. Und niemand wußte es, glaub' ich. 



304 



Das ist das Seltsame. Die Verwirrung war groß. Da- 
mals gab es mehr als ein Regiment, dem man die Schuld 
gab. — Gib mir die Hand! Er packt sie beim Arm. Du 
willst fort! Wie vor sich. Wer mag es aufbewahrt 
haben ? . . . Nun weiß es mit einem Male die ganze 
Welt. Aber, daß ich es bin, der sie alle in den Tod 
schickt, das weiß keiner! 

MARIE. Du?... 

DER VATER. Ja — ich . . . alle die — und lebe und 
bin neunundsiebzig. 

MARIE. Warum denkst du, daß du allein 

gerade du es gewesen bist ? 

DER VATER. Warum ? . . . Ich weiß es . . . Ich 
führte die dritte Eskadron. Am Fuß des Hügels von 
Lindach standen wir und warteten. Seit vier Uhr 
morgens saßen wir zu Pferd und warteten. Nichts an- 
dres hatten wir zu tun, als zu warten . . . Irgendwo 
in der Nähe war es wohl schon losgegangen, es knatterte, 
es donnerte — aber wir sahen nichts . . . Was lag mir 
daran? Schon manches der Art hatt' ich mitgemacht. 
— Bis dahin war ich einer gewesen, der an den Tod 
nicht dachte ... ein Held war ich — ein Held . . . 
Hinter uns der Wald, aus dem wir herausgeritten waren, 
zur Linken stiegen die Hügel auf, rechts standen andere 
Regimenter, regungslos wie vdr. Vor uns nichts als 
die weite Ebene, still und furchtbar. Seit vier Uhi 
morgens saßen wir zu Pferd. Stunde um Stunde ver- 
ging. Keiner redete mehr. Es war, wie wenn man 
unser vergessen hätte. Wir sehnten uns alle nach einem 
Befehl zum Vorwärtsgehen . . . nur vorwärts, und wenn 
wir gewußt hätten, daß uns der Tod so gut wie gewiß 
war . . . Sich bewegen, sich rühren. Aber nicht das 
war unser Los — wir mußten warten. Warten. Wann 
es kommen würde, das wußte keiner, — aber es mußte 
kommen, das war gewiß. Dazu waren wir bestimmt. 
Seit vier Uhr morgens wußten wir's. Stunde um 
Stunde verging. Die Sonne brannte über uns. Wir 
wußten nicht, was in der Runde geschah. Und vor 

Theaterstücke. III, ao. 305 



uns lag die Ebene, still und furchtbar. Daher mußte 
es kommen. Aber wann ? wann ? . . . Wir warteten. 
Eine Ewigkeit . . . hundert Ewigkeiten ... Es nahm 
kein Ende . . . Fern — sehr fern klang es her, Don- 
nern und Heulen . . . aber wir wußten nicht, was ge- 
schah . . . Wir warteten . . . Und da mit einem Male 
packte es mich . . . packt mich mit einem Male, was ich 
nie gekannt . . . zum ersten Male in meinem Leben 
packt mich Angst . . . Angst . . . entsetzhche Angst! . . . 
Und ich schreie, und weiß nicht mehr, was ... als 
hätt' mich was an der Gurgel und ließ mich nicht los 
. . . ich schreie, daß es lauter klingt als das Heulen 
und Donnern . . . Und noch wer neben mir schreit . . . 
oder hundert . . . oder war ich's allein . . . ich weiß 
nicht . . . und mein Pferd bäumt sich, und ich reiß' 
es herum . . . ich war nicht der einzige . . . nein, der 
einzige war ich nicht! . . . Aber hätt' ich mich be- 
sonnen, Kehrt gemacht noch einmal, dann war' alles 
anders gekommen . . . alles . . . ich weiß es, denn sie 
folgten mir in Tod und Hölle, wenn ich wollte . . . 
Aber ich wandte mich nicht. Denn in diesem Augen- 
blick wüßt' ich mit einem Male, daß sie uns all das, 
was uns auf den Fleck gebannt hielt hundert Ewig- 
keiten lang, nur vorlügen . . . Ehre und Vaterland nur 
vorlügen, um uns sicher zu haben! . . . Wer lohnt 
mir's ? Wer dankt mir's ? . . . Mit den tausend andern 
hätten sie mich in die Grube geworfen und Erde dar- 
auf, und aus wär's gewesen! Und ich wollt' es nicht! 
Leben wollt' ich, leben, wie andre dürfen . . . eine Frau 
wollt' ich haben und Kinder und leben! . . . Und so 
rast' ich davon, die andern mit mir, mir nach . . . vor 
mir . . . überall . . . davon . . . davon . . . Und so ist 
es geschehen, daß ich heil zurückgekommen bin aus 
der Schlacht und ein Weib geheiratet hab', das mich 
verachtet, und ein Kind gekriegt, das mich haßt . . . 
und so ist es gekommen, daß heut die jungen Leute 
in den Tod ziehen, die ich nicht kenne, und daß ich 
noch lebe mit neunundsiebzig und sie alle überleben 

306 



werde — alle — alle . . .• Gib mir zu trinken! . . . Nein, 
nicht so ! Du willst fort ! Er hält sie am Arm. Führ' mich 
hin zu der Tür erst. — Er geht zur Türe und sperrt sie ab; 
hält den Schlüssel in der Linken und lacht höhnisch. Zurück — 
dorthm ! Marie führt ihn zum Krankensessel, er setzt sich hin, 
den Schlüssel in der Hand. Jetzt schenk' mir ein. Sie gießt 
das Wasser in das Glas, in das sie früher das Gift hineingegossen, 
reicht es ihn. Er trinkt es aus, atmet auf. Dann erhebt er sieb, 
sieht um sich, starrt, läßt das Glas fallen, starrt Marie an, reißt 
den Mund weit auf, als wollte er sprechen, macht zzvei Schritte 
nach vorne, dann sinkt er mit einem Male hin, der Schlüssel fällt 
ihm aus der Hand. 

MARIE nimmt den Schlüssel, sperrt auf; dann nimmt sie das 
Tuch, wirft es um sich, stürzt davon. 

, Vorbans. 



307 



ZWEITER AKT 

Das Zimmer des Offiziers Max. Ziemlich klein. Rechts vorn Ein- 
gangstür. Links hinten ein einfacher Vorhang^ geschlossen., der zu 
einem Alkoven führt. Hinten rechts ein Schrank. Vorn rechts ein 
Tisch., vor dem ein Sessel steht. Hinten ein Fenster, das auf den 
Kasernenhof hinausgeht. Über dem Hof liegt Mondschein. Der Hof 
ist sehr geräumig und rückivärts durch eine Mauer geschlossen. Das 
Zimmer ist parterre gedacht. Links in der Ecke ein eiserner Ofen. 
Neben dem Fenster links eine Etagere, einige Bücher, oben Flasche 
und Trinkgläser. An der Wand links vorne Waffen. Neben der 
Türe rechts ein Kleiderrechen^ an dem ein Mantel hängt. 



Erste Szene 

Wenn der Vorhang aufgeht, sitzt MAX vor dem Tisch, auf dem 
eine Kerze brennt, und ordnet Papiere und Briefe. Er steht auf 
und verbrennt einige von den Briefen in dem Ofen. — Zwei Soldaten 
gehen am Fenster vorbei, zzvanglos plaudernd. Dann eine Patrouille, 
aus vier Soldaten bestehend. — In der Ferne ein Trompetensignal; 
dann tviedcr Stille. Max geht an den Tisch zurück. Der UNTER- 
OFFIZIER tritt von rechts ein, 

MAX. Du bist's ? . . . Was gibt's ? 

DER UNTEROFFIZIER. Melde gehorsamst, alles 
in Ordnung. 

MAX. Also auch die zwei Mann wieder eingerückt ? 

DER UNTEROFFIZIER. Jawohl. Vor einer Vier- 
telstunde gekommen. Habe sie für morgen zum Rap- 
port bestimmt. 

MAX. Für morgen — ? ... Es sei ihnen geschenkt. 
Der Herr Oberst weiß noch gar nicht, daß sie abgängig 
waren. Jetzt ist keine Zeit mehr zu strafen, guter 
Freund. — Was denkst du, Sebastian, wollten sie sich 
wirklich aus dem Staube machen ? 

DER UNTEROFFIZIER. Melde gehorsamst, sie 
sind wieder da. 

MAX. Ich hab' es gewußt, daß sie wieder da sein 
werden zu rechter Zeit. In unserer Schwadron gibt's 
keine Feiglinge. Im übrigen komm' ich vorm Schlafen- 
gehen noch einmal ins Mannschaftszimmer und werde 



308 



selber mit den zwei Leuten sprechen. — Nun, und 
du ? Hast du den Deinen Lebewohl gesagt ? 

DER UNTEROFFIZIER. Jawohl, Herr Leutnant. 
Meiner Mutter, meinem Vater und meiner Braut. 

MAX. Auch eine Braut — ? Schon lange ver- 
sprochen ? 

DER UNTEROFFIZIER. Ein Jahr lang, Herr 
Leutnant. 

MAX. O, so eine ernste Sache! Ich dachte, du seist 
ein lustiger Bursche — ? 

DER UNTEROFFIZIER. Zu Befehl, auch lustig 
bin ich. Aber dann sag' ich nicht ,, Braut". Es gab 
manche, die nicht meine Bräute waren. 

MAX. Die aber, der du heute Lebewohl sagtest, 
die wolltest du heiraten ? 

DER UNTEROFFIZIER. Zu Befehl, Herr Leut- 
nant. Zu Neujahr wollt' ich meinen Abschied nehmen, 
Herr Leutnant. 

MAX. So. Du hast wohl vergessen, was der Oberst 
sagte: er nehme es auf sich, jeden Mann nach Hause 
zu entlassen, der danach verlangte. 

DER UNTEROFFIZIER. Herr Leutnant, es hat 
mancher ein junges Weib wie der Herr Oberst und 
mancher eine Braut wie ich — und es hat keiner um 
Entlassung angesucht. 

MAX. Nun, w^er weiß — du kommst am Ende zurück. 

DER UNTEROFFIZIER. Von uns kommt keiner 
zurück. Es ist uns bekannt, Herr Leutnant. 

MAX. Was ist dir bekannt ?.. . Unsinn! Ihr seid 
nicht zum Tode verurteilt. Es gibt immer ein paar, 
die davonkommen, die ganz heil bleiben oder von ihren 
Wunden genesen 

DER UNTEROFFIZIER. Herr Leutnant, auch 
wir haben einander zugeschworen, daß keiner zurück- 
kommt, so wie die Herren Offiziere. Wir sind alle 
blaue Kürassiere. 

MAX. Es ist gut. Auf morgen. Er will ihm die Hand 
reichen. 



309 



DER UNTEROFFIZIER nimmt sie nicht. Wir haben 
wohl noch einige Tage vor uns, Herr Leutnant — ? 
Wer weiß, wann wir vor dem Feind stehen werden; 
es kann auch eine Woche dauern. 

MAX. Ah, hältst du die Ehre meines Händedrucks 
für so groß, daß du sie nur vor der letzten Nacht an- 
nehmen möclitest ? 

DER UNTEROFFIZIER. Herr Leutnant — 

MAX. Und woher weißt du so bestimmt, daß nicht 
einen von uns schon heute der Teufel holt ? 

DER UNTEROFFIZIER. Wir stehen alle in Gottes 
Hand. Ab. 

MAX allein, nimmt wieder einige Briefe und wirft sie in den Ofen. 

Es geben einige Soldaten am Fenster vorbei^ einer lacht auf; dann 
ist es wieder still. 

MAX zum Tisch bin, schreibt etwas auf ein Blatt. 



Zweite Szene 

MAX. Der OBERST erscheint am Fenster, im ]\Tantel. 

DER OBERST bleibt stehen und blickt herein. Erst nach 
zwei Sekunden sagt er. Guten Abend, Max. 

MAX wendet sich, steht auf. Guten Abend, Herr Oberst. 

DER OBERST. Noch nicht zu Bette gegangen, 
Herr Leutnant . . . gar noch bei der Arbeit ? Testa- 
ment gemacht am Ende? 

MAX. Meine Uniform nehme ich mit, Herr Oberst, 
meine Gage kann ich niemandem vererben. 

DER OBERST. Hat Sie gefroren, Herr Leutnant ? 

MAX. Mich ? . . . 

DER OBERST. Dort in der Ecke glimmt es noch. 

MAX. Ich habe alte Papiere verbrannt, Herr Oberst. 

DER OBERST. Da sehen Sie nur zu, Herr Leutnant, 
daß nichts Halbverbranntes im Ofen zurückbleibt, 
unter der Asche, angefangene Worte etwa. 

MAX. Es läge nichts weiter daran, Herr Oberst. 

DER OBERST. Da irren Sie. Ist Ihnen denn nicht 



310 



bekannt, daß in diesem Falle derjenige, der nach 
Ihnen diese Kammer bewohnen wird, Ihr Schicksal 
weiterleben müßte, genau dort, wo es unterbrochen 
wurde? 

MAX. Das hab' ich noch nie sagen hören. 

DER OBERST. Es mag auch sein, daß mir das eben 
nur durch den Sinn fährt, — aber es könnte trotzdem 
wahr sein. 

MAX. Wie soU ich das verstehen ? 

DER OBERST. Ist Ihnen das noch nie begegnet ? . . . 
Sie erinnern sich einer Landschaft, Sie wissen nicht: 
haben Sie sie geträumt oder wirklich einmal gesehen. 
EndHch kommen Sie in irgend eine Gegend, wo Sie 
niemals früher waren und finden Ihre Traumlandschaft 
wieder , . . 

MAX. Ähnliches glaub' ich schon erlebt zu haben. 

DER OBERST. Oder nehmen Sie zum Beispiel die 
Geschichte von der Flucht unseres Regimentes vor 
dreißig Jahren. Daß das Regiment geflohen ist, daran 
ist natürhch kein Zweifel möglich, — aber daß gerade 
die blauen Kürassiere die Schuld an jener Niederlage 
tragen, das ist möglicherweise nur erfunden, um un- 
serem Ausmarsch einen Reiz mehr zu geben. 

AlAX. Von wem könnte das erfunden sein ? 

DER OBERST. Von wem immer. Aber daß es 
nachträglich auch erfunden wurde, spricht das dagegen, 
daß es zugleich wahr sein könnte ? 

Zwei Kürassiere vorbei. 

DER OBERST. Noch wach ? . . . Wir haben morgen 
einen langen Ritt vor, geht schlafen. Gute Nacht. 

DIE BEIDEN KÜRASSIERE. Gute Nacht, Herr 
Oberst. Ab. 

DER OBERST zu Max. Ihre zwei Mann sind wieder 
zurückgekehrt ? 

MAX. Jawohl; sie sind zurückgekehrt. Herr Oberst 
wußten — ? 

DER OBERST. Ja, ich wußte. Pause. — Sie waren 
sehr still heut an der Tafel, Herr Leutnant. 



311 



MAX. Nicht stiller als sonst meine Art ist, Herr 
Oberst. 

DER OBERST. Die andern alle waren etwas lauter 
als sonst, — als hätten sie etwas zu überschreien ge- 
habt in ihrer Seele, — Nun, Max, Hand aufs Herz: 
Tut es Ihnen nicht ein wenig leid ? 

MJX. Herr Oberst — ! 

DER OBERST. Ich meine, daß Sie nur eine einzige 
Schlacht mitmachen werden. 

MAX. Ich denke, Herr Oberst, es läßt sich zur Not 
auch in einer Stunde so viel erleben, daß einem zu 
erleben nichts mehr übrig bleibt. 

DER OBERST. Das sagt sich so, Max. Überlegen 
Sie doch einmal. Vergessen Sie einen Moment, daß 
ich Ihr Oberst bin, vergessen Sie, daß wir beide Sol- 
daten sind, — bedenken Sie auch, daß dieses Gespräch 
wahrscheinlich in weniger als sieben Tagen für alle Zeit 
verweht sein wird . . . Hören Sie, Max: Ich werde, 
bevor es ernst wird, eine sehr verläßliche Ordonnanz 
nach Wien an den Kaiser schicken müssen — wären 
Sie bereit, diese Mission zu übernehmen ? 

MAX. Herr Oberst, was soll das — ? 

DER OBERST. Verstehen Sie mich nur recht, ich 
frage Sie. Auch wenn Sie am Leben bleiben, werden 
Sie in der Lage sein, dem Vaterlande Dienste zu lei- 
sten, . , . vielleicht sogar bessere, als wenn Sie — einer 
mehr gewesen sind. 

MAX. Bin ich nicht ein Leutnant von den blauen 
Kürassieren, Herr Oberst ? 

DER OBERST. Max, prüfen Sie sich doch, ob es 
Ihnen ganz ernst ist mit dieser Lust zu sterben. 

MAX. Herr Oberst fragen mich . . . ? 

DER OBERST. Lieber, ich bin neunundvierzig, und 
Sie 

MAX. Siebenundzwanzig, Herr Oberst. 

DER OBERST. Wer weiß, wie ich heut an Ihrer 
Stelle dächte! 

MAX. Herr Oberst? 



312 



DER OBERST. Als ich in die Armee trat, war ich 
neunzehn, ich hatte Dienste genommen, um zu kämp- 
fen, und an dem Tag, da ich ins Feld rücken sollte, 
wurde der Friede geschlossen. Da war mir natürlich 
zumute wie einem, dem man die Türe vor der Nase 
zuschlägt. Und vor der Türe stand ich zehn, zwanzig, 
dreißig Jahre — bis heute. Man tut da allerlei, um sich 
die Zeit zu vertreiben. Keinem andern kann ja so was 
passieren wie unsereinem. Es gibt keinen Doktor, dem 
sie dreißig Jahre lang Puppen für Kranke in die Betten 
legen, — keine Advokaten, die an gemalten Verbrechern 
ihre Kunst probieren, — und sogar die Pfaffen predigen 
öfters vor Leuten, die wirklich an Himmel und Hölle 
glauben. Ich aber war gezwungen, meinen Beruf zur 
Spielerei zu machen. Bei Gott, ich weiß nicht, was ich 
am Ende noch angestellt hätte, Max, wenn's nicht end- 
lich doch dazu gekommen wäre ! . . . Aber ich traue dem 
Schicksal nicht, und da es Regimenter gibt, die nicht ins 
Feuer kommen, hab' ich für alle Fälle Vorsorge getrof- 
fen, daß es am Ende nicht wieder nur Spaß gewesen ist. 

MAX. Ich bin stolz, Herr Oberst, daß Sie mich 
Ihres Vertrauens würdigen. 

DER OBERST. Nun, da wir als Freunde zueinander 
sprechen, frage ich Sie nochmals, ob Sie meine Bot- 
schaft an den Kaiser überbringen wollen. 

MAX. Wenn es ein Befehl ist, werd' ich es tun, 
Herr Oberst. Aber es wird der letzte Dienst sein, den 
ich meinem Vaterland erweise. 

DER OBERST nach Pause. Max, Ihr Zug wird der 
erste sein. Sie werden an meiner Seite fechten. 

MAX. Ich danke, Herr Oberst. 

DER OBERST. Sie danken — ? 

MAX. Was denn erwarteten Herr Oberst ? 

DER OBERST. Und Sie lassen nichts zurück? 

MAX. Nichts. 

DER OBERST. Und sind siebenundzwanzig .... 

MAX. Ich habe keine Eltern mehr, Herr Oberst, 
und habe nie Geschwister gehabt. 



313 



DER OBERST. Auch ich habe keine Eltern und 
keine Geschwister. 

MAX. Ich habe auch keine Frau, Herr Oberst. 

DER OBERST. Keine Frau! Geben Sie so viel auf 
den kirchlichen Segen ? 

MAX. Herr Oberst fragten mich, ob ich nichts 
zurücklasse . . . Läßt man zurück, was man schon ver- 
gessen haben wird, wenn man am Zollhaus vorbei- 
reitet ? . . . Ich habe auch noch ein paar Flaschen Bur- 
gunder im Schranke stehen und sage doch nicht, daß 
ich was zurücklasse. 

DER OBERST. Es gäbe Leute, die sie Heber zum 
Fenster hinausgössen. 

MAX. Es ist eine Frage, ob man dazu das Recht 
hätte. 

DER OBERST. Warum nicht? Wenn sie nicht 
zufällig in einem fremden Keller liegen und ein an- 
derer die Schlüssel hat. 

MAX. Ein lustiger Vergleich, Herr Oberst, 

DER OBERST. Warum Vergleich ? . . . Ich sprach 
von Ihrem Burgunder, Herr Leutnant. 

Eine Patrouille gebt vorbei^ salutiert, der Oberst dankt. 

DER OBERST hart. Max. 

MAX. Herr Oberst? 

DER OBERST. Ich habe keine Zeit mehr, einen 
Zufall abzuwarten, der mir Beweise in die Hand spielte, 
und kam' einer in dieser Sekunde selbst, er hälfe nichts 
mehr. Denn wir hätten kein Recht mehr, um unser 
Leben zu spielen, da es ja nicht mehr uns gehört, 
sondern dem Kaiser, dem Vaterland — oder einem 
Wahn . . . Wie immer — wir dürften den Einsatz nicht 
zurückziehen, selbst wenn wir das Spiel mit einem Male 
abgeschmackt fänden. 

MAX. Ich weiß es, Herr Oberst. Doch versteh' ich 
nicht, was diese Worte mir gegenüber zu bedeuten 
haben. 

DER OBERST. In jedem andern Augenblick vor 
meine Frage hingestellt, hätten Sie das Recht, die Ant- 



314 



wort zu verweigern. In keinem andern Augenblick 
hätte ich Sie gefragt, sondern hätte mir die Antwort 
selbst verschafft, ohne Sie zu bemühen. Aber in diesem 
Augenblick nicht zu antworten, wäre niedriger als 
Feigheit, denn Sie haben nichts zu fürchten als mein 
Verstehen. 

MAX. Ich erwarte die Frage, Herr Oberst. 

DER OBERST. Brauche ich mit Worten zu fragen, 
oder soll mir Ihr Zögern Antwort sein ? 

MAX. Ich darf an Ihrer Seite fechten, Herr Oberst. 

DER OBERST sieht ihn lang an. Gute Nacht, Max. 
Er gebt. 

MAX allein^ bleibt eine fVeile am Fenster. 



Dritte Szene 

MAX. ALBRECHT von rechts ins Zimmer. 

ALBRECHT. Mit wem sprachst du eben, Max? 

MAX. Der Oberst bheb an meinem Fenster stehen; 
wir haben geplaudert. 

ALBRECHT. Er hebt dich sehr. Man sah es auch 
an der Tafel heute. Wie er dich anblickte! Als tät's 
ihm leid um dich. 

MAX. Er fühlt, wie ich ihn verehre. 

ALBRECHT. Nun, was sagte er ? Wann stehen wir 
dem Feind gegenüber ? 

MAX. Davon war nicht die Rede. 

ALBRECHT. War' es nur bald — in drei Tagen — 
morgen früh . . . alles ist besser als die Frist, die uns 
geschenkt ist. 

MAX. Ich erwartete dich nicht mehr, Albrecht. 

ALBRECHT. Ich kann nicht schlafen. Es trieb 
mich hin und her. Verzeih. Nun, ich will dich nicht 
länger stören. 

MAX. Du störst mich nicht. Ich habe nur mehr 
ein paar Minuten im Mannschaftszimmer zu tun, sonst 
bin ich fertig. 



315 



JLBRECHT. Bist du dessen ganz gewiß ? . . . Du 
würdest staunen, Max, wie viel du plötzlich zu tun 
hättest, wenn nur all das, was uns bevorsteht, hin- 
schwände wie ein Traum, und du morgen früh aufwach- 
test — mit einem Leben vor dir. 

MAX. Bist du's, der so spricht, Albrecht? Mir 
scheint, dich hat das Frauenzimmer schlaff gemacht. 
Es gab wohl Tränen am Ende ? 

JLB RECHT. Tränen ? . . . Die ist nicht von der Art. 

MAX. Ist sie wieder heim in ihr Dorf? 

ALBRECHT. Nein, noch nicht. Ich hab' sie bis 
vor das Haus ihrer Base geleitet. Sie wird deine Grüße 
bestellen. . . . Was fiel dir nur plötzlich ein ? Du hast 
des Mädchens doch seit dem Balle kaum gedacht. 

MAX. Kaum — du hast recht. Und doch ist mir 
heut, als wäre dies, gerade dies das einzige, was ich 
versäumt habe . . . Warum ist sie nicht gekommen ? 
Warum nickt ? Wie vor sieb. Vieles wäre anders ge- 
worden. 

ALBRECHT. Ihr Vater liegt auf den Tod, du hör- 
test es doch von Katharina, und läßt die Tochter nicht 
von seiner Seite. 

MAX. Wenn sie wirklich gewollt hätte — — 

ALBRECHT. Überdies soll sie verlobt sein. 

MAX. Wenn sie gewollt hätte, Freund ! 

ALBRECHT. Und zu allerletzt hat sie deiner wohl 
gerade so wenig gedacht als du ihrer. 

MAX. Heut denk' ich ihrer . . . Ach, ich wollte, 
sie wäre dagewesen zu rechter Zeit! Was mir sonst 
noch geblüht hätte, das weiß ich nicht, und um das 
kann ich nicht klagen, — dies aber ist ein versäumtes 
Glück, und vielleicht das beste, das mir bestimmt war 
. . . und ihr. Wahrhaftig, mir ist, als ging' ich um ihret- 
willen nicht so freudig, als ich sollte! 

ALBRECHT. Solltest du gar freudig — ? Ich 
glaube, das ist zu viel verlangt . . . von dir und von uns 
allen. Freudig meinethalben in Abenteuer, in Gefahren, 
aber doch freudig nicht in den sichern Tod! 

316 



MAX. Warum nicht ? Wenn man eine Schuld da- 
mit bezahlt, und wenn es die einzige Art ist, sie zu 
bezahlen — ? 

ALB RECHT. Schuld . . . ! Wenn's noch die eigene 
wäre, wenn wir selber einmal in unserem Leben vor 
einem Feinde davongelaufen wären! 

MAX. Es ist die gleiche Fahne, mein Lieber. Wir 
sind haftbar. Man muß die Zusammenhänge begreifen. 

ALBRECHT. Mir will die Sache nicht ein. — Unter 
uns: Der Oberst ist ein gar zu witziger Kopf, darum 
müssen wir sterben. Das ist bitter! 

MAX. Nichts über ihn. Ihr versteht ihn alle nicht! 

ALBRECHT lacht. 

MAX. Warum lachst du? 

ALBRECHT. Ich überlege, Max, ob du nicht eine 
persönliche Schuld in der allgemeinen willst aufgehen 
lassen und dafür deine Bewunderung noch mit in den 
Kauf gibst. 

MAX. Ihr kennt ihn nicht, sag' ich! 

ALBRECHT. Es khngt ja herrlich und in den Ge- 
schichtsbüchern wird sich's wunderbar lesen: „Die 
blauen Kürassiere luden vor dreißig Jahren eine Schmach 
auf sich, dann kam ein Held, um sie wieder abzuwaschen." 
Max! Keiner von allen, die damals kämpften und flohen 
ist mehr da, — gegen einen andern Feind ziehen wir 
aus und für einen andern Herrn, — die Fahne selber 
weiß nicht mehr, wer sie trug . . . der Teufel soll mich 
holen, wenn ich weiß, wofür ich mich niederschlagen 
lasse ! 

MAX. Warum sagst du das mir ? Geh doch zum 
Obersten. Er wird auf die traurige Kameradschaft gern 
verzichten. 

ALBRECHT. Das glaub' ich. Er fände auch ein 
sublimes Wort, um mich heimzuschicken. Aber ich 
hab' keine Lust, ihm Gelegenheit zu geben, den großen 
Mann vor mir zu spielen. Ich werde schweigen und 
größer sein als er. Von mir wird kein Heldenbuch be- 
richten, und ich werde doch zu sterben wissen wie er. 



317 



MAX. Und es nicht einmal verdienen. 

ALBRECHT. Der Oberst hat's dir angetan. Glaub' 
ich nicht, ihn zu hören ? . . . Ach, es sind Worte, Max, 
Worte! . . . Nie mehr übers Feld sprengen in lichter 
Frühe, den Himmel überm Haupt, — nie mehr an 
blühenden Lippen hängen, vom Dufte zitternder Brüste 
umweht, — kein Laut lebendiger Stimmen mehr für 
uns, kein Schimmer mehr für uns von Sonne und 
Sternen . . . hinsinken, bluten, verenden, eingegraben 

werden für alle Zeit wenn dir davor nicht graut, 

Freund, verstehst du weder Tod noch Leben! 

MAX. Geh schlafen, Albrecht; ich verspreche dir, 
mich morgen nicht mehr zu erinnern, was du heute 
sagtest. 

ALBRECHT. Du weißt, Max, mein Leben stand 
schon mehr als einmal auf eines Säbels Spitze, wiegte 
sich auf dem Hals eines wilden Pferdes oder sprang 
mit den Würfeln aus dem Becher, und ich glaube, 
in jedes Bahrtuch, das eigene Narrheit webte, hätt' 
ich mich lustig wie zu einem Mummenschanz gehüllt 
. . . aber diesmal — diesmal . . . Und wär's auch nicht 
für den Witz unseres Obersten, wär's auch für Kaiser 
und Vaterland, mir schien' es doch, als trüg' man uns 
für die Fahne eine wehende Narrenkappe voran, als 
sängen uns die Pfeifen ein Spottlied, als wirbelte die 
Trommel: warum ? . . . warum ? . . . 

MAX. Auf die, die nach uns sein werden, kommt 
es an, nicht auf uns. Sind wir nichts anderes, so sind 
wir ein Beispiel. 

ALBRECHT. Nach uns — ? Es kommt nichts nach 
uns. Wenn die Sonne herunterstürzt in Millionen 
Jahren, klingt's uns gerade so laut wie die Nachrede 
des Feidvikars an unserer Gruft. Nichts kommt nach 
uns. Alles stirbt mit uns. Unser eigener Mörder, 
während er uns den Dolch ins Herz gräbt, stirbt mit uns. 

MAX. Ich beklage dich, Albrecht. Wer nur an sich 
denkt, stirbt in jedem AugenbHck; wer die Zusammen- 
hänge begreift, lebt ewig. 

318 



ALBRECHT. Leb' wohl, Max. 
MAX. Ich begleite dich über den Hof; ich muß 
noch zur Mannschaft. Nimmmt den Mantel. 

Sie gehen beide ab. Man sieht sie über den Hof gehen, einer Wache 
begegnen, die nach der anderen Seite verschwindet. — Pause. 



Vierte Szene 

MARIE kommt rasch von rechts herein, als würde sie verfolgt. Sie 
kommt in die Mitte des Zimtners, atmet tief auf; dann sieht sie durch 
das Fenster in den Hof und weicht wieder zurück, als wollte sie sich 
verbergen. Plötzlich hört sie Schritte; sie bleibt abwartend mit 
leuchtenden Augen stehen, sie lauscht; man hört Stimmen draußen 
auf dem Gang, die Stimmen kommen näher, bis an die Türe. Marie 
eilt nach rückwärts^ verbirgt sich hinter dem Vorhang. 



Fünfte Szene 

MARIE hinter dem Vorhang. — MAX tritt ein, im Mantel, den 
er dann über den Stuhl am Tische fallen läßt, mit IRENE. 

MAX. Was fällt dir ein?! 

IRENE. Nun bin ich eben da. 

MAX. Wie wagtest du dich fort ? 

IRENE. Er ist noch nicht daheim. 

MAX. Vor einer Viertelstunde war er hier. 

IRENE. Bei dir? 

MAX. Hier am Fenster stand er und sprach mit mir. 

IRENE. Sprach mit dir — ? Weiß er ? 

MAX. Er ahnt. 

IRENE. Mag er. Jetzt ist alles gleichgültig. 

MAX schließt das Fenster und zieht die Vorhänge vor. 

IRENE. Höre, ich muß mit dir reden! 

MAX. Nahmen wir nicht schon Abschied ? Was 
soll es ? 

IRENE. Wie ? Hat mein Held am Ende Angst ? 

MAX. Angst . . . ? Ich wollte lieber — was ich ja 
nicht mehr zu wollen brauche, als vor ihm gestanden 
sein, wie ich stehen mußte! 

IRENE. Wahrhaftig, es ist etwas geschehen, was im 



319 



Weltenlauf noch nicht erhört war: Ein junger Mann hat 
einem Graukopf die Frau gestohlen! 

MAX. Wie zu einem Freunde sprach er zu mir — 
wie zu einem Sohne . . . und ich habe ihn belogen! 

IRENE. Wie zu einem Freunde . . . Und doch bist 
du so wenig sein Freund gewesen, wie ich jemals seine 
Frau war. Nie ist ihm irgend ein Mensch etwas ge- 
wesen. Du denkst, wir leben mit ihm unter Sonne und 
Sternen, und wir sind ihm nichts als Partner an einem 
Spieltisch. 

MAX. Das Spiel heut hätte ich gewonnen, wenn ich 
die Wahrheit gesprochen hätte. Er hätte mir verziehen, 
und ich stand stumm, ich fürchtete sein Verstehen. 

IRENE. Willst du ? Ich bringe ihn her, wenn's dich 
danach verlangt. 

MAX. Nun wäre es zu spät — alles ist vorbei. 

IRENE. Nichts ist vorbei . . . für mich nichts! Ich 
liebe dich! 

MAX. Warum wirfst du mir's ins Gesicht wie 
einen Fluch ? 

IRENE. Es bedeutet nichts anderes, wenn du mir 
nichts besseres zu erwidern weißt. 

MAX. Was willst du von mir ? Sagten wir uns 
nicht Lebewohl auf ewig ? . . . Dort in der Asche glim- 
men deine Briefe, deine Rosen. Drei Tage noch, und 
meine Schuld war beglichen! Warum kommst du noch 
einmal ? . . . Glühen deine Augen mich wieder an, . . . 
hauchst du mir deinen rasenden Atem über die Wangen, 
so fühl' ich, was ich nicht mehr fühlen darf. Ich habe 
nicht mehr zu geben als mich ... zu Ende war's, Irene, 
— zu Ende unser Abenteuer, unsere Lüge, unsere Lust 
warum kommst du noch einmal? 

IRENE. Lust, Lüge, Abenteuer sind vorbei — ja. 
Nun will ich besseres erleben! 

MAX. Keiner kehrt zurück. Wenn die Sonne mor- 
gen aufgeht, gehört dir die Welt. 

IRENE. Und dir, wenn du Mut hast! 

MAX. Du bist nicht bei Sinnen! 



320 



IRENE. Hast du mich so rasch verstanden ? 

MAX. Ich hasse dich, Irene! 

IRENE. Liebst du mich so sehr? 

MAX. Wonach verlangt dich ? Hast du mein Leben 
noch nicht mit Schmach genug erfüllt ? . . . Willst du 
ergründen, yv\t v^^eit du einen zu treiben vermagst, der 
zu lügen begonnen ? 

IRENE. Und w^eißt du, vt^elche deine nächste Lüge 
wäre ? ... Einen Weg zu gehen, auf den es dich in 
Wahrheit doch nicht lockt. 

MAX. So wäre sie doch die letzte und machte alle 
früheren und sich selber gut. 

[RENE. Glaubst du, wenn es eine Sühne gäbe, dies 
wäre eine ? Meinst du, aller hohe Sinn wäre darin be- 
schlossen, daß man sterben will und kann ? 

MAX. Und hätt' ich nichts zu sühnen, ging' ich 
dann nicht von hier ? Ist dies denn nur ein Handel 
zvdschen mir und deinem Gatten ? . . . Hätte ich dich 
niemals gesehen, ging' ich dann nicht den gleichen Weg 
wie die andern ? 

IRENE. Hätt' ich doch Kraft, sie alle zurückzu- 
halten ! Wie viel Jugend schwindet sinnlos aus der Welt ! 

MAX. Warum hängst du dich an mich ? Gibt es 
nicht Hunderte, die williger und erbärmlicher wären 
als ich ? ... Und gibt es nicht Hunderte, mit denen 
du glücklich sein könntest, ohne von ihnen zu verlangen, 
daß sie Schurken werden ? 

IRENE. Aber gäb's ein tolleres Glück, als von einem 
geliebt zu werden, der für mich zum Schurken zu wer- 
den glaubt, und ihn zum Bewußtsein erwachen zu sehen, 
daß er nur klug gewesen ist ? — Höre, Max, ich bringe 
dir einen fertigen Plan. Mit den andern allen reitest 
du morgen früh davon. In Wiener-Neustadt ist eure 
erste Rast; dort läßt du dich vom Pferd sinken, man 
kennt dich als den Bravsten von allen, niemand wird 
zweifeln, daß du ernstlich krank bist. Die andern ziehen 
weiter, du bleibst zurück. Ich aber warte — nicht 
hier in der Stadt; — zwei Stunden weit von dir, an 

Theaterstücke. III, 21. 521 



der ungarischen Grenze, in Eisenstadt unter fremdem 
Namen wart' ich dein. Sobald es mögHch — nicht zu 
früh, du wirst vorsichtig sein — eilst du zu mir. Für 
Wagen und Pferde wird gesorgt sein. Kommst du, 
so sind wir gleich auf der Fahrt, auf der keiner uns 
sucht, keiner uns einholt — wir fahren weit fort, wo- 
hin du willst — nach dem Süden, dem Osten, nach 
Griechenland, nach Sizilien — weiter noch, übers 
Meer, in ein Land, wo niemand uns kennt, niemand 
uns kümmert. Ich bin reich, Max, wir können bleiben, 
wo es uns gefällt. Ein neues Leben hebt an . . . alles 
vergangene — Schatten, eingetrunken von der nächtigen 
Ferne, die keine Macht mehr hat über uns. Niclit 
hingemordet wirst du für ein Vaterland, das dir's nicht 
dankt . . . nicht namenlos eingescharrt mit andern 
Namenlosen, vergessen wie die! . . . Du wirst atmen, 
lachen, leben ! Aber nicht mir verfallen in gemeinsamer 
Schuld, wie du fürchten magst — nein, frei wie ich und 
dem Dasein zurückgegeben, dem lockend unerbitt- 
lichen, das dich nicht wieder aufnimmt, wenn du ihm 
einmal den Dienst leichthin gekündigt . . . Sag' ja . . . 
Nein, antworte nichts, und es soll mir ein Ja bedeuten! 
Ich eile nach Hause — morgen früh schon verlass' ich 
die Stadt, in drei Tagen hab' ich dich wieder. 

MAX. Genug. Ich will dich nicht hören ! . . . 
Klingt ihr heut aus allen Ecken hervor, lockende, er- 
bärmliche Stimmen des Lebens?... Ich verachte 
euch! verachte euch! . . . Verschwendet sind deine 
Worte, Irene. Geh . . . geh rasch! Du hättest zu viel 
gewagt um nichts, Irene. Geh! 

/;/ diesem Augenblick klirrt das Fenster. 



Sechsie Szene 

Die VORIGEN, der OBERST. 
DER OBERST springt durchs Fenster berein, reißt die Vof- 
bange auseinander, steht plötzlich da. 
Pause. 



322 



MAX. Man hätte Ihnen die Türe geöffnet, Herr 
Oberst. 

DER OBERST. Dieser Weg schien mir sicherer 

MAX. Herr Oberst, ich beschwor Irene, mich noch 
einmal zu sehen. 

IRENE. Es ist nicht wahr! Ich hab' ihn angefleht, 
daß er dir nicht folge, und es war vergebHch. 

DER OBERST. Es zeigt sich, daß Lüge und Wahr- 
heit zuweilen gleich abgeschmackt klingen. Vielleicht 
hättet ihr schweigen sollen. 
Pause. 

IRENE. Nun ! Was soll wieder das ? Was hast du 
vor ? . . . Du siehst, daß ich nicht zu fliehen versuche 
und nicht schreie . . . Juckt es dich, den Großmütigen 
zu spielen ? . . . Ich glaub' dir's so wenig wie alles andere. 
Auch in diesem Augenblick empfindest du nichts, nichts 

— nichts! Du willst deine Rolle gut zu Ende spielen, 
das ist alles ... Ja sieh mich nur an. Ich, deine Gattin, 
spreche so zu dir, denn ich kenne dich. Nun ja, was 
starrst du mich so an ? Ich bin es ! 

DER OBERST. Bist du's ? Schade, daß deine Wahr- 
heiten beinah so kurzen Atem haben als deine Lügen. 

— Du warst es, Irene. Erschießt sie, 
IRENE fällt tot zu Boden. 

MAX zu ihr nieder. Nun an mich, Herr Oberst! 

DER OBERST schüttelt den Kopf. Nein. 
Pause. — Es klopft. 

EINE WACHE von draußen. Herr Leutnant! 

MAX. Was gibt's ? Was willst du ? 

DIE WACHE. Herr Leutnant — 

MAX. Ich liege schon zu Bett, ich kann nicht öffnen. 

DIE WACHE. Ein Schuß ist gefallen, Herr Leut- 
nant. 

MAX. Ja — ich bin wohl davon erwacht . . . Nun ? 
Weißt du nichts Näheres ? 

DIE WACHE. Nein. Der Herr Unteroffizier befahl 
mir, die Meldung zu erstatten. Er selbst inspiziert die 
Mannschaftszimmer. 



323 



MAX. Es ist gut. Wenn was geschehen und noch 
zu helfen ist, so wecke man den Arzt Mich laßt schla- 
fen bis morgen. 

DIE WACHE. Zu Befehl, Herr Leutnant. Seine 
Schritte verhallen auf dem Gang. 

Pause. 

MAX zum Oberst. Was beschließen Herr Oberst 
mit mir ? 

DER OBERST. Nichts, Herr Leutnant. — Nur 
bitte ich Sie, dafür zu sorgen, daß dieser Mord mor- 
gen nicht vor unserem Abmarsch entdeckt werde — 
und — da ich noch etwas zu tun habe und Sie 
wahrscheinlich nichts mehr — ihn für alle Fälle auf 
sich zu nehmen. Es wird Ihnen nicht schwer werden . . . 
Sie sind ja das Lügen gewohnt. 

MAX. Herr Oberst, es wäre menschlicher gewesen, 
es in einem abzutun. 

DER OBERST. Menschlicher — ja. Aber das lag 
nicht in meiner Absicht. Er gebt. 



Siebente Szene 

MAX, MARIE. 

MAX bleibt regungslos stehen, dann beugt er sich wieder zur 
Leiche herab. Dann steht er auf, gebt zu dem Tisch hin und nimmt 
den Revolver zur Hand. In diesem Augenblick tritt Marie hinter 
dem Vorhang hervor, totenblaß und ruhig. Was ist das ? — 

MARIE bleibt stehen mit halbgeöffneten Lippen. 

MAX. Bist du's? ... Du warst hier? 

MARIE nickt. 

MAX stellt ihr durch eine Handbewegung anheim fortzugehen. 
MARIE bleibt stehen. 

MAX. Du bleibst? 
MARIE nickt. 

MAX. Und weißt du, daß ich em Ende machen 
muß, ehe die Sonne aufgeht ? 
MARIE. Ich weiß. 



324 



MAX. Und bleibst — ? 

MARIE. Ich bin gekommen. 

MAX, Fort . . . fort! Er nimmt sie mit einem Arm und 
mit dem andern den Mantel^ der über dem Stuhle hängt, hüllt sich 
und sie darein, eilt mit ihr davon. Hinter sich versperrt er die Türe. 

Die Szene ist nun leer; nur die tote Irene liegt auf dem Fußboden . . , 
Draußen Ruf einer Patrouille . . . Ferne Trompetenstöße. 

Vorbang. 



325 



DRITTER AKT 

Kleiner Garten. Links ein einfaches, Kcißes, längliches Parterre- 
häuschen, die Fenster von Blumen umrankt. Neben der Tür, ans 
Haus gerückt, eine Bank. Vorne rechts im Garten, unter einem 
Nußbaum, ein weißer Tisch und weiße Sessel. In der Mitte des 
Gartens Blumenbeete und blühende Rosensträuche. Der Garten ist 
hinten durch einen nicht z:i niedern Zaun abgeschlossen. In der Mitte 
des Zauns eine Türe. Längs dieses Zauns läuft ein schmaler JVeg. 
An den JVeg grenzt eine weite IViese, die allmählich ansteigt. Hinten 
Wald, Hügcllandschaft. Auf dem betvaldetcn Hügel im Hintergrund 
eine Lichtung, die den Blick auf hohe Berge frei läßt. Rechts hinten 
rückt der Wald nahe an den Garten. Maimorgen. Stiller blauer 

Himmel, Sonne. 

Zuweilen laufen Kinder über die Wiese, spielen wohl auch eine 

Weile am Waldesrand. 



Erste Szene 

Der ARZT und der ADJUNKT treten aus dem Hause in den Garten. 

DER ADJUNKT. Weder Frau Richter noch Marie 
sind daheim, wie Sie sehn. Ich dachte mii's. Frau Rich- 
ter wird wohl in der Kirche sein. 

DER ARZT. Sie glauben? 

DER ADJUNKT. Seit Katharina verschwunden 
ist, soll sie halbe Tage dort verbringen, wie ich 
höre. 

DER ARZT. Und betet wohl zum Himmel um 
ihrer Tochter Wiederkehr. 

DER ADJUNKT. Ob sie das wünschen sollte . . . ? 

Sie sind beide tiefer in den Garten getreten. 

DER ARZT. Diese Gegend hier ist schön. Welch 
ein Frieden über der Landschaft. Wie reich die Fel- 
der stehn. 

DER ADJUNKT. Es ist ein gesegneter Strich 
Landes. 

DER ARZT. Dort, wo Sie jetzt hinkommen, sieht 
es wohl wilder aus ? 

DER ADJUNKT. Düsterer gewiß. Höhere Berge, 
ragende Felsen, die Wälder schwärzer als hier. Pause 

326 



DER ARZT setzt sich nieder. Glauben Sie, daß Marie 
mit ihrer Tante in der Kirche ist ? 

DER ADJUNKT. Möglich. Ich weiß übrigens gar 
nichts von ihr. Ich habe sie nicht gesehn, seit sie mit 
Frau Richter zurückgekommen ist. 

DER ARZT. Nicht einmal gesehn ? Nur nicht ge- 
sprochen, dacht' ich. 

DER ADJUNKT. Auch nicht gesehn. Ich bin 
heute das erste Mal seit meiner Rückkehr aus der Ein- 
samkeit meines Forsthauses ins Dorf herabgestiegen. 

DER ARZT. Sie sprachen aber schon mit Frau 
Richter ? 

DER ADJUNKT. Ja. Frau Richter hat mich näm- 
lich noch am Tage ihrer Ankunft aufgesucht. 

DER ARZT. Sie war bei Ihnen? 

DER ADJUNKT hat sich auch gesetzt. Ja. Ich sollte 
ihr sagen, wo Katharina wäre. Sie bildete sich mit einem 
Male ein, ich müßte es wissen . . . Aber seither habe ich 
sie nicht wieder gesehn. 

DER ARZT. Das sind nun beinahe drei Wochen her. 

DER ADJUNKT. Ja. Sie sprach damals auch von 
Ihnen und zwar mit vieler Dankbarkeit. Sie seien ihr 
so hilfreich zur Seite gestanden in jenen schweren 
Tagen. 

DER ARZT. Hilfreich — ! Es war nicht sonderhch 
viel, was ich für sie tun konnte. 

DER ADJUNKT. Sie sind mit ihr dem Sarge des 
alten Moser gefolgt . . . ? 

DER ARZT. Ja. Das hab' ich getan. 

DER ADJUNKT. Nur Sie und Frau Richter nah- 
men an dem Begräbnis teil ? 

DER ARZT. Ja. Er hatte keine Freunde, die seinen 
Tod beweinten. Nur wir beide standen an seinem 
Grabe. 

DER ADJUNKT. Und Marie? 

DER ARZT. Marie hatte ich es geradezu verbieten 
müssen, auf den Friedhof mitzugehn. Sie war voll- 
kommen darnieder. Ich fand sie morgens am Totenbett 



327 



ihres Vaters sitzen, der in der Nacht gestorben war, 
wie eine ... ja wahrlich, als hätten sie nicht allein ihx-es 
Körpers Kräfte verlassen. Bedenken Sie nur, Herr 
Adjunkt, die Monate, die Jahre, die sie als Kranken- 
wärterin dieses alten, bösen Mannes durchzumachen 
hatte ! 

DER ADJUNKT bat ihn aufmerksam betrachtet. Ja die 
mögen furchtbar genug gewesen sein. Pause. Und 
auch wegen der verschwundenen Katharina haben Sie 
sich bemüht, sagte mir Frau Richter, 

DER ARZT. Bemüht ? Ich habe die Anzeige er- 
stattet, das war alles. Was könnt' ich andres tun? 

DER ADJUNKT. Die Anzeige? Will man sie 
durch die Polizei zurückholen ? 

DER ARZT. Das könnten Sie der Mutter nicht 
verdenken. Aber natürhch hat die Behörde in diesen 
Zeitläuften wichtigeres zu tun, als sich um ein ver- 
schwundenes Mädchen zu kümmern . . . 

DER ADJUNKT. Das glaub' ich. Es kommen 
schlimme Nachrichten von der Grenze. 

DER ARZT. Die Erregung bei uns in der Stadt 
wächst ins Ungeheure, zugleich Teilnahme und Opfer- 
mut. Erst auf dem Weg hierher sah ich einen Zug von 
freiwilligen barmherzigen Pflegerinnen, der sich zum 
Heere begibt. 

DER ADJUNKT. Der Feind soU tiefer ins Land 
gerückt sein. Und Gefechte gibt's Tag für Tag, die 
keine Entscheidung bringen. 

DER AR7.T. Es hat sich viel ereignet in der Welt, 
seit wir die blauen Kürassiere von jenem Fenster aus 
vorbeireiten sahen. 

DER ADJUNKT. Ob ihnen schon Gelegenheit 
geboten war, ihren Todesschwur zu halten — ? 

DER ARZT. Wenn es geschehen ist, so wird man 
bald davon hören. 

Glockenschläge vom Kirchturm. 

DER ARZT. Wann müssen wir aufbrechen ? 

DER ADJUNKT. Es eilt nicht eben. Unser Ge- 

328 



pack hab' ich nach Hasbach voraussenden lassen, das 
kaum drei Stunden von hier entfernt ist. Dies hier ist 
das letzte Haus im Dorfe. Gleich von hier aus können 
wir unsere Wanderung antreten. 

DER ARZT nach einer kleinen Pause, herzlich. Nun will 
ich Ihnen doch sagen, lieber Freund, daß Sie mein 
Herkommen nicht etwa als . . . Zwang auffassen dürfen. 

DER ADJUNKT. Warum sollt' ich? 

DER ARZT. Es hat sich manches verändert, auch 
in unserer kleinen Welt, seit dem Tag, da wir unsere 
gemeinschaftliche Wanderung verabredet haben. 

DER ADJUNKT. Und wenn auch . . . 

DER ARZT. Sie werden vielleicht doch vorziehn, 
hierzubleiben. 

DER ADJUNKT. Hierzubleiben? 

DER ARZT. Solange es Ihnen eben möghch ist — 
und dann auf dem kürzesten Weg in Ihr neues Revier 
abzureisen. 

DER ADJUNKT. Hierbleiben ? Was sollt' ich hier ? 

DER ARZT. Vielleicht, daß doch von Katharina 
irgend eine Nachricht eintrifft, oder daß sie selbst . . . 

DER ADJUNKT. Und wenn sie wieder käme . . . 
ich glaub' es ja nicht . . . aber wenn sie wirklich wieder- 
käme . . . heute, morgen, irgendwann — was könnte 
das mir bedeuten ? Menschen, die man einmal ver- 
loren hat, mit oder ohne Schuld, kehren doch nur als 
Gespenster wieder; wenn auch ihre Wangen von Leben 
glühn. 

DER ARZT. Das mag wahr sein. 

DER ADJUNKT. Nein, lieber Freund, mich hält 
hier nichts zurück. Sie können mir's glauben. Nichts 
hält mich hier. Es treibt mich eher fort. Auch wenn 
es nicht mein Amt wäre, das mich anderswohin riefe, 
diesen Ort verüeße ich auf jeden Fall. Ich will es Ihnen 
gestehen, kaum hielt es mich noch Ihre Ankunft abzu- 
warten. Als Sie heute morgens das Forsthaus betraten, 
das ich nun nie mehr wiedersehen werde, war ich sehr 
froh. Wie dank' ich Ihnen, daß Sie Ihr Wort gehalten 



329 



haben, daß Sie mit mir über die Berge wandern wollen 
in meine neue Heimat. Wie lange währt Ihr Urlaub ? 

DER ARZT. Nicht länger als unsere Wanderung 
dauern wird. Aber auch ich kehre nicht wieder in die 
Stadt zurück, wenigstens in der nächsten Zeit. Und 
sobald ich Sie verlassen habe, setze ich meine Reise an 
die Grenze fort. Ich habe Dienste in der Armee ge- 
nommen. 

DER ADJUNKT. Wie? 

DER ARZT. Ja, ich rücke ein, als Arzt selbstver- 
ständlich. Aber auch in dieser Eigenschaft denk' ich, 
kann man allerlei erleben. Ja, sehen Sie, auf meine 
alten Tage überfällt mich eine ganz seltsame Sehnsucht 
nach Abenteuern. 

DER ADJUNKT. Das war' es — ? 

DER ARZT. Und solch eine Gelegenheit kommt 
nicht so bald wieder. Glauben Sie nicht, daß es für 
mich die höchste Zeit ist, jung zu werden? Ich bin 
es nie gewesen. Man soll doch das auch einmal versu- 
chen, eh' es zu spät ist. Glauben Sie nicht ? 

DER ADJUNKT siebt ihn lange an. Sie haben Marie 
geliebt ? 

DER ARZT. Geliebt ? Wir haben immer nur die 
paar Worte. Zugedacht von jener höhern Macht, die 
wir vielleicht auch nicht gerade mit Namen nennen 
müssen, war sie doch wohl Ihnen. 

DER ADJUNKT. Das hab' ich auch einmal ge- 
glaubt. Nun aber ist sie mir entrückter als irgend ein 
andres Wesen in der Welt. Fremder als Menschen, die 
ich nie gekannt habe, als Menschen, die ich niemals 
kennen werde. Vergeblich horch' ich in meine 
eigne Seele, einmal noch den Wohllaut ihrer Stimme 
zu vernehmen, wie er früher mir so milde entgegen- 
klang. VergebUch müh' ich mich, ihre Gestalt so 
wiederzusehn, wie sie einst im Frieden dieser Land- 
schaft mir entgegentrat, Ernst und Reinheit auf der 
Stirn, Helle und Sicherheit in den Augen. Wenn ich 
jetzt ihrer denke, erscheint mir ihr Anthtz von der 



330 



Qual wilder Wünsche jammervoll verzerrt, und ihre 
Stimme gellt mir in der Erinnerung wie die einer 
Wahnsinnigen im Ohr. 



7,weite Szene 

Der ARZT, der ADJUNKT. Die TANTE komm! auf dem Weg 
längs des Zaunes. 

DIE TANTE noch draußen. Wer ist's denn ? Sie, Herr 
Doktor, Sie ? Herein, sehr erregt. Von der Kath'rin! . . . 
Bringen Sie mir eine Nachricht von der Kath'rin ? 

DER ARZT. Von Katharina habe ich leider nichts 
in Erfahrung gebracht, Frau Richter. 

DIE TANTE. Nichts! Nichts!! Sie wollen mir's 
nur nicht sagen. Sie wissen was ! . . . Herr Doktor, 
reden Sie . . . Sie können mir alles sagen . . . 

DER ARZT. Ich versichere Sie, Frau Richter daß 
ich nicht mehr weiß als Sie. 

DIE TANTE. So . . . So . . . Ja warum sind Sie 
denn hergekommen ? 

DER ARZT. Erinnern Sie sich denn nicht, liebe 
Frau Richter? Ich hab' Ihnen ja schon in der Stadt 
gesagt, daß ich den Herrn Adjunkten hier abholen und 
bei dieser Gelegenheit Sie und Fräulein Marie be- 
suchen würde. 
Kinder auf der Wiese, die nach einiger Zeit wieder verschwinden. 

DIE TANTE sich erinnernd. Ja, ja . . . Sein Sie mir 
nicht bös', Herr Doktor. Freilich, freilich . . . Sie ha- 
ben's mir ja versprochen. Das ist ja sehr schön von 
Ihnen, daß Sie Ihr Wort halten. Die Marie wird sich 
sehr freuen . . . Sie wird wohl bald da sein. Sie ist 
spazieren gegangen. Wollen Sie sich nicht nieder- 
setzen, Herr Doktor? Und auch Sie, Herr Adjunkt? 
Setzt sich. 

DER ARZT setzt sich. Wie schön Ihr Haus hier im 
Grünen liegt, Frau Richter. So abgeschieden und frei. 

DIE TANTE. Im Markt drin könnt ich nicht woh- 



331 



nen, es ist mir zu laut. Immer gibt's was, an Sonntagen 
gar, wenn sie aus den Dörfern hereinkommen zu uns. 
Jetzt, wie ich von der Kirche über den Platz gegangen 
bin, sind die Leute wieder zusammen gestanden und 
haben Neuigkeiten vom Krieg erzählt. 

DER ARZT. So? Haben Sie etwas näheres gehört, 
Frau Richter? 

DIE TANTE. Bei Haindorf hat's was gegeben; und 
viele hundert oder gar tausend sollen gefallen sein. Die 
Wahrheit zu sagen, ich hab' nicht recht zugehört. Bin 
auch nicht lang genug dort stehen geblieben. 

DER ADJUNKT ist stehn geblieben. Da will ich doch 
noch, eh' wir fortgehn, mich selbst erkundigen. Wenn 
Sie erlauben, Frau Richter, komm' ich hierher zurück, 
um den Doktor abzuholen und mich von Ihnen zu 
verabschieden. 

DIE TANTE ihn ansehend. Also fort, Herr Adjunkt ? 
Auf immer? 

DER ADJUNKT. Es wird wohl so werden. 

DIE TANTE. Wie lang mag's denn nun her sein, 
daß Sie in unsere Gegend gekommen sind, Herr Adjunkt? 

DER ADJUNKT. Im Herbst . . . wären es dreizehn 
Jahre geworden. 

DIE TANTE. Dreizehn Jahre — ja — wird schon 
stimmen. Dreizehn Jahre! Die Katharina war ein 
ganz kleines Kind, wie Sie ins Forsthaus gezogen sind . . . 
die Brigitte und die Anna haben noch gelebt und waren 
frisch und gesund beide . . . Dreizehn Jahre! Und jetzt 
sind sie alle fort. Drei Mädeln — eine nach der an- 
dern. Also ich wünsch' Ihnen glückliche Reise, Herr 
Adjunkt, und ein glückliches Leben, wenn's möglich 
ist. Es war wohl Gottes Wille, daß alles so gekommen 
ist mit der Katharina. Aber verstehn tu ich's nicht. 
Nein, wahrhaftig . . . Mein Hirn zermarter' ich mir, 
aber ich kann's nicht verstehn! . . . Daß sie fort ist . . . 
ach Gott, das begreif ich ja . . . Aber warum denn 
nicht einmal von der Mutter Abschied nehmen . . . 
warum nicht? Sie hätt' ja von mir aus hin dürfen, 



332 



wohin sie will — nur wissen, wissen hätt' ich was von 
ihr mögen . . , Alles, alles könnt' ich ihr verzeihn . . . 
sicherlich alles! Nur eins nicht: wenn sie draußen wo 
sterben müßt', ohne daß ich sie noch einmal gesehen 
h^be. 

Pause. 

DER ADJUNKT zum Arzt. Sehen Sie den Weg, der 
jenseits der Wiese den Hügel hinabsteigt? Das ist der 
unsre. Auf Wiedersehn. Ab. 



Dritte Szene 

Der ARZT, die TANTE. 

DIE TANTE, die dem Adjunkten nachgesehen hat. Aus un- 
serm Markt stehen auch sieben oder acht junge Burschen 
im Feld. Was geht's mich an. Wenn man seine eigenen 
Schmerzen hat, was kümmern einen dann die von den 
andern! ? Hätt' ich die eine nur da, Herr Doktor, nur 
für eine Stunde die eine, für ihre letzte Stunde die 
Eine — tausend, hunderttausend, das Land und der 
Kaiser, alles könnt' meinethalben zugrunde gehn. Sie 
schaun mich an, Herr Doktor ... Ja, das Unglück 
macht schlecht. 

DER ARZT. Schlecht? Auf Sie trifft das doch nicht 
zu, Frau Richter. Sie tragen ja mit Ergebung, was 
über Sie verhängt ist . . . gehn wohl auch zur Kirche, 
wie früher. 

DIE TANTE. In die Kirche geh' ich wohl, und 
manchmal sitz' ich stundenlang dort . . . ja, ja . . . aber 
glauben Sie, daß ich beten kann — oder will ? O nein. 
Da red' ich ganz andre Worte, als im Betbüchl stehn 
. . . Ganz andre ... So still für mich hin red' ich gar 
mancherlei . . . ganz still. Und wenn er's auch hört 
. . . der da droben. Er soll's hören, er soll's — ich 
furcht' mich nicht. 

DER ARZT ergriffen. Ich glaube sogar, — er würde 
Ihnen verzeihen . . . Und doch, Frau Richter, er- 



333 



scheint's Ihnen nicht in all dem Unglück beinahe wie 
eine Fügung ... als eine höhere Fügung, wie man zu 
sagen pflegt, daß Sie nicht ganz allein geblieben sind ? 
Daß gerade in diesen Tagen ein junges Wesen bei 
Ihnen im Hause weilt . . . und Ihnen Gesellschaft 
leistet ? 

DIE TANTE. Meinen Sie die Marie ? Von der hab 
ich meiner Seel' nicht viel. In aller Früh', wenn ich 
aufsteh', ist sie schon fort, geht im Wald herum oder 
weiß Gott wo. Und reden tut sie beinah kein Wort den 
ganzen Tag. Und wenn sie dasitzt bei mir und hinaus- 
schaut über die Felder und Wiesen, und redt kein Wort, 
da könnt' einem schier Angst werden. Ich versteh's ja 
gar nicht, daß sie so ist. Gott verzeih' mir die Sund' — 
aber es war doch eher eine Erlösung für sie, daß . . . 
der Vater gestorben ist. 

DER ARZT. Das darf man wohl sagen. 

DIE TANTE. Ich denk' mir sogar manchmal, es 
muß einen andern Grund haben, daß sie so sonder- 
bar ist. 

DER AR7A . Was vermuten Sie, Frau Richter? 

DIE TANTE. Vielleicht ist es was mit dem Adjunk- 
ten. Die ganze Zeit hat er sich nicht hier blicken las- 
sen. Heut das erste Mal. Vielleicht hat's zwischen 
ihnen was gegeben, wie das so zwischen jungen Leuten 
vorkommt. 

DER ARZT nickt. 

DIE TANTE. Wissen Sie, Herr Doktor, was ich 
mir oft denk' ... ob das Jungsein nicht überhaupt eine 
Art von Krankheit ist. 

DER ARZT. Da hätt' man jedenfalls nicht viel An- 
laß, sich aufs Gesundwerden zu freun. 
Pause. 

DIE TANTE. Da kommt sie. 

DER ARZT steht auf. Ja. 

DIE TANTE. Ich werde Sie mit ihr allein lassen, 
Herr Doktor. Es ist gescheiter, glauben Sie nicht ? 
Vielleicht spricht sie sich zu Ihnen aus. 



3^4 



DER ARZT. Das wäre möglich . . . 

MARIE war seit einigen Sekunden siebtbar, kommt langsam 
Vom Walde her, ohne Hut, sehr blaß, mit Feldblumen in der Hand. 

DER ARZT und die TANTE erwarten sie schweigend. 

DIE TANTE ihr entgegen zur Tür. Schau', Marie, 
wer da ist. Der Doktor. Er wartet schon eine ganze 
Weile auf dich. Sie geht über den Feldweg ab. 

MARIE tritt in den Garten. 



Vierte Szene 

Der ARZT, MARIE. 
Sie sehen einander lange an. 

DER ARZT. Guten Tag, Marie. Er reicht ihr die 

Hand hin. Pause. 

MARIE ruhig und einfach. Sind Sie gekommen, sich 
Ihren Dank zu holen ? 

DER ARZT. Meinen Dank zu holen ? Ich versteh' 
Sie nicht, Marie. 

MARIE. Den Dank für Ihr Geschenk. 

DER ARZT. Für mein Geschenk? 

MARIE. Ja. Meine Freiheit, mein Dasein in dieser 
schönen Welt. Es ist ja doch nichts andres als Ihr 
Geschenk. Aber ich dank' Ihnen nicht. Ich kann Ihnen 
nicht danken. Verzeihen Sie . . . aber ich weiß mit 
Ihrem Geschenk nichts anzufangen. 

DER ARZT. Haben Sie mich wirklich so seltsam 
mißverstanden ? Das kann ich nicht glauben, Marie. 
Ich wollt' Ihnen doch nichts schenken, was Sie weg- 
werfen konnten, sobald es Ihnen beliebte. Nur Un- 
sinniges wollt' ich verhüten — 

MARIE. Unsinniges? 

DER ARZT. Ja. Unsinnig wäre es gewesen, wenn 
Sie sich vor Gericht hätten verantworten, Rechenschaft 
ablegen müssen, dort, wo für tausendfältig verschiedene 
Tat doch immer nur ein Wort gilt. Unsinnig, wenn 
Buße über Sie verhängt worden wäre, die niemandem 



335 



nützt, nicht Toten und nicht Lebendigen. Davor 
wollt' ich Sie bewahren. Blieb das Verlangen nach 
Sühne in Ihnen wach, so konnte in ruhigerer Stunde 
Gelegenheit zu klügerer und edlerer sich bieten. Darum 
hab' ich an jenem Morgen in Ihrem Hause gewartet, 
an der Leiche Ihres Vaters, bis Sie gekommen sind — 
darum Sie davor zurückgehalten, sich selbst dem Gericht 
zu stellen. Darum hab' ich den Leuten erzählt, daß 
ich mit eigenen Augen den alten Mann sterben sah; 
die andern hätten sich ja doch nicht darum geküm- 
mert, daß der, dem Sie den Tod gaben, ein Verlorener 
war und Erlösung fand, wenn auch gegen seinen Willen. 

MARIE. Und hätten die andern nicht recht ge- 
habt ? Sie wissen, Herr Doktor, daß ich's nicht tat, 
um ihn zu erlösen. Nur für mich, für mich allein hab' 
ich's getan. Auch wenn er zu retten gewesen wäre, 
in jener Nacht hätt' ich's getan. 

DER ARZT. Sind Sie dessen ganz sicher — ? — 

MARIE. Ja, ich hätt's getan. Bitter. Denn mir 
war, als hörte ich draußen vor der Türe das Leben 
selbst, das ersehnte, das herrliche nach mir rufen. Und 
als wartete es nur in dieser einen Nacht und niemals 
wieder. 

DER ARZT. Wenn Sie's gefunden haben, das Leben, 
das Sie rief, dann wird es wohl auch seinen Preis wert 
gewesen sein. 

MARIE. Ob ich's gefunden . . . ? Ich weiß es nicht 
mehr! Doch hab' ich in dieser einen Nacht erfahren, 
was andre Frauen nicht in tausend Tagen und Nächten. 
Ich habe gesehn, wie Frauen betrügen, locken, ehrlich 
sind und sterben, habe gesehn, wie Männer zittern, 
spielen, höhnen und töten. Und was ich sah, war nur 
ein armes Vorspiel zu meinem Schicksal. Dann erst 
erlebte ich eigene Seligkeit, wie ich sie nie erträumt, 
eigne Verzweiflung, wie kein Mensch sie fassen kann. 
Was hab' ich auf Erden noch zu tun — ? Warum ließen 
Sie mich meinen Weg nicht zu Ende gehn, damals, als 
ich bereit war? 



336 



DER ARZT. Damals, als Sie bereit waren! Sie sagen 
es selbst. Heute sind Sie's nicht mehr. Heut pflücken 
Sie Blumen am Waldesrand und geben Ihre Stirn den 
Sommerlüften hin . . . 

MARIE. Damals aber war ich bereit . . . Gemordet 
hatt' ich für einen — und er wollte nicht mit mir leben 

— nicht einmal sterben mit mir! Und wie fleht' ich 
ihn darum an! — Aus meinen Armen ist er wieder fort 

— nicht ins Dasein hinaus — nicht in einen edeln Tod 

— nein, er ist gegangen, sich umbringen, kläglich, für 
eine andre, die ihm so wenig bedeutet hat als ich. — 
Und in den Auen, wo er mich verlassen hatte, bin ich 
umhergeirrt und habe den Mut nicht gefunden, hinab- 
zutauchen, wo die ewige Stille ist. Aber dann, als die 
Sonne aufstieg, hat es mich nach Hause gejagt — denn 
war ich auch zu feig, selbst es zu enden — so war ich 
doch bereit, auf mich zu nehmen, was mir von den 
Menschen bestimmt war, gegen deren Gesetze ich mich 
versündigt. Und da fand ich Sie an meines Vaters 
Leichnam — die Zeichen meiner Tat waren verwischt, 

— und was mir nichts mehr nützen konnte, was frei- 
willig hinwegzuwerfen ich zu elend war — das Recht, 
frei unter Lebendigen weiterzuwandeln, aus Ihren 
Händen, eine Ohnmächtige, nahm ich's entgegen! . . . 

DER ARZT. Und heute morgen pflückten Sie 
Blumen am Waldesrand . . . 



Fünfte Szene 

Der ARZT, MARIE. Der ADJUNKT rasch durch die Gartentür. 

DER ADJUNKT bleibt, wie er Marie erblickt, stebn, neigt 
nch leicht. 

MARIE neigt sich unmerklich und setzt sich dann. 
DER ARZT. Sie kommen zum Aufbruch mahnen ? 
DER ADJUNKT. Es wird bald Zeit sein. 
DER ARZT. Also was haben Sie im Markt gehört ? 
DER ADJUNKT. Es hat seine Richtigkeit: Vor 

Theaterstücke. III, 22. 337 



drei Tagen hat bei Haindorf eine große Schlacht statt- 
gefunden. Viele hunderte der Ünsern sind gefallen 
und noch mehr sind gefangen . . . die blauen Kürassiere 
sind auch dabei gewesen. Von ihnen ist keiner mit dem 
Leben davongekommen. 

DER ARZT. Sie haben ihren Schwur gehalten! 

DER ADJUNKT. Ja. Nur daß all das Heldentum 
vergeblich war. Die Schlacht ist verloren. 

DER ARZT. Vielleicht ist es nicht gerade das, 
worauf es ankommt. Es ist doch ein herrlicher Geist, 
der sich in solchen Menschen wirksam zeigt. 

DER ADJUNKT. Aber all die Helden, die vor dem 
Feind gefallen sind, erscheinen mir nicht so bewunderns- 
wert als ein junger Offizier, der als einziger, man weiß 
nicht durch welchen Zufall, dem Gemetzel entging und 
sich abends nach der Schlacht, in einer Scheune glaub' 
ich, erschossen hat. Man nannte mir seinen Namen: 
Albrecht von Holzwarth. 

DER ARZT. Er wird vielleicht der einzige von allen 
sein, dessen Name bleiben wird, weil er nicht nur ein 
Held, sondern auch eine Art von Narr gewesen ist. 
Solche Launen hat der Ruhm. Und dabei wäre es 
wohl möglich, daß auch diese Geschichte nichts ist 
als eine Legende von der wunderlichen Art, wie sie in 
solchen Zeiten sich zu bilden pflegen. 

DER ADJUNKT. Warum sollte das eine Legende 
sein ? 

DER ARZT. Wie manches andre vielleicht. 

DER ADJUNKT. Woran denken Sie? 

DER ARZT. Sie haben doch gewiß auch davon 
gehört, daß in der Nacht vor dem Abmarsch des Re- 
giments ein junger Offizier die Frau des Obersten und 
dann sich selbst erschoß. 

DER ADJUNKT. Davon hab' ich gehört. 

DER ARZT. Nun wird diese Geschichte schon in 
einer seltsam romanhaften Weise gedeutet und herum- 
getragen. Dem Obersten, der sein eheliches Unglück 
längst geahnt — so sagen die Leute — wäre es keines- 



338 



wegs darauf angekommen, die Fahne des Regiments zu 
entsühnen, sondern aus Verzweiflung über die Untreue 
seiner Frau hätte er den Schwur getan, sich und die 
Seinen in den Tod zu führen. 

DER ADJUNKT. Und die alte Schuld der blauen 
Kürassiere . . . auch das wäre nur eine Fabel ? 

DER ARZT. Damit hat's jedenfalls eine besondere 
Bewandtnis. Sicher ist, daß von dieser Schuld in keiner 
Geschichte des damaligen Krieges ein Wort zu lesen 
steht. 

DER ADJUNKT. Seltsam. 

MARIE. Und doch bestand diese Schuld! 

DER ARZT. Wie — ? 

DER ADJUNKT. Woher wissen Sie, Marie? 

MARIE. Von meinem Vater selbst. 

DER ADJUNKT. Von Ihrem Vater — ? 

DER ARZT. Wann hat er's Ihnen erzählt? 

MARIE. In der Stunde . . . 

DER ARZT. In der Stunde . . . ? 

MARIE. Eh' ... er . . . starb. 



Sechste Szene 

Der ADJUNKT, der ARZT, MARIE. KATHARINA über 
die Wiese her. 

DER ADJUNKT sieht sie selbst. Katharina! 

MARIE. Katharina! 

KATHARINA im lichten Kleid, ohne Hut mit aufgelöstem 
Haar, am Zaun, lächelnd. Ist die Mutter daheim ? 

DER ADJUNKT. Katharina — 

KATHARINA. Nun ja, ich bin's. Wundert ihr 
euch ? — Ist die Mutter daheim ? 

DER ADJUNKT. Katharina! 

KATHARINA sieht ihn an; wie sich erinnernd. Edu- 
ard — lächelnd. 

MARIE. Komm doch herein ! Wie siehst du denn aus ? 

KATHARINA herein. Ich bin nur für ein Stünd- 
chen hier. — Wie, der Doktor auch ? 



339 



MARIE und der ARZT bei ihr. 

KATHARINA. Ihr dürft nicht glauben, daß ich 
bleibe. Nur ein Stündchen will ich ausruhn, dann 
geht es weiter. Sie sinkt beinah. 

MARIE und der ARZT stützen sie, führen sie zur Bank 
am Hause. 

DER ADJUNKT. Katharina, was ist Ihnen? 

MARIE. Was ist dir, Katharina? 

KATHARINA. O, mir geht es wohl. So wohl ist 
mir nie gewesen. — Ist die Mutter daheim ? Ich komm' 
nur auf ein Stündchen, ihr sagen, sie soll sich um mich 
nicht sorgen. Ich führe ein vergnügtes, ein prächtiges 
Leben. Mein Wagen steht außer dem Dorf; ich wollte 
kein Aufsehn machen, drum ging ich lieber den Feld- 
weg . . . Die Leute haben gleich was zu reden, und 
das war' der Mutter nicht recht. Der Wagen wartet 
draußen auf der Straße am Muttergottesbild. Er wartet 
eine Stunde — Zeit genug, der Mutter, der Base und den 
guten Freunden von einst guten Tag zu wünschen . . . 

DER ADJUNKT zum Arzt. Was ist ihr ? 

DER ARZT. Suchen Sie die Mutter . . . und bringen 
sie so rasch als möglich her. 

DER ADJUNKT ab. 



Siebente Szene 

KATHARINA, MARIE, der ARZT. 

MARIE. Woher kommst du denn, Katharina? 

KATHARINA. Das darf ich nicht sagen . . . Und 
wenn ihr den Kutscher fragen wollt, der wird euch 
auch nichts verraten . . . Der ist stumm und hat einen 
roten Hut und rote Gamaschen und fährt wie der 
Teufel . . . Sind auch sechs Schimmel vorgespannt. 
Zieht Marie zu sich. — Weißt du noch, Marie, was ich 
dir von dem Garten erzählt hab' . . . dem Garten rnit 
den verschlungenen Wegen ? . . . Weißt du noch . . . 
damals, als mein Haar von Blüten duftete . . . Wann 



340 



kommt denn die Mutter ? . . . Ich hab' nicht lange 
Zeit . . . Das Leben ist so kurz. 

MARIE. Du bist ja ganz bestaubt . . . Deine 
Schuhe sind zerrissen, Katharina. 

KATHARINA. Wie schön die Sonne bei euch 
scheint! Und wie stille die Wiesen ruhn! — Was 
macht denn der Wirt vom goldenen Löwen, der immer 
so lustig war ? . . . Und die Walpurga, die dumme ? . . . 
O, wenn ich mehr Zeit hätte, ging ich hin und besuchte 
den Wirt, die Walpurga . . . und auch den Pfarrer be- 
sucht' ich . . . Und in den Wald ging ich auch. Und 
auf die Wiese ... Ja, auf die Wiese . . . weißt du, Marie, 
wo ich einmal geweint hab' . . . weil dir jemand seinen 
Mantel unterbreitete . . . Aber dazu ist heute nicht 

Zeit, das lass' ich auf ein andermal! Wenn die 

Mutter nur bald da war' ! Wißt ihr, sie soll mir nur 
einen Kuß auf die Stirn geben, dann will ich wieder 
fort . . . Du bist schön worden, Marie! Aber warum 
trägst du denn schwarz ? 

MARIE. Der Vater ist tot. 

KATHARINA. Sieh, ich geh' immer ganz weiß — 
und manchm-al hab' ich rote Schleifen im Haar, manch- 
mal blaue. Wenn man jung ist, soll man sich nicht 
schwarz kleiden, auch wenn Vater, Mutter und Bräu- 
tigam sterben. Legt man sich nicht selber ins Grab, 
so ist doch alle Trauer Lüge . . . Ach, Marie, warum 
kannst du nicht fröhlich sein wie ich ? . . . Gib acht, 
gib acht, daß es nicht zu spät wird. Sieh, ich könnt' 
es mir nicht verzeihn, wenn ich hier länger bHebe als 
eine Stunde. Zieht Marie zu sich. Es wartet einer auf 
mich ... sie dürfen's nicht wissen, Marie! . . . Einer mit 
dunkelrotem Mund und zornigen Auge n und einer 
leuchtenden Stirn . . . Und ein andrer hat mich im 
Wagen hergeleitet. Aber dem hab' ich auf der Land- 
straße gesagt: ,,Fort, ich hab' dich satt! Was willst 
du ? Sieben Nächte bist du bei mir gewesen, ist das 
nicht genug?" Und da küßte er mir die Hand: 
„Danke, schönstes Fräulein," und sprang aus dem 



341 



Wagen und lief übers Feld. — Aber der mit den zor- 
nigen Augen reitet mir nach. 

Achte Szene 

Der ARZT, MARIE, KATHARINA, die TANTE und der 
ADJUNKT. 

DIETJNTE. Katharina? Katharina! Mein Kind! 
. . . Jetzt bleibst du aber da! 

KATHARINA. Mutter! Will aujstehn, kann ahemkht. 
Eine Stunde ... du sollst mich nur einmal auf die 
Stirne küssen, dann muß ich wieder fort. 

DIE TANTE. Um Himmels willen, wie siehst du 
denn aus ! Was ist dir denn ? . . . Im weißen Kleide, wie 
vom Ball, kommst du gelaufen . . . Und wie deine Wangen 
brennen ! . . . Katharina ! Katharina ! Komm doch, komm ! 

KATHARINA. Was wollt ihr denn ? Ich muß ja 
gleich wieder fort. 

DER ARZT. Sie sollen sich nur mit der Mutter für 
ein Weilchen zu Tische setzen, etwas essen und trinken. 
Unbewirtet wird Ihre Mutter Sie doch nicht wieder 
ziehn lassen. 

KATHARINA siebt sich um. Wieder zu Hause . . . 
Ja Mutter, Mutter . . . Wie schön die Sonne bei euch 
scheint ... Es ist doch schade, daß ich so bald wieder 
fort muß. Aber das Leben ist kurz. 
Die Tante und Katharina ab. 

DER ADJUNKT. Was ist ihr ? Was bedeutet das ? 

DER ARZT. Muß ich's Ihnen sagen, lieber Freund ? 
Es geht zu Ende. Er geht ins Haus. 

MARIE Kill ihm folgen. 

DER ADJUNKT hält sie an der Tür zurück. 

Neunte Szene 

Der ADJUNKT, MARIE. 

DER ADJUNKT. Marie, eh' wir zusammen an das 
Bett dieser Sterbenden treten — 



MARIE. Was . . . woUen Sie ? 

DER ADJUNKT. Lassen Sie mich endlich wissen 
. . . wer Sie sind. 

MARIE. Ich hätte Ihnen auch zu anderer Stunde 
die Antwort nicht geweigert. 

DER ADJUNKT. So sprechen Sie. Die Wahrheit, 
Marie! Die Wahrheit! 

MARIE. Ahnen Sie sie nicht längst, Herr Adjunkt ? 

DER ADJUNKT. Marie . . . Mit steigender Angst. 
Marie . . . Sie haben Ihren Vater . . . 

MARIE. Ja. Ich habe meinem Vater einen Schlaf- 
trunk gegeben, der für tausend Nächte reichte. 

DER ADJUNKT. Marie! 



Zehnte Szene 

MARIE, der ADJUNKT. Der ARZT aus dem Hause. 

MARIE fragend auf den Arzt zu. 

DER ARTjT halt sie durch eine Handbewegung zurück. Sie 
schlummert ein wenig. 

MARIE. Sie werden uns jetzt nicht verlassen, Herr 
Doktor. 

DER ARZT. Nein. Aber Sie, Herr Adjunkt, Sie 
werden gut tun, nicht länger hier zu bleiben. 

DER ADJUNKT. Wie? 

DER ARZT. Um der Mutter willen, Herr Adjunkt, 
bitte ich Sie darum. Sie redet harte Worte über Sie. 
Ihnen gibt sie nun alle Schuld. 

DER ADJUNKT. Mir — aUe Schuld? 

DER ARZT. Ja. Alte Frauen sind nun einmal so. 
Andre Menschen wohl auch. 

DER ADJUNKT in tiefer Bewegung. Ja, es ist meine 
Schuld. Meine . . . meine Schuld. Und diese war jung. 
Und ich hab' sie einmal geliebt. Und das hab' ich aus 
ihr gemacht. 

DER ARZT. Nicht Sie, Herr Adjunkt, haben das 
aus ihr gemacht. Ist denn je ein Mensch eines andern 



343 



Schicksal? Er ist immer nur das Mittel, dessen das 
Schicksal sich bedient. Katharina war bestimmt, zu 
werden, was sie ward. Sie waren zur Hand, das ist 
alles. Aber nun verweilen Sie hier nicht länger, lieber 
Freund. Wandern Sie mir voraus, ich folge Ihnen bald. 

DER ADJUNKT. Bald . . . ? 

DER ARZT. Heute abend noch. 

DER ADJUNKT versteht. Auf Wiedersehn .. . Heut 
Abend . . .! — Reicht ihm die Hand. Marie, — leben 
Sie wohl. Da sie ihn befremdet ansieht. Ihre Stimme klingt 
mir wieder — wie vor langer Zeit . . . Und Ihre Stirn 
ist licht, wie sie einstmals war . . . Wie eine, die von 
sehr weit wieder heimgekehrt ist, erscheinen Sie mir, 
nun ich von Ihren eigenen Lippen weiß, was Sie getan. 

MARIE. Doch wenn Sie alles wüßten . . . 

DER ADJUNKT. Was kann nach solcher Tat 
andres bedeuten, das jene Nacht noch in sich bergen 
mochte. Auch bin ich nicht bestellt, über Sie zu rich- 
ten. Leben Sie wohl, Marie, in Frieden scheid' ich 
von Ihnen. Er geht. 



Elfte Szene 

Der ARZT, MARIE. 

MARIE. In Frieden ... er von mir ... ?! 

DER ARZT. Sie dürfen's glauben, Marie! Vor 
einer, deren Seele in wilden Wünschen dahinträumte, 
ist er einst geflohn, nun ist alles durchlebt — und die 
Schauer verwehn. 

MARIE. Verwehn . . . ? Andern mögen sie ver- 
wohn. Mir nicht. Wie mein eigenes Gespenst schleich' 
ich durch die Welt und mir graut vor mir selbst. Wie 
darf ich denn . . . wie darf ich unter andern Menschen 
herumgehen, einsaugen den Duft des Waldes, auf 
blühender Wiese hegen und in den Himmel schaun ? . . . 
Wie darf ich denn ? . . . Leben und nicht darandenken, 
woher ich komme, vergessen, ja vergessen, das Unge- 



344 



heure, als war' es nie gewesen . . . auf Minuten nur, 
aber vergessen doch, wie darf ich ? ! . . . Und steigt 
es dann wieder empor — wie Schatten zuerst — wie 
wankende Bilder toller Träume, — gewinnt allmählich 
Umriß und Gestalt — starrt mich an mit lebendigen 
Augen — ist wieder da mit des Gelebten, des unwider- 
bringlich Gelebten klammernder Macht, da schreit's 
mir in die Seele: Wenndu's vermagst, empor zum Him- 
mel zu schaun, gleich andern, ohne daß er sich dir ver- 
finstert — wenn du den Duft der Wiesen und Wälder 
eintrinkst und er fault dir nicht auf den Lippen — 
wenn du dich in den Frieden von Himmel und Erde 
stiehlst, die dich nicht mehr haben wollen — wenn 
du es wagst, weiter zu leben, gleich Menschen, die ohne 
Schuld sich wissen, — was war denn dies alles ? ! — 
Was bist du für ein Wesen, das aus einem solchen Schick- 
sal wieder emportaucht wie aus einem wilden Traum ? 
— Und wacht — und lebt ? und wie vor sich selbst 
staunend — sich sehnt zu leben — ? 

DER ARZT. Sie leben, Marie . . . und es war , . . 
Auch seit jener Nacht und seit jenem Morgen fließen 
die Tage und Nächte weiter für Sie hin. Auch daß 
Sie über Feld und Wiesen spazieren, daß Sie Blumen 
pflücken, daß einer versöhnt von Ihnen Abschied nahm, 
daß hinter diesem Fenster eine Freundin Ihnen für 
ewig entschwindet, daß Sie hier mit mir reden unter 
dem leuchtenden Mittagshimmel, ist Leben. Nicht 
minder als es jene Nacht gewesen ist, da es Sie aus ver- 
störter Jugend nach dunkeln Abenteuern lockte, die 
Ihnen heute noch als Ihres Daseins letzter Sinn er- 
scheinen. Und wer weiß, ob Ihnen nicht später — 
viel später einmal — aus einem Tag wie der heutige der 
Ruf des Lebens viel reiner und tiefer in der Seele 
klingen wird als an jenem andern, an dem Sie Dinge 
erlebt haben, die so furchtbare und glühende Namen 
tragen wie Mord und Liebe. 

MARIE sieht ihn lange an. Ihre Züge^ ihre Haltung heginnen 
sich zu lösen. 



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Zwölfte Szene 

Der ARZT, MARIE, die TAN7E. 

DIE TANTE aus dem Haus. Mir ist SO angst! . . . 
Ich bitte Sie, bester Herr Doktor! Sie ist vom Divan 
aufgestanden, läßt sich nicht halten, weint und lacht. 
Zu Marie. Ich will nur rasch zum Pfarrer laufen, eh' 
es zu spät ist! Rasch ab. 



Dreizehnte Szene 

Der ARZT, MARIE. KATHARINA aus der Tür. 

KATHARINA. Ins Freie!... Drin ist's so dumpf ! 
. . . Weiter! Weiter . . . 

MARIE. Wohin denn, Katharina ? Wohin denn ? 

KATHARINA. Dorthin!... Ich weiß eine Wiese 
. . . Laßt mich, laßt mich doch! . . . Sieh, dort, Marie! 
Er geht mir ja voraus. 

DER ADJUNKT erscheint sehr fern in der Waldlichtung 
auf dem Hitgel und verschwindet bald tvieder. 

KATHARINA. Ja, was ist denn ? . . . Wo ist denn 

die Sonne hin ? . . . Sie sinkt neben dem Gitter nieder. 

DER ARZT beugt sich zu ihr hinab, zu Marie. Wo ist 
die Mutter? 

MARIE. Sie ist um den Pfarrer gegangen. 

DER ARZT. So. — Nun, immerhin. Er wird zu 
spät kommen. 

MARIE sehr bewegt, kniet neben ihr. Katharina! . . . 

DER ARZT. Stille . . . Marie ... In schönen Träu- 
men geht sie hinüber. 

MARIE. Und ich ... bin da —! — Warum ? Wo- 
für ?.. . 

DER ARZT nach kurzem Besinnen. Heute morgens erst 
sah ich einen Zug weltlicher Schwestern, der eben Rast 
hielt auf dem Weg an die Grenze, zu unserm Heer. 
Mühen und Gefahren mancher Art stehen ihnen bevor. 
Und nicht alle werden wiederkehren. 



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MARIE erbebt sieb mit der Geste des Entscblusses, dann reicht 
sie ihm die Hand. Sie sind gut. 

DER ARZf. Gut?... Ich? — Ja! So wie Sie 
eine Verbrecherin sind. Und vvie diese Entschwundene 

eine Sünderin gewesen . . . Worte! Ihnen scheint 

die Sonne noch, und mir — und denen . . . Weist auf die 
Kinder, die eben über die Wiese laufen. Der da nicht mehr. 
Ich weiß nichts andres auf Erden, das gewiß wäre. 

KINDER lachen^ laufen und verscbzvinden im Wald. 
Vorhang. 



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